Das wirklich Interessante an der jüngst erschienen Ausgabe des deutschen Fachmagazins "Film & TV Kameramann" ist weniger die Fortsetzung von Themenschwerpunkten zur 3-D-Bewegtbild-Produktion, sondern die vielen Kurzmeldungen, die entdeckt werden wollen, als Chronik der voranschreitenden Medialisierung des Lebens.
Zum Beispiel habe ich erst jetzt durch so eine Kurzmeldung erfahren, dass der Counterpart im großen TV-Betrugsskandal ("Spielsucht im Kinderkanal") die inzwischen insolvente KOPPFILM (samt Tochtergesellschaften) mit einem System aus Luftrechnungen und Kick-Back-Zahlungen war; dies wurde in der Berichterstattung der Tagespresse bislang dezent weniger angesprochen. Und ich hatte mich immer gewundert, wie man so ein schönes Studio in Berlins Mitte bei dieser mörderischen Konkurrenz und einem ungeheuren Investionsdruck bei gleichzeitiger Entwertung durch preisliche Demokratisierung (jüngst: DaVinci-Farbkorrektur für 999$, übernommen durch BMD) so lange halten konnte.
Entgangen ist mir bis zur Lektüre dieser Kurzmeldungen auch, dass DVS inzwischen von Rhode & Schwarz sowie T-Sevenload von Burda gekauft wurde. Dass die deutschen Kommunalen Kinos indess' davor warnen, dass mit dem Hinfälligwerden der bevorstehenden 35-mm-Distribution Alte Filme nur noch via DVD-Repertoire projeziert werden können, hatte ich bereits anderweitig gehört.
Genauer gelesen habe ich aber die Meldung zur TV-Kopiersperre auf Seite 102 (Ausgabe 2/2011): ARD und ZDF planen anscheinend, Forderungen der US-Majors nachzukommen, und eine Kopiersperre für ihre HDTV-Kanäle einzubauen, die allerdings nur mit externen Decodern oder ganz neuen Geräten funktionieren soll. Man bekäme von ARD und ZDF ausweichende Antworten, aber im Effekt hieße dies aber wohl, das nach dem Abschalten zunächst der analogen TV-Kanäle und dann der digitalen SD-Kanäle, man nicht mehr privat Fernsehen aufzeichnen und konservieren können wird. Wie geht das mit Fernsehsteuern zusammen?
Apropos Fernsehsteuer: Eine Seite davor (S. 101) liest man den Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger im Interview und kann am Ende drei bemerkenswerte Sätze festhalten: "ARD und ZDF werden akut mit einem Riesenproblem konfrontiert, das öffentlich bislang kaum zur Kenntnis genommen worden ist: Auf die Sender kommen enorme Pensionszahlungen zu. Schon vor Jahren hat ein leitender ARD-Mitarbeiter prognostiziert, im Jahr 2015 werde man kein Geld mehr fürs Programm haben, weil die Pensionen alles auffressen."
So trifft einen das Thema wieder, das Rüdiger Suchsland vor kurzem so pointiert in die Öffentlichkeit gestellt hatte. Auf Seite 24 dieser Ausgabe kann man die Programmkürzungen des Ö-R-Rundfunks dann schon im Detail nachlesen. Eine Seite weiter (25) dann die allenthalbene "Hoffnung auf den Rundfunkbeitrag", die allgemeine Rundfunksteuer.
Ich denke, ob nun mit KEF-Zahlen oder ohne: Hier ist etwas deutlich verborgen und soll möglichst auch so bleiben, weil keiner bislang einfache Antworten darauf hat, wie man einer institutionellen Verfestigung seit sechs Jahrzehnten kreativ begegnen kann, um aus etwas Altem und Überlebten etwas Neues und Lebendiges zu schaffen.
JP
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Dienstag, 25. Januar 2011
Donnerstag, 27. August 2009
"They’re never Sherlock Holmes."
Kimmelman über den "Tatort"
Es ist beruhigend zu wissen, dass auch in der New York Times das Sommerloch noch wütet. Kaum anders ist zu erklären, dass Michael Kimmelman in der NYT den werten Lesern heute die kulturgeschichtliche Bedeutung der ARD-"Totort"-Sendereihe als eine Art deutsches Küchenmöbel erklären darf. Dass die Erinnerung an TV-Schmuckstücke der 1970er- und 1980er-Jahre durch eine Inflationierung von Sendeplätzen mittels Imitaten zu verblassen droht, darf man den heute aufgeblasenen Psychodramen im Schleuderwaschgang anlasten. Deutschland als das Land mit der psychischen Dysfunktion. Am Schlimmsten sind dann die TV-Trailer, die einem diese Fiktion-Soße schon vorneweg erschauern lassen. -- Im "Taxi nach Leipzig" hatte man noch Zeit für "Stuttgart Blüten"; heute rascheln die Drehbücher nach Skriptdoktoren und Produktionsberatern, ein Schatteneffekt der ausdifferenzierten Produktionsindustrie mit ihren Ausbildungsarmadas. Ich muss dann immer hüsteln, weil man im Dialog das Drehbuch rascheln hört. Ein generelles Problem heutiger insbesondere deutscher TV-Fiktionen.
ATRIUM
ATRIUM
Montag, 2. März 2009
A Dispatch from Reuters
Es lohnt sich neuerdings seit ein paar Monaten, seinen Lebensrhythmus komplett umzustellen: denn Nachts zwischen 2 und 4 Uhr kommen alte Filme im Ersten Deutschen Fernsehen, jene Spielfilme, die nicht nur den an Filmgeschichte interessierten Zuschauern seit ungefähr 25 Jahren nicht nur tagsüber im Fernsehprogramm vorenthalten werden, sondern die zudem bislang nicht auf Silberscheibe käuflich zu erwerben sind.Heute Nacht zwischen 2 und 4 Uhr gab es "A Dispatch from Reuters" aus dem Jahre 1940 zu sehen -- und dieses "Biopic" von William Dieterle (*1893 - †1972) über den Nachrichtenpionier Paul Julius Reuter mit Edward G. Robinson in der Hauptrolle hat es wirklich in sich. Es dürfte nämlich äußerst selten sein, dass ein 69 Jahre alter Spielfilm über die Anfänge der elektrischen Nachrichtenübermittlung auch heute noch Relevanz hat: Denn noch vor der Meinungsfreiheit, dem höchsten Gut einer freien Gesellschaft, stand für Julius Reuter der Grundsatz von Freiheit und Gleichheit des Zugangs zu immer schneller werdenden Nachrichten. Zentrale Aussage von Reuter: "Nachrichten gehören allen!" - Internet-Nachtigall ick hör Dir twittern! Gerade bei verschiedenen Meldungen des heutigen Tages wie diesen HIER und HIER und HIER zeigt "A Dispatch from Reuters" auch heute noch eine vor 69 Jahren nicht vorhersehbare Brisanz. Reuter war wirklich "Ein Mann mit Phantasie", so der dt. Fernsehtitel von 1963. Was die Filmerzählung verschweigt, ist der Grund für Reuters Haltung: seine erzwungene Emigration aus dem Berlin seiner Reuter-Stargardter Buchhandlung nach Paris/Brüssel aufgrund der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848.
1940 war für Warner Bros. immer noch die Zeit, als dass man einem US-amerikanischen Publikum "gute Deutsche", wie den 1816 in Kassel geborenen Israel Beer Josaphat unter späteren Baron Freiherr von Reuter, zumuten konnte, gegen das immer stärker herannahende Bellen und Beißen der Inbrünstigen. MIt dem Wechsel Reuters zur britischen Staatsbürgerschaft 1857 fiel dies natürlich leichter. Dabei ist "A Dispatch from Reuter" neben "Dr. Ehrlich's Magic Bullet" (dt. Titel von 1965: "Paul Ehrlich – Ein Leben für die Forschung") die zweite Produktion des Triumvirats von Warner, Dieterle und Robinson aus dem Kriegsjahr 1940, nachdem Dieterle 1939 "The Hunchback of Notre Dame" fertig gestellt hatte.
"A Dispatch from Reuters" liest sich in heutiger Perspektive trotz Papierraschelns des Drehbuchs aus der frühen Dramaturgieepoche des Tonfims wie eine "Betriebsanleitung" für das Entstehen des Internets: Von der "Taubenpost" eines Douglas Carl Engelbart im Jahre 1969 bis zur Verdrahtung der digitalen Welt als Hardware und den dann benötigten Visionären, Waghalsigen, Risikokapitalgebern und Hasardeuren, diese Drähte auch mit sinnvollen Inhalten zu füllen.
Ein Geniestreich von einem Filmwerk.
Den Original-Trailer von "A Dispatch from Reuters" kann man sich als Flahvideo bei TCM-USA anschauen.
Schreiben Sie eine Petition an Herrn Herres von der ARD, er möge das Fernsehprogramm vom Kopf auf die Beine stellen!
Und schreiben Sie eine Petition an TCM/Warner, sie mögen uns hier in Deutschland auch mit jenen Filmen bei "TCM Deutschland" beglücken, die sie in den USA auf der Pfanne haben.
ATRIUM
(Foto-Credit: Warner Bros/TCM, Quellen: en.wiki, de.wiki, imdb.com, ARD)
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