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Dienstag, 6. März 2012

Farb-Film und Langzeitarchivierung, zwei Berliner Veranstaltungen


Nach dem jener Beitrag über "Langzeitarchivierung: Optische Speicherung von Digital-Daten auf photo-chemischem Mikrofilm mit Silberbasis"
http://kinoberlin.blogspot.com/2009/05/langzeitarchivierung-optische.html
vom 29. Mai 2009 mit fast 25 % aller Seitenaufrufe in diesem Blog (schaut man nach rund drei Jahren zurück) der absolute 'Quotenrenner' geworden ist, hier der Hinweis auf zwei Berliner Veranstaltungen, veranstaltet von CINEGRAPH BABELSBERG (die eine) und von der FKTG (die andere):

FilmDokument 140
http://www.filmblatt.de/filmdokument-aktuell.html

Von AGFA zu ORWO
Unternehmensfilme der Filmfabrik Wolfen 1950-1980

Arsenal, 12. März 2012, 19 Uhr

Aus der 120 Kilometer südlich von Berlin gelegenen Filmfabrik Wolfen kamen vor 1945 bahnbrechende technische Erfindungen wie das AGFACOLOR-NEU-Verfahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg durchlebte das Werk eine wechselvolle Geschichte, zwischen amerikanischer und sowjetischer Besetzung, Reparationen und sozialistischem Großbetrieb. In der DDR blieb die Wolfener Filmfabrik der einzige Hersteller von Foto- und Kinefilm, seit 1964 unter dem neuen Warenzeichen ORWO (Original Wolfen), doch bei zunehmenden technischen und ökonomischen Schwierigkeiten.

In den letzten Jahren wurde die Firmengeschichte durch mehrere Publikationen intensiv erforscht. Keine Beachtung fanden dabei die zahlreichen Image- und Werbefilme, von denen einige erstmals in diesem Programm vereint sind. Sie bieten einen eindrucksvollen Querschnitt der Produkte, erlauben Rückschlüsse auf veränderliche Strategien der betrieblichen Selbstdarstellung, zeigen verschiedene Formate des Werbefilms und belegen schließlich inhaltlich-ästhetische Verschiebungen des Genres. Ebenfalls nachhaltig präsent wird der kultur- und wirtschaftspolitische Hintergrund.

Allen Filmen eigen ist das Betonen des breiten Sortiments, einer internationalen Kundschaft und die zumeist positive Rückschau auf die Zeit vor 1945. Mit Einführung der Marke ORWO verminderte sich diese Traditionsverbundenheit, nun hantierte – selbst der Exportwerbefilm – selbstbewusst mit den modernen „sozialistischen Produktionsverhältnissen“. Zugleich blieben die hochglänzenden Werbemittel nah an den Erzeugnissen, bei Farbfilmen, Röntgen- und anderen Spezialfilmen sowie Magnetbändern beim Einsatz in aller Welt. Unterhaltende Passagen gewannen über die Jahre immer mehr Raum. Visierten Werbefilme hingegen nicht das Ausland an, wie etwa „Film und Faser“ (1960), rückten die Fertigungsvorgänge und die sozialen Leistungen für die Beschäftigten ins Zentrum. Solche Filme gerieten dann mehr zur Rechtfertigung einer Betriebsentwicklung im Sinne innenpolitischer Vorgaben.

Erzeugnisbedingt erweisen sich alle AGFA- und ORWO-Filme als Fundgrube des innermedialen Verweisens. Aufwendig erklären sie die Fototechnologie, integrieren bekannte Spielfilmszenen und Aufnahmen an den Sets und präsentieren das Gattungsspektrum vom Dokumentar- und Wissenschaftsfilm, über den Amateurfilm bis hin zum farbenprächtigen Ausstattungsfilm. Dabei scheint man sich in Wolfen stets eines besonderen Werbeeffektes bewusst gewesen zu sein: ziehen die Filme ihre Beweiskraft doch auch aus dem Umstand, dass sie auf dem Material gedreht wurden, das es zu verkaufen galt.

In Zusammenarbeit mit dem Industrie- und Filmmuseum Wolfen (IFM).
Einführung: Ralf Forster
Weitere Vorführung: Wolfen, IFM, Do., 15. März 2012, 19 Uhr

Programm:

Farbig durch Agfacolor, 1951, Agfa-Filmfabrik Wolfen, fa, 140m/16mm (ca. 12’), Ton
Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv (16mm, deutsche Fass., 12’)

Film und Faser, 1960, Betriebsfilmstudio des VEB Filmfabrik Wolfen, Buch und Regie: Fritz Gebhardt (DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme), Co-Buch und Regie-Assistenz: Horst Eilhardt, Kamera: W. Bauerfeind, sw, 35mm, 25’40’’, Ton
Kopie: IFM Wolfen (35mm, 25’40’’)

Information auf ORWO-Color (engl. Fass.: „That’s ORWO“), 1967, DEFA-Studio für Dokumentarfilme, KAG Industrie und Werbefilm, Buch und Regie Manfred Gußmann, Kamera: Rudolf Müller, Heinz Simon, Sprecher (deutsche Fass.): Walter Kainz, fa + sw, OL (deutsche Fass.): 930m/35mm (ca. 32’), Ton – mit Auszügen aus „Im Dienste des Fortschritts“, 1964 (Werbefilm für Zeiss Jena)
Kopien: IFM Wolfen (35mm, deutsche oder engl. Kurz-Fass., 17’31’’); Ralf Forster (DVD von VHS, deutsche Langfass. erworben von Manfred Gußmann, 30’20’’)

Lichtspiele. Erkennen – Gestalten – Erhalten ORWO, 1979, DEFA-Studio für Dokumentarfilme, KAG Industrie und Werbefilm, Buch und Regie: Manfred Gußmann, Kamera: Rudi Müller, Trick: Moser & Rosié, fa, OL (deutsche Fass.): 792m/35mm (ca. 28’), Ton
 Kopien: IFM Wolfen (35mm, deutsche Lang-Fass., 27’35’’ – entspricht OL); Ralf Forster (DVD von VHS, deutsche Kurzfass. erworben von Manfred Gußmann, 21’12’’)

Programmlänge: ca. 83’

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Fernseh- und Kinotechnische
Gesellschaft e.V.

Regionalgruppe Berlin-Brandenburg
in Kooperation mit
Experten aus dem Bereich der                
digitalen Archivierung

„Die analoge Arche“
Langzeitarchivierung digitaler Daten auf
Farbmikrofilm

Tagesseminar - Die analoge Arche zur Rettung digitaler Daten - Die zukunftsweisenden Möglichkeiten laserbelichteten Farb-Mikrofilms


Regionalgruppe: Berlin/Brandenburg
Gruppenleitung: Dipl.Ing. Wilhelm Sommerhäuser
Termin: 13.03.2012 ,  10:00 - 16:30 Uhr

Geht es um die Langzeitarchivierung von Informationen, so bieten analoge Datenträger gegenüber der digitalen Speicherung grundsätzliche Vorteile: Die Last regelmäßiger Migrationen ersparen sie uns ganz, und das Auslesen der Informationen gelingt ohne aufwendige Dekodierung und notfalls mit allereinfachsten Werkzeugen.
Unter den analogen Datenträgern gilt Mikrofilm unbestritten als das Medium, welches eine extrem lange Haltbarkeit und exzellente Wiedergabequalität mit zugleich höchster Datendichte vereint. Farbiger ILFOCHROME-Mikrofilm beispielsweise bewahrt seine Konsistenz für 500 Jahre. Modernste Laserbelichtertechnologie ermöglicht heute die Integration dieses bewährten Mediums in fortschrittliche Archivierungsworkflows und IT-Systeme.
Die Vorträge geben einen umfassenden Überblick über
- das ILFORD MICROGRAPHIC-Filmmaterial (Dr. Jean-Noel Gex),
- die Laserbelichtertechnologie des Fraunhofer Institutes für Physikalische Messtechnik, Freiburg (Andreas Hofmann),
- den archiumFilmCreator, eine Software zur Bildbearbeitung, Farbmanagement und Metadatenintegration für die digitale Mikrofilm-Belichtung (Dr. Klaus Wendel),
- Speicherung digitaler Daten auf Mikrofilm (Christoph Voges),
- die mehrjährigen Erfahrungen eines unabhängigen Anwenders bei der Nutzung des Farbmikrofilms für digitale Bilddaten (Dr. Karl Magnus Drake),
- die Dienstleistung und technische Hilfsmittel, die den Mikrofilm nutzbar und verfügbar machen (Anneliese Lux).
Referenten:
Dr. Karl Magnus Drake, National Archives of Sweden, Stockholm
Dr. Jean-Noel Gex, Ilford, Marly/Schweiz
Andreas Hofmann, Fraunhofer IPM, Freiburg
Anneliese Lux, Media de Lux GbR, Offenburg
Christoph Voges, Selbständiger Berater (ehem. TU Braunschweig)
Dr. Klaus Wendel, archium, Aalen


http://www.fktg.de/veranstaltungen.asp?idveranst=66078&thid=
http://www.archium.org/downloads/info/20120313_FKTG_analogeArche_Programm.pdf

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Freitag, 29. Mai 2009

Langzeitarchivierung: Optische Speicherung von Digital-Daten
auf photo-chemischem Mikrofilm mit Silberbasis

von Joachim Polzer

Das Sensationelle am Ergebnis der Tagung "Film digital — Aspekte langfristiger Informationssicherung", die am Mittwoch, dem 27. Mai 2009, von der Arbeitsgruppe Medien des Nestor Kompetenznetzwerks Langzeitarchivierung in den Räumen der Stiftung Deutsche Kinemathek — Museum für Film und Fernsehen in Berlin veranstaltet wurde, waren weniger die sich wiederholenden Kurzvorträge zu den technischen Grundlagen der Quantifizierung von audio-visueller Bewegtbildinformation. Denn in diesen technischen Einführungsvortägen wurden ständig Videobandformate, Digital-Codecs, Datenraten, Dateiensysteme, Kompressions- und Reduktionsverhältnisse und Streamerstandards entweder miteinander verwechselt oder gleich synonym gestellt, bis man schließlich gleich selbst an "Invormationsverluste" (sic!) innerhalb der Tagung glaubte, so die Überschrift eines PowerPoint-Charts der Vortragenden. Bei diesen Ungereimtheiten von Verantwortungsträgern, Praktikern und Forschern fühlte ich mich beständig an die Frühtage der Einführung des Internets in Deutschland, an die Mitte der 1990er-Jahre erinnert. Das dies unter Fachleuten heute noch, 15 Jahr später, passiert, bleibt mir ein Rätsel.

Der große Hit der sehr gut mit über 100 Besuchern besuchten Tagung waren auch nicht die ewig wiederkehrenden und sich ständig in ihrer Struktur wiederholenden "Workflow-Charts", die einer endlosen Workflow-Orgie glich, bei der anscheinend die Substanz der Medienträger durch die virtuelle Substanz des Gehirnschmalzes ersetzt wurde. Und auch keine Sensation war es, wenn so genannte Datenbank-orientierte "Content Management Systeme" um automatisierte Encodierungsroutinen von Forschungsinstituten als Projektentwurf erweitert werden (wieder mit Workflow-Darstellung) und als neuer Stein der Weisen dem interessierten Publikum angedient werden sollen.

Die Sensation der Tagung war allerdings die Erkenntnis, dass bis auf Weiteres zu einer Informationsspeicherung mittels zu Silber reduziertem Silberhalogenid-Material auf Filmträger es derzeit keine Alternative gibt, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass sich die Haltbarkeit von Festplatten und Feststoffplatten sowie von Datenstreamter-Bandformaten in keinster Weise abschätzen lässt und sich der technologische Fortschritt einer zeitlichen Entwertung dieser Medienträger ständig weiter beschleunigt. Auf welchen Geräten will man heute LTO1-Bänder noch abspielen? — Wie groß ist die Gerätebasis für LTO3- und LTO4-Bänder wirklich? Wie schon bei der April-Tagung des HDF in Stuttgart festgestellt: die reine Auslagerung von Daten in Massenspeicher-Zentren löst das Problem nicht; eher schiebt eine solche Entscheidung das Medienträger-Problem lediglich aus den eigenen Problembewußtseins-Horizont hinaus.

Dabei ist der AG Medien beim Nestor Kompetenznetzwerk und den Verwantwortungsträgern seitens der SDK ein großes Lob auszusprechen, dass zwei mit einander konkurrierende Systeme bei der Speicherung von Informationen in Silberschichten auf Filmträger sich im Vortragsablauf der Tagung vorstellen konnten.

Es war dies zum einen die Darstellung von Harald Schernthaner als Leiter der "Digital Intermediate" Abteilung bei Arnold & Richter (ARRI) aus München zum Thema "Color Separation Master", als durch einen ARRI-Laserbelichter auf Kodak 2238 35-mm-Intermediatematerial analog auf Film ausbelichteter, sequenzieller RBG-Auszug. Das von ARRI propagierte Gesamtsystem kommt, wie man es bei ARRI-Produkten gewohnt ist, ziemlich schick daher; die ausbelichteten RGB-sw-Bilder werden in einen "Separation Master Envelope" verpackt, d.h. die notwendigen Metadaten wie Timecode, Farblayer, Bildnummer etc. sind mit anderen Qualitätsparametern wie "Frame" und "Passer" in Klarschrift um die Bilder herum mit ausbelichtet. Es ist Harald Schernthaner sehr zu Gute zu halten, dass er als Einziger auf der Tagung nicht nur Ross und Reiter bennannte, sondern auch einen Preis zu Protokoll gab: 90 Min. Bewegtbild sind bei ARRI als "SW Separation Master" für € 50.000,- zu haben.

Neben dem exorbitant hohen Preis von mehr 500 Euro pro Spielminute, scheint mir das im Bildbereich ausgereifte ARRI-Separation-System — das ja das analoge, subtraktive YCM-Separation-Master des Kopierwerks durch das farbauszügige Konvertieren des additiven Farbraums des Digital Intermediates der Postproduction auf RGB-Schwarzweißfilm ersetzen will — an einem entscheidenden Denkfehler zu kranken: Der Ton wurde außen vor gelassen, man könne ja ein Lichtton-Negativ zusätzlich einlagern, hieß es. Dabei wäre man dann bei einem 90-Minüter bei mindestens 20 Filmrollen @ 600 Meter und hat neben dem physischen Materialaufwand auch die Last der klimagerechten Langzeit-Einlagerung von gut 100 KG zusätzlichem Material.

Demgegenüber vertrat Christoph Voges vom Institut für Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Braunschweig eine geradezu revolutionären Neuansatz, wenn am Braunschweiger Institut derzeit daran geforscht wird, wie man Digitaldaten am Besten als Bit-Pixel auf Mikrofilm speichern und wieder auslesen kann. Es handelt sich im Grunde hierbei um das gleiche Prinzip wie bei "Dolby Digital", wo die Bit-Pixel zwischen die Perforationslöcher belichtet wurden, nur dass eben hier unperforiertes Material über die fast gesamte Filmbreite in High Density ausgenutzt wird.

Christoph Voges hatte seinen Ansatz ja bereits schon einmal in einem Vortrag und in einigen Veröffentlichungen publiziert. Doch erst jetzt, im direkten Vergleich mit dem traditionellen ARRI-Ansatz wird das revolutionäre Potential deutlich. Bei einer angestrebten Speicherdichte von 250 MegaByte pro Meter 35-mm-Mikrofilm ohne Perforation bedeutete dies bei einer Rollenlänge von 600 Metern eine Kapazität von rund 150 GigaByte. Das ist genug, um einen 90-minütigen Spielfilm mit einer sanften Datenreduktion im Codec JPEG2000 (also rund 1 : 10) mit Tonspur auf eine einzige Digitale Mikrofilmrolle zu bringen und langzeit zu speichern. Mikrofilm war stets dafür bekannt, rund um den Faktor 3 preiswerter als Kinefilm-Negativ- bzw. -Intermediatematerial zu sein. Obwohl die Kodak AG in Stuttgart auch auf mehrfache Nachfrage den Meterpreis des Kodak SW-Separation-Flms 2236 nicht veröffentlicht und nur an Kopierwerke abgibt, kann man der US-Gesamtpreisliste 2009 von Eastman Kodak entnehmen, dass der Listenpreis für eine 610-Meter-Rolle des 2236-Materials US$ 753,15 beträgt. Bei einer Gesamtmenge von 7.500 Metern für ein Separation-Master von 90-Minuten Laufzeit kommt man auf fast 10.000 US$ alleine an Materialkosten.

Demgegenüber kosten zwei 300-Meter-Rollen laserbelichtbarer Mikrofilm derzeit rund 200 € netto an Materialkosten, jeweils ohne Entwicklung. Im Vergleich spricht dies für eine kostenseitige Materialersparnis von rund 97 % und man hat auf dem Mikrofilm auch den Ton mit drauf.

Natürlich kostet ein geeigneter Laserbelichter für dieses noch im Forschungsstatus befindliche Digi-Mikrofilm-Projekt auch seine rund € 400.000,-. So eine Maschine will, wie ein ARRI-Laser eben auch, ausgelastet sein. Bei einer fünfjährigen Abschreibungszeit (bedingt durch den technischen Fortschritt), sind die € 400.000 Investionsvolumen auf rund 1.500 Arbeitstage umzurechnen, was einem Maschineneinsatz von rund 300 € pro Arbeitstag entspricht.

Ein Preis in Höhe von € 50.000 ist für am Thema Langzeitarchivierung unsensiblisierte, zentraleuropäische Filmproduzenten genau so wenig vermittelbar wie den Etats von Filmarchiven und unabhängigen Filmemachern. Gehe ich von mir selber aus, würde ich nur zu gerne meine dokumentarischen Videoproduktionen aus rund 25 Jahren auf digitalen Film umspielen. Da es sich dabei um Archivproduktionen maximal in Standard-Definition-Auflösung handelt, hielte ich hingegen folgende Mikroverfilmungspreise bei 250 MegaByte/Meter Speicherdichte für realistisch und am Markt auch für kleine, unabhängige Dokumentarfilmproduzenten attraktiv:

5 GB / 1 DVD = 20 Meter Digi-Mikrofilm @ € 10 = € 200
20 GB / 1 BR-D / 90 Min DV25/HDV = 80 Meter Digi-Mikrofilm @ 7 = € 560
40 GB / 1 BR-D DL / 90 Min DVCP50/IMX50/MP2-50 = 160 Meter Digi-Mikrofilm @ 6 = € 960
80 GB / 90 Min DVCP-HD100 = 320 Meter Digi-Mikrofilm @ 5,50 = € 1.760
150 GB / 90 Min 2K/JPEG2000 1:10 = 600 Meter Digi-Mikrofilm @ € 5 = € 3.000

Das dürften zudem in etwa die Preise sein, die Postproduktionsbuden derzeit für die Umspielung von DPX-Dateien auf Magnetband-basierte Datenstreamerformate verlangen.
Langzeitarchivierung auf Film darf demgegenüber nicht teurer sein.

Hinzu kommt noch ein weiterer Faktor, an den bis jetzt wohl noch kaum einer denkt. Der Silberpreis lag heute bei US$ 15,79 pro Unze. Kommt es zu einem Währungsflächenbrand (den eigentlich alle vernünftigen Prognostiker für die nächsten 36 Monate vorhersagen), dürfte es weder bei den genannten Preisen, noch bei diesem Silberkurs bleiben. Wenn Silber nicht mehr 15 Dollar pro 31 Gramm kostet, sondern 150 oder 1.500 oder 15.000 Dollar, macht es einen großen Unterschied, ob man 10.000 Meter Silber-Film-Material verbraucht, oder nur 600! Damit will ich ausdrücken, dass man unter Ressourcenbewußtsein sich so einen Luxus an Materialverschwendung wohl bald auch dann nicht mehr leisten können will, selbst wenn man es sich noch leisten kann.

Die spannende Frage, wie man die Laboranordnung aus Braunschweig in die richtige Welt des Marktes bekommen könnte, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen:

Zum einen gibt es derzeit kein kommerzielles Playerprodukt, der bezüglich des Anschaffungspreises nicht mehr kosten dürfte, als die seit 30 Jahren bekannten Video-Player verschiedener und damals aktueller Videoformte von Sony: also nicht mehr also als € 30.000. Sinnvoll wäre sicherlich eine Desktop-Variante, die vielleicht nicht ultra-schnell den Mikrofilm wieder einliest, aber eben auch auf dem Schreibtisch eines Filmproduzenten sinnlich den Datenrecovery jeden Tag aufs Neue nachvollziehen lässt; dafür könnten Formfaktoren wie Flashfilmscanner oder TK35 oder 16-mm-Projektoren Pate stehen. Ebenfalls mir unbekannt ist die Vorbelastung durch Patente anderer Forscher, Patentansprüche der derzeitigen Forscher, also die Frage, wie offen und Open Source ein solches System wäre. Gäbe es einen handwerklichen Wettlauf um in Manufakturgröße herstellbare Player, wäre in der Tat bis auf Weiteres das Ei des Kolumbus für die Langzeitarchivierung von Daten gefunden.

Großer Vorteil ist mithin, dass es zwar nur einen Rohfilm-Hersteller des Filmtyps "2236" gibt, Mikrofilme jedoch nicht nur von Kodak, sondern auch von anderen Herstellern wie Ilford, Agfa und ORWO entwickelt, hergestellt und vertreiben werden.

Mit scheint die ganze Angelegenheit des Braunschweiger Vorschlags höchst interessant zu sein; inwieweit ein solches System betriebssicher und idiotentauglich Daten auch wieder zurück in Rechnersysteme bringen kann, müssten praktische Feldversuche zeigen.

Im Zuge des im Aufbau und Planung befindlichen Kinomuseums Berlin würde ich sehr dafür plädieren, gerade im Bereich des AV-Wesens praxisbezogen Hilfestellung für Testumgebungen und praktische Erprobungen zu leisten. Die Idee ist bestechend in ihrer Rekombination von High Tech und Low Tech.

Auf die Frage eines Filmarchivars bei der Tagung, wo denn die Schnittstelle zum Filmgewerbe sei, darf man im technischen Stand von heute getrost antworten: Wahlweise USB2, Firewire 400/800 oder gleich USB3 und FiberOptik.

Überhaupt kann ich die abwehrende Haltung in der Diskussion nach der Vorstellung des Braunschweiger Systems bei der Tagung nicht nachvollziehen: Die Vorstellung, als Archivar mit seinen Bleicontainern aus Mikrofilmen in den Oberrieder Barbarastollen in der Nähe von Freiburg im Breisgau als zentralem Bergungsort der BRD verfrachtet zu werden, scheint keine sehr attraktive Vorstellung für heutige Filmarchivare zu sein. Gerade von Seiten der SDK hat man sich auch bei dieser Tagung sehr darüber beklagt, als gleichwertiger Kooperationspartner von heutigen Filmproduktionsfirmen mit ihren digitalen Workflows als 'Filmdosensammler' nicht ernst genommen zu werden, man fürchtet, "30 Jahre hinterher zu hängen" und wieder "nur die Krümel abzubekommen".

Mir scheint also die Frage der Langzeitarchivierung eher eine Haltungsfrage und eine Frage der ethischen Einstellung des damit befassten Personals zu sein. Der Wunsch des Filmarchivars, mit dem Sektglas in der Hand auf dem Premierenempfang des Filmproduzenten gleich wichtig genommen zu werden, scheint mir doch eher ein grundlegend an den Verhältnissen frustriertes und unerfülltes Anerkennungsbedürfnis auszudrücken. Dass man in einem Filmarchiv inzwischen digitale Informationstechnologie auch zu etwas anderem als dem täglichen Briefverkehr und der Abspeicherung von Korrespondenz verwenden kann, dürfte inzwischen doch zu einer Binsenweisheit verkommen zu sein. Es ist zudem keine Schande, auch in einem High-Tech-Gebäude mit einer Filmdose unter dem Arm gesehen zu werden.

Nein, die Nähe zum Sektglas auf dem Premierenempfang ist die falsche Entwicklungsrichtung. Archivwesen, gerade wo es um Langzeiterhalt geht, stand dem klösterlich abgeschiedenen Eremitendasein über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, stets viel näher als repräsenative Großmannssucht in zentraler Hauptstadtlage. Das Kölner Stadtarchiv ist im Übrigen zur Zeit sehr froh darüber, dass wohl rund ein Drittel seiner Bestände in den Bleicontainern des abgeschiedenen Barbarastollens relativ simpel und sicher geborgen werden kann.

Links:
www.langzeitarchivierung.de
http://www.ifn.ing.tu-bs.de/de/sp/voges/
http://www.arri.de/film_tv_services/our_services/digital_intermediate.html


ATRIUM

Donnerstag, 26. März 2009

Köln: aus Schaden wird man digital - und kann damit dann bestens zensieren

In der FAZ und der SZ jeweils auch online aktuelle Berichte zum Schadensstand der Bestände des Kölner Stadtarchivs.Dabei wird in dem Beitrag der SZ deutlich, dass beim Kölner Stadtarchiv erst seit rund einem Jahr dortige Bestände digitalisiert wurden, also so gut wie noch gar nichts gemessen an dem einstigen Gesamtbestand. Während im Bereich der Film- und Fernseharchive bereits seit rund 25 Jahren archivarisch umgespielt und letztlich auch digitalisiert wird, fangen die papierbasierten Archive anscheinend erst damit an. Aus Schaden wird man hoffentlich jetzt an anderen Orten klug. Zunächst wurde ja mit dem Argument der Mikroverfilmung des BRD-Kanons für den Freiburger Stollen beruhigt. Davon hört man derzeit in den Kölner Zwischenstandberichten beunruhigenderweise leider gar nichts mehr.

Dabei fehlt mir auch in den genannten Medien eine breite Diskussion über die Techniken, Technologien und - vor allen Dingen auch - Strategien der beabsichtigten Langzeitsicherung gerade unter den gegebenen Verlustaspekten durch katastrophische Einwirkungen. Ohne entsprechende Medienträger und deren technologische Neuentwicklungen bringt bedauerlicherweise auch Digitalisierung leider gar nichts. Andererseits können Digitalisierung und der tradierte Weg der digitalisierungsbasierten Mikroverfilmung sich ergänzen. Sehr fragwürdig wird der gesamte Kulturprozess der Digitalisierung allerdings dann, wenn man gleichzeitig das Fass der Zensur aufmacht, um politische Handlungsfähigkeit am untauglichen Objekt demonstrieren zu wollen, damit eben gerade vom generellen Fehlen an Handlungsoptionen in Zeiten katastrophischer Bifurkation abzulenken.

Das Aufpumpen der nicht mehr haltbaren Struktur durch 12-stelliges Gelddrucken im getakteten Tagesturnus verstärkt durch Retardierung den Krisendruck statt ihn zu beseitigen. Jetzt droht die Dynamik der Katharsis noch stärker zu werden.

ATRIUM