Posts mit dem Label Langzeitarchivierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Langzeitarchivierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 6. März 2012
Farb-Film und Langzeitarchivierung, zwei Berliner Veranstaltungen
Nach dem jener Beitrag über "Langzeitarchivierung: Optische Speicherung von Digital-Daten auf photo-chemischem Mikrofilm mit Silberbasis"
http://kinoberlin.blogspot.com/2009/05/langzeitarchivierung-optische.html
vom 29. Mai 2009 mit fast 25 % aller Seitenaufrufe in diesem Blog (schaut man nach rund drei Jahren zurück) der absolute 'Quotenrenner' geworden ist, hier der Hinweis auf zwei Berliner Veranstaltungen, veranstaltet von CINEGRAPH BABELSBERG (die eine) und von der FKTG (die andere):
FilmDokument 140
http://www.filmblatt.de/filmdokument-aktuell.html
Von AGFA zu ORWO
Unternehmensfilme der Filmfabrik Wolfen 1950-1980
Arsenal, 12. März 2012, 19 Uhr
Aus der 120 Kilometer südlich von Berlin gelegenen Filmfabrik Wolfen kamen vor 1945 bahnbrechende technische Erfindungen wie das AGFACOLOR-NEU-Verfahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg durchlebte das Werk eine wechselvolle Geschichte, zwischen amerikanischer und sowjetischer Besetzung, Reparationen und sozialistischem Großbetrieb. In der DDR blieb die Wolfener Filmfabrik der einzige Hersteller von Foto- und Kinefilm, seit 1964 unter dem neuen Warenzeichen ORWO (Original Wolfen), doch bei zunehmenden technischen und ökonomischen Schwierigkeiten.
In den letzten Jahren wurde die Firmengeschichte durch mehrere Publikationen intensiv erforscht. Keine Beachtung fanden dabei die zahlreichen Image- und Werbefilme, von denen einige erstmals in diesem Programm vereint sind. Sie bieten einen eindrucksvollen Querschnitt der Produkte, erlauben Rückschlüsse auf veränderliche Strategien der betrieblichen Selbstdarstellung, zeigen verschiedene Formate des Werbefilms und belegen schließlich inhaltlich-ästhetische Verschiebungen des Genres. Ebenfalls nachhaltig präsent wird der kultur- und wirtschaftspolitische Hintergrund.
Allen Filmen eigen ist das Betonen des breiten Sortiments, einer internationalen Kundschaft und die zumeist positive Rückschau auf die Zeit vor 1945. Mit Einführung der Marke ORWO verminderte sich diese Traditionsverbundenheit, nun hantierte – selbst der Exportwerbefilm – selbstbewusst mit den modernen „sozialistischen Produktionsverhältnissen“. Zugleich blieben die hochglänzenden Werbemittel nah an den Erzeugnissen, bei Farbfilmen, Röntgen- und anderen Spezialfilmen sowie Magnetbändern beim Einsatz in aller Welt. Unterhaltende Passagen gewannen über die Jahre immer mehr Raum. Visierten Werbefilme hingegen nicht das Ausland an, wie etwa „Film und Faser“ (1960), rückten die Fertigungsvorgänge und die sozialen Leistungen für die Beschäftigten ins Zentrum. Solche Filme gerieten dann mehr zur Rechtfertigung einer Betriebsentwicklung im Sinne innenpolitischer Vorgaben.
Erzeugnisbedingt erweisen sich alle AGFA- und ORWO-Filme als Fundgrube des innermedialen Verweisens. Aufwendig erklären sie die Fototechnologie, integrieren bekannte Spielfilmszenen und Aufnahmen an den Sets und präsentieren das Gattungsspektrum vom Dokumentar- und Wissenschaftsfilm, über den Amateurfilm bis hin zum farbenprächtigen Ausstattungsfilm. Dabei scheint man sich in Wolfen stets eines besonderen Werbeeffektes bewusst gewesen zu sein: ziehen die Filme ihre Beweiskraft doch auch aus dem Umstand, dass sie auf dem Material gedreht wurden, das es zu verkaufen galt.
In Zusammenarbeit mit dem Industrie- und Filmmuseum Wolfen (IFM).
Einführung: Ralf Forster
Weitere Vorführung: Wolfen, IFM, Do., 15. März 2012, 19 Uhr
Programm:
Farbig durch Agfacolor, 1951, Agfa-Filmfabrik Wolfen, fa, 140m/16mm (ca. 12’), Ton
Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv (16mm, deutsche Fass., 12’)
Film und Faser, 1960, Betriebsfilmstudio des VEB Filmfabrik Wolfen, Buch und Regie: Fritz Gebhardt (DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme), Co-Buch und Regie-Assistenz: Horst Eilhardt, Kamera: W. Bauerfeind, sw, 35mm, 25’40’’, Ton
Kopie: IFM Wolfen (35mm, 25’40’’)
Information auf ORWO-Color (engl. Fass.: „That’s ORWO“), 1967, DEFA-Studio für Dokumentarfilme, KAG Industrie und Werbefilm, Buch und Regie Manfred Gußmann, Kamera: Rudolf Müller, Heinz Simon, Sprecher (deutsche Fass.): Walter Kainz, fa + sw, OL (deutsche Fass.): 930m/35mm (ca. 32’), Ton – mit Auszügen aus „Im Dienste des Fortschritts“, 1964 (Werbefilm für Zeiss Jena)
Kopien: IFM Wolfen (35mm, deutsche oder engl. Kurz-Fass., 17’31’’); Ralf Forster (DVD von VHS, deutsche Langfass. erworben von Manfred Gußmann, 30’20’’)
Lichtspiele. Erkennen – Gestalten – Erhalten ORWO, 1979, DEFA-Studio für Dokumentarfilme, KAG Industrie und Werbefilm, Buch und Regie: Manfred Gußmann, Kamera: Rudi Müller, Trick: Moser & Rosié, fa, OL (deutsche Fass.): 792m/35mm (ca. 28’), Ton
Kopien: IFM Wolfen (35mm, deutsche Lang-Fass., 27’35’’ – entspricht OL); Ralf Forster (DVD von VHS, deutsche Kurzfass. erworben von Manfred Gußmann, 21’12’’)
Programmlänge: ca. 83’
+++
Fernseh- und Kinotechnische
Gesellschaft e.V.
Regionalgruppe Berlin-Brandenburg
in Kooperation mit
Experten aus dem Bereich der
digitalen Archivierung
„Die analoge Arche“
Langzeitarchivierung digitaler Daten auf
Farbmikrofilm
Tagesseminar - Die analoge Arche zur Rettung digitaler Daten - Die zukunftsweisenden Möglichkeiten laserbelichteten Farb-Mikrofilms
Regionalgruppe: Berlin/Brandenburg
Gruppenleitung: Dipl.Ing. Wilhelm Sommerhäuser
Termin: 13.03.2012 , 10:00 - 16:30 Uhr
Geht es um die Langzeitarchivierung von Informationen, so bieten analoge Datenträger gegenüber der digitalen Speicherung grundsätzliche Vorteile: Die Last regelmäßiger Migrationen ersparen sie uns ganz, und das Auslesen der Informationen gelingt ohne aufwendige Dekodierung und notfalls mit allereinfachsten Werkzeugen.
Unter den analogen Datenträgern gilt Mikrofilm unbestritten als das Medium, welches eine extrem lange Haltbarkeit und exzellente Wiedergabequalität mit zugleich höchster Datendichte vereint. Farbiger ILFOCHROME-Mikrofilm beispielsweise bewahrt seine Konsistenz für 500 Jahre. Modernste Laserbelichtertechnologie ermöglicht heute die Integration dieses bewährten Mediums in fortschrittliche Archivierungsworkflows und IT-Systeme.
Die Vorträge geben einen umfassenden Überblick über
- das ILFORD MICROGRAPHIC-Filmmaterial (Dr. Jean-Noel Gex),
- die Laserbelichtertechnologie des Fraunhofer Institutes für Physikalische Messtechnik, Freiburg (Andreas Hofmann),
- den archiumFilmCreator, eine Software zur Bildbearbeitung, Farbmanagement und Metadatenintegration für die digitale Mikrofilm-Belichtung (Dr. Klaus Wendel),
- Speicherung digitaler Daten auf Mikrofilm (Christoph Voges),
- die mehrjährigen Erfahrungen eines unabhängigen Anwenders bei der Nutzung des Farbmikrofilms für digitale Bilddaten (Dr. Karl Magnus Drake),
- die Dienstleistung und technische Hilfsmittel, die den Mikrofilm nutzbar und verfügbar machen (Anneliese Lux).
Referenten:
Dr. Karl Magnus Drake, National Archives of Sweden, Stockholm
Dr. Jean-Noel Gex, Ilford, Marly/Schweiz
Andreas Hofmann, Fraunhofer IPM, Freiburg
Anneliese Lux, Media de Lux GbR, Offenburg
Christoph Voges, Selbständiger Berater (ehem. TU Braunschweig)
Dr. Klaus Wendel, archium, Aalen
http://www.fktg.de/veranstaltungen.asp?idveranst=66078&thid=
http://www.archium.org/downloads/info/20120313_FKTG_analogeArche_Programm.pdf
+++
Montag, 10. Mai 2010
Langzeiterhalt von Daten und Datenträger-Geräten
Bei Telepolis heute ein Beitrag von Ralf Heß über das kuratorische Projekt der Professoren Uwe Borghoff und John Zabolitzky von der Bundeswehr Universität München mit 2.000 obsoleten Computern und ihrer Peripherie zum weiteren Auslesen und Zugänglichhalten von Daten auf obsoleten Datenträgern -- bis hin zur Lochkarte. Neben dem ZKM in Karlsruhe und seinem Video-Magnetbandgeräte-Studio obsoleter Standards hat man hier nun also eine weitere Option geschaffen, um auf frühere Inhalte auf obsoleten Medienträgern zurückgreifen zu können. Eigentlich wäre dies die Domäne der diversen Technischen Museum und aufgrund der Relevanz des Themas wird man von solchen Projekten im Verbund sicherlich noch Einiges hören; zu schnell dreht sich das Entwicklungsrad der Medienträger. Das eigentlich dicke Ende kommt erst noch, wenn allenthalben bald festgestellt werden kann, dass die Einengung der Speichermethoden von der Vielzahl optischer und magnetischer Medien auf lediglich nur nach der elektrisch funktionierenden Flash-Methode speichernden Medien zu einem riesigen Daten-Verlust in langer Sicht führen dürfte. Dagegen dürften Lochkarten, Floppies und Magnetplatten wohl noch in Jahrhunderten lesbar sein.
ATRIUM
ATRIUM
Tags:
Datenerhalt,
Harddisc,
Hardware,
Langzeitarchivierung
Freitag, 2. April 2010
Aprilscherze
Auf den platten Aprilscherz von ARD-Aktuell via tagesschau.de, wonach die Rootserver des Internet wegen ausgegangener IP4-Adressen nunmehr abgeschaltet würden, bin ich nicht reingefallen, auch wenn ein guter Freund mich mit einem entsprechenden Panikanruf aus dem noch guten Schlaf weckte. Dem Herrn konnte geholfen werden...
Dafür bin ich für mindestens eine Stunde der ct-Redaktion und deren Aprilscherz mit dem von der Industrie verheimlichten und epedemischen Bakterienfrass bei vom Glasmaster replizierten Neu-DVDs (samt gelblicher Pustel-Beweisfotos aus DVD-Laufwerken) komplett auf dem Leim gegangen. Die Geschichte war einfach zu gut, um sie (und die dahinter leicht vermutbare Verschwörung der Industrien) nicht glauben zu können. "Und das verstecken die auf Seite 90!".
Letztlich brachte mich nicht etwa Googeln davon ab, sondern die Kontradiktion, dass es im Scherz-Artikel einerseits hieß, auch alte DVDs wären kontaminierbar, an anderer Stelle aber, dass nur frische DVDs (aus den letzten 6 Monaten) davon betroffen seien. Gut gemacht, CT!
Das Bedauerliche an dieser Geschichte ist nun, dass DIES der Aprilscherz war und nicht etwa der für eine Computerzeitschrift aus der Graswurzelzeit euphorisch klingende Beitrag über militärische Kampfmittel- und "Aufklärungs"-Drohnen, dem in der nächsten Ausgabe auch noch ein Follow-up folgen soll. Nicht nur wurde aus der IT das Medium, sondern IT wird auch anscheinend zum Fluidum, in dem zwischen Kriegsmitteln sowie Kriegstechnik einerseits und Hobbyismus andererseits nicht mehr so genau unterschieden werden kann.
ATRIUM
Dafür bin ich für mindestens eine Stunde der ct-Redaktion und deren Aprilscherz mit dem von der Industrie verheimlichten und epedemischen Bakterienfrass bei vom Glasmaster replizierten Neu-DVDs (samt gelblicher Pustel-Beweisfotos aus DVD-Laufwerken) komplett auf dem Leim gegangen. Die Geschichte war einfach zu gut, um sie (und die dahinter leicht vermutbare Verschwörung der Industrien) nicht glauben zu können. "Und das verstecken die auf Seite 90!".
Letztlich brachte mich nicht etwa Googeln davon ab, sondern die Kontradiktion, dass es im Scherz-Artikel einerseits hieß, auch alte DVDs wären kontaminierbar, an anderer Stelle aber, dass nur frische DVDs (aus den letzten 6 Monaten) davon betroffen seien. Gut gemacht, CT!
Das Bedauerliche an dieser Geschichte ist nun, dass DIES der Aprilscherz war und nicht etwa der für eine Computerzeitschrift aus der Graswurzelzeit euphorisch klingende Beitrag über militärische Kampfmittel- und "Aufklärungs"-Drohnen, dem in der nächsten Ausgabe auch noch ein Follow-up folgen soll. Nicht nur wurde aus der IT das Medium, sondern IT wird auch anscheinend zum Fluidum, in dem zwischen Kriegsmitteln sowie Kriegstechnik einerseits und Hobbyismus andererseits nicht mehr so genau unterschieden werden kann.
ATRIUM
Tags:
Aprilscherz,
CT-Magazin,
DVD,
Langzeitarchivierung
Montag, 15. Februar 2010
Der Verlust des Wissens durch die Digitale Kultur
The New Scientist bringt einen Artikel von Tom Simonite und Michael Le Page mit dem Titel "Digital doomsday: the end of knowledge"; der Text verweist darauf, dass das Problem des Langzeiterhalts von digitalen Daten bislang ungelöst bleibt -- als Folge des Fehlens entsprechender Medienträger und inhärent als ein kulturelles Problem der Überredundanz mit (von der Zukunft aus betrachtet) unwichtigen Informationen.
Die neu am Markt befindliche Service-to-burn DVD unter dem Markennamen "Cranberry DiamonDisc" ist zwar ein interessanter Ansatz aber keine Lösung, vor allem mit der Geschwindigkeit, in der Mr. Jobs von Apple die Laufwerke für optische (und magnetische) Speichermedien in Computern und sonstigen zu verkaufenden Proprietätsmaschinen wieder loswerden möchte.
ATRIUM
Die neu am Markt befindliche Service-to-burn DVD unter dem Markennamen "Cranberry DiamonDisc" ist zwar ein interessanter Ansatz aber keine Lösung, vor allem mit der Geschwindigkeit, in der Mr. Jobs von Apple die Laufwerke für optische (und magnetische) Speichermedien in Computern und sonstigen zu verkaufenden Proprietätsmaschinen wieder loswerden möchte.
ATRIUM
Freitag, 1. Januar 2010
Unumkehrbarkeit der Digitalen Kultur ?
Während die Digitale Kultur seit einigen Jahren wie eine Dampfwalze über analoge Lebenszusammenhänge hinweg schredderte, erzeugt sie selbst den Eindruck unumkehrbar und ohne Alternative zu sein. Der digitale Zeitpfeil geht schnurstracks immer weiter, geradeaus. Kritik und Einspruch sind nicht erlaubt, weil Evidenzerfahrung allenthalben. Dabei sind die beiden kardinalen und technischen Eckpfeiler der Digitalen Kultur bislang ohne jegliches Fundament: Weder ist der Langzeiterhalt von digitalen Daten auf Medienträgern gelöst, noch eine Lösung in Sicht, wie man unter Zinkpest-Bedingungen eine digitale Infrastruktur aufrecht erhält, wenn Hardware-Industrien in Ermangelung an Nachschub knapper Metall-Rohstoffe keine Massenware mehr produzieren können. Herstellung von Computer-Chips als Einzelstücke in Manufakturen? Wohl eher kaum. Auf so etwas eine Zivilisation ohne analoges Fallback aufzubauen, ist mehr als tollkühn.
ATRIUM
ATRIUM
Dienstag, 4. August 2009
Zuschrift aus dem Saarland.
Hallo Herr Polzer,
danke für den Hinweis auf den Tagungsbericht zur Stuttgarter Konferenz in Ihren Blog. Ich komme erst jetzt im Sommerloch dazu, mich dafür zu bedanken, daß Sie meine Wortmeldung als Vertreterin des Saarländischen Filmarchivs e. V. (SFA) als "Glanzpunkt dieser Diskussionsrunde" bezeichnet haben. Im Interesse des SFA will ich noch etwas im Blog-Text richtig stellen bzw. ergänzen; eigentlich sollte dies eine sehr kurze Mail werden, aber es gibt viel zu berichten:
Manchmal tut sich für das SFA überraschend etwas Positives. Unter dem jetzigen Künstlerischen Direktor der Deutschen Kinemathek, Dr. Rainer Rother, hat das SFA dankenswerterweise von dort bereits mehrfach wichtige Informationen und ideelle Unterstützung erhalten, vor allem durch Prof. Martin Koerber. Im Frühjahr 2009 wandte ich mich an das Netzwerk der deutschen Mediatheken mit der Bitte um Aufnahme des SFA, und dazu signalisierte mir kürzlich der Verwaltungsdirektor der Kinemathek, Dr. Paul Klimpel, man sei gerne bereit, das SFA aufzunehmen. Ich kann es beim nächsten Rundgespräch den Netzwerkmitgliedern vorstellen, was mich wirklich sehr freut!!! Das ist natürlich noch nicht die ersehnte Aufnahme des SFA in das Netzwerk der deutschen Kinematheken, aber doch ein wichtiger Anfang.
Natürlich ist es das medienpolitische Ziel meiner Arbeit, dem Saarland ein öffentlich-rechtliches Filmarchiv und medientechnisches Museum zu geben, aber dieses kulturpolitische Ziel sollte nicht verwechselt werden mit der bisherigen Realität, und dabei ist der korrekte Archivname wichtig. Das Archiv, das ich vertrete, für das ich forsche und publiziere, heißt leider noch nicht "Filmarchiv für das Saarland", sondern weiterhin Saarländisches Filmarchiv e. V. (SFA).
Der Bezug zu Honecker als VIP saarländischer Herkunft ist im Blog-Text nicht sinnvoll, denn Honecker verbindet rein gar nichts mit meiner kuratorischen Sorge um das regionale AV-Erbe, zumal er seit 1935 mit seiner Herkunftsregion nur noch selten zu tun hatte. Heutzutage ist der bekannteste Saarländer wohl eher Oskar Lafontaine, und er hat starken Bezug zur regionalen Filmkultur, denn als Saarbrücker OB zeichnete er kulturpolitisch verantwortlich für die hiesige Max Ophüls-Retrospektive (1980), und unterstützte auch als Ministerpräsident immer das aus der Retrospektive entstandene Filmfestival Max Ophüls-Preis, das 2009 sein 30. Jubiläum feiern konnte.
Es wurden im Blog versehentlich "1.000 Filmrollen" angegeben, tatsächlich hat das SFA aber schon ca. 1.000 Filme auf ca. 1.200-1.300 Film- und Tonspulen, in den Filmformaten 8mm bis 35mm sowie in mehreren analogen und digitalen Videoformaten. Die ältesten Filme der Sammlung stammen aus 1911 und sind internationale Raritäten. Die überwiegende Mehrheit der Filme ist professionelles Dokumentarmaterial, der geringere Teil Amateurfilme, ein sehr kleiner Teil Spielfilme. Hinzu kommen Fotos, Poster, Autogrammkarten, Kinowerbefiguren, Filmrequisiten, sowie Schriftgut (Programmzettel, TV-Produktionsverträge, Kinoakten, Filmzeitschriften...), außerdem 250 Kameras und Projektoren, 175 Tonträger, einige Partituren für Stummfilme, etc. Zusätzlich gibt es eine filmhistorische Handbibliothek von rund 750 Bänden.
Das SFA wurde bereits 1998 gegründet; es ist insofern kein "Neuarchiv". Weil es aber seit seiner Gründung keinerlei Budget hat, hat die SFA-Sammlung noch immer kein Zuhause, sondern wird provisiorisch auf ca. 100qm unklimatisierter Fläche in mehreren Magazinräumen des Landesarchivs des Saarlandes (LAS) gelagert. Dankenswert und kollegial anerkennenswert ist, daß die Direktoren des LAS seit 1999, Dr. Wolfgang Laufer bzw. inzwischen Dr. Ludwig Linsmayer, dies jeweils kostenneutral gestattet haben, weil beide die landeshistorische Bedeutung einer solchen Initiative kennen. Wegen des extrem knappen Lagerplatzes im LAS lagert nur der kleinste Teil der SFA-Sammlung in Regalen. Der größte Teil der Bestände muß verpackt bleiben, in rund 250 gestapelten Umzugskisten, Stapelhöhe bis 3,50m, Stapeltiefe bis 4m. Doch selbst dieses Provisorium wird künftig nicht mehr möglich sein, da die Platzreserven des LAS inzwischen völlig erschöpft sind. Die SFA-Bestände müßten eigentlich längst weg, man will uns aber auch nicht einfach hinauswerfen. Das Nitro-Filmmaterial des SFA lagert nicht im LAS, sondern an einem anderen Ort. Trotzdem ist die Situation im LAS sicherheitstechnisch inzwischen grenzwertig: Die SFA-Bestände lagern teilweise dicht an der Heizungsanlage, teilweise in einem Notausgang. Das sollte uns alle an die Archiv-Katastrophe von Köln gemahnen, die mit rechtzeitigem Geldeinsatz vermeidbar gewesen wäre.
- Der Double-Bind, an dem das SFA leidet, ist ein ausgewachsener Teufelskreis mit mehreren Ebenen:
Politisch verantwortlich für regionale Archivfragen, Forschung und historisches Kulturgut sind neben dem Landtag und der Regierung natürlich das Kultusministerium, teilweise auch das Umweltministerium. SFA-Anträge an alle Landtagsabgeordneten, an die Regierung sowie an das Kultusministerium wurden gestellt. Ich konnte Anfang 2008 ein Gespräch mit Europaminister und Staatskanzleichef Karl Rauber führen, anschließend auch Gespräche mit den drei Landtagsfraktionen (CDU, SPD, FDP). Die Bitte um ein zweites Gespräch mit Herrn Rauber hat er selbst im September 2008 gewährt, doch wurde von seinem Sekretariat bis heute kein Termin anberaumt; auch wird wohl vor Ablauf der Legislaturperiode keine schriftliche Nachricht mehr kommen. Der Landtag half dem SFA ebenfalls nicht. Im Sommer 2008 erhielt das SFA überdies zum wiederholten Mal negative Signale vom Kultusminsterium (Ministerin: Annegret Kramp-Karrenbauer). Diesmal grenzte die Absage an Zynismus: Man könne dem SFA leider weiterhin weder Räume noch institutionelle Förderung gewähren; falls ich aber Lagerräume aus Landesbesitz mieten wolle, könne ich das gerne tun; zu Preisen von 6,-Euro/qm aufwärts könne man mir mehrere Objekte anbieten. Ähnlich hilfreich verhielt sich im gleichen Zeitraum die dortige für Filmkultur verantwortliche Mitarbeiterin Frau Ruffing, die auf mein Angebot an das KuMi verzichtete, sich im persönlichen Gespräch erstmals über das SFA zu informieren; Juristin Ruffing muss eine autodidaktische Filmexpertin von besonders hoher Qualität sein, denn diese Wunschkandidatin der Ministerin wurde im Sommer 2008 weg von der hausinternen KuMi-Abteilung für Controlling direkt auf ihre neue Stelle befördert, wobei sie mindestens einem/r filmfachkundigen saarländischen BewerberIn vorgezogen wurde.
Weil das SFA keinen Status als öffentlich-rechtliche Landesinstitution hat, wird uns nicht nur im eigenen Bundesland ein Budget, fachgerechte Unterbringung und Amtshilfe der staatlichen Ebenen verwehrt. Auf Bundes- und EU-Ebene sind wir nicht einmal antragsfähig, wie es scheint: Das BKM jedenfalls hat nie reagiert auf ein von mir überreichtes Schreiben an die damalige Kulturstaatsministerin Christina Weiß (gebürtige Saarländerin!), die sich vor Jahren zu einem kurzen Tagesbesuch in Saarbrücken aufhielt. EU-Anträge kann das SFA ebenfalls noch bis auf Weiteres vergessen: Für EU-Kooperationen im Kulturbereich braucht man nämlich heutzutage ein gutes Dutzend Partnerorganisationen aus allen möglichen EU-Ländern. Es fehlt uns also der Zugang zu einigen nationalen und wie zu allen internationalen Kommunikations- und Kooperationsnetzwerken für Filmarchive. Beispielsweise kann das SFA nicht einmal beobachtendes Mitglied in der FIAF werden, weil selbst dieser mindere Status für uns viel unerschwinglich ist. Bei der FIAF gibt es schon Probleme mit den Formalien, denn das FIAF-Aufnahmeformular kennt gar keine Archive ohne Budget und ohne bezahltes Personal. Weil das SFA kein FIAF-Mitglied ist, verweigerte uns in 2000 der lokale Organisator des jährlichen FIAF-Kongresses in London, Clyde Jeavons, eine Ermäßigung bzw. den Erlaß der 200,- Pfund Anmeldegebühr zur jährlichen FIAF-Konferenz. Damals waren das rund 600 DM, hinzu kamen noch Anreise und Hotel. Seither tagte die FIAF auf ganz anderen Kontinenten. Ob das SFA in 2010 an der FIAFKonferenz in Oslo teilnehmen können wird, steht noch in den Sternen.
Weil uns Status, Geld und Mitgliedschaft in Netzwerken bislang fehlen, erfahren wir zu spät von Kooperationen, die in Netzwerken besprochen werden, also kann das SFA sich auch nicht daran beteiligen, selbst wenn wir so spannende Bilder zu bieten haben wie einen saarländischen Urlaubsfilm aus dem Spanien von ca. 1939-1940, das sichtlich vom Bürgerkrieg gezeichnet war, oder solche Raritäten wie die Kopie eines schablonenkolorierten Pathé-Films von 1911, von dem es weltweit nur drei fragmentarische Kopien gibt, davon eine im SFA. Ohne Kooperationsmöglichkeiten kann ich keine Projekt-Gelder für die Sicherung der wertvollsten Teile unserer Bestände beantragen, und weil ich immer nur sehr wenig aus den Beständen zeigen kann, kann ich keine effektive Lobbyarbeit machen, also keine Medien und keine Öffentlichkeit für unsere Arbeit interessieren. Weil ich keine Öffentlichkeit herstellen kann, ändert sich wiederum politisch nichts - nicht einmal Geld für das Design unsererer Webdomain ist vorhanden. Da das SFA ohne Budget auskommen muss, habe ich persönlich außerdem weitere Nachteile im Vergleich mit anderen LeiterInnen "offizieller" Filmarchive: Sie erhalten Gehalt, bekommen Dienstreisen bezahlt und haben einen Mitarbeiterstab. Oft werden sie von Veranstaltern von Filmkonferenzen und -festivals eingeladen, damit sie überhaupt hinkommen, während ich meistens vergeblich um Ermäßigung oder Erlaß der Akkreditierungen bitte, von Hilfe zu den Reisekosten ganz zu schweigen.
- Trotz alledem ist das SFA nicht aufzuhalten, denn ich hebe immer mehr filmhistorische Schätze:
Zur frühen Mediengeschichte Saarbrückens werde ich erstmals Ende September 2009 öffentlich in der Landeshauptstadt vortragen können; bereits seit 2000 arbeite ich für das SFA an einem Buch über das Frühe Kino im Saarland, dazu erforschte ich z. B. die komplette Produktionsgeschichte des ältesten erhaltenen regionalen Films, der Aufnahmen aus Saarbrücken zeigt. Ich konnte ihn eindeutig als Werk eines regionalen Wanderkinobesitzers identifizieren, und exakt neu datieren auf Ende Oktober 1904. Diesen Film, der beim diesjährigen Festival Il Cinema Ritrovato (Bologna) gezeigt wurde, halten namhafte Kollegen aus großen Archiven und von wichtigen Lehrstühlen in London, Bologna, Trier und Luxemburg noch immer irrtümlich für ein Werk einer Freiburger Kinokette aus 1909, denn so verkündete es der dortige Katalog; hätte man die europaweit verschickte SFA-Pressemitteilung vom 21. Dezember 12007 gelesen, wäre die peinliche Falschmeldung vermeidbar gewesen.
Vor wenigen Wochen ist es mir im Rahmen einer SFA-Auftragsarbeit für eine regionalhistorische Wanderausstellung der Stiftung Demokratie Saarland gelungen, zwei sehr wertvolle Minuten Filmmaterial wieder zu finden, die am 26. August 1934 in Sulzbach/Saar gedreht wurden. Es sind Wochenschauberichte, die man 75 Jahre lang verschollen glaubte, mit Aufnahmen von der größten antifaschistischen Zusammenkunft auf deutschem Boden, die im damaligen Saargebiet unter dem Motto "Nie zu Hitler" stattfand; dabei trafen 75.000 Menschen zum "Schwur von Sulzbach" zusammen. Diese beiden kleinen Juwelen von Wochenschaufilmen werden am 26. August 2009, exakt 75 Jahre nach dem Ereignis, erstmals wieder öffentlich in Deutschland zu sehen sein, anläßlich der Eröffnung der Ausstellung im Salzbrunnenhaus in Sulzbach, die am Jahrestag der Versammlung eröffnet wird.
Mit freundlichen Grüßen,
Gerhild Krebs
*** *** ***
SAARLAENDISCHES FILMARCHIV e. V. (SFA)
Geschaeftsstelle, Vors. Gerhild Krebs M.A., Assess'dL
Johannisstr. 25, 66111 Saarbruecken
tel +49 - (0) 681 - 580 61 91
tel mobil +49 - (0) 170 - 95 28 786
e-mail gerhild@handshake.de
netz: www.filmarchiv-saarland.de [Stand 07/2009: SFA-Domain ist noch nicht aktiv]
danke für den Hinweis auf den Tagungsbericht zur Stuttgarter Konferenz in Ihren Blog. Ich komme erst jetzt im Sommerloch dazu, mich dafür zu bedanken, daß Sie meine Wortmeldung als Vertreterin des Saarländischen Filmarchivs e. V. (SFA) als "Glanzpunkt dieser Diskussionsrunde" bezeichnet haben. Im Interesse des SFA will ich noch etwas im Blog-Text richtig stellen bzw. ergänzen; eigentlich sollte dies eine sehr kurze Mail werden, aber es gibt viel zu berichten:
Manchmal tut sich für das SFA überraschend etwas Positives. Unter dem jetzigen Künstlerischen Direktor der Deutschen Kinemathek, Dr. Rainer Rother, hat das SFA dankenswerterweise von dort bereits mehrfach wichtige Informationen und ideelle Unterstützung erhalten, vor allem durch Prof. Martin Koerber. Im Frühjahr 2009 wandte ich mich an das Netzwerk der deutschen Mediatheken mit der Bitte um Aufnahme des SFA, und dazu signalisierte mir kürzlich der Verwaltungsdirektor der Kinemathek, Dr. Paul Klimpel, man sei gerne bereit, das SFA aufzunehmen. Ich kann es beim nächsten Rundgespräch den Netzwerkmitgliedern vorstellen, was mich wirklich sehr freut!!! Das ist natürlich noch nicht die ersehnte Aufnahme des SFA in das Netzwerk der deutschen Kinematheken, aber doch ein wichtiger Anfang.
Natürlich ist es das medienpolitische Ziel meiner Arbeit, dem Saarland ein öffentlich-rechtliches Filmarchiv und medientechnisches Museum zu geben, aber dieses kulturpolitische Ziel sollte nicht verwechselt werden mit der bisherigen Realität, und dabei ist der korrekte Archivname wichtig. Das Archiv, das ich vertrete, für das ich forsche und publiziere, heißt leider noch nicht "Filmarchiv für das Saarland", sondern weiterhin Saarländisches Filmarchiv e. V. (SFA).
Der Bezug zu Honecker als VIP saarländischer Herkunft ist im Blog-Text nicht sinnvoll, denn Honecker verbindet rein gar nichts mit meiner kuratorischen Sorge um das regionale AV-Erbe, zumal er seit 1935 mit seiner Herkunftsregion nur noch selten zu tun hatte. Heutzutage ist der bekannteste Saarländer wohl eher Oskar Lafontaine, und er hat starken Bezug zur regionalen Filmkultur, denn als Saarbrücker OB zeichnete er kulturpolitisch verantwortlich für die hiesige Max Ophüls-Retrospektive (1980), und unterstützte auch als Ministerpräsident immer das aus der Retrospektive entstandene Filmfestival Max Ophüls-Preis, das 2009 sein 30. Jubiläum feiern konnte.
Es wurden im Blog versehentlich "1.000 Filmrollen" angegeben, tatsächlich hat das SFA aber schon ca. 1.000 Filme auf ca. 1.200-1.300 Film- und Tonspulen, in den Filmformaten 8mm bis 35mm sowie in mehreren analogen und digitalen Videoformaten. Die ältesten Filme der Sammlung stammen aus 1911 und sind internationale Raritäten. Die überwiegende Mehrheit der Filme ist professionelles Dokumentarmaterial, der geringere Teil Amateurfilme, ein sehr kleiner Teil Spielfilme. Hinzu kommen Fotos, Poster, Autogrammkarten, Kinowerbefiguren, Filmrequisiten, sowie Schriftgut (Programmzettel, TV-Produktionsverträge, Kinoakten, Filmzeitschriften...), außerdem 250 Kameras und Projektoren, 175 Tonträger, einige Partituren für Stummfilme, etc. Zusätzlich gibt es eine filmhistorische Handbibliothek von rund 750 Bänden.
Das SFA wurde bereits 1998 gegründet; es ist insofern kein "Neuarchiv". Weil es aber seit seiner Gründung keinerlei Budget hat, hat die SFA-Sammlung noch immer kein Zuhause, sondern wird provisiorisch auf ca. 100qm unklimatisierter Fläche in mehreren Magazinräumen des Landesarchivs des Saarlandes (LAS) gelagert. Dankenswert und kollegial anerkennenswert ist, daß die Direktoren des LAS seit 1999, Dr. Wolfgang Laufer bzw. inzwischen Dr. Ludwig Linsmayer, dies jeweils kostenneutral gestattet haben, weil beide die landeshistorische Bedeutung einer solchen Initiative kennen. Wegen des extrem knappen Lagerplatzes im LAS lagert nur der kleinste Teil der SFA-Sammlung in Regalen. Der größte Teil der Bestände muß verpackt bleiben, in rund 250 gestapelten Umzugskisten, Stapelhöhe bis 3,50m, Stapeltiefe bis 4m. Doch selbst dieses Provisorium wird künftig nicht mehr möglich sein, da die Platzreserven des LAS inzwischen völlig erschöpft sind. Die SFA-Bestände müßten eigentlich längst weg, man will uns aber auch nicht einfach hinauswerfen. Das Nitro-Filmmaterial des SFA lagert nicht im LAS, sondern an einem anderen Ort. Trotzdem ist die Situation im LAS sicherheitstechnisch inzwischen grenzwertig: Die SFA-Bestände lagern teilweise dicht an der Heizungsanlage, teilweise in einem Notausgang. Das sollte uns alle an die Archiv-Katastrophe von Köln gemahnen, die mit rechtzeitigem Geldeinsatz vermeidbar gewesen wäre.
- Der Double-Bind, an dem das SFA leidet, ist ein ausgewachsener Teufelskreis mit mehreren Ebenen:
Politisch verantwortlich für regionale Archivfragen, Forschung und historisches Kulturgut sind neben dem Landtag und der Regierung natürlich das Kultusministerium, teilweise auch das Umweltministerium. SFA-Anträge an alle Landtagsabgeordneten, an die Regierung sowie an das Kultusministerium wurden gestellt. Ich konnte Anfang 2008 ein Gespräch mit Europaminister und Staatskanzleichef Karl Rauber führen, anschließend auch Gespräche mit den drei Landtagsfraktionen (CDU, SPD, FDP). Die Bitte um ein zweites Gespräch mit Herrn Rauber hat er selbst im September 2008 gewährt, doch wurde von seinem Sekretariat bis heute kein Termin anberaumt; auch wird wohl vor Ablauf der Legislaturperiode keine schriftliche Nachricht mehr kommen. Der Landtag half dem SFA ebenfalls nicht. Im Sommer 2008 erhielt das SFA überdies zum wiederholten Mal negative Signale vom Kultusminsterium (Ministerin: Annegret Kramp-Karrenbauer). Diesmal grenzte die Absage an Zynismus: Man könne dem SFA leider weiterhin weder Räume noch institutionelle Förderung gewähren; falls ich aber Lagerräume aus Landesbesitz mieten wolle, könne ich das gerne tun; zu Preisen von 6,-Euro/qm aufwärts könne man mir mehrere Objekte anbieten. Ähnlich hilfreich verhielt sich im gleichen Zeitraum die dortige für Filmkultur verantwortliche Mitarbeiterin Frau Ruffing, die auf mein Angebot an das KuMi verzichtete, sich im persönlichen Gespräch erstmals über das SFA zu informieren; Juristin Ruffing muss eine autodidaktische Filmexpertin von besonders hoher Qualität sein, denn diese Wunschkandidatin der Ministerin wurde im Sommer 2008 weg von der hausinternen KuMi-Abteilung für Controlling direkt auf ihre neue Stelle befördert, wobei sie mindestens einem/r filmfachkundigen saarländischen BewerberIn vorgezogen wurde.
Weil das SFA keinen Status als öffentlich-rechtliche Landesinstitution hat, wird uns nicht nur im eigenen Bundesland ein Budget, fachgerechte Unterbringung und Amtshilfe der staatlichen Ebenen verwehrt. Auf Bundes- und EU-Ebene sind wir nicht einmal antragsfähig, wie es scheint: Das BKM jedenfalls hat nie reagiert auf ein von mir überreichtes Schreiben an die damalige Kulturstaatsministerin Christina Weiß (gebürtige Saarländerin!), die sich vor Jahren zu einem kurzen Tagesbesuch in Saarbrücken aufhielt. EU-Anträge kann das SFA ebenfalls noch bis auf Weiteres vergessen: Für EU-Kooperationen im Kulturbereich braucht man nämlich heutzutage ein gutes Dutzend Partnerorganisationen aus allen möglichen EU-Ländern. Es fehlt uns also der Zugang zu einigen nationalen und wie zu allen internationalen Kommunikations- und Kooperationsnetzwerken für Filmarchive. Beispielsweise kann das SFA nicht einmal beobachtendes Mitglied in der FIAF werden, weil selbst dieser mindere Status für uns viel unerschwinglich ist. Bei der FIAF gibt es schon Probleme mit den Formalien, denn das FIAF-Aufnahmeformular kennt gar keine Archive ohne Budget und ohne bezahltes Personal. Weil das SFA kein FIAF-Mitglied ist, verweigerte uns in 2000 der lokale Organisator des jährlichen FIAF-Kongresses in London, Clyde Jeavons, eine Ermäßigung bzw. den Erlaß der 200,- Pfund Anmeldegebühr zur jährlichen FIAF-Konferenz. Damals waren das rund 600 DM, hinzu kamen noch Anreise und Hotel. Seither tagte die FIAF auf ganz anderen Kontinenten. Ob das SFA in 2010 an der FIAFKonferenz in Oslo teilnehmen können wird, steht noch in den Sternen.
Weil uns Status, Geld und Mitgliedschaft in Netzwerken bislang fehlen, erfahren wir zu spät von Kooperationen, die in Netzwerken besprochen werden, also kann das SFA sich auch nicht daran beteiligen, selbst wenn wir so spannende Bilder zu bieten haben wie einen saarländischen Urlaubsfilm aus dem Spanien von ca. 1939-1940, das sichtlich vom Bürgerkrieg gezeichnet war, oder solche Raritäten wie die Kopie eines schablonenkolorierten Pathé-Films von 1911, von dem es weltweit nur drei fragmentarische Kopien gibt, davon eine im SFA. Ohne Kooperationsmöglichkeiten kann ich keine Projekt-Gelder für die Sicherung der wertvollsten Teile unserer Bestände beantragen, und weil ich immer nur sehr wenig aus den Beständen zeigen kann, kann ich keine effektive Lobbyarbeit machen, also keine Medien und keine Öffentlichkeit für unsere Arbeit interessieren. Weil ich keine Öffentlichkeit herstellen kann, ändert sich wiederum politisch nichts - nicht einmal Geld für das Design unsererer Webdomain ist vorhanden. Da das SFA ohne Budget auskommen muss, habe ich persönlich außerdem weitere Nachteile im Vergleich mit anderen LeiterInnen "offizieller" Filmarchive: Sie erhalten Gehalt, bekommen Dienstreisen bezahlt und haben einen Mitarbeiterstab. Oft werden sie von Veranstaltern von Filmkonferenzen und -festivals eingeladen, damit sie überhaupt hinkommen, während ich meistens vergeblich um Ermäßigung oder Erlaß der Akkreditierungen bitte, von Hilfe zu den Reisekosten ganz zu schweigen.
- Trotz alledem ist das SFA nicht aufzuhalten, denn ich hebe immer mehr filmhistorische Schätze:
Zur frühen Mediengeschichte Saarbrückens werde ich erstmals Ende September 2009 öffentlich in der Landeshauptstadt vortragen können; bereits seit 2000 arbeite ich für das SFA an einem Buch über das Frühe Kino im Saarland, dazu erforschte ich z. B. die komplette Produktionsgeschichte des ältesten erhaltenen regionalen Films, der Aufnahmen aus Saarbrücken zeigt. Ich konnte ihn eindeutig als Werk eines regionalen Wanderkinobesitzers identifizieren, und exakt neu datieren auf Ende Oktober 1904. Diesen Film, der beim diesjährigen Festival Il Cinema Ritrovato (Bologna) gezeigt wurde, halten namhafte Kollegen aus großen Archiven und von wichtigen Lehrstühlen in London, Bologna, Trier und Luxemburg noch immer irrtümlich für ein Werk einer Freiburger Kinokette aus 1909, denn so verkündete es der dortige Katalog; hätte man die europaweit verschickte SFA-Pressemitteilung vom 21. Dezember 12007 gelesen, wäre die peinliche Falschmeldung vermeidbar gewesen.
Vor wenigen Wochen ist es mir im Rahmen einer SFA-Auftragsarbeit für eine regionalhistorische Wanderausstellung der Stiftung Demokratie Saarland gelungen, zwei sehr wertvolle Minuten Filmmaterial wieder zu finden, die am 26. August 1934 in Sulzbach/Saar gedreht wurden. Es sind Wochenschauberichte, die man 75 Jahre lang verschollen glaubte, mit Aufnahmen von der größten antifaschistischen Zusammenkunft auf deutschem Boden, die im damaligen Saargebiet unter dem Motto "Nie zu Hitler" stattfand; dabei trafen 75.000 Menschen zum "Schwur von Sulzbach" zusammen. Diese beiden kleinen Juwelen von Wochenschaufilmen werden am 26. August 2009, exakt 75 Jahre nach dem Ereignis, erstmals wieder öffentlich in Deutschland zu sehen sein, anläßlich der Eröffnung der Ausstellung im Salzbrunnenhaus in Sulzbach, die am Jahrestag der Versammlung eröffnet wird.
Mit freundlichen Grüßen,
Gerhild Krebs
*** *** ***
SAARLAENDISCHES FILMARCHIV e. V. (SFA)
Geschaeftsstelle, Vors. Gerhild Krebs M.A., Assess'dL
Johannisstr. 25, 66111 Saarbruecken
tel +49 - (0) 681 - 580 61 91
tel mobil +49 - (0) 170 - 95 28 786
e-mail gerhild@handshake.de
netz: www.filmarchiv-saarland.de [Stand 07/2009: SFA-Domain ist noch nicht aktiv]
Tags:
Archive,
Filmarchive,
HDF,
Langzeitarchivierung,
Saarland
Freitag, 12. Juni 2009
NESTOR Abschlussveranstaltung in Berlin
Die Nachrichten-Redaktion des Heise-Verlags berichtet über die Abschlussveranstaltung des NESTOR-Projektes vom 10. Juni 2009 in Berlin zu Fragen des Langzeiterhalts in der digitalen Kultur und ihrer Langzeitarchivierung.
ATRIUM
ATRIUM
Tags:
Berlin,
Heise-Verlag,
Langzeitarchivierung
Dienstag, 2. Juni 2009
Die Zukunft der Fotografie als Druckkunst
Die Zukunft der Kinematografie als Druckkunst
Die Fotografen-Freelancer bei "Freelens" sind derzeit in ihrer Mailingliste, wie mir heute ASTORE bei einem Kurzbesuch aus Istanbuli persönlich zeigte, ganz aus dem Häuschen, ob dieses Berichts von Hilmar Schmundt bei SPIEGEL ONLINE über die Skiagraphie von Dieter Kirchner. O.R.T. ist mir im Westberlin der ersten Hälfte der 1980er-Jahre bei der Anzeigen- und Druckvorlagen-Produktion als beste (und teuerste) "Graphische Kunstanstalt" der Halbstadt für Prestige-Druckprojekte bekannt geworden. O.R.T. war für mich also als "Lithoanstalt" der vordigitalen Zeit abgebucht. Es ist nun ganz besonders putzig, der übrig gebliebenen Mannschaft von O.R.T. um Dieter Kirchner nun plötzlich beim SPIEGEL als die Vorhut der Zukunft von Fotografie durch die Errettung als Druckkunst wieder zu begegnen.
Für die Kinematographie kann das nur bedeuten, den gefundenen Ansatz eines Langzeiterhalts durch das filmische Silberbild, um das technologische Wissen des Technicolor-Druckverfahrens in Manufakturgröße zu erweitern.
ATRIUM
Für die Kinematographie kann das nur bedeuten, den gefundenen Ansatz eines Langzeiterhalts durch das filmische Silberbild, um das technologische Wissen des Technicolor-Druckverfahrens in Manufakturgröße zu erweitern.
ATRIUM
Freitag, 29. Mai 2009
Langzeitarchivierung: Optische Speicherung von Digital-Daten
auf photo-chemischem Mikrofilm mit Silberbasis
von Joachim Polzer
Das Sensationelle am Ergebnis der Tagung "Film digital — Aspekte langfristiger Informationssicherung", die am Mittwoch, dem 27. Mai 2009, von der Arbeitsgruppe Medien des Nestor Kompetenznetzwerks Langzeitarchivierung in den Räumen der Stiftung Deutsche Kinemathek — Museum für Film und Fernsehen in Berlin veranstaltet wurde, waren weniger die sich wiederholenden Kurzvorträge zu den technischen Grundlagen der Quantifizierung von audio-visueller Bewegtbildinformation. Denn in diesen technischen Einführungsvortägen wurden ständig Videobandformate, Digital-Codecs, Datenraten, Dateiensysteme, Kompressions- und Reduktionsverhältnisse und Streamerstandards entweder miteinander verwechselt oder gleich synonym gestellt, bis man schließlich gleich selbst an "Invormationsverluste" (sic!) innerhalb der Tagung glaubte, so die Überschrift eines PowerPoint-Charts der Vortragenden. Bei diesen Ungereimtheiten von Verantwortungsträgern, Praktikern und Forschern fühlte ich mich beständig an die Frühtage der Einführung des Internets in Deutschland, an die Mitte der 1990er-Jahre erinnert. Das dies unter Fachleuten heute noch, 15 Jahr später, passiert, bleibt mir ein Rätsel.
Der große Hit der sehr gut mit über 100 Besuchern besuchten Tagung waren auch nicht die ewig wiederkehrenden und sich ständig in ihrer Struktur wiederholenden "Workflow-Charts", die einer endlosen Workflow-Orgie glich, bei der anscheinend die Substanz der Medienträger durch die virtuelle Substanz des Gehirnschmalzes ersetzt wurde. Und auch keine Sensation war es, wenn so genannte Datenbank-orientierte "Content Management Systeme" um automatisierte Encodierungsroutinen von Forschungsinstituten als Projektentwurf erweitert werden (wieder mit Workflow-Darstellung) und als neuer Stein der Weisen dem interessierten Publikum angedient werden sollen.
Die Sensation der Tagung war allerdings die Erkenntnis, dass bis auf Weiteres zu einer Informationsspeicherung mittels zu Silber reduziertem Silberhalogenid-Material auf Filmträger es derzeit keine Alternative gibt, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass sich die Haltbarkeit von Festplatten und Feststoffplatten sowie von Datenstreamter-Bandformaten in keinster Weise abschätzen lässt und sich der technologische Fortschritt einer zeitlichen Entwertung dieser Medienträger ständig weiter beschleunigt. Auf welchen Geräten will man heute LTO1-Bänder noch abspielen? — Wie groß ist die Gerätebasis für LTO3- und LTO4-Bänder wirklich? Wie schon bei der April-Tagung des HDF in Stuttgart festgestellt: die reine Auslagerung von Daten in Massenspeicher-Zentren löst das Problem nicht; eher schiebt eine solche Entscheidung das Medienträger-Problem lediglich aus den eigenen Problembewußtseins-Horizont hinaus.
Dabei ist der AG Medien beim Nestor Kompetenznetzwerk und den Verwantwortungsträgern seitens der SDK ein großes Lob auszusprechen, dass zwei mit einander konkurrierende Systeme bei der Speicherung von Informationen in Silberschichten auf Filmträger sich im Vortragsablauf der Tagung vorstellen konnten.
Es war dies zum einen die Darstellung von Harald Schernthaner als Leiter der "Digital Intermediate" Abteilung bei Arnold & Richter (ARRI) aus München zum Thema "Color Separation Master", als durch einen ARRI-Laserbelichter auf Kodak 2238 35-mm-Intermediatematerial analog auf Film ausbelichteter, sequenzieller RBG-Auszug. Das von ARRI propagierte Gesamtsystem kommt, wie man es bei ARRI-Produkten gewohnt ist, ziemlich schick daher; die ausbelichteten RGB-sw-Bilder werden in einen "Separation Master Envelope" verpackt, d.h. die notwendigen Metadaten wie Timecode, Farblayer, Bildnummer etc. sind mit anderen Qualitätsparametern wie "Frame" und "Passer" in Klarschrift um die Bilder herum mit ausbelichtet. Es ist Harald Schernthaner sehr zu Gute zu halten, dass er als Einziger auf der Tagung nicht nur Ross und Reiter bennannte, sondern auch einen Preis zu Protokoll gab: 90 Min. Bewegtbild sind bei ARRI als "SW Separation Master" für € 50.000,- zu haben.
Neben dem exorbitant hohen Preis von mehr 500 Euro pro Spielminute, scheint mir das im Bildbereich ausgereifte ARRI-Separation-System — das ja das analoge, subtraktive YCM-Separation-Master des Kopierwerks durch das farbauszügige Konvertieren des additiven Farbraums des Digital Intermediates der Postproduction auf RGB-Schwarzweißfilm ersetzen will — an einem entscheidenden Denkfehler zu kranken: Der Ton wurde außen vor gelassen, man könne ja ein Lichtton-Negativ zusätzlich einlagern, hieß es. Dabei wäre man dann bei einem 90-Minüter bei mindestens 20 Filmrollen @ 600 Meter und hat neben dem physischen Materialaufwand auch die Last der klimagerechten Langzeit-Einlagerung von gut 100 KG zusätzlichem Material.
Demgegenüber vertrat Christoph Voges vom Institut für Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Braunschweig eine geradezu revolutionären Neuansatz, wenn am Braunschweiger Institut derzeit daran geforscht wird, wie man Digitaldaten am Besten als Bit-Pixel auf Mikrofilm speichern und wieder auslesen kann. Es handelt sich im Grunde hierbei um das gleiche Prinzip wie bei "Dolby Digital", wo die Bit-Pixel zwischen die Perforationslöcher belichtet wurden, nur dass eben hier unperforiertes Material über die fast gesamte Filmbreite in High Density ausgenutzt wird.
Christoph Voges hatte seinen Ansatz ja bereits schon einmal in einem Vortrag und in einigen Veröffentlichungen publiziert. Doch erst jetzt, im direkten Vergleich mit dem traditionellen ARRI-Ansatz wird das revolutionäre Potential deutlich. Bei einer angestrebten Speicherdichte von 250 MegaByte pro Meter 35-mm-Mikrofilm ohne Perforation bedeutete dies bei einer Rollenlänge von 600 Metern eine Kapazität von rund 150 GigaByte. Das ist genug, um einen 90-minütigen Spielfilm mit einer sanften Datenreduktion im Codec JPEG2000 (also rund 1 : 10) mit Tonspur auf eine einzige Digitale Mikrofilmrolle zu bringen und langzeit zu speichern. Mikrofilm war stets dafür bekannt, rund um den Faktor 3 preiswerter als Kinefilm-Negativ- bzw. -Intermediatematerial zu sein. Obwohl die Kodak AG in Stuttgart auch auf mehrfache Nachfrage den Meterpreis des Kodak SW-Separation-Flms 2236 nicht veröffentlicht und nur an Kopierwerke abgibt, kann man der US-Gesamtpreisliste 2009 von Eastman Kodak entnehmen, dass der Listenpreis für eine 610-Meter-Rolle des 2236-Materials US$ 753,15 beträgt. Bei einer Gesamtmenge von 7.500 Metern für ein Separation-Master von 90-Minuten Laufzeit kommt man auf fast 10.000 US$ alleine an Materialkosten.
Demgegenüber kosten zwei 300-Meter-Rollen laserbelichtbarer Mikrofilm derzeit rund 200 € netto an Materialkosten, jeweils ohne Entwicklung. Im Vergleich spricht dies für eine kostenseitige Materialersparnis von rund 97 % und man hat auf dem Mikrofilm auch den Ton mit drauf.
Natürlich kostet ein geeigneter Laserbelichter für dieses noch im Forschungsstatus befindliche Digi-Mikrofilm-Projekt auch seine rund € 400.000,-. So eine Maschine will, wie ein ARRI-Laser eben auch, ausgelastet sein. Bei einer fünfjährigen Abschreibungszeit (bedingt durch den technischen Fortschritt), sind die € 400.000 Investionsvolumen auf rund 1.500 Arbeitstage umzurechnen, was einem Maschineneinsatz von rund 300 € pro Arbeitstag entspricht.
Ein Preis in Höhe von € 50.000 ist für am Thema Langzeitarchivierung unsensiblisierte, zentraleuropäische Filmproduzenten genau so wenig vermittelbar wie den Etats von Filmarchiven und unabhängigen Filmemachern. Gehe ich von mir selber aus, würde ich nur zu gerne meine dokumentarischen Videoproduktionen aus rund 25 Jahren auf digitalen Film umspielen. Da es sich dabei um Archivproduktionen maximal in Standard-Definition-Auflösung handelt, hielte ich hingegen folgende Mikroverfilmungspreise bei 250 MegaByte/Meter Speicherdichte für realistisch und am Markt auch für kleine, unabhängige Dokumentarfilmproduzenten attraktiv:
5 GB / 1 DVD = 20 Meter Digi-Mikrofilm @ € 10 = € 200
20 GB / 1 BR-D / 90 Min DV25/HDV = 80 Meter Digi-Mikrofilm @ 7 = € 560
40 GB / 1 BR-D DL / 90 Min DVCP50/IMX50/MP2-50 = 160 Meter Digi-Mikrofilm @ 6 = € 960
80 GB / 90 Min DVCP-HD100 = 320 Meter Digi-Mikrofilm @ 5,50 = € 1.760
150 GB / 90 Min 2K/JPEG2000 1:10 = 600 Meter Digi-Mikrofilm @ € 5 = € 3.000
Das dürften zudem in etwa die Preise sein, die Postproduktionsbuden derzeit für die Umspielung von DPX-Dateien auf Magnetband-basierte Datenstreamerformate verlangen.
Langzeitarchivierung auf Film darf demgegenüber nicht teurer sein.
Hinzu kommt noch ein weiterer Faktor, an den bis jetzt wohl noch kaum einer denkt. Der Silberpreis lag heute bei US$ 15,79 pro Unze. Kommt es zu einem Währungsflächenbrand (den eigentlich alle vernünftigen Prognostiker für die nächsten 36 Monate vorhersagen), dürfte es weder bei den genannten Preisen, noch bei diesem Silberkurs bleiben. Wenn Silber nicht mehr 15 Dollar pro 31 Gramm kostet, sondern 150 oder 1.500 oder 15.000 Dollar, macht es einen großen Unterschied, ob man 10.000 Meter Silber-Film-Material verbraucht, oder nur 600! Damit will ich ausdrücken, dass man unter Ressourcenbewußtsein sich so einen Luxus an Materialverschwendung wohl bald auch dann nicht mehr leisten können will, selbst wenn man es sich noch leisten kann.
Die spannende Frage, wie man die Laboranordnung aus Braunschweig in die richtige Welt des Marktes bekommen könnte, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen:
Zum einen gibt es derzeit kein kommerzielles Playerprodukt, der bezüglich des Anschaffungspreises nicht mehr kosten dürfte, als die seit 30 Jahren bekannten Video-Player verschiedener und damals aktueller Videoformte von Sony: also nicht mehr also als € 30.000. Sinnvoll wäre sicherlich eine Desktop-Variante, die vielleicht nicht ultra-schnell den Mikrofilm wieder einliest, aber eben auch auf dem Schreibtisch eines Filmproduzenten sinnlich den Datenrecovery jeden Tag aufs Neue nachvollziehen lässt; dafür könnten Formfaktoren wie Flashfilmscanner oder TK35 oder 16-mm-Projektoren Pate stehen. Ebenfalls mir unbekannt ist die Vorbelastung durch Patente anderer Forscher, Patentansprüche der derzeitigen Forscher, also die Frage, wie offen und Open Source ein solches System wäre. Gäbe es einen handwerklichen Wettlauf um in Manufakturgröße herstellbare Player, wäre in der Tat bis auf Weiteres das Ei des Kolumbus für die Langzeitarchivierung von Daten gefunden.
Großer Vorteil ist mithin, dass es zwar nur einen Rohfilm-Hersteller des Filmtyps "2236" gibt, Mikrofilme jedoch nicht nur von Kodak, sondern auch von anderen Herstellern wie Ilford, Agfa und ORWO entwickelt, hergestellt und vertreiben werden.
Mit scheint die ganze Angelegenheit des Braunschweiger Vorschlags höchst interessant zu sein; inwieweit ein solches System betriebssicher und idiotentauglich Daten auch wieder zurück in Rechnersysteme bringen kann, müssten praktische Feldversuche zeigen.
Im Zuge des im Aufbau und Planung befindlichen Kinomuseums Berlin würde ich sehr dafür plädieren, gerade im Bereich des AV-Wesens praxisbezogen Hilfestellung für Testumgebungen und praktische Erprobungen zu leisten. Die Idee ist bestechend in ihrer Rekombination von High Tech und Low Tech.
Auf die Frage eines Filmarchivars bei der Tagung, wo denn die Schnittstelle zum Filmgewerbe sei, darf man im technischen Stand von heute getrost antworten: Wahlweise USB2, Firewire 400/800 oder gleich USB3 und FiberOptik.
Überhaupt kann ich die abwehrende Haltung in der Diskussion nach der Vorstellung des Braunschweiger Systems bei der Tagung nicht nachvollziehen: Die Vorstellung, als Archivar mit seinen Bleicontainern aus Mikrofilmen in den Oberrieder Barbarastollen in der Nähe von Freiburg im Breisgau als zentralem Bergungsort der BRD verfrachtet zu werden, scheint keine sehr attraktive Vorstellung für heutige Filmarchivare zu sein. Gerade von Seiten der SDK hat man sich auch bei dieser Tagung sehr darüber beklagt, als gleichwertiger Kooperationspartner von heutigen Filmproduktionsfirmen mit ihren digitalen Workflows als 'Filmdosensammler' nicht ernst genommen zu werden, man fürchtet, "30 Jahre hinterher zu hängen" und wieder "nur die Krümel abzubekommen".
Mir scheint also die Frage der Langzeitarchivierung eher eine Haltungsfrage und eine Frage der ethischen Einstellung des damit befassten Personals zu sein. Der Wunsch des Filmarchivars, mit dem Sektglas in der Hand auf dem Premierenempfang des Filmproduzenten gleich wichtig genommen zu werden, scheint mir doch eher ein grundlegend an den Verhältnissen frustriertes und unerfülltes Anerkennungsbedürfnis auszudrücken. Dass man in einem Filmarchiv inzwischen digitale Informationstechnologie auch zu etwas anderem als dem täglichen Briefverkehr und der Abspeicherung von Korrespondenz verwenden kann, dürfte inzwischen doch zu einer Binsenweisheit verkommen zu sein. Es ist zudem keine Schande, auch in einem High-Tech-Gebäude mit einer Filmdose unter dem Arm gesehen zu werden.
Nein, die Nähe zum Sektglas auf dem Premierenempfang ist die falsche Entwicklungsrichtung. Archivwesen, gerade wo es um Langzeiterhalt geht, stand dem klösterlich abgeschiedenen Eremitendasein über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, stets viel näher als repräsenative Großmannssucht in zentraler Hauptstadtlage. Das Kölner Stadtarchiv ist im Übrigen zur Zeit sehr froh darüber, dass wohl rund ein Drittel seiner Bestände in den Bleicontainern des abgeschiedenen Barbarastollens relativ simpel und sicher geborgen werden kann.
Links:
www.langzeitarchivierung.de
http://www.ifn.ing.tu-bs.de/de/sp/voges/
http://www.arri.de/film_tv_services/our_services/digital_intermediate.html
ATRIUM
Das Sensationelle am Ergebnis der Tagung "Film digital — Aspekte langfristiger Informationssicherung", die am Mittwoch, dem 27. Mai 2009, von der Arbeitsgruppe Medien des Nestor Kompetenznetzwerks Langzeitarchivierung in den Räumen der Stiftung Deutsche Kinemathek — Museum für Film und Fernsehen in Berlin veranstaltet wurde, waren weniger die sich wiederholenden Kurzvorträge zu den technischen Grundlagen der Quantifizierung von audio-visueller Bewegtbildinformation. Denn in diesen technischen Einführungsvortägen wurden ständig Videobandformate, Digital-Codecs, Datenraten, Dateiensysteme, Kompressions- und Reduktionsverhältnisse und Streamerstandards entweder miteinander verwechselt oder gleich synonym gestellt, bis man schließlich gleich selbst an "Invormationsverluste" (sic!) innerhalb der Tagung glaubte, so die Überschrift eines PowerPoint-Charts der Vortragenden. Bei diesen Ungereimtheiten von Verantwortungsträgern, Praktikern und Forschern fühlte ich mich beständig an die Frühtage der Einführung des Internets in Deutschland, an die Mitte der 1990er-Jahre erinnert. Das dies unter Fachleuten heute noch, 15 Jahr später, passiert, bleibt mir ein Rätsel.
Der große Hit der sehr gut mit über 100 Besuchern besuchten Tagung waren auch nicht die ewig wiederkehrenden und sich ständig in ihrer Struktur wiederholenden "Workflow-Charts", die einer endlosen Workflow-Orgie glich, bei der anscheinend die Substanz der Medienträger durch die virtuelle Substanz des Gehirnschmalzes ersetzt wurde. Und auch keine Sensation war es, wenn so genannte Datenbank-orientierte "Content Management Systeme" um automatisierte Encodierungsroutinen von Forschungsinstituten als Projektentwurf erweitert werden (wieder mit Workflow-Darstellung) und als neuer Stein der Weisen dem interessierten Publikum angedient werden sollen.
Die Sensation der Tagung war allerdings die Erkenntnis, dass bis auf Weiteres zu einer Informationsspeicherung mittels zu Silber reduziertem Silberhalogenid-Material auf Filmträger es derzeit keine Alternative gibt, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass sich die Haltbarkeit von Festplatten und Feststoffplatten sowie von Datenstreamter-Bandformaten in keinster Weise abschätzen lässt und sich der technologische Fortschritt einer zeitlichen Entwertung dieser Medienträger ständig weiter beschleunigt. Auf welchen Geräten will man heute LTO1-Bänder noch abspielen? — Wie groß ist die Gerätebasis für LTO3- und LTO4-Bänder wirklich? Wie schon bei der April-Tagung des HDF in Stuttgart festgestellt: die reine Auslagerung von Daten in Massenspeicher-Zentren löst das Problem nicht; eher schiebt eine solche Entscheidung das Medienträger-Problem lediglich aus den eigenen Problembewußtseins-Horizont hinaus.
Dabei ist der AG Medien beim Nestor Kompetenznetzwerk und den Verwantwortungsträgern seitens der SDK ein großes Lob auszusprechen, dass zwei mit einander konkurrierende Systeme bei der Speicherung von Informationen in Silberschichten auf Filmträger sich im Vortragsablauf der Tagung vorstellen konnten.
Es war dies zum einen die Darstellung von Harald Schernthaner als Leiter der "Digital Intermediate" Abteilung bei Arnold & Richter (ARRI) aus München zum Thema "Color Separation Master", als durch einen ARRI-Laserbelichter auf Kodak 2238 35-mm-Intermediatematerial analog auf Film ausbelichteter, sequenzieller RBG-Auszug. Das von ARRI propagierte Gesamtsystem kommt, wie man es bei ARRI-Produkten gewohnt ist, ziemlich schick daher; die ausbelichteten RGB-sw-Bilder werden in einen "Separation Master Envelope" verpackt, d.h. die notwendigen Metadaten wie Timecode, Farblayer, Bildnummer etc. sind mit anderen Qualitätsparametern wie "Frame" und "Passer" in Klarschrift um die Bilder herum mit ausbelichtet. Es ist Harald Schernthaner sehr zu Gute zu halten, dass er als Einziger auf der Tagung nicht nur Ross und Reiter bennannte, sondern auch einen Preis zu Protokoll gab: 90 Min. Bewegtbild sind bei ARRI als "SW Separation Master" für € 50.000,- zu haben.
Neben dem exorbitant hohen Preis von mehr 500 Euro pro Spielminute, scheint mir das im Bildbereich ausgereifte ARRI-Separation-System — das ja das analoge, subtraktive YCM-Separation-Master des Kopierwerks durch das farbauszügige Konvertieren des additiven Farbraums des Digital Intermediates der Postproduction auf RGB-Schwarzweißfilm ersetzen will — an einem entscheidenden Denkfehler zu kranken: Der Ton wurde außen vor gelassen, man könne ja ein Lichtton-Negativ zusätzlich einlagern, hieß es. Dabei wäre man dann bei einem 90-Minüter bei mindestens 20 Filmrollen @ 600 Meter und hat neben dem physischen Materialaufwand auch die Last der klimagerechten Langzeit-Einlagerung von gut 100 KG zusätzlichem Material.
Demgegenüber vertrat Christoph Voges vom Institut für Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Braunschweig eine geradezu revolutionären Neuansatz, wenn am Braunschweiger Institut derzeit daran geforscht wird, wie man Digitaldaten am Besten als Bit-Pixel auf Mikrofilm speichern und wieder auslesen kann. Es handelt sich im Grunde hierbei um das gleiche Prinzip wie bei "Dolby Digital", wo die Bit-Pixel zwischen die Perforationslöcher belichtet wurden, nur dass eben hier unperforiertes Material über die fast gesamte Filmbreite in High Density ausgenutzt wird.
Christoph Voges hatte seinen Ansatz ja bereits schon einmal in einem Vortrag und in einigen Veröffentlichungen publiziert. Doch erst jetzt, im direkten Vergleich mit dem traditionellen ARRI-Ansatz wird das revolutionäre Potential deutlich. Bei einer angestrebten Speicherdichte von 250 MegaByte pro Meter 35-mm-Mikrofilm ohne Perforation bedeutete dies bei einer Rollenlänge von 600 Metern eine Kapazität von rund 150 GigaByte. Das ist genug, um einen 90-minütigen Spielfilm mit einer sanften Datenreduktion im Codec JPEG2000 (also rund 1 : 10) mit Tonspur auf eine einzige Digitale Mikrofilmrolle zu bringen und langzeit zu speichern. Mikrofilm war stets dafür bekannt, rund um den Faktor 3 preiswerter als Kinefilm-Negativ- bzw. -Intermediatematerial zu sein. Obwohl die Kodak AG in Stuttgart auch auf mehrfache Nachfrage den Meterpreis des Kodak SW-Separation-Flms 2236 nicht veröffentlicht und nur an Kopierwerke abgibt, kann man der US-Gesamtpreisliste 2009 von Eastman Kodak entnehmen, dass der Listenpreis für eine 610-Meter-Rolle des 2236-Materials US$ 753,15 beträgt. Bei einer Gesamtmenge von 7.500 Metern für ein Separation-Master von 90-Minuten Laufzeit kommt man auf fast 10.000 US$ alleine an Materialkosten.
Demgegenüber kosten zwei 300-Meter-Rollen laserbelichtbarer Mikrofilm derzeit rund 200 € netto an Materialkosten, jeweils ohne Entwicklung. Im Vergleich spricht dies für eine kostenseitige Materialersparnis von rund 97 % und man hat auf dem Mikrofilm auch den Ton mit drauf.
Natürlich kostet ein geeigneter Laserbelichter für dieses noch im Forschungsstatus befindliche Digi-Mikrofilm-Projekt auch seine rund € 400.000,-. So eine Maschine will, wie ein ARRI-Laser eben auch, ausgelastet sein. Bei einer fünfjährigen Abschreibungszeit (bedingt durch den technischen Fortschritt), sind die € 400.000 Investionsvolumen auf rund 1.500 Arbeitstage umzurechnen, was einem Maschineneinsatz von rund 300 € pro Arbeitstag entspricht.
Ein Preis in Höhe von € 50.000 ist für am Thema Langzeitarchivierung unsensiblisierte, zentraleuropäische Filmproduzenten genau so wenig vermittelbar wie den Etats von Filmarchiven und unabhängigen Filmemachern. Gehe ich von mir selber aus, würde ich nur zu gerne meine dokumentarischen Videoproduktionen aus rund 25 Jahren auf digitalen Film umspielen. Da es sich dabei um Archivproduktionen maximal in Standard-Definition-Auflösung handelt, hielte ich hingegen folgende Mikroverfilmungspreise bei 250 MegaByte/Meter Speicherdichte für realistisch und am Markt auch für kleine, unabhängige Dokumentarfilmproduzenten attraktiv:
5 GB / 1 DVD = 20 Meter Digi-Mikrofilm @ € 10 = € 200
20 GB / 1 BR-D / 90 Min DV25/HDV = 80 Meter Digi-Mikrofilm @ 7 = € 560
40 GB / 1 BR-D DL / 90 Min DVCP50/IMX50/MP2-50 = 160 Meter Digi-Mikrofilm @ 6 = € 960
80 GB / 90 Min DVCP-HD100 = 320 Meter Digi-Mikrofilm @ 5,50 = € 1.760
150 GB / 90 Min 2K/JPEG2000 1:10 = 600 Meter Digi-Mikrofilm @ € 5 = € 3.000
Das dürften zudem in etwa die Preise sein, die Postproduktionsbuden derzeit für die Umspielung von DPX-Dateien auf Magnetband-basierte Datenstreamerformate verlangen.
Langzeitarchivierung auf Film darf demgegenüber nicht teurer sein.
Hinzu kommt noch ein weiterer Faktor, an den bis jetzt wohl noch kaum einer denkt. Der Silberpreis lag heute bei US$ 15,79 pro Unze. Kommt es zu einem Währungsflächenbrand (den eigentlich alle vernünftigen Prognostiker für die nächsten 36 Monate vorhersagen), dürfte es weder bei den genannten Preisen, noch bei diesem Silberkurs bleiben. Wenn Silber nicht mehr 15 Dollar pro 31 Gramm kostet, sondern 150 oder 1.500 oder 15.000 Dollar, macht es einen großen Unterschied, ob man 10.000 Meter Silber-Film-Material verbraucht, oder nur 600! Damit will ich ausdrücken, dass man unter Ressourcenbewußtsein sich so einen Luxus an Materialverschwendung wohl bald auch dann nicht mehr leisten können will, selbst wenn man es sich noch leisten kann.
Die spannende Frage, wie man die Laboranordnung aus Braunschweig in die richtige Welt des Marktes bekommen könnte, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen:
Zum einen gibt es derzeit kein kommerzielles Playerprodukt, der bezüglich des Anschaffungspreises nicht mehr kosten dürfte, als die seit 30 Jahren bekannten Video-Player verschiedener und damals aktueller Videoformte von Sony: also nicht mehr also als € 30.000. Sinnvoll wäre sicherlich eine Desktop-Variante, die vielleicht nicht ultra-schnell den Mikrofilm wieder einliest, aber eben auch auf dem Schreibtisch eines Filmproduzenten sinnlich den Datenrecovery jeden Tag aufs Neue nachvollziehen lässt; dafür könnten Formfaktoren wie Flashfilmscanner oder TK35 oder 16-mm-Projektoren Pate stehen. Ebenfalls mir unbekannt ist die Vorbelastung durch Patente anderer Forscher, Patentansprüche der derzeitigen Forscher, also die Frage, wie offen und Open Source ein solches System wäre. Gäbe es einen handwerklichen Wettlauf um in Manufakturgröße herstellbare Player, wäre in der Tat bis auf Weiteres das Ei des Kolumbus für die Langzeitarchivierung von Daten gefunden.
Großer Vorteil ist mithin, dass es zwar nur einen Rohfilm-Hersteller des Filmtyps "2236" gibt, Mikrofilme jedoch nicht nur von Kodak, sondern auch von anderen Herstellern wie Ilford, Agfa und ORWO entwickelt, hergestellt und vertreiben werden.
Mit scheint die ganze Angelegenheit des Braunschweiger Vorschlags höchst interessant zu sein; inwieweit ein solches System betriebssicher und idiotentauglich Daten auch wieder zurück in Rechnersysteme bringen kann, müssten praktische Feldversuche zeigen.
Im Zuge des im Aufbau und Planung befindlichen Kinomuseums Berlin würde ich sehr dafür plädieren, gerade im Bereich des AV-Wesens praxisbezogen Hilfestellung für Testumgebungen und praktische Erprobungen zu leisten. Die Idee ist bestechend in ihrer Rekombination von High Tech und Low Tech.
Auf die Frage eines Filmarchivars bei der Tagung, wo denn die Schnittstelle zum Filmgewerbe sei, darf man im technischen Stand von heute getrost antworten: Wahlweise USB2, Firewire 400/800 oder gleich USB3 und FiberOptik.
Überhaupt kann ich die abwehrende Haltung in der Diskussion nach der Vorstellung des Braunschweiger Systems bei der Tagung nicht nachvollziehen: Die Vorstellung, als Archivar mit seinen Bleicontainern aus Mikrofilmen in den Oberrieder Barbarastollen in der Nähe von Freiburg im Breisgau als zentralem Bergungsort der BRD verfrachtet zu werden, scheint keine sehr attraktive Vorstellung für heutige Filmarchivare zu sein. Gerade von Seiten der SDK hat man sich auch bei dieser Tagung sehr darüber beklagt, als gleichwertiger Kooperationspartner von heutigen Filmproduktionsfirmen mit ihren digitalen Workflows als 'Filmdosensammler' nicht ernst genommen zu werden, man fürchtet, "30 Jahre hinterher zu hängen" und wieder "nur die Krümel abzubekommen".
Mir scheint also die Frage der Langzeitarchivierung eher eine Haltungsfrage und eine Frage der ethischen Einstellung des damit befassten Personals zu sein. Der Wunsch des Filmarchivars, mit dem Sektglas in der Hand auf dem Premierenempfang des Filmproduzenten gleich wichtig genommen zu werden, scheint mir doch eher ein grundlegend an den Verhältnissen frustriertes und unerfülltes Anerkennungsbedürfnis auszudrücken. Dass man in einem Filmarchiv inzwischen digitale Informationstechnologie auch zu etwas anderem als dem täglichen Briefverkehr und der Abspeicherung von Korrespondenz verwenden kann, dürfte inzwischen doch zu einer Binsenweisheit verkommen zu sein. Es ist zudem keine Schande, auch in einem High-Tech-Gebäude mit einer Filmdose unter dem Arm gesehen zu werden.
Nein, die Nähe zum Sektglas auf dem Premierenempfang ist die falsche Entwicklungsrichtung. Archivwesen, gerade wo es um Langzeiterhalt geht, stand dem klösterlich abgeschiedenen Eremitendasein über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, stets viel näher als repräsenative Großmannssucht in zentraler Hauptstadtlage. Das Kölner Stadtarchiv ist im Übrigen zur Zeit sehr froh darüber, dass wohl rund ein Drittel seiner Bestände in den Bleicontainern des abgeschiedenen Barbarastollens relativ simpel und sicher geborgen werden kann.
Links:
www.langzeitarchivierung.de
http://www.ifn.ing.tu-bs.de/de/sp/voges/
http://www.arri.de/film_tv_services/our_services/digital_intermediate.html
ATRIUM
Dienstag, 28. April 2009
Filmarchive in der digitalen Herausforderung
Tagungsbericht aus Stuttgart
von Joachim Polzer
Am 22. und 23. April fand im Stuttgarter Bildungszentrum Rotebühlplatz die Tagung "Ist der Dokumentarfilm noch zu retten? -- Digitale Herausforderungen seiner Archivierung" statt, die vom in Stuttgart ansässigen und SWR-nahen 'Haus des Dokumentarfilms' veranstaltet und unter wissenschaftlicher Leitung von Dr. Kay Hoffmann konzipiert wurde.
Dieser sehr informativen und durchaus kontrovers geführten Veranstaltung lag die Prämisse zugrunde, wonach Digitalisierung und Digitale Kultur die Film- und Fernseharchive vor grundsätzliche und gänzlich neue Herausforderungen stellt: Sollen die Archive in erster Linie bewahren und langfristig für die Zukunft sichern? Welche Rolle spielt dabei die digitale Technik? -- Oder sollen die Archive die Filme bedingt durch die neuen technischen Möglichkeiten und Optionen vor allem wieder und neu zugänglich machen? Wie sollen die Archive des Weiteren mit der Vielzahl von sich ständig ablösenden und noch schneller obsolet werdenden Speicherstandards, Speichermedien und Aufzeichnungs-Codecs umgehen?
Im Rahmen einer ersten Bestandsaufnahme brachte es Michael Loebenstein aus Wien gleich knackig auf den Punkt: Zur Digitalisierung können Archive sich nur stellen, wenn sie eine klare Vorstellung davon haben, mit welcher Art von Kulturgut sie umgehen. Handelt es sich also bei den in Archiven eingelagerten Archivalien also um Film als Archivgut im Sinne des Langzeiterhalts? Oder sehen die Archive ihre Bestände eher als eine Art Konsumgut an und steigen bei dieser Haltung mit ihren Beständen ins Geschäft der Stock Footage Sales Agenturen einschließlich dem dazu gehörigen Rechtehandel ein? Oder sehen die Archivmanager ihre eingelagerten Filmwerke eher als ein Gemeingut an, welches als Dienst an der Kultur möglichst frei und offen zugänglich gemacht und gehalten werden sollte.
Michael Loebenstein warnt hierbei vor einer "Amazonisierung des filmischen Erbes" und einer modischen Strategie des "Alles Online", was letztlich nur dazu führt, dass der selbige Content ständig in neuer Aufmachung kanonisiert wird. Loebenstein, der nach Erfahrungen beim Österreichischen Filmmuseum nunmehr beim Wiener Ludig Boltzmann Institut als Kurator und Filmhistoriker arbeitet und durch die englischsprachige Buchpublikation "Film Curatorship. Archives, Museum and the Digital Marketplace" bekannt geworden ist, rät dringend zu einem Bekenntnis zur Lücke und zum Fragmentarischen bei der Filmarchiv-Arbeit des Suchens und Findens: Eine zu starke Vermarktungslogik widerspricht für ihn dem konservatorischen Ethos.
Karin Kühn, Referatsleiterin für Dokumentarfilm beim Bundesarchiv/Filmarchiv gab einen Überblick über die Bestände und Einlagerungsmodalitäten beim BA/FA, wonach dort rund 150.000 Filmwerke bis jetzt eingelagert sind, davon alleine 120.000 Werke im Bereich der Dokumentarischen und der Wochenschau. Dies führt zu einem Gesamtbestand von rund 1.000.000 Filmrollen und neuerdings auch 7.000 digitalen Trägern. Der Bestand wächst dort um rund 500 Filmwerke bei 12.000 Filmrollen jährlich. An digitalen Trägern akzeptiert das BA/FA die Videoformat-Standards Digital Betacam, IMX und HDCAM SR. Um eine mittelfristige Abspielmöglichkeit zu sichern, werden keine digitalen Gebinde auf Festplatten akzeptiert. Allerdings wird von einem Langzeiterhalt bzw. bei einer Langzeitarchivierung nach wie vor nur bei photochemischem Filmmaterial ausgegangen, wobei aus Kostengründen von digital eingelagerten Videoformaten kein "Sicherheitspaket" auf Filmmaterial erzeugt wird. Die derzeitigen digitalen Restaurationsprojekte, die bislang beim BA/FA durch Outsourcing eingekauft werden, dienen der Erfahrungsammlung in den entsprechenden Abteilungen; der Aufbau eigener digitalen Abteilungen ist in Vorbereitung. Allerdings hat man den Eindruck, dass sich das BA/FA mit der nötigen reflektiven Distanz zur gegenwärtigen digitalen Aufgeregtheit verhält, einfach auch, um nicht irgendwelchem Modetrends mit Sackgasse zu folgen, sondern Entscheidungen überlegt zu treffen.
Gegenüber diesen beiden eher konservativen Einstellungen ging Daniel Meiller als 'Technischer Leiter der Filmabteilung' bei der "Stiftung Deutsche Kinemathek/Museum für Film und Fernsehen" (SDK) eher in die technologische Offensive, wenn er vom einem Paradigmenwechsel für das Archivwesen durch die Digitalisierung spricht. Wenn Meiller nun also die grundsätzliche Digitalisierung der Archive einfordert, dann sind zwar noch Lippenbekenntnisse eines Bestandschutzes der weiteren Pflege analoger Bestände von Fimoriginalen und -kopien zu hören, man gewinnt aber schnell den Eindruck, dass sich Loebensteins Klassifizierung von Archivgut im Hause der SDK eher in Richtung 'Konsumgut' bereits verlagert hat. Meiller begründet seine Forderung einer Digitalisierung bei den Filmarchiven mit drei grundlegenden Neuerungen: nämlich neuen digitalen Produktionszusammenhängen, neuen Distributionswegen und neuen Zugangsmöglichkeiten. Im Zuge einer Bestandssicherung des Bisherigen ist man nach Meiller im Hause SDK dabei, analoge Bestände auf Filmträger sukzessive zu digitalisieren, wobei man hier wiederum den Eindruck gewinnt, dass die Umstellung auf digitale Medienträger für die Vermietvorgänge von Archivalien nach Außen der eigentliche Motor ist und sich Fragen der digitalen Archivierung erst als eine Art Nebenschauplatz stellen: die Frage der Archivierung der Digisate bzw. Digitalisate steht damit hinter der Primat der Verwertungslogik an. Des Weiteren bereitet sich die SDK auf die Aufnahme und Einlagerung von Werken in digitaler Form vor. Wie sehr die SDK von Loebensteins Forderung, einer "Amazonisierung des Filmarchivwesens" zu widerstehen, entfernt ist, zeigt die dritte Säule der Digitalisierungsprojekte im Hause SDK, wenn eine Online-Präsentation der digitalisierten Archivbestände angestrebt ist. Hierauf stellt sich natürlich die Frage, wem die SDK hier eigentlich Konkurrenz machen möchte, wenn ein Archivhybrid als Filmvertrieb sich mit einer Vermarktungsplattform online stellen möchte.
Wichtig bleibt hier zunächst festzuhalten, dass zumindest bei den auf dieser Tagung präsentierten Vorträgen seitens der SDK anscheinend nicht mehr von einem Langzeiterhalt auf Filmträger bzw. dessen als Primat ausgegangen wird, geschweige denn dafür gesorgt werden soll, digitale Einlagerungen für einen Langzeiterhalt auf Filmträger umzuspielen. Wenn dem faktisch nicht so sein sollte, dann wurden bei dieser Tagung die falschen Delegierten seitens der SDK entsandt bzw. die falschen Themen priorisiert. Schließlich war sich Karl Griep als Leiter des Bundesarchiv/Filmarchivs auch nicht zu schade, den weiten Weg nach Stuttgart auf sich zu nehmen.
Daniel Meiller als Technischer Leiter der Filmabteilung der Berliner SDK ging aber noch weiter, wenn er prognostizierte, dass das Prinzip der Selektion, einst das konstitutierende Element des Archivwesens, auch im Filmarchivbereich durch die Digitalisierung in Frage gestellt wird.
Insgesamt führt die digitale Herausforderung für das Archivwesen im Bewegtbildbereich nach Meiller zum Berufsprofil eines "Digitalen Super-Archivars", denn dieser muß zwei gegenläufige Trajekte beherrschen: Einerseits muß eine authentische Repräsentation von historischen und analogen Bild-, Ton- und Farbverfahren einschließlich ihres Farbraums, ihrer Farbcharakterisik bzw. monochromen Modulationsverhalten nach der digitalen Quantifizierung gewährleistet sein. Der "Digitale Super-Archivar" muß also statt weniger nunmehr ein Mehr an Verständnis für die analoge Filmtechnikgeschichte aufbringen können inklusive einem Verständnis längst obsoleter Filmtechniken. Andererseits müssen von diesem Digitalen Super-Archivar die obsoleten und analogen Video-, Ton- und Filmformate kontinuierlich durch ständig neue digitale Formate und Standards repräsentiert werden, was ein ständiges "Am-Ball-Bleiben" in Sachen Codecs, Kompressionsformate, Samplingstandards, Container-Normen, IT-Betriebsysteme, Speichertechnolgien und Daten-Netzwerktechnik etc. erfordert. Es ist nach Meiller sehr gut möglich, dass ein solches Anforderungsprofil nur durch einen Verbund an Spezialisten zu leisten sein wird, was aber wiederum einer projektbezogen arbeitenden Outsource-Mentalität zuarbeitet, statt dass dieses Know-How in Form eines Kompetenzzentrums im eigenen Hause angereichert wird.
Der vierte Teilnehmer der Tagungs-Eröffnungsrunde, Dokumentarfilmer Thorsten Jess, zeigte sich zunächst etwas amüsiert über diesen grundlegenden Paradigmenwechsel im Hause der SDK, wenn aus einem "Erwählungsarchiv", bei der bislang einzelne Filmkünstler durch kuratorische Auserwählung die Ehre einer Adelung zur Filmkunst erfuhren, nunmehr ein Art von Archiv geworden sein soll, das seinen Input gar nicht mehr zu selektieren im Stande sein soll. Jess stellte die berechtigte Forderung nach einer Honorarbeteiligung an Online-Verwertungsketten auch bei Archiven in den Fordergrund und beklagte das Normenchaos und die Kurzlebigkeit der digitalen Medienträger. Als besonders verwerflich brandmarkte Jess die immer mehr um sich greifende Unart des optischen "Watermarking", bei dem Archive auf Kosten von Kompilationswerken durch Branding mehr als einen Herkunftsnachweis einfordern. Kompilationsfilme, die auf Archivmaterialien angewiesen sind, werden auf diese Weise zur Dauerwerbesendung für die materialgebenden Archive und ästhetisch zu Weihnachtsbäumen mit in jeder Ecke abwechselnd leuchtenden Wunderkerzen. Anscheinend stecken auch bei den betroffenen Archiven die Überlegungen zum signalmodulierten und damit optisch versteckten Watermarking noch in den Kinderschuhen.
In der zweiten Veranstaltungsrunde der Tagung kam es zu einer Diskussion zum Thema "Zwischen Bewahren und Vermarkten" zwischen Karl Griep, dem Leiter des Filmarchivs im Bundesarchiv, Dr. Tankred Howe, dem neuen Geschäftsführer der Deutschen Wochenschau GmbH und Thomas Frickel, dem Vorsitzenden der AG DOK. Dabei war zunächst festzustellen, dass die Anzahl der an der Tagung teilnehmenden Dokumentarfilmer zu wünschen übrig ließ. Einerseits arbeiten die Dokumentarfilmer in ihrem Selbstverständnis natürlich für die Ewigkeit, andererseits aber, wenn es darauf ankommt, sich wie bei dieser Tagung Gedanken darüber zu machen, wie sehr Fragen der Archivierung im Zeitalter der Digitalisierung bereits ins Produktionsgeschäft Einfluss nehmen, durch überwiegende Abwesenheit zu glänzen. Die Konfliktlinie zwischen den Filmproduzenten und den Archivaren hat der Moderator und Geschäftsführer des HDF, Wilhelm Reschl, am besten auf den Punkt gebracht: "Filmemacher möchten ihre Filme möglichst teuer verkaufen und Klammermaterial möglichst billig oder umsonst einkaufen." Natürlich war in dieser Diskussionsrunde seitens der AG DOK wieder zu hören, dass der deutsche Staat über Bundesarchiv und lizensierender Transit-Film mit Naziwochenschauen Geld verdient. Cay Wesnigk von der AG DOK hatte dies einmal so formuliert: "Raubgold aus dem Filmarchiv." Natürlich müssen auch Filmarchive wirtschaften. Der durchschnitttliche Minutenpreis für Nutzungsrechte an Klammermaterial aus Archiven wurde von Frickel auf 800 bis 1.200 EURO beziffert. Karl Griep bezifferte den Finanzbedarf für eine Gesamtdigitalisierung der Bestände des BA/FA auf rund 50 Millionen EURO und ist für Vorschläge zur Drittmittelförderung eines solchen Projektes offen. Eine Gesamtdigitalisierung der Bestände des BA/FA würde zu einer wesentlichen Erleichterung und Beschleunigung bei Recherchen in der Nutzbarmachung der Bestände führen, zumal auch die schichtweise gewachsenen Findsysteme aus rund 70 Jahren damit vereinheitlicht werden könnten. Streitpunkt der Diskussionsrunde war im Übrigen das neue Archivgesetz für Deutschland, dass die Pflichtabgaben auch im Filmbereich für nicht-geförderte Filmwerke regelt. Frickel forderte eine Kostenübernahme für die Pflichtabgabe, gerade dann, wenn die Wahl des Ablieferungs-Formats nicht freigestellt wird.
Glanzpunkt dieser Diskussionsrunde war ein Betrag von Gerhild Krebs vom "Filmarchiv für das Saarland", das als Archiv und eingetragener Verein mit einem Bestand von derzeit 1.000 Filmrollen seit Jahren um eine öffentliche Anerkennung als Filmarchiv kämpft. Das Saarland hat durch seine wechselvolle Geschichte zwischen Frankreich und dem deutschen Kulturraum besondere Priorität bei der filmkuratorischen Erhaltung von Bewegtbilddokumenten, zumal ja auch der einst bekannteste Dachdeckermeister Deutschlands stets sprachlich gerade eben aus dem Saarland gekommen schien.
Der Versuch, in den Zirkel des deutschen Kinemathekenverbundes aufgenommen zu werden, wurde von Hans-Helmut Prinzler seitens der Berliner SDK seinerzeit mit dem Argument abgelehnt, dass das "Filmarchiv für das Saarland" als "e.V." angeblich keine öffentliche Institution sei. Der Double Bind liegt nun darin begründet, dass das "Filmarchiv für das Saarland" keine Förderungen für den Ausbau zu einem anerkannten und "richtigen Filmarchiv" deshalb bekommen kann, weil es eben nicht offiziell als Filmarchiv anerkannt ist. Dies führt nach den Darstellungen von Gerhild Krebs nun zu einer grotesken Umkehrung der Arbeitsprioritäten bei aufkommenden Neuarchiven gerade mit regional-inhaltlichem Bezug. Statt im Arbeitsablauf die Reihenfolge "Archivieren -- Erschließen -- Digitalisieren -- Aufführen/Zeigen/Verwerten" einzuhalten, muß der Not der Lage gehorchend beim "Filmarchiv für das Saarland" nunmehr in der Reihenfolge "Aufführen/Zeigen/Verwerten -- Digitalisieren -- Erschließen -- Archivieren" gearbeitet werden. Mir scheint aus diesem Fall zweierlei ableitbar: erstens sollte man den deutschen Kinemathekenverbund grundsätzlich nach seiner Legitimität befragen, zweitens sollten die betroffenen Regional- und Sonderarchive im Bewegtbildbereich die Gründung eines Gegenverbandes, auch auf europäischer und internationaler Ebene, eruieren. Mir scheinen diese Schlussfolgerungen auch im Zuge der Gründungsüberlegungen zum Aufbau einer eigenen Sammlung für den Verein des neuen Kinomuseum Berlin sinnvoll zu sein.
Catherine Lacken vom Fernseharchiv des SWR und Joachim Seyther als Projektmanager der NDR-Mediathek trugen in einer weiteren Vortragsrunde die Strategien der Fernseharchive vor, wie sich der Spagat zwischen analoger Vergangenheit und digitaler Zukunft aus Sicht der Ö-R Fernsehanstalten darstellt. Catherine Lacken wagte dabei einen Husarenritt einer kursorischen Betrachtung von mehr als 55 Jahren technischer Fernsehgeschichte und machte dabei insbesondere auf die Gefahr aufmerksam, dass der Zugang zu Inhalten dann problematisch wird, wenn Abspielgeräte entweder nicht mehr vorhanden sind und zugleich das technische Know-How verschwindet, obsolete Technikstandards in Form von funktionierenden Geräten am Leben zu erhalten. Insgesamt war festzuhalten, dass aus archivarischer Sicht die betrieblichen Lebenszyklen bei digitalen Formaten erheblich kürzer anzusetzen sind und der ständige technische Wandel zu ständig neuen Berufsprofilen führt, denen nur mit einem "training on the job" begegnet werden könne. Catherine Lacken sieht im analogen Fernseharchivar ebenfalls ein Auslaufmodell und beklagt die aus archivarischer Sicht hohen Kosten der Formatintegration. Die Formatobsoleszenz bedeutet im Übrigen auch den schrittweisen Informationslust bei Kopiergenerationen, auch dann, wenn analoge Kopiervorgänge etwa durch digitale abgelöst werden, bleibt das neue Problem der digitalen Re-Encodierung mit Artefaktgefahr im Zuge der technischen Weiterentwicklung von Codecs und Algorhythmen. Abschließend verwies Catherine Lacken mit hübschem irischen Akzent auf das Problem der Systemsicherheit digitaler Massenspeicher-Systeme, gerade unter den Gesichtspunkten Havarie, Back-Ups und Fall-Backs.
Am zweiten Tagungstag standen sowohl die neue digitale Produktionstechnik und ihre archivarischen Auswirkungen wie auch die inzwischen zahlreichen Onlineprojekte von Filmarchiven im Mittelpunkt.
Zunächst gab der Dokumentarfilmer und -produzent Wolfgang Richter einen Praxisbericht zur neuen Welt des bandlosen Produzierens im Dokumentarfilmbereich und verwies dabei im geschichtlichen Extrembeispiel auf den Unterschied zwischen einem früheren Filmdokumentaristen, der mit einer ARRI IIC im 35-mm-Format, 3 Fixbrennweiten auf dem Revolver, schwerem Akku und 60-Meter-Kassetten mit zwei Minuten Laufzeit maximal pro Kassettenbestückung losgezogen war und heutigen, bandlosen Produktionsmitteln, bei denen man von einem "Dreh"-Verhältnis nunmehr genau so wenig mehr reden kann, wie auch bei Flash-Recordern im Audiobereich von einem Mit-"Schnitt". Diese neue bandlose und nicht mehr linear arbeitende Technik verändert das Arbeitshandwerk und damit auch die Inhalte. Als Beispiele für eine neue Konvergenz von Standbildfotografie und Kinematographie wurden von Richter sowohl HD-Aufzeichnungen einer CANON 5D MARK mit einer 24x36mm großen Sensorfläche vorgeführt, wie auch das künftige Produktportfolio aus dem Hause RED Cameras bis hin zur RED 617 bei 28.000 Pixeln Horizontalauflösung mit Bewegtbildoption. Aktuelle Neuankündigungen von der NAB 2009, die gerade in Las Vegas abgehalten wurde, wurden von Richter in seinen Vortrag bereits mit einbezogen, etwa der neue AVC-ULTRA-Codec von Panasonic, der erstmals auch 1080/50p mittels AVC Intraframe verarbeiten kann, wie auch jene Ankündigung von ARRI München, eine ARRI-16-SR-Adaption künftig mit 2K-"Kassette" digital anflanschen zu können. Konkrete Praxiserfahrungen berichtete Richter beim Einsatz eines P2-Workflows auf Maschinen von Panasonic.
Eine Vorstellung des Projektes "24 Stunden Berlin" des Regisseurs Volker Heise und des dabei angewandten bandlosen Workflows folgte im Anschluß durch Tobias Büchner von der zero one Filmproduktion aus Berlin: 400 Teammitglieder, 80 Kameras und 70 Regisseure produzierten am 5. September 2008 700 Stunden Rohmaterial in HD-Auflösung (1080 x 1920), das derzeit zu 24 Stunden TV-Programm montiert wird, um am 5. September 2009 via RBB und arte (sowie weiteren internationalen TV-Stationen) gesendet zu werden. Mit einer gesegneten Portion geschichtlichen Sendungsbewusstseins ist man bei diesem 1.440-minütigen Mammutprojekt am Werke. So ist es kein Wunder, dass die Berliner SDK als "Museum für Film und Fernsehen" dieses Fernsehereignis archivarisch betreuen möchte. Eine entsprechende Bemühung für eine Projektfinanzierung ist derzeit auf dem Weg. Jürger Keiper als für das Projekt zuständiger Projektleiter seitens der SDK referierte daher über das digitale Filmarchiv als ein Archiv neuen Typs, bei dem man von der Nachträglichkeit des Archivs gegenüber der vorangehenden und bereits abgeschlossenen Produktion wegkommen möchte und als gleichwertiger Produktionspartner gerne Ernst genommen werden möchte. Mit projektbezogenen Outsource-Bemühungen möchte man weg von "Inhouse Assets" im klassischen Sinne, sondern bedient sich auslagernder Dienstleister wie "Storage Providern". Aus dem Archivar der alten Schule wird ein "Risikomanager" ausgelagerter Inhalte, für den das Risikomanagement an die Stelle der Sicherung von auf Medienträger eingelagerten Beständen treten soll. Sobald Archivare also mit masselosen Digitalisaten umzugehen haben, verschwindet, wie man beim Beispiel "24 Stunden Berlin" ebenfalls sehr deutlich sehen kann, rapide das Bewusstsein für die materielle Dimension von Medienträgern. Elegant wie einst bei der New Economy wird argumentiert, dass ein professionelles, externes Datenzentrum dafür garantieren soll, dass der Langzeiterhalt der ausgelagerten Daten gesichert sei, wenigstens solange die Rechnungen aus dem zeitlich in seiner Laufzeit begrenzten Projektetat dort bezahlt werden. Selbst mit der Information, dass im Datenzentrum ein Magnetbandroboter den bandlosen Workflow spätestens ein Ende bereitet, möchte man nichts mehr zu tun haben, das sei einem egal, schließlich steht die bisherige Reputation des Datenzentrums bei der Datensicherheit auch aus dem Bankbereich dafür ein, gerade dann, wenn der Roboter selbsttätig erkennen könne, wann ein Band durch Verschleiß auszuwechseln sei. Wohl dem der in der Wirtschaftskrise darauf vertraut, dass sowohl das Internet nicht crasht, die letzten Magnetbandhersteller weiterhin Fresh Tape liefern können werden und bei einem Ausfall des globalen Zahlungsverkehrs durch die Einstellung von Rohöllieferungen es nicht zu Stromabschaltungen kommen wird. Da ist mir -- wenn es schon um externe Auslagerungen geht -- der Salzstock bei Freiburg einfach lieber und der lagert bekanntlich Mikrofilme ein. Ich hätte mir bei der Tagung gewünscht, dass auch Querdenker präsent gewesen wären, die für eine analoge Rückbelichtung digitaler Daten auf Mikrofilm plädiert hätten, verbunden mit der Fragestellung, ob die Erweiterung einer digitalen Ausbelichtung digitaler Daten (einschließlich Mischsystemen) auf Mikrofilm Fortschritte bringt. Dies hätte zumindest den entscheidenden Vorteil, dass keine weitere Energie in Form von Geräten und Betriebsspannung vorgehalten oder zugeführt werden muss und basiert damit auf Jahrtausende alter menschlicher Erfahrung, dass das Finden von Lesbarem jedes Bestreben von "Archivierung" locker um Jahrhunderte überdauert.
So erschienen aber bei der Tagung Outsourcing und serielle Akkumulierung von Projektfinanzierungen als alternativlose Lösung für das AV-Archiv der Zukunft. Und diese Selbstsicherheit halte ich für äußert trügerisch.
Die bislang ungelöste Medienträgerfrage für den Erhalt von digitalen Daten wird so, für einen Filmwissenschaftler eigentlich unwürdig, im öffentlichen Diskurs komplett verdrängt: "Es ist mir egal, auf was das Datenzentrum als externer Dienstleister speichert. Das Datenzentrum steht für die Sicherheit des Datenerhalts und des Datenzugriffs ein." Mit dieser Scheinsicherheit wird aber das grundsätzliche Problem des Langzeiterhalts als Problem der Haltbarkeit von digitalen Medienträgern nur mit quasi-schicken Projekten fürs Berichtsheft und des vorzulegenden Jahresbericht vertagt. So werden zwar ständig Konferenzen über "Langzeitarchivierung" und "Langzeitsicherung" im Filmarchivbereich abgehalten, letztlich werden aber in der überwiegenden Mehrzahl Projekte mit einer Laufzeit von 2 bis 5 Jahren finanziert, die zwar für 2 bis 10 Jahre Datenstorage mit evt. Webpräsenz extern einkaufen können, auf dass dann aber hoffentlich bald ein neues und mit öffentlichen Mitteln gefördertes Online-Einzelprojekt vom Grundproblem ablenken möge.
Hier liegt ein grundlegendes Systemproblem begründet, das dringend abgestellt werden sollte.
Etwas eleganter als mit einzelnen "Pfauenprojekten" täuscht über dieses Systemproblem einzelner, zeitlich beschränkter Projektfinanzierungen (conta Nachhaltigkeit) das filmportal.de des Deutschen Filminstituts in Frankfurt am Main (DIF) hinweg, wie man durch den Vortrag der Projektleiter David Kleingers und Georg Eckes erfahren konnte.
Beim filmportal.de geht es um eine möglichst vollständige, öffentlich publizierte deutsche Nationalfilmographie, die dort erhalten, gepflegt, ausgebaut und online zugänglich gehalten werden soll. filmportal.de als bio-filmographische Datenbank besitzt derzeit rund 70.000 Filmeinträge und Informationen zu etwa 145.000 deutschen Filmschaffenden einschließlich -- und das ist ein behauptetes Alleinstellungsmerkmal -- der Kostümbildner. Als Traffic wurden 30.000 Nutzer pro Tag referiert, was sich seit der Online-Stellung zu 12 Millionen Besuchern insgesamt addiert. Tiefeninformationen wie Inhaltsangaben und aktuelle Specials ergänzen das Angebot der Website.
Wortreich wird von den Referenten darauf verwiesen, dass die Datenbank auch gepflegt und weiterentwickelt werde und es entstand beim Zuhörer der Eindruck, dass es sich hier um eine komplette Datenbank-Selbstentwicklung in Eigenregie handelt. Das machte mich als Mitgründer der "Internet Movie Database Ltd. London" etwas stutzig, da ich aus meinem Insiderwissen mir zutraue, abschätzen zu können, was eine komplette Selbstentwicklung von eigener Datenbanksoftware in etwa bedeutet. So wurde mir auf Nachfrage schließlich zugegeben, dass hier eine ursprüngliche MySQL Applikation durch Zukauf von Außen auf eine proprietäre und kommerzielle ORACLE Datenbanklösung aufgrund der Traffic-Nachfrage umgestrickt wurde, die man lieber künftig auf PostgreSQL zu konvertieren gedenkt. Obwohl meine aktive Zeit bei der imdb.com inzwischen lange zurück liegt, schätze ich es bei Projektvorstellungen von Filmdatenbanken außerdem nicht sonderlich, wenn mit einem Stakkato von Superlativen verkäuferisch über Kulturprojekte referiert wird, wie man sicherlich nachvollziehen kann.
Im Zuge des Auslaufens öffentlicher Förderungen für das filmportal.de Projekt wurde nun zunächst der dort teilweise verdeckt gehaltene Datenstamm in das europäische MIDAS-Projekt überführt, um nunmehr rebrandet bei filmarchives-online.eu auch den Standort und die Spezifizierung des Medienträgerstandortes auszuweisen, der bei filmportal.de nicht-öffentlich geblieben war und ist. Bei filmarchivesonline.eu geht es um einen Verbundkatalog europäischer Filmbestände von insgesamt 17 Filmarchiven, die für 25.700 Filmtitel insgesamt 45.000 Filmkopien im 35-mm-Format bereitstellen können. filmarchivesonline.eu soll als eine Art Online-Vorabrecherche die eigentliche Archivrecherche vor Ort erleichtern. Was nicht explizit gesagt wurde, dürfte der Umstand sein, dass die Weiterpflege von filmportal.de als Datengrundlage für die anderen Aufbaumodule durch die nächstfolgenden Projektfinanzierungen gesichert werden dürfte. Manche böse Zungen sprechen hier von einem "Schneeball-System". Bevor man allerdings dabei an einen Herrn Madoff denkt, kann man dieses Modell natürlich auch als klevere Variante bezeichnen, die subversiv gegen einen Systemfehler anarbeitet.
Dritte Stufe der modulhaften Projektfinanzierung für das federführende DIF stellt das europeanfilmgateway.eu dar, das von 2008 bis 2011 mit insgesamt 4,5 Millionen Euro Förderetat bei 20 Partnern aus 14 Ländern im Sommer 2010 online starten soll. In einer für eine europäische Medienförderung typischen Weise soll das EFG die Aggregatorfunktion für die europeana.eu Onlinemediathek übernehmen, so wie das EU-geförderte EUScreen-Programm für den archivarischen Fernsehbereich.
Als Beispiel für die vielen "Webseiten-Leichen" jener einst von der EU mit Projektgeldern geförderten Medienprojekte im konversatorischen Bereich darf hier collate.de herhalten; was aus EU-TAPE wird, darf auch die Zukunft erst zeigen. Es kommen ständig neue dazu. Die Frage, ob auch lost-films.eu einmal in diese Kategorie fallen wird, verneinte Jürgen Keiper von der federführenden SDK in Berlin.Bei lost-films.eu geht es um die Listung, Identifizierung und Fragmentzuordnung verloren geglaubter Werke der Filmgeschichte. Nach dem Ende der Projektfinanzierung -- so Keiper -- will die SDK diese Datensammlung als Teil ihres institutionellen Projekteportfolios aufnehmen. Allerdings ist auch hier bemerkenswert, dass ein solches Fachprojekt von Insiderforschern nur zu gerne auf "Community" verweist und dabei als Erfolgsmeldung von geopgrahisch weit entlegenden Einträgen ins Webformular berichtet, während man von einigen anderen deutschen Kinematheken hört, die nicht verstehen wollen, dass die Berliner SDK für das Setup von lost-films.eu Mittel akquirieren konnte, während die mühsame Arbeit des Einpflegens von Forschungsständen anderer deutscher Kinematheken als Volontärsarbeit abgetan wird.
Das ähnliche Schicksal einer verweisten Website ereilte auch das Projekt wochenschau-archiv.de, welches nunmehr vom Bundesarchiv gehostet wird. Dr. Tankred Howe berichtete in einem Vortrag über die Gründe des Ausstiegs der Deutschen Wochenschau GmbH als einer der drei Rechtevermarkter im Wochenschau-Bereich und ursprünglicher Mitträger des Webprojektes: Nur dann, wenn AV-Inhalte technisch auf dem Stand der Zeit und des Erwartungshorizonts der Nutzer gehalten wird und die Leichtigkeit beim Zugang sowie die technische Verlässlichkeit der Website im Betrieb gewährleistet ist, haben solche Medienprojekte einen Nachhaltigkeitsfaktor. 56kilobit-Videos als Auflösungs-Limit für die Nutzung ohne manuell zuvor freigeschaltete Registrierung operiert heute jenseits dieser Limits. Ein technisches Upgrade wäre diesem Projekt sehr zu wünschen.
Den Vogel bei dieser Tagung abgeschossen haben Jörg Friess und Jan Henselder vom Deutschen Historischen Museum in Berlin, die für ihre im Aufbau befindliche Sammlung von Filmkopien aus dem Bestand der "Marshall-Plan-Filme" eine Auswahl von rund 50 Kurzfilmen mit einem Projektetat von 2.000 EURO digitalisiert und in einer QCIF-Auflösung als flash-movies mit CMS-Bordmitteln auf der Website des DHM unter dhm.de/filmarchiv online gestellt haben. Man benötigt also nicht immer sechs- und siebenstellige Etats, um sinnvolle Dinge als Filmkurator bewegen zu können.
Die Stuttgarter Tagung ging zuende mit einem Vortrag von Andreas Vogel vom Babelsberger CINEarchiv-Projekt, das mir bei genauerer Betrachtung eher als VKF-Plattform bei der derzeitigen Claim-Absteckung seitens der IT-Industrie im Hause der Archivbesitzer von massenhaft zu digitaliserenden Archivalien des Bewegtbildbereichs erscheint. Wie ein roter Faden zog sich ein jüngst gehaltener Grundsatzvortrag von Peter Paul Schneider, dem Leiter des Deutschen Rundfunkarchivs, durch die einzelnen Vorträge und Präsentationen, den man gerne in der gedruckten Dokumentation der Tagung möglichst in ganzer Länge und nicht nur als Kondensat von neun Thesen nachlesen möchte.
Inhaltich war diese Tagung vom Stuttgarter "Haus des Dokumentarfilms" ein voller Erfolg. Es bleibt zu hoffen, dass die aktiven Produzenten nicht nur im Dokumentarfilmbereich sich bald auch in größerer Zahl um ihren "Ewigkeitsfaktor" Gedanken machen werden, denn hier ist derzeit, wie man bei dieser Tagung erleben konnte, viel im Fluss, wenn etwa ganz grundsätzliche und tradierte Archivethiken komplett über Bord geworfen werden. Das Thema der Auswirkungen der digitalen Kultur auf den Archivbereich bleibt virulent, nicht zuletzt durch den Zusammensturz des Kölner Stadtarchivs, das viel weniger in den Vorträgen eine Rolle spielte, als ich es mir gehofft hatte. So blieb die Frage der Redundanz bei Bestandsorten und in Bestandseinheiten in der Angelegenheit zu bewahrender AV-Inhalte als entscheidender Vorteil digitaler Strategien bei dieser Fachtagung zu "unterbelichtet", wenn mir so ein antiquierter Begriff aus der analogen Filmzeit hier noch gestattet ist.
ATRIUM
Korrespondentenbericht aus Stuttgart
Am 22. und 23. April fand im Stuttgarter Bildungszentrum Rotebühlplatz die Tagung "Ist der Dokumentarfilm noch zu retten? -- Digitale Herausforderungen seiner Archivierung" statt, die vom in Stuttgart ansässigen und SWR-nahen 'Haus des Dokumentarfilms' veranstaltet und unter wissenschaftlicher Leitung von Dr. Kay Hoffmann konzipiert wurde.
Dieser sehr informativen und durchaus kontrovers geführten Veranstaltung lag die Prämisse zugrunde, wonach Digitalisierung und Digitale Kultur die Film- und Fernseharchive vor grundsätzliche und gänzlich neue Herausforderungen stellt: Sollen die Archive in erster Linie bewahren und langfristig für die Zukunft sichern? Welche Rolle spielt dabei die digitale Technik? -- Oder sollen die Archive die Filme bedingt durch die neuen technischen Möglichkeiten und Optionen vor allem wieder und neu zugänglich machen? Wie sollen die Archive des Weiteren mit der Vielzahl von sich ständig ablösenden und noch schneller obsolet werdenden Speicherstandards, Speichermedien und Aufzeichnungs-Codecs umgehen?
Im Rahmen einer ersten Bestandsaufnahme brachte es Michael Loebenstein aus Wien gleich knackig auf den Punkt: Zur Digitalisierung können Archive sich nur stellen, wenn sie eine klare Vorstellung davon haben, mit welcher Art von Kulturgut sie umgehen. Handelt es sich also bei den in Archiven eingelagerten Archivalien also um Film als Archivgut im Sinne des Langzeiterhalts? Oder sehen die Archive ihre Bestände eher als eine Art Konsumgut an und steigen bei dieser Haltung mit ihren Beständen ins Geschäft der Stock Footage Sales Agenturen einschließlich dem dazu gehörigen Rechtehandel ein? Oder sehen die Archivmanager ihre eingelagerten Filmwerke eher als ein Gemeingut an, welches als Dienst an der Kultur möglichst frei und offen zugänglich gemacht und gehalten werden sollte.
Michael Loebenstein warnt hierbei vor einer "Amazonisierung des filmischen Erbes" und einer modischen Strategie des "Alles Online", was letztlich nur dazu führt, dass der selbige Content ständig in neuer Aufmachung kanonisiert wird. Loebenstein, der nach Erfahrungen beim Österreichischen Filmmuseum nunmehr beim Wiener Ludig Boltzmann Institut als Kurator und Filmhistoriker arbeitet und durch die englischsprachige Buchpublikation "Film Curatorship. Archives, Museum and the Digital Marketplace" bekannt geworden ist, rät dringend zu einem Bekenntnis zur Lücke und zum Fragmentarischen bei der Filmarchiv-Arbeit des Suchens und Findens: Eine zu starke Vermarktungslogik widerspricht für ihn dem konservatorischen Ethos.
Karin Kühn, Referatsleiterin für Dokumentarfilm beim Bundesarchiv/Filmarchiv gab einen Überblick über die Bestände und Einlagerungsmodalitäten beim BA/FA, wonach dort rund 150.000 Filmwerke bis jetzt eingelagert sind, davon alleine 120.000 Werke im Bereich der Dokumentarischen und der Wochenschau. Dies führt zu einem Gesamtbestand von rund 1.000.000 Filmrollen und neuerdings auch 7.000 digitalen Trägern. Der Bestand wächst dort um rund 500 Filmwerke bei 12.000 Filmrollen jährlich. An digitalen Trägern akzeptiert das BA/FA die Videoformat-Standards Digital Betacam, IMX und HDCAM SR. Um eine mittelfristige Abspielmöglichkeit zu sichern, werden keine digitalen Gebinde auf Festplatten akzeptiert. Allerdings wird von einem Langzeiterhalt bzw. bei einer Langzeitarchivierung nach wie vor nur bei photochemischem Filmmaterial ausgegangen, wobei aus Kostengründen von digital eingelagerten Videoformaten kein "Sicherheitspaket" auf Filmmaterial erzeugt wird. Die derzeitigen digitalen Restaurationsprojekte, die bislang beim BA/FA durch Outsourcing eingekauft werden, dienen der Erfahrungsammlung in den entsprechenden Abteilungen; der Aufbau eigener digitalen Abteilungen ist in Vorbereitung. Allerdings hat man den Eindruck, dass sich das BA/FA mit der nötigen reflektiven Distanz zur gegenwärtigen digitalen Aufgeregtheit verhält, einfach auch, um nicht irgendwelchem Modetrends mit Sackgasse zu folgen, sondern Entscheidungen überlegt zu treffen.
Gegenüber diesen beiden eher konservativen Einstellungen ging Daniel Meiller als 'Technischer Leiter der Filmabteilung' bei der "Stiftung Deutsche Kinemathek/Museum für Film und Fernsehen" (SDK) eher in die technologische Offensive, wenn er vom einem Paradigmenwechsel für das Archivwesen durch die Digitalisierung spricht. Wenn Meiller nun also die grundsätzliche Digitalisierung der Archive einfordert, dann sind zwar noch Lippenbekenntnisse eines Bestandschutzes der weiteren Pflege analoger Bestände von Fimoriginalen und -kopien zu hören, man gewinnt aber schnell den Eindruck, dass sich Loebensteins Klassifizierung von Archivgut im Hause der SDK eher in Richtung 'Konsumgut' bereits verlagert hat. Meiller begründet seine Forderung einer Digitalisierung bei den Filmarchiven mit drei grundlegenden Neuerungen: nämlich neuen digitalen Produktionszusammenhängen, neuen Distributionswegen und neuen Zugangsmöglichkeiten. Im Zuge einer Bestandssicherung des Bisherigen ist man nach Meiller im Hause SDK dabei, analoge Bestände auf Filmträger sukzessive zu digitalisieren, wobei man hier wiederum den Eindruck gewinnt, dass die Umstellung auf digitale Medienträger für die Vermietvorgänge von Archivalien nach Außen der eigentliche Motor ist und sich Fragen der digitalen Archivierung erst als eine Art Nebenschauplatz stellen: die Frage der Archivierung der Digisate bzw. Digitalisate steht damit hinter der Primat der Verwertungslogik an. Des Weiteren bereitet sich die SDK auf die Aufnahme und Einlagerung von Werken in digitaler Form vor. Wie sehr die SDK von Loebensteins Forderung, einer "Amazonisierung des Filmarchivwesens" zu widerstehen, entfernt ist, zeigt die dritte Säule der Digitalisierungsprojekte im Hause SDK, wenn eine Online-Präsentation der digitalisierten Archivbestände angestrebt ist. Hierauf stellt sich natürlich die Frage, wem die SDK hier eigentlich Konkurrenz machen möchte, wenn ein Archivhybrid als Filmvertrieb sich mit einer Vermarktungsplattform online stellen möchte.
Wichtig bleibt hier zunächst festzuhalten, dass zumindest bei den auf dieser Tagung präsentierten Vorträgen seitens der SDK anscheinend nicht mehr von einem Langzeiterhalt auf Filmträger bzw. dessen als Primat ausgegangen wird, geschweige denn dafür gesorgt werden soll, digitale Einlagerungen für einen Langzeiterhalt auf Filmträger umzuspielen. Wenn dem faktisch nicht so sein sollte, dann wurden bei dieser Tagung die falschen Delegierten seitens der SDK entsandt bzw. die falschen Themen priorisiert. Schließlich war sich Karl Griep als Leiter des Bundesarchiv/Filmarchivs auch nicht zu schade, den weiten Weg nach Stuttgart auf sich zu nehmen.
Daniel Meiller als Technischer Leiter der Filmabteilung der Berliner SDK ging aber noch weiter, wenn er prognostizierte, dass das Prinzip der Selektion, einst das konstitutierende Element des Archivwesens, auch im Filmarchivbereich durch die Digitalisierung in Frage gestellt wird.
Insgesamt führt die digitale Herausforderung für das Archivwesen im Bewegtbildbereich nach Meiller zum Berufsprofil eines "Digitalen Super-Archivars", denn dieser muß zwei gegenläufige Trajekte beherrschen: Einerseits muß eine authentische Repräsentation von historischen und analogen Bild-, Ton- und Farbverfahren einschließlich ihres Farbraums, ihrer Farbcharakterisik bzw. monochromen Modulationsverhalten nach der digitalen Quantifizierung gewährleistet sein. Der "Digitale Super-Archivar" muß also statt weniger nunmehr ein Mehr an Verständnis für die analoge Filmtechnikgeschichte aufbringen können inklusive einem Verständnis längst obsoleter Filmtechniken. Andererseits müssen von diesem Digitalen Super-Archivar die obsoleten und analogen Video-, Ton- und Filmformate kontinuierlich durch ständig neue digitale Formate und Standards repräsentiert werden, was ein ständiges "Am-Ball-Bleiben" in Sachen Codecs, Kompressionsformate, Samplingstandards, Container-Normen, IT-Betriebsysteme, Speichertechnolgien und Daten-Netzwerktechnik etc. erfordert. Es ist nach Meiller sehr gut möglich, dass ein solches Anforderungsprofil nur durch einen Verbund an Spezialisten zu leisten sein wird, was aber wiederum einer projektbezogen arbeitenden Outsource-Mentalität zuarbeitet, statt dass dieses Know-How in Form eines Kompetenzzentrums im eigenen Hause angereichert wird.
Der vierte Teilnehmer der Tagungs-Eröffnungsrunde, Dokumentarfilmer Thorsten Jess, zeigte sich zunächst etwas amüsiert über diesen grundlegenden Paradigmenwechsel im Hause der SDK, wenn aus einem "Erwählungsarchiv", bei der bislang einzelne Filmkünstler durch kuratorische Auserwählung die Ehre einer Adelung zur Filmkunst erfuhren, nunmehr ein Art von Archiv geworden sein soll, das seinen Input gar nicht mehr zu selektieren im Stande sein soll. Jess stellte die berechtigte Forderung nach einer Honorarbeteiligung an Online-Verwertungsketten auch bei Archiven in den Fordergrund und beklagte das Normenchaos und die Kurzlebigkeit der digitalen Medienträger. Als besonders verwerflich brandmarkte Jess die immer mehr um sich greifende Unart des optischen "Watermarking", bei dem Archive auf Kosten von Kompilationswerken durch Branding mehr als einen Herkunftsnachweis einfordern. Kompilationsfilme, die auf Archivmaterialien angewiesen sind, werden auf diese Weise zur Dauerwerbesendung für die materialgebenden Archive und ästhetisch zu Weihnachtsbäumen mit in jeder Ecke abwechselnd leuchtenden Wunderkerzen. Anscheinend stecken auch bei den betroffenen Archiven die Überlegungen zum signalmodulierten und damit optisch versteckten Watermarking noch in den Kinderschuhen.
In der zweiten Veranstaltungsrunde der Tagung kam es zu einer Diskussion zum Thema "Zwischen Bewahren und Vermarkten" zwischen Karl Griep, dem Leiter des Filmarchivs im Bundesarchiv, Dr. Tankred Howe, dem neuen Geschäftsführer der Deutschen Wochenschau GmbH und Thomas Frickel, dem Vorsitzenden der AG DOK. Dabei war zunächst festzustellen, dass die Anzahl der an der Tagung teilnehmenden Dokumentarfilmer zu wünschen übrig ließ. Einerseits arbeiten die Dokumentarfilmer in ihrem Selbstverständnis natürlich für die Ewigkeit, andererseits aber, wenn es darauf ankommt, sich wie bei dieser Tagung Gedanken darüber zu machen, wie sehr Fragen der Archivierung im Zeitalter der Digitalisierung bereits ins Produktionsgeschäft Einfluss nehmen, durch überwiegende Abwesenheit zu glänzen. Die Konfliktlinie zwischen den Filmproduzenten und den Archivaren hat der Moderator und Geschäftsführer des HDF, Wilhelm Reschl, am besten auf den Punkt gebracht: "Filmemacher möchten ihre Filme möglichst teuer verkaufen und Klammermaterial möglichst billig oder umsonst einkaufen." Natürlich war in dieser Diskussionsrunde seitens der AG DOK wieder zu hören, dass der deutsche Staat über Bundesarchiv und lizensierender Transit-Film mit Naziwochenschauen Geld verdient. Cay Wesnigk von der AG DOK hatte dies einmal so formuliert: "Raubgold aus dem Filmarchiv." Natürlich müssen auch Filmarchive wirtschaften. Der durchschnitttliche Minutenpreis für Nutzungsrechte an Klammermaterial aus Archiven wurde von Frickel auf 800 bis 1.200 EURO beziffert. Karl Griep bezifferte den Finanzbedarf für eine Gesamtdigitalisierung der Bestände des BA/FA auf rund 50 Millionen EURO und ist für Vorschläge zur Drittmittelförderung eines solchen Projektes offen. Eine Gesamtdigitalisierung der Bestände des BA/FA würde zu einer wesentlichen Erleichterung und Beschleunigung bei Recherchen in der Nutzbarmachung der Bestände führen, zumal auch die schichtweise gewachsenen Findsysteme aus rund 70 Jahren damit vereinheitlicht werden könnten. Streitpunkt der Diskussionsrunde war im Übrigen das neue Archivgesetz für Deutschland, dass die Pflichtabgaben auch im Filmbereich für nicht-geförderte Filmwerke regelt. Frickel forderte eine Kostenübernahme für die Pflichtabgabe, gerade dann, wenn die Wahl des Ablieferungs-Formats nicht freigestellt wird.
Glanzpunkt dieser Diskussionsrunde war ein Betrag von Gerhild Krebs vom "Filmarchiv für das Saarland", das als Archiv und eingetragener Verein mit einem Bestand von derzeit 1.000 Filmrollen seit Jahren um eine öffentliche Anerkennung als Filmarchiv kämpft. Das Saarland hat durch seine wechselvolle Geschichte zwischen Frankreich und dem deutschen Kulturraum besondere Priorität bei der filmkuratorischen Erhaltung von Bewegtbilddokumenten, zumal ja auch der einst bekannteste Dachdeckermeister Deutschlands stets sprachlich gerade eben aus dem Saarland gekommen schien.
Der Versuch, in den Zirkel des deutschen Kinemathekenverbundes aufgenommen zu werden, wurde von Hans-Helmut Prinzler seitens der Berliner SDK seinerzeit mit dem Argument abgelehnt, dass das "Filmarchiv für das Saarland" als "e.V." angeblich keine öffentliche Institution sei. Der Double Bind liegt nun darin begründet, dass das "Filmarchiv für das Saarland" keine Förderungen für den Ausbau zu einem anerkannten und "richtigen Filmarchiv" deshalb bekommen kann, weil es eben nicht offiziell als Filmarchiv anerkannt ist. Dies führt nach den Darstellungen von Gerhild Krebs nun zu einer grotesken Umkehrung der Arbeitsprioritäten bei aufkommenden Neuarchiven gerade mit regional-inhaltlichem Bezug. Statt im Arbeitsablauf die Reihenfolge "Archivieren -- Erschließen -- Digitalisieren -- Aufführen/Zeigen/Verwerten" einzuhalten, muß der Not der Lage gehorchend beim "Filmarchiv für das Saarland" nunmehr in der Reihenfolge "Aufführen/Zeigen/Verwerten -- Digitalisieren -- Erschließen -- Archivieren" gearbeitet werden. Mir scheint aus diesem Fall zweierlei ableitbar: erstens sollte man den deutschen Kinemathekenverbund grundsätzlich nach seiner Legitimität befragen, zweitens sollten die betroffenen Regional- und Sonderarchive im Bewegtbildbereich die Gründung eines Gegenverbandes, auch auf europäischer und internationaler Ebene, eruieren. Mir scheinen diese Schlussfolgerungen auch im Zuge der Gründungsüberlegungen zum Aufbau einer eigenen Sammlung für den Verein des neuen Kinomuseum Berlin sinnvoll zu sein.
Catherine Lacken vom Fernseharchiv des SWR und Joachim Seyther als Projektmanager der NDR-Mediathek trugen in einer weiteren Vortragsrunde die Strategien der Fernseharchive vor, wie sich der Spagat zwischen analoger Vergangenheit und digitaler Zukunft aus Sicht der Ö-R Fernsehanstalten darstellt. Catherine Lacken wagte dabei einen Husarenritt einer kursorischen Betrachtung von mehr als 55 Jahren technischer Fernsehgeschichte und machte dabei insbesondere auf die Gefahr aufmerksam, dass der Zugang zu Inhalten dann problematisch wird, wenn Abspielgeräte entweder nicht mehr vorhanden sind und zugleich das technische Know-How verschwindet, obsolete Technikstandards in Form von funktionierenden Geräten am Leben zu erhalten. Insgesamt war festzuhalten, dass aus archivarischer Sicht die betrieblichen Lebenszyklen bei digitalen Formaten erheblich kürzer anzusetzen sind und der ständige technische Wandel zu ständig neuen Berufsprofilen führt, denen nur mit einem "training on the job" begegnet werden könne. Catherine Lacken sieht im analogen Fernseharchivar ebenfalls ein Auslaufmodell und beklagt die aus archivarischer Sicht hohen Kosten der Formatintegration. Die Formatobsoleszenz bedeutet im Übrigen auch den schrittweisen Informationslust bei Kopiergenerationen, auch dann, wenn analoge Kopiervorgänge etwa durch digitale abgelöst werden, bleibt das neue Problem der digitalen Re-Encodierung mit Artefaktgefahr im Zuge der technischen Weiterentwicklung von Codecs und Algorhythmen. Abschließend verwies Catherine Lacken mit hübschem irischen Akzent auf das Problem der Systemsicherheit digitaler Massenspeicher-Systeme, gerade unter den Gesichtspunkten Havarie, Back-Ups und Fall-Backs.
Am zweiten Tagungstag standen sowohl die neue digitale Produktionstechnik und ihre archivarischen Auswirkungen wie auch die inzwischen zahlreichen Onlineprojekte von Filmarchiven im Mittelpunkt.
Zunächst gab der Dokumentarfilmer und -produzent Wolfgang Richter einen Praxisbericht zur neuen Welt des bandlosen Produzierens im Dokumentarfilmbereich und verwies dabei im geschichtlichen Extrembeispiel auf den Unterschied zwischen einem früheren Filmdokumentaristen, der mit einer ARRI IIC im 35-mm-Format, 3 Fixbrennweiten auf dem Revolver, schwerem Akku und 60-Meter-Kassetten mit zwei Minuten Laufzeit maximal pro Kassettenbestückung losgezogen war und heutigen, bandlosen Produktionsmitteln, bei denen man von einem "Dreh"-Verhältnis nunmehr genau so wenig mehr reden kann, wie auch bei Flash-Recordern im Audiobereich von einem Mit-"Schnitt". Diese neue bandlose und nicht mehr linear arbeitende Technik verändert das Arbeitshandwerk und damit auch die Inhalte. Als Beispiele für eine neue Konvergenz von Standbildfotografie und Kinematographie wurden von Richter sowohl HD-Aufzeichnungen einer CANON 5D MARK mit einer 24x36mm großen Sensorfläche vorgeführt, wie auch das künftige Produktportfolio aus dem Hause RED Cameras bis hin zur RED 617 bei 28.000 Pixeln Horizontalauflösung mit Bewegtbildoption. Aktuelle Neuankündigungen von der NAB 2009, die gerade in Las Vegas abgehalten wurde, wurden von Richter in seinen Vortrag bereits mit einbezogen, etwa der neue AVC-ULTRA-Codec von Panasonic, der erstmals auch 1080/50p mittels AVC Intraframe verarbeiten kann, wie auch jene Ankündigung von ARRI München, eine ARRI-16-SR-Adaption künftig mit 2K-"Kassette" digital anflanschen zu können. Konkrete Praxiserfahrungen berichtete Richter beim Einsatz eines P2-Workflows auf Maschinen von Panasonic.
Eine Vorstellung des Projektes "24 Stunden Berlin" des Regisseurs Volker Heise und des dabei angewandten bandlosen Workflows folgte im Anschluß durch Tobias Büchner von der zero one Filmproduktion aus Berlin: 400 Teammitglieder, 80 Kameras und 70 Regisseure produzierten am 5. September 2008 700 Stunden Rohmaterial in HD-Auflösung (1080 x 1920), das derzeit zu 24 Stunden TV-Programm montiert wird, um am 5. September 2009 via RBB und arte (sowie weiteren internationalen TV-Stationen) gesendet zu werden. Mit einer gesegneten Portion geschichtlichen Sendungsbewusstseins ist man bei diesem 1.440-minütigen Mammutprojekt am Werke. So ist es kein Wunder, dass die Berliner SDK als "Museum für Film und Fernsehen" dieses Fernsehereignis archivarisch betreuen möchte. Eine entsprechende Bemühung für eine Projektfinanzierung ist derzeit auf dem Weg. Jürger Keiper als für das Projekt zuständiger Projektleiter seitens der SDK referierte daher über das digitale Filmarchiv als ein Archiv neuen Typs, bei dem man von der Nachträglichkeit des Archivs gegenüber der vorangehenden und bereits abgeschlossenen Produktion wegkommen möchte und als gleichwertiger Produktionspartner gerne Ernst genommen werden möchte. Mit projektbezogenen Outsource-Bemühungen möchte man weg von "Inhouse Assets" im klassischen Sinne, sondern bedient sich auslagernder Dienstleister wie "Storage Providern". Aus dem Archivar der alten Schule wird ein "Risikomanager" ausgelagerter Inhalte, für den das Risikomanagement an die Stelle der Sicherung von auf Medienträger eingelagerten Beständen treten soll. Sobald Archivare also mit masselosen Digitalisaten umzugehen haben, verschwindet, wie man beim Beispiel "24 Stunden Berlin" ebenfalls sehr deutlich sehen kann, rapide das Bewusstsein für die materielle Dimension von Medienträgern. Elegant wie einst bei der New Economy wird argumentiert, dass ein professionelles, externes Datenzentrum dafür garantieren soll, dass der Langzeiterhalt der ausgelagerten Daten gesichert sei, wenigstens solange die Rechnungen aus dem zeitlich in seiner Laufzeit begrenzten Projektetat dort bezahlt werden. Selbst mit der Information, dass im Datenzentrum ein Magnetbandroboter den bandlosen Workflow spätestens ein Ende bereitet, möchte man nichts mehr zu tun haben, das sei einem egal, schließlich steht die bisherige Reputation des Datenzentrums bei der Datensicherheit auch aus dem Bankbereich dafür ein, gerade dann, wenn der Roboter selbsttätig erkennen könne, wann ein Band durch Verschleiß auszuwechseln sei. Wohl dem der in der Wirtschaftskrise darauf vertraut, dass sowohl das Internet nicht crasht, die letzten Magnetbandhersteller weiterhin Fresh Tape liefern können werden und bei einem Ausfall des globalen Zahlungsverkehrs durch die Einstellung von Rohöllieferungen es nicht zu Stromabschaltungen kommen wird. Da ist mir -- wenn es schon um externe Auslagerungen geht -- der Salzstock bei Freiburg einfach lieber und der lagert bekanntlich Mikrofilme ein. Ich hätte mir bei der Tagung gewünscht, dass auch Querdenker präsent gewesen wären, die für eine analoge Rückbelichtung digitaler Daten auf Mikrofilm plädiert hätten, verbunden mit der Fragestellung, ob die Erweiterung einer digitalen Ausbelichtung digitaler Daten (einschließlich Mischsystemen) auf Mikrofilm Fortschritte bringt. Dies hätte zumindest den entscheidenden Vorteil, dass keine weitere Energie in Form von Geräten und Betriebsspannung vorgehalten oder zugeführt werden muss und basiert damit auf Jahrtausende alter menschlicher Erfahrung, dass das Finden von Lesbarem jedes Bestreben von "Archivierung" locker um Jahrhunderte überdauert.
So erschienen aber bei der Tagung Outsourcing und serielle Akkumulierung von Projektfinanzierungen als alternativlose Lösung für das AV-Archiv der Zukunft. Und diese Selbstsicherheit halte ich für äußert trügerisch.
Die bislang ungelöste Medienträgerfrage für den Erhalt von digitalen Daten wird so, für einen Filmwissenschaftler eigentlich unwürdig, im öffentlichen Diskurs komplett verdrängt: "Es ist mir egal, auf was das Datenzentrum als externer Dienstleister speichert. Das Datenzentrum steht für die Sicherheit des Datenerhalts und des Datenzugriffs ein." Mit dieser Scheinsicherheit wird aber das grundsätzliche Problem des Langzeiterhalts als Problem der Haltbarkeit von digitalen Medienträgern nur mit quasi-schicken Projekten fürs Berichtsheft und des vorzulegenden Jahresbericht vertagt. So werden zwar ständig Konferenzen über "Langzeitarchivierung" und "Langzeitsicherung" im Filmarchivbereich abgehalten, letztlich werden aber in der überwiegenden Mehrzahl Projekte mit einer Laufzeit von 2 bis 5 Jahren finanziert, die zwar für 2 bis 10 Jahre Datenstorage mit evt. Webpräsenz extern einkaufen können, auf dass dann aber hoffentlich bald ein neues und mit öffentlichen Mitteln gefördertes Online-Einzelprojekt vom Grundproblem ablenken möge.
Hier liegt ein grundlegendes Systemproblem begründet, das dringend abgestellt werden sollte.
Etwas eleganter als mit einzelnen "Pfauenprojekten" täuscht über dieses Systemproblem einzelner, zeitlich beschränkter Projektfinanzierungen (conta Nachhaltigkeit) das filmportal.de des Deutschen Filminstituts in Frankfurt am Main (DIF) hinweg, wie man durch den Vortrag der Projektleiter David Kleingers und Georg Eckes erfahren konnte.
Beim filmportal.de geht es um eine möglichst vollständige, öffentlich publizierte deutsche Nationalfilmographie, die dort erhalten, gepflegt, ausgebaut und online zugänglich gehalten werden soll. filmportal.de als bio-filmographische Datenbank besitzt derzeit rund 70.000 Filmeinträge und Informationen zu etwa 145.000 deutschen Filmschaffenden einschließlich -- und das ist ein behauptetes Alleinstellungsmerkmal -- der Kostümbildner. Als Traffic wurden 30.000 Nutzer pro Tag referiert, was sich seit der Online-Stellung zu 12 Millionen Besuchern insgesamt addiert. Tiefeninformationen wie Inhaltsangaben und aktuelle Specials ergänzen das Angebot der Website.
Wortreich wird von den Referenten darauf verwiesen, dass die Datenbank auch gepflegt und weiterentwickelt werde und es entstand beim Zuhörer der Eindruck, dass es sich hier um eine komplette Datenbank-Selbstentwicklung in Eigenregie handelt. Das machte mich als Mitgründer der "Internet Movie Database Ltd. London" etwas stutzig, da ich aus meinem Insiderwissen mir zutraue, abschätzen zu können, was eine komplette Selbstentwicklung von eigener Datenbanksoftware in etwa bedeutet. So wurde mir auf Nachfrage schließlich zugegeben, dass hier eine ursprüngliche MySQL Applikation durch Zukauf von Außen auf eine proprietäre und kommerzielle ORACLE Datenbanklösung aufgrund der Traffic-Nachfrage umgestrickt wurde, die man lieber künftig auf PostgreSQL zu konvertieren gedenkt. Obwohl meine aktive Zeit bei der imdb.com inzwischen lange zurück liegt, schätze ich es bei Projektvorstellungen von Filmdatenbanken außerdem nicht sonderlich, wenn mit einem Stakkato von Superlativen verkäuferisch über Kulturprojekte referiert wird, wie man sicherlich nachvollziehen kann.
Im Zuge des Auslaufens öffentlicher Förderungen für das filmportal.de Projekt wurde nun zunächst der dort teilweise verdeckt gehaltene Datenstamm in das europäische MIDAS-Projekt überführt, um nunmehr rebrandet bei filmarchives-online.eu auch den Standort und die Spezifizierung des Medienträgerstandortes auszuweisen, der bei filmportal.de nicht-öffentlich geblieben war und ist. Bei filmarchivesonline.eu geht es um einen Verbundkatalog europäischer Filmbestände von insgesamt 17 Filmarchiven, die für 25.700 Filmtitel insgesamt 45.000 Filmkopien im 35-mm-Format bereitstellen können. filmarchivesonline.eu soll als eine Art Online-Vorabrecherche die eigentliche Archivrecherche vor Ort erleichtern. Was nicht explizit gesagt wurde, dürfte der Umstand sein, dass die Weiterpflege von filmportal.de als Datengrundlage für die anderen Aufbaumodule durch die nächstfolgenden Projektfinanzierungen gesichert werden dürfte. Manche böse Zungen sprechen hier von einem "Schneeball-System". Bevor man allerdings dabei an einen Herrn Madoff denkt, kann man dieses Modell natürlich auch als klevere Variante bezeichnen, die subversiv gegen einen Systemfehler anarbeitet.
Dritte Stufe der modulhaften Projektfinanzierung für das federführende DIF stellt das europeanfilmgateway.eu dar, das von 2008 bis 2011 mit insgesamt 4,5 Millionen Euro Förderetat bei 20 Partnern aus 14 Ländern im Sommer 2010 online starten soll. In einer für eine europäische Medienförderung typischen Weise soll das EFG die Aggregatorfunktion für die europeana.eu Onlinemediathek übernehmen, so wie das EU-geförderte EUScreen-Programm für den archivarischen Fernsehbereich.
Als Beispiel für die vielen "Webseiten-Leichen" jener einst von der EU mit Projektgeldern geförderten Medienprojekte im konversatorischen Bereich darf hier collate.de herhalten; was aus EU-TAPE wird, darf auch die Zukunft erst zeigen. Es kommen ständig neue dazu. Die Frage, ob auch lost-films.eu einmal in diese Kategorie fallen wird, verneinte Jürgen Keiper von der federführenden SDK in Berlin.Bei lost-films.eu geht es um die Listung, Identifizierung und Fragmentzuordnung verloren geglaubter Werke der Filmgeschichte. Nach dem Ende der Projektfinanzierung -- so Keiper -- will die SDK diese Datensammlung als Teil ihres institutionellen Projekteportfolios aufnehmen. Allerdings ist auch hier bemerkenswert, dass ein solches Fachprojekt von Insiderforschern nur zu gerne auf "Community" verweist und dabei als Erfolgsmeldung von geopgrahisch weit entlegenden Einträgen ins Webformular berichtet, während man von einigen anderen deutschen Kinematheken hört, die nicht verstehen wollen, dass die Berliner SDK für das Setup von lost-films.eu Mittel akquirieren konnte, während die mühsame Arbeit des Einpflegens von Forschungsständen anderer deutscher Kinematheken als Volontärsarbeit abgetan wird.
Das ähnliche Schicksal einer verweisten Website ereilte auch das Projekt wochenschau-archiv.de, welches nunmehr vom Bundesarchiv gehostet wird. Dr. Tankred Howe berichtete in einem Vortrag über die Gründe des Ausstiegs der Deutschen Wochenschau GmbH als einer der drei Rechtevermarkter im Wochenschau-Bereich und ursprünglicher Mitträger des Webprojektes: Nur dann, wenn AV-Inhalte technisch auf dem Stand der Zeit und des Erwartungshorizonts der Nutzer gehalten wird und die Leichtigkeit beim Zugang sowie die technische Verlässlichkeit der Website im Betrieb gewährleistet ist, haben solche Medienprojekte einen Nachhaltigkeitsfaktor. 56kilobit-Videos als Auflösungs-Limit für die Nutzung ohne manuell zuvor freigeschaltete Registrierung operiert heute jenseits dieser Limits. Ein technisches Upgrade wäre diesem Projekt sehr zu wünschen.
Den Vogel bei dieser Tagung abgeschossen haben Jörg Friess und Jan Henselder vom Deutschen Historischen Museum in Berlin, die für ihre im Aufbau befindliche Sammlung von Filmkopien aus dem Bestand der "Marshall-Plan-Filme" eine Auswahl von rund 50 Kurzfilmen mit einem Projektetat von 2.000 EURO digitalisiert und in einer QCIF-Auflösung als flash-movies mit CMS-Bordmitteln auf der Website des DHM unter dhm.de/filmarchiv online gestellt haben. Man benötigt also nicht immer sechs- und siebenstellige Etats, um sinnvolle Dinge als Filmkurator bewegen zu können.
Die Stuttgarter Tagung ging zuende mit einem Vortrag von Andreas Vogel vom Babelsberger CINEarchiv-Projekt, das mir bei genauerer Betrachtung eher als VKF-Plattform bei der derzeitigen Claim-Absteckung seitens der IT-Industrie im Hause der Archivbesitzer von massenhaft zu digitaliserenden Archivalien des Bewegtbildbereichs erscheint. Wie ein roter Faden zog sich ein jüngst gehaltener Grundsatzvortrag von Peter Paul Schneider, dem Leiter des Deutschen Rundfunkarchivs, durch die einzelnen Vorträge und Präsentationen, den man gerne in der gedruckten Dokumentation der Tagung möglichst in ganzer Länge und nicht nur als Kondensat von neun Thesen nachlesen möchte.
Inhaltich war diese Tagung vom Stuttgarter "Haus des Dokumentarfilms" ein voller Erfolg. Es bleibt zu hoffen, dass die aktiven Produzenten nicht nur im Dokumentarfilmbereich sich bald auch in größerer Zahl um ihren "Ewigkeitsfaktor" Gedanken machen werden, denn hier ist derzeit, wie man bei dieser Tagung erleben konnte, viel im Fluss, wenn etwa ganz grundsätzliche und tradierte Archivethiken komplett über Bord geworfen werden. Das Thema der Auswirkungen der digitalen Kultur auf den Archivbereich bleibt virulent, nicht zuletzt durch den Zusammensturz des Kölner Stadtarchivs, das viel weniger in den Vorträgen eine Rolle spielte, als ich es mir gehofft hatte. So blieb die Frage der Redundanz bei Bestandsorten und in Bestandseinheiten in der Angelegenheit zu bewahrender AV-Inhalte als entscheidender Vorteil digitaler Strategien bei dieser Fachtagung zu "unterbelichtet", wenn mir so ein antiquierter Begriff aus der analogen Filmzeit hier noch gestattet ist.
ATRIUM
Korrespondentenbericht aus Stuttgart
Dienstag, 17. März 2009
Tagung: Filmarchive und Digitalisierung — zwischen Langzeitsicherung und Zugänglichkeit
Auf Schnelligkeit kommt es außer in Notfällen und bei Katastrophen nicht besonders an, vor allem, wenn es um Genauigkeit geht. Dennoch sind wir hier bei den "Berliner Kino-Perspektiven" natürlich happy, dass wir die nächste Tagung des Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms unter dem Titel
"Ist der Dokumentarfilm noch zu retten ? — Digitale Herausforderung seiner Archivierung"
bereits heute und damit wahrscheinlich als erste Publikationsplattform ankündigen dürfen, sogar noch vor der Ankündigung dieser Veranstaltung auf der Website des HDF.
Gerade unter dem Gesichtspunkt der Meldungen aus Köln sowie der künftig papierlosen Nachrichtendistribution hat diese Tagung nicht nur für den Dokumentarfilm grundlegende Bedeutung. Als Forum dienen die Veranstaltungen des "Haus des Dokumentarfilms" zudem nicht primär Industrieinteressen, dies gerade unter dem Gesichtspunkt, dass wir auf dieser Veranstaltung im April auch Martin Koerber von der Deutschen Kinemathek in Berlin intensiv zuhören werden, warum sich beispielsweise die Deutsche Kinemathek in Berlin bislang nicht an dem Babelsberger Cinearchiv-Projekt beteiligt hat.
Hier zunächst nun der Wortlaut der Pressemitteilung des Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart:
Und hier der genaue Programmablauf der Tagung im Stand von heute:
Aufgrund der grundsätzlichen Bedeutung dieser Tagung werden die "Berliner Kino-Perspektiven" sicherlich versuchen, im April bei dieser Tagung mit dem einen oder anderen Korrespondenten direkt vor Ort in Stuttgart dabei zu sein.
ATRIUM
"Ist der Dokumentarfilm noch zu retten ? — Digitale Herausforderung seiner Archivierung"
bereits heute und damit wahrscheinlich als erste Publikationsplattform ankündigen dürfen, sogar noch vor der Ankündigung dieser Veranstaltung auf der Website des HDF.
Gerade unter dem Gesichtspunkt der Meldungen aus Köln sowie der künftig papierlosen Nachrichtendistribution hat diese Tagung nicht nur für den Dokumentarfilm grundlegende Bedeutung. Als Forum dienen die Veranstaltungen des "Haus des Dokumentarfilms" zudem nicht primär Industrieinteressen, dies gerade unter dem Gesichtspunkt, dass wir auf dieser Veranstaltung im April auch Martin Koerber von der Deutschen Kinemathek in Berlin intensiv zuhören werden, warum sich beispielsweise die Deutsche Kinemathek in Berlin bislang nicht an dem Babelsberger Cinearchiv-Projekt beteiligt hat.
Hier zunächst nun der Wortlaut der Pressemitteilung des Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart:
HAUS DES DOKUMENTARFILMS
Europäisches Medienforum Stuttgart
www.hdf.de
Ist der Dokumentarfilm noch zu retten?
Digitale Herausforderungen seiner Archivierung
Untersuchungen haben gezeigt, dass aktuell nicht einmal die Hälfte der produzierten Filme eines Jahres in Archiven lagern. Die Diskussion um eine Pflichtangabe wie in anderen Ländern zeigt, dass auch politisch über Lösungen nachgedacht wird.
Wie können Dokumentarfilmer ihre Filme sichern? Ist eine Erhaltung des kompletten gedrehten Materials möglich? Wie wird in den Produktionsfirmen das Material gesichert? Besteht die Gefahr, dass dokumentarisches Material mittelfristig unwiederbringlich verloren geht, da es elektronisch gedreht wurde?
Die Digitalisierung stellt Film- und Fernseharchive vor besondere Herausforderungen. Es stellen sich grundsätzliche Fragen nach Aufgaben und Funktionen der Archive. Sollen sie die Filme in erster Linie bewahren und für die Zukunft sichern? Oder sollen sie die Filme vor allem zugänglich machen? Wie soll man mit der Vielfalt digitaler Formate und Techniken umgehen? Wie kann garantiert werden, dass die Träger mittelfristig noch abspielbar sind? Spezialisten sind sich einig, dass das 35 mm-Negativ die bisher einzige langfristige Speicherung ermöglicht. Doch wer trägt die Kosten dafür? Strategien von Archiven im europäischen Ausland können Anregungen für Lösungswege liefern. Die Digitalisierung und das Internet bieten andererseits große Chancen für die Archive, ihre Kataloge und Bestände online zu präsentieren und so neue Nutzer zu erreichen.
Die Tagung soll dies breite Themenspektrum diskutieren und einen produktiven Dialog zwischen Film- und Fernseharchiven, Regisseuren und Produzenten ermöglichen.
Termin: 22. und 23. April 2009
Ort: Treffpunkt Rotebühlplatz, Rotebühlplatz 28, 70173 Stuttgart
Theodor Bäuerle Saal, Info-Tel: 0711/ 18 73 804
Teilnahmegebühr: 50.- €; ermäßigt 30.- €
Anmeldung: uta.ludwig@swr.de
Und hier der genaue Programmablauf der Tagung im Stand von heute:
HAUS DES DOKUMENTARFILMS
Europäisches Medienforum Stuttgart
www.hdf.de
Ist der Dokumentarfilm noch zu retten?
Digitale Herausforderungen seiner Archivierung
22. und 23. April 2009
Treffpunkt Rotebühlplatz, Rotebühlplatz 28, 70173 Stuttgart
Theodor Bäuerle Saal, Info-Tel: 0711/ 18 73 804
Teilnahmegebühr: 50.- €; ermäßigt 30.- €
Mittwoch, 22. April 2009:
11.00 Begrüßung Egon Mayer, Vorsitzender HAUS DES DOKUMENTARFILMS e.V.
11.15-13.00 Bestandsaufnahme Dokumentarfilm in Archiven
Moderation: Kay Hoffmann, HAUS DES DOKUMENTARFILMS
Michael Loebenstein, Filmwissenschaftler Österreichisches Filmmuseum, Wien: Die Aktualität der Geschichte. Dokumentarfilm im Filmarchiv, oder: Hat Langzeitsicherung oder Access Priorität?
Karin Kühn, Referatsleiterin Dokumentarfilm Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin: Zum Stand der Dinge: Dokumentarfilme im Bundesarchiv. Hinterlegung und konservatorische Sicherung
Martin Koerber, Deutsche Kinemathek, Berlin: Herausforderungen für den Filmarchivar
Thorsten Jeß, Kiel: Dokumentarfilme erhalten aus Sicht eines Filmemachers
13.00-14.30 Mittagspause
14.30-15.30 Diskussion: Zwischen Bewahren und Verwerten
Moderation: Wilhelm Reschl, HAUS DES DOKUMENTARFILMS
Thomas Frickel, Vorsitzender AG DOK, Frankfurt
Karl Griep, Leiter Filmarchiv im Bundesarchiv, Berlin
Andreas Knoblauch (angefragt), GF CineCentrum, Hamburg
15.00-16.00 Kaffeepause
16.00-18.00 Strategien der Fernseharchive
Moderation: Kay Hoffmann, HAUS DES DOKUMENTARFILMS
Catherine Lacken, SWR, Stuttgart:
TV Archives Between Analog Past and Digital Future
André Wachholz (angefragt), Schwedische Nationalbibliothek, Stockholm
Daniel Teruggi, INA, Paris: Digital Perspectives in France
Sabine Lenk, Nederlands Instituut voor Beeld en Geluid, Hilversum:
iMMix and New Media Experience in Holland
ab 18.30 Get Together (Selbstzahler)
Gaststätte „Trollinger“, Rotebühlstr. 50, 70178 Stuttgart
Donnerstag, 23. April 2009:
10.00-13.00 Neue Produktionstechnik und Archivierung digitaler Formate
Moderation: Anita Bindner, HAUS DES DOKUMENTARFILMS
Wolfgang Richter, docfilm, Darmstadt: B
Bandlos produzieren; Verlust der Kreativität!?
Josef Reidinger, Leiter Kopierwerk ARRI, München:
Langfristige Speicherung aus Sicht eines Kopierwerks
Ann Carolin Renninger / Tobias Büchner, ZeroOne, Berlin:
Filmprojekt „24h Berlin“ und seine Archivierung
Helena Fantl, femis, Paris: Projekt „archi doc“
13.00-14.00 Mittagspause
14.00-16.00 Die Zukunft: Filmdaten und Filme online
Moderation: Kay Hoffmann, HAUS DES DOKUMENTARFILMS
David Kleingers / Georg Eckes, Deutsches Filminstitut Frankfurt:
Projekte „filmportal.de” und “The European Film Gateway”
Jürgen Keiper, Deutsche Kinemathek, Berlin: Projekt „Lost Films“
Tankred Howe, Deutsche Wochenschau GmbH, Hamburg: Projekt Wochenschau online
Jörg Frieß / Jan Henselder, Deutsches Historisches Museum, Berlin: Marshallplanfilme online
Andreas Vogel, GF Cinearchiv, Babelsberg: Filme aus den Archiven befreien!
Aufgrund der grundsätzlichen Bedeutung dieser Tagung werden die "Berliner Kino-Perspektiven" sicherlich versuchen, im April bei dieser Tagung mit dem einen oder anderen Korrespondenten direkt vor Ort in Stuttgart dabei zu sein.
ATRIUM
Abonnieren
Posts (Atom)