Posts mit dem Label Bildseitenverhältnis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bildseitenverhältnis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 11. März 2009

Format-Ethos wider die Repertoire-Erosion

Die Zerstörung der Identifizierbarkeit historischer Filmdokumente in Soap-Doks und fiktionalen Reportagen gehört seit längerem zur allgemeinen Debatte zu Wandlungen des Realitätsbegriffs seit Anbruch der Digitalisierung. Neben der Komplexität solcher Debatten aber sind die Gründe für das Cropping indexikalisch festgelegter Bildträger profan: die Filmemacher und Produzenten, welche von der "spektakuläreren" 16 : 9-Formatnutzung abweichen, können ihre Produkte nur schwer an die Sender verkaufen. Neben aktuellen Drehanteilen oder auch fiktionalen Szenen werden dann frühe Dokumentaraufnahmen eingeebnet: sozusagen "zwangsangepaßt" an die modernere Handschrift des Filmemachers und eingepreßt in den Atrappenreiz der Verkaufspakete der Sender, mit denen auch abgestumpfte Zuschauer geködert werden sollen, Das verläuft gewissermaßen über eine Fälschung oder mißbraucht das "Simulakrum" von Breitwand, die ihres originären Anspruchs verlustig geht..

Erstaunlicherweise bleibt die Manipulation der Aura von historischen Dokumentaraufnahmen fast immer ungestraft - gleichwohl wissen die Redakteure und Senderleiter um dieses Dilemma und tolerieren sie dennoch.
Ähnliche Zitatfälschungen, etwa in der Vermittlung von Werken der Bildenen Kunst, aber auch in der Verschriftung historischer Reden und literarischer Überlieferungen, sind mir nicht geläufig: solches ist wohl nur im Filmbusiness geduldet.

Was obenstehend mit Vorsatz oder Mißachtung der Werktreue geschieht, passierte in der Geschichte des kommunalen Kinos, wann immer Filme in falschen Seitenverhältnissen oder Filmformaten zum Einsatz kamen, zumeist aus Gründen der Unkenntnis, fehlender Mittel oder fehlender Archiv-Kontakte - oder eben auch aus Gründen fehlender Raumkonzeptionen, die einer analogen Präsentation avancierterer Formate gerecht würden. So wurde stets die Enge des alten 'arsenal' in der Welserstraße beklagt, ohne dass die "Weiträumigkeit" des neuen Domizils am Potsdamer Platz einmal auf den Prüfstand gestellt werden würde: dort also mit einer Wiederholung der ganzen Misere im Repertoire-Spiel, die bereits in der Welserstrasse zu beklagen war.

Das ist zwar nicht der Regelzustand der 'arsenal'-Macher, und eine Unzahl hochwertiger Kopienaquisen und gelungener Vorführungen beweisen tausendfach das Gegenteil - es trifft aber immer wieder schmerzlich den Nerv, wenn sich gerade einige fast zu "bekannte" Klassiker in die Säle des 'arsenal' verirren, von Filmen also, die man für so bekannt hält, daß eine besondere Betreuung schon gar nicht mehr erforderlich zu sein scheint.

Hier seien die 16mm-Schmalfilmeinsätze von u.a. CIRCUS WORLD (gedreht auf Super Technirama 70), NORTH BY NORTHWEST (gedreht in 35mm 8-Perf und dieser Tage im Wiedereinsatz im 'arsenal') oder eines der dem Haus am naheliegendsten Klassiker, UMBERTO D. (gedreht in 35mm schwarz-weiss) genannt, in denen bisweilen, selbst bei Close ups, die Gesichter der Schauspieler kaum noch erkennbar waren.

Hier wäre es vertretbarer, anstelle eines Mammutprogramms, das sich dann um den jährlichen Kinemathenverbundspreis alleine durch seine numerische Titelfülle profiliert, lieber einige Gänge zurückzuschalten und nach der Devise "weniger ist mehr" zu verfahren. Sprich: einige schon zu bekannte Filmtitel, die primär sich über eine herausragenden Photographie vermitteln, sollten nicht um jeden Preis in einer schlechten Projektion delektiert werden.
Ganz so glücklich also, wie es scheint, waren die 'arsenal'-Leute mit dem Umzug keineswegs, wie dieser Report erhellt:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2000/0531/none/0001/index.html
Hinzuzufügen ist, dass Erika und Ulrich G. in ihrer Gründungsphase um 1964 ernsthaft mit Übernahme des 'Cinerama Theater Capitol' am Kurfürstendamm kokettierten. Indertat wäre das der größte Coup geworden: fast alle kinematographischen Verfahren und theatralen Konzepte hätten sich in diesem Raum idealiter verwirklichen lassen!
Daß in diesem Sinne - trotz herausragender Programmarbeit - in den heutigen Potsdamer-Platz-Sälen nichts kinemtaographisch Brauchbares verwirklichbar ist und auch der streitbare, politisch-engagierte Sinn der Gründer nicht in gleichem Maße von der jüngeren Kinoleitung geteilt werden kann (der ja die Kriegserfahrungen und die Sozialisation in der 1968er Bewegung fehlt), führt zu der Erkenntnis, die Ansätze eines thematisch schärfer fokussierteren politischen Kinos eben so wie die Würde der kinematographischen Darbietung und des Repertoires anderenorts in Berlin wiederherzustellen ist: durch Herrichtung eines akzeptablen, gerne auch kleineren Veranstaltungsraums. Es ist jedenfalls auszuschließen, durch rein kosmetische Eingriffe auch nur weniger dieser Ansätze am Potsdamer Platz zu Ehren gelangen zu lassen, wie Gero Gandert bei Vorschlag zur Herrichtung eines Museumskinos erwiderte, so denn sich diese Ideen doch eben so auch in den vorhandenen Strukturen diskutieren ließen.

Dazu merke ich an: das hat leider in 40 Jahren nie, auch bei bescheidenen Ansprüchen (sei es auch nur von Seiten der altehrwürdigen früheren Filmvorführer des 'arsenal') funktioniert und wird auch nicht in Zukunft funktionieren, seitdem Christoph T., der neue Leiter des Forums, explizit erklärte, die "Unterscheidung zwischen Film und Video macht heute keinen Sinn mehr" (frei zit. aus dem "Berlinale Journal vor wenigen Jahren). Ebenfalls bewiesen "kinotechnische" Retrospektiven der Stiftung Deutsche Kinemathek", daß man über nur wenig Verständnis und Empathie für die spektakulär annoncierten Reihen verfügte und in teilweiser Blindheit die Verfremdungsprozesse einfach leger abtat und sich auf rein dyonisische Massenfeste "beschränkte".

Interessant ist noch eine Bericht zum 75. Geburtstag des 'arsenal'-Mtbegründers, der immerhin die Bedeutung der Person erkennen ließ, die durch Eloquenz, theoretische Bewandertheit und Unermüdlichkeit in der Auseinandersetzung mit der Filmavantgarde als Vorkämpfter bewundert werden kann. Gleichwohl er sich Hoffnung machte, seine Nachfolger würde in seinem Sinne fortfahren, ist m.E. nicht gesichert, ob die gleiche politische Vehemenz und Zuneigung (etwa zur russischen Avantgarde) von nachfolgenden Generationen übernommen würde. Und ob es überhaupt zu vergleichbaren intellektuellen und internationalen Erfolgen kommen könnte, was bezweifelt werden kann, zumal bereits die große Nähe zum Bundeskulturbeauftragen für Kultur, aber auch die Einbindung in ein wenig humanes Ambiente, wie es das SONY-Center darstellt, kaum "widerständige" Kulturen zur Blüte bringen dürfte. Am wenigsten in Kinosaalarchitekturen, die eher an Särge als Theater erinnern.

http://blogs.taz.de/tagesbriefe/2007/09/21/fuenfundsiebzig/


CINERAMA
Vorstandsmitglied des "Kinomuseum Berlin e.V."

eine Frage des Formats: 60 Jahre Kopf ab

Wie bereits bemerkt, sind dieses Jahr nicht nur 20 Jahre Mauerfall, 40 Jahre Mondlandung, 80 Jahre Tonfilm und 100 Jahre Farbfilm zu würdigen, sondern auch 60 deutsche Jahre nach 1949. Die Sendereihe der ARD unter dem titel "60 x Deutschland" (in Koproduktion verschiedener ARD-Anstalten mit der Bundeszentrale für politische Bildung) versucht eine recht gefällige Melange aus weltgeschichtlicher Einbettung und erlebter Alltagsgeschichte hinzubekommen und ist dabei als moderierte Collage von Kompilationselementen (konterkarriert mit heutigen Interviews) auf Archivmaterial angewiesen, das mit Ausnahme der jüngsten rund 5 Jahre allesamt im Bildseitenverhältnis von 4:3 vorliegt, sei es als frühe Wochenschau-Aufnahme oder bei der aktuellen Berichterstattung des Ö-R Fernsehens dann mit 16-mm-Film.

Warum man nun unbedingt meint, allen Menschen, die liebevoll von den "Aktuellen" auf 4:3 abgelichtet wurden, den Kopf dahingehend abschneiden zu müssen, indem man das blasse und körnige Material beschneidet und auch noch auf 16:9 aufbläst, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich kann nur vermuten, dass man von verantwortlicher Stelle die Order ausgegeben hat, dass ein international im Dokumentarischen inzwischen übliches Verfahren wie "Pillar Boxing" deutschen Analphabethen der Filmgestaltung nicht zuzumuten sei.

Sollte mir so etwas bei der Filmsichtung zum Globians Doc Fest unterkommen, wäre das sofort ein Grund für einen Sichtungsabbruch aus Gründen des unprofessionellen Dilletantismus.

Wenn man aber Charts vorschalten kann, in denen darauf hingewiesen wird, "dass diese Sendung für Zuschauer unter 16 Jahren ungeeignet" sei, dann wird man vor lauter politischer Bildung vielleicht noch hinbekommen, auch ein wenig film- und fernsehhistorische Bildung mit einem Chart zu vermitteln, in der Art wie:

"Diese Sendung enthält historisches Bewegtbildmaterial im Bildseitenverhältnis von 4:3, welches wir Ihnen ohne Bildbeschnitt an Köpfen und Beinen präsentieren. Sie erhalten für Ihre Gebühren das volle Bild und sind damit voll im Bild."


Oder meinen Sie, dass das einem Johannes Unger als Leitendem Redakteur beim rbb in Berlin nicht zu vermitteln ist?

ATRIUM