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Mittwoch, 2. September 2009

Maßlosigkeit und Formwille

Dass "24 Stunden Berlin" mit dem Gestaltungswillen zur Großmannssucht, und darin sehr berlinerisch, zwingend künstlerisch scheitern muss, war eigentlich von Vornherein klar. Dass man das argumentativ so auf den Punkt bringen kann, wie Christiane Peitz heute im Tagesspiegel, ist die eigentliche Kunstleistung zeitkritischer Auseinandersetzung. Allerdings gilt die Erkenntis von Susan Sontag "On Photography" aus dem Jahr 1977 auch im dokumentarischen Abbild in Ton und Bewegungsdarstellung, wonach erst die nachträglich verstrichene Zeit allen lichtzeichnerischen Schund auf die Thron der Verklärung hieft. Das dürfte nach den besagten 18 Jahren auch für dieses gesamt-archivierte Steinbruch-Material mit einer Archivartechnik im Experimentalstatus gelten, wie man in "Professional Production" der jüngsten Ausgabe nachlesen konnte.

ATRIUM

Dienstag, 1. September 2009

Nina Koshofer

Die Erstausstrahlung der Fernsehdokumentation "Sommer 39" auf arte hatte ich festivalbedingt versäumt, freute mich aber heute über die Wiederholungs-Ausstrahlung im WDR-TV -- platziert in der Nacht zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Die wechselseitige Spiegelung von erzählter und berichteter Alltagswahrnehmung, weitererzählt aus der hermeneutischen Haltung der Augenzeugen, der Berichtenden und Erzählenden, ihre sorgfältige multiperspektivische Auswahl, und die dagegen gesetzten Weltenläufe in der großen Politik fand ich in dieser sensiblen Balance sehr überzeugend. Das "literarische Zitat" als dramaturgische Konstante erinnerte mich ein wenig an die Meisterwerke von Ken Burns. Nina Koshofer, die für "Sommer 39" als Co-Regisseurin und Co-Autorin zusammen mit Mathias Haejntes zeichnet und außerdem die Tochter von Autor Gert Koshofer ist, hat sich mit dieser Produktion als gewichtige Stimme im Genre der geschichtlichen Fernsehdokumentation etabliert. Dass man in diesem Blog kein Fan von Bildbeschnitt historischen Klammermaterials ist (16:9 schlägt auch hier wieder ARD-konform gnadenlos zu), braucht nicht extra erwähnt zu werden. Wir werden es hier jedenfalls so lange erwähnen, bis dieser kulturellen Unart in den Redaktionsstuben Einhalt geboten werden wird. -- Weniger überzeugend fand ich in der Autorenschaft von Nina Koshofer hingegen 2007 den Elfteiler über "Die Juden - Geschichte eines Volkes", die mit puppenstubenhaftem Reenactment Sendeplätze füllte. Dass diese Art von kunsthandwerklicher Bebilderung möglichst bald selbst Gegenstand der Fernsehgeschichte werden wird, ist jedenfalls sehr zu hoffen.

ATRIUM

Sonntag, 26. Juli 2009

Zwei Texte zu Peter Krieg.

Wie sehr uns Peter Krieg fehlen wird, zeigen zwei Texte (ein Feature und ein Interview), die ich heute im Netz gefunden habe:

• ein Feature aus Brand Eins (2005)
und
• ein Interview zum DVD-Release von "Septemberweizen" von Florian Widegger im DVD-Forum (2007)

Beim Interview-Text kann man fast jeden Satz nur ganz dick unterstreichen.

ATRIUM

Dienstag, 21. Juli 2009

"Moment mal, nochmal zurück: Haben Sie das gerade gesehen?":
wiedergefundene, verschollene Filmschätze aus dem Filmarchiven

Die derzeit auf ARTE/TV-Deutschland laufende, 10-teilige Sendereihe "'Verschollene Filmschätze" ist – was man nach den bislang drei in Erstausstrahlung der 2007/2008 produzierten und nunmehr gesendeten Teile sagen kann – sensationell gut. Selten hat man eine film- und medienkundliche Sendereihe im Fernsehen gesehen, die im Ansatz mit einem derart intensiven Materialbezug argumentiert, andererseits das behandelte, vorgezeigte, vorgestellte, dokumentarische Material dermaßen in seinem zeithistorischen Rahmen kontextualisiert. Oder anders herum formuliert, ganz nach der Devise: "Moment mal, nochmal zurück; haben Sie das gerade gesehen?": Vorgeführt wird, wie sehr die Medieninszenierung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeiten schon in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eben eine Kamerainszenierung bereits gewesen war.
Dass man dort 4:3 nicht auf 16:9 beschneidet, sondern die ganze Variationsbreite des schwarzen Raums für Clips in niedrigeren Auflösungen durchspielt, versteht sich von selbst. Man darf also sehr auf die restlichen sieben Folgen gespannt sein (Freitags um 17.45 h); das Ganze gibts bei ARTE/TV-Frankreich im Übirgen auch schon als DVD-Edition. Gerd Andresen habe ich zudem als Off-Sprecher (und damit als auditives "Gesicht" von Dokumentarfilmen und Dokumentationen) bereits in seinen frühen Jahren beim SWF immer sehr gerne zugehört. Er war auch hier die richtige Wahl, um dem emphatischen Original des Französischen genau die richtige Dosis deutscher Kultureinfassung zu geben. Diese Kabinetts-Stückchen des Fernsehens sind wirklich ganz Großes Kino, ein Glücksfall der filmhistorischen Didaktik!

ATRIUM

Mittwoch, 13. Mai 2009

50 Jahre 'Nouvelle Vague'

An der Gedenksendung zu '50 Jahren Nouvelle Vague' am Montag, 11. Mai 09 auf arte mit dem dezenten Hinweis auf den Unterzeilensubtitel "Außenansichten" war wirklich bemerkenswert, dass außer Vertretern von drei Generationen US-amerikanischer Filmregisseure (darunter Penn, Friedkin und Pennebaker) kein Wort von außer-amerikanischen und europäischen Filmregisseuren zur Bedeutung der "Nouvelle Vague" für die (Weiter-)Entwicklung des Kinos zu hören war, mit der Begründung, dass den noch lebenden Beteiligten eine Begegnung dieser Frische des damals Neuen einfach nur peinlich sei — und sich selbst ein Wim Wenders zwecks Äußerung für diese Sendung den Mund verbeten habe. Das finde ich insgesamt äußerst seltsam und befremdlich, wenn man 50 Jahre danach bei noch lebenden Zeitzeugen nur noch auf Historiker angewiesen ist oder Amerika von Ferne grüßt. Dafür gab es pikante Geschichten zur Kehre bei Godard und seinen Aufenthalten in den USA gegen Ende der 1960er-Jahre, die wiederum mit der jüngsten BELIEVER-Filmausgabe kurzschließen. Zum Kinojahr 1959 siehe auch hier.

ATRIUM