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Samstag, 21. März 2009

Signage Cinema: Kino der Beschilderung

Seit einigen Monaten kursiert das Schlagwort von der "Digital Signage", der digitalen Beschilderung, dem Ersatz der Druckplakate durch große elektronische, beleuchtete Displays. Liebe Kinofreunde: es wird bei Bankenwerbung in den Vorhallen der Geldautomaten nicht bleiben, vor allen Dingen dann, wenn das e-Paper farbig und die OLEDs farbstabil geworden sind. Es spricht nichts mehr dagegen, statt Werbespots oder "slide shows" in diesen e-Bilderrahmen auch kinematographische Werke zu präsensierten. Nach den hier beschriebenen "Underground Cinemas" und "Fernsehstuben" ist das die dritte Welle des Frontalangriffs auf den tradierten Kinobegriff und seine dahinter steckende institutionelle Verfaßtheit. Das ist natürlich für uns Berliner mit unserem ehemaligen "Ku-Damm-Eck" ein alter Hut, und auch die renommierte Architekturzeitschrift ARCH+ hatte im August 1991 über diese ästhetische Kombination architektonischer Gestaltung aus später Postmoderne und Post-Strukturalimus im Zuge ihrer "Fassaden"-Ausgabe bereits berichtet (siehe Cover links). Erst die technische Ausdifferenzierung in Produktstabilität, Modularität und Massenproduktion schafft sich hier nun neue Inhalte. Viele Fragen sind dabei natürlich komplett offen: zum Beispiel die Frage der öffentlichen Beschallung. Aber schon der Vorraum einer Bankfiliale schafft hier eine Mischform von Öffentlichkeit. Ruodlieb Neubauer berichtet in seinem Editorial der (relaunchten) März-Ausgabe von "Professional Production" in einem Zitat von Ulrich Spaan davon, dass "Digital Signage" nur dann funktioniere, "wenn nicht bloß ein paar Bildschirme mit Werbung drauf in einem Geschäft aufgestellt werden. Man benötige vernünftigen Content." Und das heißt in der Lesart von Neubauer eben "Lokalfernsehen" in einem Geschäftslokal. Als öffentliche Einrichtung steht es als Mitbewerber um den Markt der bewegten Bilder und umzingelt wie "Underground Cinemas", "Fernsehstuben" und "Public Viewing Areas" das klassische, niederlassene Kino. Zu klagen und zu meinen, dass der ganze Spuk schon wieder vorbei ginge, wird wohl nicht helfen. Neue Konzepte und Strategien des Kinos sind gefragt.

ATRIUM
Bildquelle: archplus.net; die betreffende ARCH+-Ausgabe Nr. 108 über "Fassaden" ist leider vergriffen.

Donnerstag, 19. März 2009

Fernsehstuben

Heute im Berliner Tagesspiegel ein Beitrag von Sebastian Leber über die neue Mode von Fernsehstuben in Berlin und Hamburg, die mich noch mehr als an die frühen Fernsehstuben aus der technischen Innovationsepoche doch auch etwas an die Theatergeschichte des Berliner Rose Theaters erinnern: Live-Show und Gastronomie als Volksbelustigung und Familienausflug. Das hatte einst den Schauspiel- und Musik-Theatern nicht wirklich geschadet; ob die derzeitige Flut von aufkommenden Fernsehstuben, Public Viewing Areas und Underground Screens dem klassischen Kinoerlebnis zuträglich ist, darf allerdings bezweifelt werden.

Mit dem Verlust der Exklusivität an kinematographischen Werkdarbietungen im 35mm-Format (und natürlich auch bei 70mm und 16mm) geht dem klassischen Kinobegriff seine Identität verloren. Jetzt scheint die "Phasenverdrehung" eher darin zu liegen, nicht mehr einen Zugang zu "Verleihkatalogen" und "Repertoirelisten" erhalten zu müssen und damit aus einem bislang stets begrenzten Kopienangebot seinen Marktanteil zu generieren, sondern vielmehr sich im digitalen Post-Knappheits-Zeitalter aus dem audio-visuellen Gesamtangebot aller Zeiten seinen eigenen Kuchen zu backen. sein Profil zu schärfen und ein Stammpublikum im klassischen Sinne zu kreieren. Dabei ist man derzeit, wie wir in dem Tagesspiegel-Beitrag entnehmen können, bei Heidi Klum, ARD-Tatorten und den bereits anderweitig bekannten Exklusiv-Übertragungen aus der New Yorker Met gedanklich angekommen. Nach diesen ersten Gehversuchen scheint mir aber noch sehr viel mehr möglich zu sein. Welche Rolle das Kennenlernen und Wieder-Erfahren von Filmgeschichte dabei noch und wieder einnehmen kann, darf praxisbezogen austariert werden. Und alles hängt dabei an der Frage einer praktikablen Lösung von Rechte-Zugängen.

ATRIUM

Montag, 16. März 2009

Berlin underground screens

Heute erreichte mich folgende Email-Nachricht:

Sadly, there will be no Movie Night for the foreseeable future. We are not ending Tuesday night films by choice, but rather by legal necessity. If the status of Movie Night changes, we will send an email to the addresses on this list explaining so.
Thank you,
Saint Georges English Bookshop
Wörther Strasse 27 - Prenzlauer Berg - 10405 Berlin - 030 81 798 333
Mon-Fri 11AM-8PM - Sat 11AM-7PM


Der Saint Georges Bookshop war Teil der Berichterstattung des EXBERLINER Magazins vom Februar 2009 (Berlinale-Ausgabe mit einem Feature über Jochen Hick) über "underground screens" in Berlin mit der Subhead: "sick of watching video at home alone? Share a flick and find your own subculture at one of Berlin's many unofficial cinemas".

Anscheinend hat die Publikation jener "erweiterten Liste" von öffentlichen Filmvorführeinrichtungen Wirkungen gezeigt, allerdings in eine Richtung, die weder dem Aufrechterhalten von nicht-kommerziellen Filmkultur-Angeboten in Berlin Rechnung trägt, noch zu einer Reform in Lizenzsierungs-Angelegenheit führen dürfte, die das Programm-Repertoire des Kinos aus dem 20. Jahrhundert öffentlich verfügbar hält. Es fehlt, nachdem der nicht-kommerzielle Vertriebsmarkt zusammen mit dem Format 16mm eingegangen ist, einfach die "Mitte" in Lizenzangelegenheit. Und es ist für den Weiterbestand des Bisherigen immer schlecht, wenn eine "Mitte" verloren geht. Ob sich langfristig die Trennung von einerseits 35mm/DCI-Vertrieben für öffentliche Aufführungen von Filmwerken in traditionellen Kinos und andererseits dem Silberscheiben-Heimmarkt ohne eigenes Recht so aufrecht erhalten lässt, dürfte angesichts der Möglichkeiten, sich konzertiert via Netz verabreden zu können, kaum anzunehmen sein.

Je mehr die Auseinandersetzung mit der Werkgeschichte des Kinos und dem Kennenlernen vergangener Werk-Biographien von Filmschaffenden sich in die Privatsphäre verlagert, desto größer ist aber der Verlust für das Kino an sich. Denn je größer der Monoblock an historischen Filmangeboten, wenn Filmgeschichte in nur noch ganz wenigen Kinos z.B. in Berlin statt findet, desto mehr dürfte diesem Exodus der Filmgeschichte aus dem Kino in die Privathaushalte zugearbeitet werden.

Insofern täte es allen Beteiligten gut, über diesen Drift tiefer nachzudenken.

Einer, der im Musikbereich über das Vertriebsdilemma nachgedacht hat, ist John Buckman, Gründer und Leiter von Magnatune.com. Dort kann man als Filmemacher oder Produktionsfirma für eine Filmproduktionen Musik online nach einem Stufenmodell lizenzsieren. Ich finde das sehr richtungsweisend und - es gibt nichts Gutes ausser man tut es - habe von Magnatune.com für meinen letzten Dokumentarfilm "Thatta Kedona" auch Musik lizenzsiert.

Warum soll so etwas im Kinobereich nicht auch gehen, dass man also für eine nicht-gewerbliche Vorstellung auf der Website des Filmvertriebs mit drei Mausklicks eine Aufführung ganz legal buchen kann?

Auch hier liegt eine Leere vor, die zur Fülle drängt.

ATRIUM