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Freitag, 1. Januar 2010

Unumkehrbarkeit der Digitalen Kultur ?

Während die Digitale Kultur seit einigen Jahren wie eine Dampfwalze über analoge Lebenszusammenhänge hinweg schredderte, erzeugt sie selbst den Eindruck unumkehrbar und ohne Alternative zu sein. Der digitale Zeitpfeil geht schnurstracks immer weiter, geradeaus. Kritik und Einspruch sind nicht erlaubt, weil Evidenzerfahrung allenthalben. Dabei sind die beiden kardinalen und technischen Eckpfeiler der Digitalen Kultur bislang ohne jegliches Fundament: Weder ist der Langzeiterhalt von digitalen Daten auf Medienträgern gelöst, noch eine Lösung in Sicht, wie man unter Zinkpest-Bedingungen eine digitale Infrastruktur aufrecht erhält, wenn Hardware-Industrien in Ermangelung an Nachschub knapper Metall-Rohstoffe keine Massenware mehr produzieren können. Herstellung von Computer-Chips als Einzelstücke in Manufakturen? Wohl eher kaum. Auf so etwas eine Zivilisation ohne analoges Fallback aufzubauen, ist mehr als tollkühn.

ATRIUM

Dienstag, 21. Juli 2009

"Moment mal, nochmal zurück: Haben Sie das gerade gesehen?":
wiedergefundene, verschollene Filmschätze aus dem Filmarchiven

Die derzeit auf ARTE/TV-Deutschland laufende, 10-teilige Sendereihe "'Verschollene Filmschätze" ist – was man nach den bislang drei in Erstausstrahlung der 2007/2008 produzierten und nunmehr gesendeten Teile sagen kann – sensationell gut. Selten hat man eine film- und medienkundliche Sendereihe im Fernsehen gesehen, die im Ansatz mit einem derart intensiven Materialbezug argumentiert, andererseits das behandelte, vorgezeigte, vorgestellte, dokumentarische Material dermaßen in seinem zeithistorischen Rahmen kontextualisiert. Oder anders herum formuliert, ganz nach der Devise: "Moment mal, nochmal zurück; haben Sie das gerade gesehen?": Vorgeführt wird, wie sehr die Medieninszenierung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeiten schon in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eben eine Kamerainszenierung bereits gewesen war.
Dass man dort 4:3 nicht auf 16:9 beschneidet, sondern die ganze Variationsbreite des schwarzen Raums für Clips in niedrigeren Auflösungen durchspielt, versteht sich von selbst. Man darf also sehr auf die restlichen sieben Folgen gespannt sein (Freitags um 17.45 h); das Ganze gibts bei ARTE/TV-Frankreich im Übirgen auch schon als DVD-Edition. Gerd Andresen habe ich zudem als Off-Sprecher (und damit als auditives "Gesicht" von Dokumentarfilmen und Dokumentationen) bereits in seinen frühen Jahren beim SWF immer sehr gerne zugehört. Er war auch hier die richtige Wahl, um dem emphatischen Original des Französischen genau die richtige Dosis deutscher Kultureinfassung zu geben. Diese Kabinetts-Stückchen des Fernsehens sind wirklich ganz Großes Kino, ein Glücksfall der filmhistorischen Didaktik!

ATRIUM

Mittwoch, 4. März 2009

Kölner Digitalisierungen

Man kann nur hoffen, dass die Kölner Stadtarchivare große Fans von Digitalisierungsmaßnahmen waren und ihren möglichst gesamten Bestand in digitaler Kondensatform des Digisats ausgelagert haben, bevor die stets untergründige Stimmung Kölns auch bei ihnen zugeschlagen hatte; Kompetenzzentren für Digitalisierung waren in Köln -- wie ich aus eigener Erfahrung weiß -- nicht weit entfernt gewesen. Ob die Stadthistoriker auch so weitsichtig genug waren, ihre Digisate auf Millionen von Silberscheiben in die besten Haushalte aller Kontinente zu verfrachten, so wie es die Spielfilmfirmen seit rund 20 Jahren praktiziert haben, darf allerdings bezweifelt werden. Es bleibt die große Lehre aus dem Zusammenbruch der Kölner Geschichte, dass digitale Redundanz Inhalte bewahren kann, was immer man von Digitalisierungsmaßnahmen im kulturellen Kontext auch halten mag.

Dass dabei Silberscheiben, Magnetbänder und Magnetplatten derzeit genauso wenig die letzte Antwort für eine Dauersicherung im Zuge einer Langzeitkonservierung sind, wie auch jene Energiefresser an IT-Massenspeicherautomaten, steht auf einem anderen Blatt. -- "Datenmigration" als Erhaltungsstrategie bleibt damit bis auf Weiteres akut und virulent; die Erhaltung der Daten kann nur unter Zufuhr verfügbarer Energie geschehen. Digitales Kulturgut darf also nicht selbst überlassen bleiben.

Wir gehen, um mit Paul Read zu sprechen, in ein Dunkles Zeitalter, in der weder die analogen Träger und ihre Prozesse mehr sicher sind, noch die Zwischenträger der digitalen Welt stabil bleiben und vom Erhaltungsgrad an Hochtechnologie abhängen.

Nicht nur einen Nobelpreis dürfte derjenige sicherlich zugesprochen bekommen, der für das "Dunkle Loch" des kulturellen Zeitenwechsels vom Analogen ins Digitale eine adäquate Medientträger-Antwort für die nächsten 200 - 300 Jahre erfindet.

ATRIUM