Sonntag, 4. Oktober 2009

Stuttgarter Kinogeschichten. Leben live im Kino: Detlev Mähl im Gespräch mit Joachim Polzer, Teil 1

Joachim Polzer: Wir haben uns 1975 in Stuttgart kennen gelernt, das war vor fast 35 Jahren. Wir wollen in diesem Gespräch einmal auf diese Zeit des Kinos in den ausgehenden 1970er-Jahren und die Entwicklung danach näher eingehen. Aber fangen wir doch zunächst einmal mit Deiner Herkunft an, also mit etwas, was uns damals, wo wir alle mit und im Kino so beschäftigt waren, nur sehr am Rande beschäftigt hat. Wie kamst Du in die Kinoszene von Stuttgart hinein? Waren Deine Eltern Schwaben?

Detlev Mähl: Meine Mutter stammte aus Freiburg, war also badisch. Mein Vater kam aus Mecklenburg, arbeitete im Dritten Reich bei Peenemünde und wurde dann von den Alliierten "mitkassiert".

Joachim Polzer: War er Teil der Raketenforschung der Nazis?

Detlev Mähl: Ja, irgendwie war er daran beteiligt. Ich habe aber nie genau Aufklärung darüber bekommen. Er kam dann irgendwann angeschlagen aus der Gefangenschaft zurück und starb danach bald. Meine Mutter hat sich wieder verheiratet, bekam ein neues Kind, aber der zweite Mann verunglückte tödlich; so heiratete meine Mutter dann zum dritten Mal. Die Familie meines Vaters war sehr vermögend; meine Mutter war 45 Jahre jünger als mein Vater. Ich bin 1943 geboren; meinen Vater habe ich eigentlich nicht bewußt kennen lernen können. Nach den Kriegswirren bin ich in Niederbayern aufgewachsen, in Eidelbach bei Vilshofen. Ein Onkel von mir hatte dort eine Gastwirtschaft und machte aus dem Tanzsaal ein Kino. So bin ich in frühen Jahren ins Kino reingekommen. Im Tanzsaal wurden die Stühle fixiert, vorne auf der Bühne wurde eine Leinwand installiert. Es war nicht so komfortabel wie in den anderen umliegenden, richtigen Kinos, die dann recht bald in den 1950er-Jahren auch mit CinemaScope und 3-D anfingen, aber es hat Freude gemacht. Bei uns lief dann ab etwa 1950 "Schwarzwaldmädel" und dann mit Errol Flynn "Leichte Kavallerie". Und von meinem Onkel habe ich dann die einzelnen Verschnittbildchen bekommen, die im Vorführraum angefallen sind. Die habe ich dann jahrelang gesammelt. Auch ein Kinderkino wurde in unserem Kino angeboten, bei dem ein Kinoerzähler Standbilder auf die Leinwand geworfen hat.

Joachim Polzer: Bei Dir setzte also mit acht, neun, zehn Jahren ein sehr frühe Kinobegeisterung ein?

Detlev Mähl: Kann man so sagen. Ich durfte zwar nicht in jeden Film rein, weil der Pfarrer vorne die Filme entsprechend zensierte. Also ein Kuss war schon eine "Drei". Und eine "Drei" war nicht jugendfrei. Auch bei "Zwei" durften Kinder nicht rein, nur bei "Eins", das waren dann meist die Walt-Disney-Filme.

Joachim Polzer: Es gab in Niederbayern also eine lokale Filmzensur?

Detlev Mähl: Ja und die lag in den Händen des Pfarrers.

Jochim Polzer: Wie kam die Familie von Peenemünde nach Niederbayern?

Detlev Mähl: Mein Vater hat das noch arrangiert. Durch die Fliegerangriffe waren ich und meine Mutter gefährdet. Wir lebten damals in Berlin und mein Vater hatte in Niederbayern bäuerliche Verwandtschaft. Er arrangierte das dann, das wir zusammen mit meiner Oma nach Bayern übersiedelten. Als Kind hatte ich dort eine tolle Zeit. Es gab immer was zu Essen und das reichlich. Es hat im Alltag auch sehr lustige Erlebnisse gegeben. Wenn reiche Bauern geheiratet haben, dann wurde das ganze Dorf eingeladen und ein großes Fest gefeiert. Und der Pfarrer mochte mich auch ganz gern. Wie gern, das ist eine andere Sache. Auf jeden Fall erzählte er mir dann auch so Geschichten von Untoten, was mich immer ganz begeisterte. Zur damaligen Zeit gab es ja noch die "Bittgänge". Man ist zum Beispiel, wenn es im Sommer nicht geregnet hat oder es zu wenig Sonne gab, zum Wallfahrtsort Altötting gepilgert, weil man hoffte, wenn man zu Fuß diese Wegstrecke von 50 bis 60 km geht, es dann eine Wendung zum Besseren gäbe. Dafür mußte jemand in der Frühe das Dorf wecken. Die Aufgabe hat der Pfarrer dann auch mal mir aufgebürdet. Ich wollte dann des Morgens die Glocke ziehen, aber es war kein Seil mehr dran; es gab wegen eines Seilwechsels an der Glocke nur eine ganz kleine Glocke, die einsatzfähig war und die sollte ich dann läuten. Aber wie ich dann in dem halbdämmrigen Licht nach oben kam, sah es so aus, als stünde und bewegte sich da ein Gespenst. Durch meine Phantasie, angeregt durch die Geschichten des Pfarrers, erschien mir das sehr real. Ich bin dann schnell zum Pfarrer runter gerannt, der mir entgegnete: "Das kann gar nicht sein, mein Sohn." Ich sagte: "Doch!" Er ist dann hoch gegangen, kam wieder zurück und sprach: "Du nimmst das Kreuz und gehst voran! -- Wenn da oben der Böse ist: Du bist ein unschuldiges Kind. Dir wird er nichts tun!" Ich bin dann voraus gegangen und in dem Moment hat das Ding uns umschlungen. Vor Schreck sind wir beide die Treppen heruntergefallen. Ich auf den Pfarrer drauf und wir haben uns beide nicht nur sprichwörtlich in die Hose geschissen, wenn ich mich recht erinnere. Später hat sich dann heraus gestellt, dass sich eine Riesenfahne, die da oben im Geläut hing, durch den Wind bewegte, was im Dämmerlicht gruselig wirkte. Ich mußte ihm dann versprechen, dass ich zu seinen Lebzeiten diese Geschichte niemanden erzähle.

Joachim Polzer: Es kling ein wenig nach "Vertigo"...

Detlev Mähl: Später habe ich dann solche Filme sehr gern gemocht. Nur kam ich halt damals nicht hinein, von wegen Jugendschutz.

Joachim Polzer: Aus welchem Grund bist Du dann aus Niederbayern nach Stuttgart gekommmen?

Detlev Mähl: Meine Mutter hatte sich nach dem Tod meines Vaters wieder verheiratet und zwar nach Stuttgart mit einem Schwaben. Ich blieb noch eine Zeit lang bei meiner Großmutter in Bayern. Später hat mich meine Mutter dann nachgeholt, das war 1955 zur "CinemaScope"-Zeit. Die Oma meines neuen Vaters hatte in Gablenberg gewohnt. So sind wir zu ihr gezogen. In Stuttgart war es dann wie im Kinoparadies, weil man um 11 Uhr schon ins Kino gehen konnte. Der Eintritt kostete 50 Pfenning. Es gab ein kleines Kino in der Eberhardstraße, das hieß die "Flohkiste". Dort liefen dann alte Western und Filme mit Errol Flynn. So hat man den Filmkanon der B-Movies im Kino erleben können. In der Nachkriegszeit der fünfziger Jahre gab es noch viel gestaute Hollywood-Ware, die man in der Nazizeit nicht hatte exportieren können. Man zahlte einmal Eintritt und konnte so lange sitzen bleiben, wie man wollte. Den "Schwarzen Falken" habe ich so an einem Tag sieben Mal hinter einander sehen können.

Joachim Polzer: Du kamst irgendwann trotz Kinobegeisterung in eine weiterführende Schule?

Detlev Mähl: Ich bin dann in die Wagenburg-Schule gegangen. Die Familie eines Schulkamerads von mir aus einer Parallelklasse besaß ein Kino, das "Schauburg"-Kino am Stöckach. Der Vater des Schulkameraden war ein alter Kinofreak, von früh her schon, besaß in den Vororten weitere Kinos, in Sillenbuch und Heumaden etwa. Diese außerbezirklichen Kinos bekamen dann als "Nachspieler" durch die um sich greifende Motorisierung immer mehr Schwierigkeiten, weil die Leute lieber in die Stadt gefahren sind. Aus dem Stuttgarter Schauburg-Kino am Stöckach wurde dann später der Gutshof. Das Gebäude steht heute noch. In der Schauburg durfte ich dann auch mal in den Vorführraum gehen und ich fing an, neugierig zu werden. Ich kannte ja schon Kinobetrieb durch meine Zeit in Niederbayern. Aber ich kannte noch nicht die CinemaScope-Leinwand, die im Verhältnis bekanntlich sehr groß war. Kinos wurden damals erstmals nach der Leinwand gebaut, also nicht wie früher umgekehrt. Und das war sehr interessant für mich. Auch der Mehrkanal-Magnetton war neu für mich. Es fing allerdings damals schon an, dass CinemaScope-Kopien mit Lichtton ausgeliefert wurden. Wenn der Vorführer keinen Handumspuler hatte, sondern die Rollen mit dem Waschmaschinen-Motor zurück gespult wurden, haben sich Magnetfelder übertragen, die auf der Magnettonspur zu Brummen oder sonstigen Störungen führten. Beim dortigen Vorführer konnte ich so ein wenig lernen, durfte Rollen einlegen. Dabei hab ich mich ganz gut angestellt. Der Vater meines Schulkameraden sagte: "Ich hab im Sommer gar keinen Vorführer. Willst Du das nicht machen?" So ging ich dann mit 13, 14 Jahren daran, diese Sommervertretung zu übernehmen. Zu Hause hab ich dann nicht gleich die Wahrheit gesagt, sondern sprach vom "Schullandheim" als ich abends spät heimkam. Damals liefen in der Stuttgarter Schauburg drei Vorstellungsarten: eine Jugendvorstellung um 14 Uhr, dann die letzte Hauptvorstellung um 20 Uhr und dann um 23 Uhr eine Nachtvorstellung. Und in der lief damals "Dracula". Ich weiß noch ganz genau: In jedem Kino brannte die Notbeleuchtung, nur bei uns ist während "Dracula" diese Notbeleuchtung irgendwie ausgefallen. Als der Film dann zu Ende war, wollte keiner den Saal verlassen, weil es Draußen auch so stockdunkel war. Es hat sich keiner raus getraut. Als die Notbeleuchtung wieder anging, saßen die immer noch im Saal. So sehr hat die der Film mitgenommen.

Joachim Polzer: Über Deine frühe Tätigkeit als Vorführer hast Du damit auch die Kinosituation in Stuttgart von innen kennen gelernt?

Detlev Mähl: Klar. Du bist dann ja auch in die anderen Kinos gegangen, um mal einen Vergleich zu haben. Das "Gloria" an der Königstraße war dann auch irgendwann fertig und nach der Eröffnung sah ich dort dann deren Eröffnungsfilm "Porgy and Bess". Der war in 70-mm und mit 6-Kanal-Magnetton. Die Raumtonmischung, wenn die Schauspieler von Links sprechen eben auch der Ton von Links kommt und bei Bewegung der Schauspieler auf der Leinwand eben auch die Tonmischung dies mitführte, das fand ich ganz hervorragend. Ich konnte mir das allerdings nicht genau erklären, weil der 4-Kanal-Magnetton bei CinemaScope, den ich von der Schauburg her kannte, nicht so aufwendig gewesen war, weil dort die beiden Kanäle Halblinks und Halbrechts fehlten, was in der Pan-Pot-Sprachmischung zu Tonlöchern geführt hätte, wenn man die Sprachquelle beispielsweise von ganz Links nach ganz Rechts bewegen läßt. Als ich dann mit meinem neuen Wissen in meiner gemischten Klasse prahlen wollte und Mädchen mal zum Mitkommen animieren wollte, da lief der Film schon nicht mehr im "Gloria", sondern im "Cinema", dem kleinen Eckkino im Mertzgebäude am Schloßplatz. Das "Cinema" hielt ich damals schon für ein ganz übles Kino, von der Leinwand und von der Raumsiuation her. Und meine weibliche Kino-Begleitung, die selbst von der neuen Stereo-Schallplatte begeistert war, sagte dann: "Ich höre nichts von links, ich höre nichts von rechts, alles kommt aus der Mitte. Und Du hast mir auch was von einem riesigen Bild erzählt. Da stimmt doch was nicht! Was Du immer erzählst!" Ich konnte das dann nie bereinigen. Aber in Stuttgart gab es dann noch das "Atrium", das, wie auch das "Gloria", in den 1950er-Jahren entstand.

Joachim Polzer: Das "Atrium" und das "Gloria" waren in der Stuttgarter Innenstadt die eingeführten und repräsentativen 70-mm-Häuser?

Detlev Mähl: Ja, aber das "Atrium" war vor dem "Gloria" schon da. Das "Atrium" fing mit CinemaScope an und führte dann später mit Todd-AO die Breitwandtradition weiter. Der alte Herr Willy Colm hatte halt früh erkannt, dass man mit einer Investition in diese Technik eine tolle Wirkung erzielen kann und damit eben auch mehr Publikum bekommt. Der Vater meines Schulfreundes hatte dann in Cannstadt in der Augsburger Straße das "Panorama" als 70-mm-Filmtheater als ganz neues Kino mit einer riesigen Leinwand von über 100 Quadratmetern gebaut. Da das "Atrium" aber die Erstverträge hatte, konnte er nie gleich mitspielen. Bedingt durch die langen Spielzeiten im "Atrium" war es dann aber schon bald nicht mehr lukrativ. Zwar war das "Atrium" das Top-Kino in Stuttgart, aber der Vater meines Schulfreundes hatte durch Neigung und Können eben im "Panorama" noch das letzte Tüpfelchen als Vorführqualität herausgeholt, weil er eben mehr Interesse hatte. Das "Panorama"-Gebäude steht immer noch, das Kino gibt es nicht mehr, es sind jetzt Büros und Wohnungen daraus geworden. Damals war das Kino allgemein eine Goldgrube, in der man über die Jahre auch mit mittleren Betrieben Millionen verdienen konnte, was man heute eben nicht mehr kann.

Joachim Polzer: 1960 warst Du 17. Irgendwann war die Schule zu Ende...

Detlev Mähl: ... und dann ging es darum: "Was willst Du werden?" Ich hab im Schultheater bemerkt, dass ich ein gewisses Talent fürs Theater und für's Spielen habe. In Feuerbach gab es eine Art Bauerntheater. Der Leiter kam auf mich zu und sagte: "Du, ich brauch' jemand, der mir einen Depp spielt. Du kannst doch recht lustig sein, wie wär's also? Willst Du das nicht machen?" Ich habe das dann mit großem Erfolg gemacht. Die Leute haben über meine Bühnenleistung gelacht. Das Starhafte bekam man ja im Kino ganz gut mit. Das ging mir dann im Kopf so rum. Ein Schauspieler aus dem Staatstheater war auch dort und fragte mich, ob ich das denn nicht als Beruf oder professionell machen möchte. Es ging nach meinem Schulabschluss also um eine Aufnahmeprüfung zur Schauspieler-Ausbildung. Ich habe dann vor Dieter Eppler und Hans-Peter Hallwachs als damals aufstrebendem Jungschauspieler meine Aufnahmeprüfung recht gut bestanden. Ich habe die Klassiker recht lustig dargestellt, das lag mir und dafür hatte ich wohl ein gewisses Talent. Als ich die Tatsache der bestandenen Aufnahmeprüfung meinen Eltern erzählte, haben die mir allerdings recht schnell den Wind aus den Segeln genommen. Mein Stiefvater, der damals schon Fertighäuser mit dem Kapitalgrundstock meiner Mutter verkaufte, sagte dann zu mir: "Ich hab' mit Dir ganz andere Dinge vor! Du wirst mein Juniorchef, bekommst eine eigene Wohnung und ein Auto." -- Das hat er dann auch gehalten. Aber ich habe mich mit ihm dann doch nicht recht vertragen, weil ich merkte, dass das, was er mir als meine Zukunft versprochen hatte, nicht einhalten wollte. Und ich merkte auch, dass es sich auch privat ganz anders darstellte: So eine Berufsaufbildung oder ein Studium des Stiefsohns kostet halt Geld und das steckt man doch lieber in ein eigenes Einfamilienhaus. Das Angebot zum Einstieg in die familiäre Firma war letztlich ein Versuch, Geld zu sparen. Meine Mutter hatte das wohl zu seiner Zeit nie ganz durchschaut. Sie hatte damals auch mehr Angst vor der Luftigkeit und Unstetigkeit des Bühnenberufs. Als das alles schlussendlich dann heraus kam, hat sie das wohl ziemlich getroffen. Mein Stiefvater hat mich zum Schluss rausgeschmissen. Ich stand dann 1962, 1963 ohne Berufsausbildung und ohne Job erst mal da. Ich versuchte zunächst, mein Netzwerk an Bekanntschaften in die Stuttgarter Kinos zu reaktivieren, um eine Beschäftigung zu finden. Die Filmvorführer in den Kinos waren in ihrer Tätigkeit damals ja recht einsam. Sie mußten in ihrer Vorführkanine bleiben und durften dort nicht raus. So freuten sie sich schon, wenn da ein Junge kam, der sich für ihre Materie interessierte. Man bekam technisch alles gezeigt und durfte auch mal einen Film einlegen; man durfte, wenn wenig Besucher in einer Vorstellung waren, auch mal selbst überblenden. Die Überblendung bei dem 600-m-Rollen-Betrieb durfte ja nicht schief gehen. So entstanden Bekanntschaften und auch ein Netzwerk an Leuten, das man bei einer Jobsuche einsetzen konnte. Aber dann kam mir der Bundeswehrdienst dazwischen. Ich mußte einrücken. Das kam zu meiner Situation auch noch dazu. Dort ist mir mein Hang zu Kino geblieben. Bei der Truppe hatten die so eine Art 16-mm-Feldkino und in Esslingen auch ein echtes 35-mm-Truppenkino zur Soldatenunterhaltung. Bei einer Nahkampf-Übung hatte ich mir die Schulter verletzt, klagte gegen den Bund und bin mit einer kleinen Rente entlassen worden. Um meiner Mutter nicht auf der Tasche zu liegen, fing ich wieder an, als Vorführer etwa im Gablenberger "Apollo"-Theater am Ostendplatz zu jobben. Die 600-m-Rollen konnte ich mit meiner ständig auskugelnden Schulter gerade noch stemmen.

Joachim Polzer: Du lerntest durch Deinen Schulfreund am Ende der 1950er-Jahre relativ früh zunächst mit Kinobegeisterung und dann nochmals am Anfang der 1960er-Jahre durch Deine berufliche Neuorientierung die Kinoszene in Stuttgart recht intensiv kennen.

Detev Mähl: Mit dem Aufkommen des Fernsehens und den ersten TV-Events, wie beispielsweise den Durbridge-Verfilmungen, bekam diese Boombranche am Anfang der 1960er-Jahre eine erste Flaute zu spüren. Wenn "Melissa" ausgestrahlt wurde, dann wurden die kleineren Filmtheater außerhalb der Innenstadt als erste an den Rand gedrängt. Die Innenstadt-Kinos waren davon weniger betroffen, etwa das "Universum" in der Königstraße 4. Das Universum lag dort, wo heute der Kaufhof steht. Oder das dort damals gegenüber dem "Universum" befindliche "Palast"-Kino in der Königstraße, nicht zu verwechseln mit den späteren Palast-Kinos, die zuvor schon und heute wieder Metropol-Kinos heißen. Das ursprüngliche "Palast"-Kino in der Königstraße war ein riesiger Barackenbau und stand an der Stelle, an der später das KFA-Kaufhaus gebaut wurde, das spätere, untere Hertie-Kaufhaus in der Königstraße. Am Kunstgebäude des Schloßplatzes war dann noch die "Kamera", quasi ein halbes Freiluftkino. Im Hauptbahnhof gab es das "Bali"-Kino am Westeingang des Hauptbahnhofs und im Hindenburgbau das "Rex"-Kino. Das "Gloria" war dann Ende der 1950er-Jahre das letzte Stuttgarter Kino, das speziell für 70-mm-Präsentation gebaut wurde. Als das "Metropol-Theater" in "Palast"-Kinos umbenannt wurde, konnten die dort ebenfalls 70-mm-Kopien spielen. Die gesamte Leinwand des neuen "Palast"-Kinos konnte nach oben weggezogen werden, so dass man den Saal auch weiterhin als Theater mit Bühne benutzen konnte. Bei der Eröffnung des Metropol-Palastes lief "The Alamo" von John Wayne, später auch "Der Untergang des Römischen Reiches" und "Onkel Toms Hütte" dort in 70-mm. Da das "Atrium" ständig durch langlaufende Filme, meist von MGM, ausgebucht war, liefen im "Gloria" 70-mm-Filme wie "Lawrence von Arabien", "Die Königin von Saba", "Lord Jim", "Flying Clipper" und "Der Kongress tanzt" und als Eröffnungsfilm eben "Porgy and Bess". Das "Universum" war damals das größte Kino in Stuttgart; dort liefen dann die ganzen "Karl-May-Filme" oder etwa auch "Ein toller Käfer" und "Spiel mir das Lied vom Tod". Im "Universum" liefen die Filme allerdings nur wenige Wochen lang, während im "Atrium" die 70-mm-Kopien von "Doktor Schiwago" oder "Ben Hur" zum Teil auf 12 bis 16 Monate Spielzeit kamen. In der Calwer Straße gab es dann noch die "Calwer Lichtspiele". Das war insofern interessant, weil dort der Film "Der große Regen" gezeigt wurde. In einer Vorstellung, samstags, das vergesse ich nie, tropfte es -- sehr passend zum Film -- vom Flachdach aus in den Zuschauerraum. So etwas ist dann immer Leben live im Kino.

Fortsetzung folgt.

Bildnachweis: Jochim Polzer

Freitag, 2. Oktober 2009

Eine "Zukunft des Kinos" mit Straub-Huillet

Am Berliner Zoofenster wird gebaut; das Schimmelpfennig-Haus ist fast weg und am Zoobogen (einschließlich Zoo-Palast) steht die neue architektonische Planung (und wird nächste Woche wohl veröffentlicht). Inwieweit die öffentliche Bauplanung von Charlottenburg den Zoo-Palast mehr als nur in seiner architektonischen Hülle retten kann, sondern auch funktional, als Kinobetrieb, wird die Zukunft erst zeigen können.

Die Pressestelle der Berliner "Akademie der Künste" (AdK) informierte mich heute über die am 16. und 17. Oktober bevorstehende Tagung "Zukunft Kino II - Digitale Kinematographien" im Akademie-Haus am Hanseatenweg in Tiergarten.

Eine Tagung "Zukunft Kino" zu nennen, in der es vor allem eben nicht um die gegenwärtig tobenden Kämpfe in den Kinos um ihre eigene Zukunft geht (mit Distributoren, die keine Filmstreifenkopien mehr ziehen wollen und die die Kinos damit zur Zwangsdigitaliserung nach US-amerikansicher DCI-Norm zwingen wollen -- Kämpfe aber auch mit öffentlichen Förderinstanzen, die meinen, durch Abhängigmachung mittels Darlehen etwas Gutes zur Bewahrung der Zukunft von Kinos anzustellen, wenn Kinos damit in 24-Monats-Erneuerungszyklen gezwungen werden sollen), das halte ich - gelinde gesagt - für recht zynisch -- oder zumindest für sehr unbedarft und an der Realität vorbei, die sich eben auch nur zu gerne in zerebralen Reflektionen digital vaporisiert.

Gehen soll es bei der AdK-Tagung um feuilletonistische Allgemeinfragen rund um Filmvermittlung, Filmfinanzierung und Werkdistribution in Online-Medien, um die Digitale Kinematographie, die im Werkbeispiel "Waltz With Bashir" keine mehr ist (sondern Animation) und um den gegenwärtigen Turbo der Kinodigitalisierung, 3-D, der in einem Beitrag von Seeßlen/Metz diskutiert werden soll unter dem Titel: "Die erweiterte Kinematografie – 3D-Kino oder die Auflösung der Bilder? - Das Bild bezahlt seine universale Marktgängigkeit mit dem hohen Preis seiner Auflösung. Auch das stereoskope (3D) Bild wird das Kino nicht retten."

Helfen kann hier wohl nur die Rückbesinnung auf das kinematographische Sehen und Hören, wie "Höhlenmenschen und Kinder" es im und am Werk von Straub-Huillet lernen können. Eine umfassende Einführung in das Werk von Sraub-Huillet gibt Daniel Fairfax aus Sydney in seinem aktuellen und sehr lesenswerten Beitrag für "Senses of Cinema", Ausgabe 52. [Stand: FIRST PUBLISHED 6 September 2009 - LAST CHANGES 29 September 2009]

Das Werk von Straub-Huillet öffnet sich und wird zugänglich, wie Fairfax schildert, vor allem auch durch die im Entstehen begriffene, französischen Gesamtausgabe auf DVD. Inwieweit die Vergangenheit des Kinos die Basis für eine Zukunft des Kinos sein könnte, wenn die historischen Werke einem individualisierten Konsum zur Verfügung stehen, steht dahin.

Dem Verlust des Monopols der hochqualitativen und großen Bilder, der seit den ersten CRT-Röhren-Videobeamern langsam eingetreten ist und nunmehr durch überall eingesetzte Großdisplays (vom Wohnzimmer bis zu Häuserwänden und Bankfilialen) zur wahren Inflation, Entwertung der Bilder und Töne geworden ist, kann letztlich nur durch zwei Modi gelenkt werden. Der eine Modus verweist auf das Museum und die historische Aufführungspraxis und der andere Modus zeigt in die diametral andere Richtung: auf die Wieder-Lebendigmachung des als wertig Erkannten durch soziale Prozesse.

Dem Werk von Straub-Huillet würdig wäre ein Bayreuth, dass auch in Überlingen, Romanshorn und Lindau zu Hause sein könnte. Ein Ort der Auseinandersetzung abseits der kulturellen Hyperkonkurrenz des Kulturmarktes und passend zum konzisen aber auch landschaftlichen Blick, gezogen ohne Kinobild-Monopol aber getragen von einem Publikum, dass sich sammelt, um ein Werk und eine Idee. Das Kino wird nach dem Zusammenbruch des Mainstream nur als Alternative in jeder Hinsicht und jeder Form mit eben auch alternativen Form-Inhalten sich seine Zukunft selbst erarbeiten können, und zwar in Ausnahmefällen und als Randzone. Festival in diesem Sinne.

ATRIUM

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Das WALT DISNEY FAMILY MUSEUM in San Francisco

Die NYT bringt heute eine ausführliche und detaillierte Rezension von Edward Rothstein zur am Donnerstag bevorstehenden Eröffnung des neuen WALT DISNEY FAMILY MUSEUM im Presidio von San Francisco.

ATRIUM

Sonntag, 20. September 2009

DVD, Blu-Ray und andere Raumfahrttechnologie der besonderen Art

Der sensationelle Erfolg, den die DVD seit ihrer Einführung in den US-Markt im April 1997 hingelegt hat, ist technisch -- was das Medium als Vertriebsplattform für AV-Content betrifft -- auf eine ideal zu nennende Co-Evolution begründet. Einerseits war die DVD-Video in ihren Spezifikationen gerade so avanciert, dass sie auf damals zeitgenössischer Hardware als Echtzeitmedium zu schultern war; andererseits in ihren Spezifikationen so beschränkt, dass seltsame, systeminhärente Inkompatibilitäten, wie ich sie derzeit mit Kauf-BluRay-Disks erleben muss, nie auftraten. Dass es immer mal Pressfehler gab und gibt: geschenkt: die DVD ist medientechnisch unser "Goldstandard".

Medientechnische Co-Evolution will hier heißen: ohne den "Spirit"-Filmabtaster -- einst eine Hervorbringung von Philips-Broadcast unter Verwendung von Kodak-Scanmodulen (letztlich als Abfall-Produkt des "Cineon"-Marketing-Fiaskos) -- ohne "Spirit" hätte schlicht das Qualitätsniveau an Bild-Material gefehlt, welches zum durchschlagenden Qualtitäts-Argument der DVD wurde.

Wir haben beim diesjährigen Globians Doc Fest Berlin erstmals von Filmemachern selbst gefertigte BlueRay-Recordables via handelsüblichen BlueRay-Playern als HD in 1080p eingespielt, mit großartigem Ergebnis in der Meinung der beteiligten Filmemacher. Um so seltsamer sind die Erfahrungen, die ich mit den ersten Kauf-BluRay-Disks gemacht habe.

Nicht nur, dass bei all den Regionalcodes inzwischen zu viel Gedränge bei den HDMI-Eingängen an Beamern entsteht, die man in 1080p auch mit HDMI-Switches nicht in Griff bekommt (weil bei 720p und 1080p von den Playern gleich alles auf Schwarz geschaltet wird), sondern es entstehen in der praktischen Handhabung auch die seltsamesten Effekte der systemimmanenten Verschleierungs- und Unterdrückungstechniken beim Blu-Ray-Standard.

Drei konkrete Beispiele:

Die zu Recht bislang stets über allen Klee gelobte "Criterion Collection" hat mit "For All Mankind" zum zwanzigjährigen Jubiläum des Mondfahrt-Dokumentarfilms von Al Reinert (und damit natürlich auch zum 40-Jährigen der ersten Mondlandung) eine wunderschöne HD-Neuabtastung und Restaurierung dieses in jeder Hinsicht sehenswerten Film-Essays bewerkstelligt. Leider lässt sich auf dem Sony-BluRay-Player (BDP-S550) mit korrektem Regionalcode "A" ausgerechnet bei diesem einzigen hochwertigen Criterion-Titel weder 720p noch 1080p als Darstellungsauflösung am Player aktivieren. Man muss bei dieser Disk die Auflösung zwangsweise auf 480p herunterschrauben, weil man sonst die systembedingten Verschleierungsmechanismen des BluRay-Standards sich in Echtzeit auf der Leinwand als komplett gestörtes und ständig zusammenbrechendes Bild ansehen kann. Das ist natürlich ein Aberwitz, wenn man diese ressourcenverschwendende Blu-Ray-Technologie künstlich herunter tunen muss, damit überhaupt etwas geht -- und es sieht auch nicht besser aus, als wenn man sich eine DVD kauft (die ja bereits auf SD-Auflösung vom HD-Master herunter gerechnet ist) und diese dann etwa mit einem Pioneer-Player auf 1080p herauf skaliert.

Eine diesbezügliche Eingabe und Nachfrage von mir an "Criterion Collection" wurde bislang nicht beantwortet. Man schweigt lieber. Wahrscheinlich ist es auch besser so. Man sollte keine Blu-Ray-Disks kaufen.

Zweites Beispiel (in der 40-Jahre-Wiederkehr-Hysterie der Mondlandung) die Blu-Ray-Disk "Man on the Moon -- with Walter Cronkite". Das ist das andere Ende der Skala: übrig gebliebene Fernsehdokumentationen mit Voiceover des gerade verstorbenen Cronkite in einer Qualität, die man auch auf VHS-Doppel-Longplay hätte verkaufen können. Immerhin 270 Minuten an Material von TV-Sendungen, die man in Europa als journalistisches Produkt noch nicht gesehen haben dürfte. Das hätte man aber auch in MPEG-1-Kompression auf eine einzige DVD bekommen, nur hätte man das dann eben nicht in einer blauen Amaray-Box getan. Urteil: Mogelpackung.

Drittes Beispiel: Gary Hustwits Dokumentarfilm "Helvetica", erschienen als Blu-Ray bei Plexifilm in New York City. Man kann dort die Hautunreinheiten der Talking Heads einzeln zählen, was mich beim Zuschauen sehr verwirrt hat. Anders herum: Mir ist die Blu-Ray fürs Heimkino zu scharf, wie zu scharfes Essen, das einem den an sich guten Geschmack übertüncht. Mit rund 2K-Auflösung bekommen die Filmemacher nun eine weitere Aufgabe als Edititoren ihrer Filme aufgebürdet: das Unscharfmachen ihrer Filme als künstlerisch-dramaturgische Aufgabe, auch partiell, um das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. In "Helvetica" meine ich, bereits unscharf gemachte Bücherrücken im Bücherregal gesehen zu haben, was allerdings andererseits noch mehr die Pickel auf der Nase der Sprechenden und die Fettflecken auf der Brille geradezu extra betont.

Ob die Blu-Ray also ein Segen wird oder schon ein Fluch von Anfang an ist, wird man sehen. Fakt ist: Filmeanschauen ist anstrengend für Körper, Geist, Emotionen und Seele. 3-D noch mehr von allem, auch wenn man es richtig machen will. Die DVD als rundes Jahrhundertwende-Ding wird auf absehbare Zeit unser Goldstandard bleiben.

Der vor kurzem verstorbene Christian Bauer hatte es anlässlich der Diskussion zum technologischen Aufrüsten von SD auf HD im Dokumentarfilmbereich bei der Dokville-Tagung 2007 so formuliert: "Ich will es gar nicht sehen".

ATRIUM

Freitag, 4. September 2009

Die Berliner Kino-Ausstellung des Kinomuseum Berlin e.V.

Wie gut, dass die Freunde vom Kinomuseum Berlin e.V. jetzt aktiv werden,
nach einem ersten Vortrag beim jüngsten 5. Globians Doc Fest Berlin im August.

Aus der Pressemeldung von gestern:

EINLADUNG ZUR PRESSEKONFERENZ
am 8. September 2009 um 13 Uhr
in der ASTOR FILMLOUNGE, Kurfürstendamm 225, 10789 Berlin

Das Film-, Theater-, Musik-, Literatur- und Hörspielmagazin SPIRIT -EIN LÄCHELN IM STURM www.spirit-fanzine.de und KINOMUSEUM BERLIN E.V. www.kinomuseum-berlin.de laden herzlich zur Pressekonferenz mit gemeinsamen Veranstaltungen.

Im Foyer der ASTOR FILMLOUNGE die Ausstellung des neu gegründeten KINOMUSEUM BERLIN E.V.

“Raum der Illusionen: Fotoreisen durch Berlins vergessene Kinolandschaften"
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sowie die Filmvorführung von SPIRIT - EIN LÄCHELN IM STURM

“In den Schuhen des Fischers" - eine Oskar-Werner-Hommage anlässlich des 25. Todestages (Vorabvorführung einer Szene während des Pressekonferenz am 8. September 2009)

Der junge Verein KINOMUSEUM BERLIN E.V. verfolgt das Ziel, die historische und aktuelle Entwicklung des Kinowesens in seiner vielfältigen Ausdrucks- und Erscheinungsform zu erhalten, zu pflegen und weiterzuentwickeln, dabei auch seine gesellschaftliche Bedeutung zu fördern und die technischen, künstlerischen, sozialen sowie wissenschaftlichen Traditionen zu beleuchten.

Durch die Integration auch der privaten Sammlerszene werden dokumentarische und technische Materialien sowie deren Präsentation lebendig gehalten.

Elementar für den Verein ist die Durchführung von Filmbandvorführungen, Ausstellungen und Fachtagungen, eine begleitende Unterstützung bei der Restaurierung kinematographischer Erzeugnisse, insbesondere der Wissensvermittlung durch Herausgabe und Verbreitung kinobezogener Fachliteratur, die für die nachhaltige Existenz von musealen und kulturellen Institutionen des Kinowesens in Berlin sorgen.

Schwerpunkte der Arbeit sind die Erforschung der Filmtheaterbiographien, Architekturen und Programme sowie die technologischen Methoden und Ausdrucksmöglichkeiten einer Filmprojektion im kinematograpischen Raum: praktiziert durch Wiedergabe vorrangig von Filmbandoriginalen von Super 8 bis zum Breitfilm auf hochwertigen Bildträgern.
Selten, nie oder zumeist in formatentstellten Versionen gezeigte Filme wie “West Side Story", “Lawrence von Arabien", “Spartacus oder “Das Land des Regenbaums" sollten in den derzeit photographisch besterhaltenen Kopien gezeigt werden, welche seit Jahren oder Jahrzehnten in Berlin nicht mehr zu sehen waren.

Der Verein wird gemeinnützig tätig sein und steht für alle Interessierten offen. Die zukünftige Arbeit soll dann in Fachsektionen erfolgen, um Plattformen für die verschiedensten Interessenbereiche zu ermöglichen.

SPIRIT - EIN LÄCHELN IM STURM www.spirit-fanzine.de präsentiert zu seinem 25jährigen Jubiläum in Zusammenarbeit mit KINOMUSEUM BERLIN E.V. www.kinomuseum-berlin.de und der ASTOR FILMLOUNGE BERLIN http://www.astor-filmlounge.de/astor-film-lounge/historie/ eine Hommage anläßlich des 25. Todestages von Oskar Werner (13.11.1922 - 23.10.1984).

In der ASTOR FILMLOUNGE findet am Sonntag, den 25. Oktober 2009 um 11.00 Uhr eine Sondervorführung der zeitgenössischen 70mm-Roadshow-Kopie “In den Schuhen des Fischers" (“The Shoes of the Fisherman", USA 1968, Regie: Michael Anderson, Panavision 70) statt, mit einem der wohl bestechendsten Leinwandauftritte von Oskar Werner innerhalb der us-amerikanischen Filmindustrie.

Der charismatische Wiener mit der unverkennbaren Sprachmelodik, den Spencer Tracy als “besten Schauspieler überhaupt" bezeichnete, spielt den aufklärerischen Pater David Telemond, der im vatikanischen Konzil Repressionen seiner Glaubensfreiheit ausgeliefert ist. Auch Werners persönliches Credo, der Glaube an Werte dieser Welt, findet in jenem Film sinnfällige Entsprechungen. Produzent George Englund brachte ein herausragendes Schauspielensemble mit den drei größten Hamlet-Darstellern des 20. Jahrhunderts gemeinsam vor die Kamera: Oskar Werner, Laurence Oliver und John Gielgud. Nicht zuletzt beeindruckt in dieser utopisch angelegten Geschichte, die später Entsprechungen in der Realität finden sollte, Anthony Quinn als erster osteuropäischer Papst, Kyril Lakota.

Weitere Vorführungen von Werner-Filmen mit Rahmenveranstaltungen in Berlin sind bereits geplant: darunter die Truffaut-Klassiker “Jules und Jim" (1961) und “Fahrenheit 451" (1966), Anatole Litvaks neorealistisch inspiriertes Spionage-Drama “Entscheidung vor Morgengrauen"(1951), Karl Hartls Mozart-Epos “Reich mir die Hand, mein Leben" (1955) sowie Stanley Kramers Meisterwerk “Das Narrenschiff" (1964), für das Werner jeweils eine Oscar- und Golden-Globe-Nominierung sowie den New-Yorker-Kritikerpreis erhielt. Als Ehrengäste am 25. Oktober werden anlässlich der Vorführung von “In den Schuhen des Fischers" Oskar Werners Sohn Felix als auch Schauspielerkollegin Johanna Matz und die Oskar-Werner-Verehrer Klaus Maria Brandauer und Maximilian Schell eingeladen. Demnächst wird auch Marc Hairapetians Biografie “Oskar Werner - Genie zwischen Tag und Traum" erscheinen. Er hält auch die Einführungen zu den Filmen.

Das Team der Pressekonferenz:
Moderation: Marc Hairapetian,
Herausgeber SPIRIT - EIN LÄCHELN IM STURM, Ko-Autor “Oskar Werner - Das Filmbuch" (Filmarchiv Austria, Wien 2002)
Referenten: Jean-Pierre Gutzeit (Gründer und Vereinsvorsitzender KINOMUSEUM BERLIN E.V.), Uwe Borrmann (Geschäftsführer KINOMUSEUM BERLIN E.V.) sowie Joachim Kelsch (Schatzmeister KINOMUSEUM BERLIN E.V.)

Filmkopienrecherche/Archivgeber:
KINOMUSEUM BERLIN E.V.

Für Rückfragen steht Ihnen Marc Hairapetian unter 0173-4674457 oder unter hairapetian@gmx.de gern zur Verfügung.
Kartenvorbestellung in der ASTOR FILMLOUNGE ab 1. Oktober 2009. Eintrittspreis: 10 EUR. “Großes Kino - fairer Preis!".

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ATRIUM

Donnerstag, 3. September 2009

Bubacks Mörder

Doku-Schauen im Fernsehen ist zur Zeit recht spannend. So gestern Nacht die eilig vorgezogene Doku "Bubacks Mörder" in der Regie von Egmont R. Koch als SWR-Produktion. Dieses journalistische Glanzstück, gerade unter der heutigen Meldung des Tagesspiegel, arbeitete nur zu offensichtlich mit den Mitteln der Gegenaufklärung, wie sie Bröckers heute in seinem Blog als "limited hangout" bezeichnet. Großzüzig wird von sensationellen Zeitzeugen aus zwielichtigem Milieu zugegeben, was nicht mehr zu unterdrücken ist; die volle Argumentationskette (Tafelanschrieb von Sohn Michael Buback im Hörsaal) wird als vorhanden konstatiert aber nicht vermittelt, statt dessen werden Nebenargumentationen aufgeblasen durchpflückt und damit die Nichtdarstellung legitimiert. Der alte Karl-Eduard von Schnitzler hätte an dieser Sendung seine wahre Freude gehabt. Dass sich die Dokumentarfilmabteilung im Hause SWR inztwischen nicht mehr zu schade ist, als örtlich betroffene Anstalt zum Instrument der Gegenaufklärung zu werden, lässt tief blicken.

ATRIUM

Mittwoch, 2. September 2009

Maßlosigkeit und Formwille

Dass "24 Stunden Berlin" mit dem Gestaltungswillen zur Großmannssucht, und darin sehr berlinerisch, zwingend künstlerisch scheitern muss, war eigentlich von Vornherein klar. Dass man das argumentativ so auf den Punkt bringen kann, wie Christiane Peitz heute im Tagesspiegel, ist die eigentliche Kunstleistung zeitkritischer Auseinandersetzung. Allerdings gilt die Erkenntis von Susan Sontag "On Photography" aus dem Jahr 1977 auch im dokumentarischen Abbild in Ton und Bewegungsdarstellung, wonach erst die nachträglich verstrichene Zeit allen lichtzeichnerischen Schund auf die Thron der Verklärung hieft. Das dürfte nach den besagten 18 Jahren auch für dieses gesamt-archivierte Steinbruch-Material mit einer Archivartechnik im Experimentalstatus gelten, wie man in "Professional Production" der jüngsten Ausgabe nachlesen konnte.

ATRIUM

Dienstag, 1. September 2009

Nina Koshofer

Die Erstausstrahlung der Fernsehdokumentation "Sommer 39" auf arte hatte ich festivalbedingt versäumt, freute mich aber heute über die Wiederholungs-Ausstrahlung im WDR-TV -- platziert in der Nacht zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Die wechselseitige Spiegelung von erzählter und berichteter Alltagswahrnehmung, weitererzählt aus der hermeneutischen Haltung der Augenzeugen, der Berichtenden und Erzählenden, ihre sorgfältige multiperspektivische Auswahl, und die dagegen gesetzten Weltenläufe in der großen Politik fand ich in dieser sensiblen Balance sehr überzeugend. Das "literarische Zitat" als dramaturgische Konstante erinnerte mich ein wenig an die Meisterwerke von Ken Burns. Nina Koshofer, die für "Sommer 39" als Co-Regisseurin und Co-Autorin zusammen mit Mathias Haejntes zeichnet und außerdem die Tochter von Autor Gert Koshofer ist, hat sich mit dieser Produktion als gewichtige Stimme im Genre der geschichtlichen Fernsehdokumentation etabliert. Dass man in diesem Blog kein Fan von Bildbeschnitt historischen Klammermaterials ist (16:9 schlägt auch hier wieder ARD-konform gnadenlos zu), braucht nicht extra erwähnt zu werden. Wir werden es hier jedenfalls so lange erwähnen, bis dieser kulturellen Unart in den Redaktionsstuben Einhalt geboten werden wird. -- Weniger überzeugend fand ich in der Autorenschaft von Nina Koshofer hingegen 2007 den Elfteiler über "Die Juden - Geschichte eines Volkes", die mit puppenstubenhaftem Reenactment Sendeplätze füllte. Dass diese Art von kunsthandwerklicher Bebilderung möglichst bald selbst Gegenstand der Fernsehgeschichte werden wird, ist jedenfalls sehr zu hoffen.

ATRIUM

Montag, 31. August 2009

Horst E. Brandt, Regisseur der "Roten Kapelle" in DEFA-Sicht, gestorben

Wie man dem Nachruf von Ralf Schenk heute im Neuen Deutschland entnehmen kann, ist Hort E. Brandt, u.a. der Regisseur der DEFA-70-Produktion "KLK an PTX – die Rote Kapelle" bereits am 22. August verstorben. Es dürfte sich bei der "KLK an PTX" wohl um den seltenen Fall handeln, dass eine DEFA-70-Produktion sowohl das Filmformat als auch das Produktionsjahr (1970) benennt. Ich hatte vor einigen Jahren das Vergnügen, diese DEFA-Auseinandersetzung um den bürgerlichen NS-Widerstand in einer Sonderveranstaltung im Berliner Delphi als 70-mm-Präsentation einer BAFA-Archivkopie erleben zu können, wo sich die Entfaltung einer epischen Erzählform in epischer Länge als Breite kultiviert. Dass "Geschichte" dabei (und nicht nur dort) zu einer passend und zurecht gebogenen Dimension gegenwärtigen Lebens mutiert, war für mich die sehr anschauliche Lektion aus dieser Sichtung. Das letzte Autorenwerk von Brandt, die Buchveröffentlichung "Wir, die Bildermacher…" aus dem Jahre 2007 über die Kameramännder in der DDR, wäre sicherlich einmal einen Einblick und eine Einschätzung wert.

ATRIUM

Samstag, 29. August 2009

Der doppelte Rittberger der weltpolitischen Wende.

In jüngster Zeit häuften sich im Handelsblatt sowie in der FTD die Meldungen Chinas Engagement in Afrika betreffend. Aus diesen Berichten kann man eigentlich nur den Schluss ziehen, dass sowohl die langfristige Absicherung mit Rohstoff-Lieferverträgen wie auch der Einkauf von Agrarflächen im Großmaßstab ein gleichzeitiges Wetten auf Sieg und Niederlage des weltkapitalistischen Handelssystem bedeutet. Denn wenn die Einfachwette auf eine schnell realisierbare Industrialisierung daneben gehen sollte, bleibt immer noch die Subsidiärversorgung mit Nahrungsmitteln auf Walmart-Niveau. Gleichzeitig scheinen die überreichlichen Barreserven an West-Devisen in China einer Absicherung der explosionsartigen Schaffung einer kreditfinanzierten Binnennachfrage zu dienen, um sich vom "Exportweltmeister-Zwang" –– also einer ausschließlichen Abhängigkeit der ökonomischen Entflammung aus der Funktion einer verlängerten Werkbank für den Rest der Welt –– nur zu gerne zu verabschieden. Auch hier kann ein gleichzeitiges Wetten auf Sieg und Niederlage vermutet werden. Das Reich der Mitte kann also nicht verlieren, sondern eine wirkliche, ökonomische Weltkrise erst dazu benutzen, sich als neue Hegemonialmacht des Planeten nicht nur zu behaupten, sondern diese auch durchzusetzen. Je mehr Krise noch kommt (plötzlich, aber schnell), desto besser für die sich entfaltende weltpolitische Wende. Hieran zeigt sich, wie die staatlich negierte Denkkunst eines Konfuzius sich kulturell als Essenz diffundiert hat. Dagegen versucht man hierzulande im linearen Monodenkstil des 19. Jahrhunderts die Zukunft des 21. in Metternich'scher Manier zu befestigen. Na, denn, viel Glück dabei auch, vor allen Dingen bei der "geistig-moralischen Führungselite", den geistigen Kapazitäten, die sich morgen und in vier Wochen zur Wahl stellen! Den Abtransport der Nahrungsmittel aus Afrika nach Asien wird man wohl militärisch vor Ort absichern müssen, wie auch die Seewege. Was für eine hübsche Remineszenz an die Kolonialzeit! Ob die Rechnung freilich für China mit der Bauernschlauheit aus fünf Jahrtausenden aufgehen wird, dürfte das noch zu lüftende Geheimnis des 21. Jahrhunderts werden. Die Zeitqualität der einzelnen Jahrhunderte zielen in ihre jeweils eigene Richtung. Wenn die Arbeitshypothese bezüglich der zu großen Strukturen und die Frage nach der optimalen Größe statt nach unbegrenztem Wachstum die richtige ist, dürfte China in Rekordzeit einen Rhyrrussieg erwirtschaften. Insofern bleibt es spannend bei allem Orakeln und vor allem auch bei dem, was nach Aristoles menschliches Denkvermögen ausmacht, nämlich Vorwegnahme des Absehbaren: Antizipation. Bleiben Sie also dran!

ATRIUM

Donnerstag, 27. August 2009

"They’re never Sherlock Holmes."
Kimmelman über den "Tatort"

Es ist beruhigend zu wissen, dass auch in der New York Times das Sommerloch noch wütet. Kaum anders ist zu erklären, dass Michael Kimmelman in der NYT den werten Lesern heute die kulturgeschichtliche Bedeutung der ARD-"Totort"-Sendereihe als eine Art deutsches Küchenmöbel erklären darf. Dass die Erinnerung an TV-Schmuckstücke der 1970er- und 1980er-Jahre durch eine Inflationierung von Sendeplätzen mittels Imitaten zu verblassen droht, darf man den heute aufgeblasenen Psychodramen im Schleuderwaschgang anlasten. Deutschland als das Land mit der psychischen Dysfunktion. Am Schlimmsten sind dann die TV-Trailer, die einem diese Fiktion-Soße schon vorneweg erschauern lassen. -- Im "Taxi nach Leipzig" hatte man noch Zeit für "Stuttgart Blüten"; heute rascheln die Drehbücher nach Skriptdoktoren und Produktionsberatern, ein Schatteneffekt der ausdifferenzierten Produktionsindustrie mit ihren Ausbildungsarmadas. Ich muss dann immer hüsteln, weil man im Dialog das Drehbuch rascheln hört. Ein generelles Problem heutiger insbesondere deutscher TV-Fiktionen.

ATRIUM

Mittwoch, 26. August 2009

Was bislang geschah (1):
Abgänge der Titanen

Die Buchhaltung der Verstorbenen ist ja normalerweise eine Angelegenheit von Jahresrückblicken. Während unseres sommerlichen Dokumentarfilm-Intermezzos unter dem Banner der "Globians" kamen allerdings einige Abgänge vor, die auch außerplanmäßig des Festhaltens wert sind, im Wissen, was hier ein Abgang ist, eben dort zu anderen Zeiten und Orten ein Zugang darstellt.

Jürgen Gosch
Johannes Mario Simmel
John Updike
Maurice Jarre
Jack Wrangler
Fritz Muliar
Dom de Luise
Johanna "Clementine" König
Monika Bleibtreu
Barbara Rudnik
David Carradine
Karl-Michael Vogler
Ali Akbar Khan
Karl-Michael Vogler
Robert S. McNamara
Michael Jackson
Merce Cunningham
Bud Schulberg
Willy "Mink" deVille
Thomas von Randow
Haribo-Riegel, Paul Riegel
Toni Sailer

und dann die Oberliga der Titanen:

Karl Malden
Pina Bausch
Peter Zadek

Julius Schulman

Walter Cronkite & Donald "Don" Hewitt

Rolf Dahrendorf
Edward Kennedy

Peter Krieg sowie Christian Bauer


ATRIUM

Montag, 24. August 2009

Montag, 17. August 2009

Freitag, 14. August 2009

Donnerstag, 13. August 2009

Mittwoch, 12. August 2009

Dienstag, 11. August 2009

"I didn't see any posters in the city!"

MaxSteinkeStr



Friedrichstr>>>SchönhauserAllee

Angekommen beim Globians Doc Fest Berlin 2009!

Joseph Johnson Cami and Ayelen Liberona

The Berman crew arrives at Berlin-Tegel airport




Bildnachweis|photo credit: Globians Doc Fest Berlin

Filmregisseur Kevin Tomlinson aus Seattle (Washington, USA) ist der erste angekommene Gast des 5. Globians Doc Fest Berlin

Kevin Tomlinson (rechts im Bild), der Regisseur des Dokfilms "Back to the Garden – Flower Power comes full circle" (USA 2009), erreichte am Montag aus Seattle (Washington, USA) kommend via Amsterdam als erster Gast das 5. Globians Doc Fest Berlin 2009. Kevin Tomlinson stellt seinen Festivalfilm in Begleitung seiner Ehefrau Judy (2. von links) vor, einer Woodstock-Veteranin und zugleich die Ko-Produzentin des Films. Das "Hospitality-Team" des Globians Doc Fest Berlin bereits in Hochform: die Festival-Voluntärinnen Katja (2. von r.) und Herta (l) holten die beiden frühen Festivalgäste vom Berliner Hauptbahnhof ab.

Film director Kevin Tomlinson (r) arrived as first festival vistor to Globians Doc Fest Berlin 2009


"Back to the Garden – Flower Power comes full circle" läuft am Do., 13. August 2009 um 16.45 h im Kino Toni, Antonplatz.
Bildnachweis|photo credit: Globians Doc Fest Berlin

Globians doc fest Berlin
August 12 - 17, 2009
Kino Toni Antonplatz
www.globians.com

Donnerstag, 6. August 2009

5. Globians doc fest Berlin 2009
Medien-Berichte vom Festivaldurchgang

EXBERLINER, Zitty und tip-Magazin brachten in ihren aktuellen Ausgaben Vorab-Berichte zum demnächst bevorstehenden Durchlauf des 5. Globians Doc Fest Berlin. Der Tagesspiegel berichtet in seiner heutigen Ausgabe in einem Beitrag von Silvia Hallensleben vom Eröffnungsfilm "A Grain of Sand" des Globians Doc Fest. Zitat: "Das Globians doc fest ist dieses Jahr aus Potsdam ins Weißenseer Toni-Kino gezogen und macht sich mit insgesamt 58 Filmen für eine Kultur der globalen Kommunikation von unten stark. Engagement und Vielfalt sind garantiert."

Beim Deutschlandradio Kultur sind voraussichtlich zwei Festivalberichte vorgesehen. Einmal am Eröffnungsabend des Festivals, am Mittwoch, 12. August, kurz nach 19.00 Uhr in der Moderation von Jürgen Liebing und zum Festivalabschluss am 15. oder 16. August ein Festival-Fazit von Bernd Sobolla in FAZIT der KulturAktuell-Redaktion nach 23.00 Uhr. Auch das Kulturradio des rbb bringt am Mittwoch, 12.08. ein Porträt, diesmal eins über das Kino Toni in Berlin-Weißensee, also das Festivalkino des Globians Doc Fest. (Sendungen im rbb-Kulturradio zwischen 5.00 und 6.00 Uhr morgens und nachmittags zwischen 15.00 und 16.00 h als Wiederholung). –– "Stilbruch" und "Filmvorführer" sind im wohlverdienten Fernseh-Urlaub des Sommerlochs, das es bei Globians bekanntermaßen ja nicht gibt...

Globians doc fest Berlin
August 12 - 17, 2009
Kino Toni Antonplatz
www.globians.com

Dienstag, 4. August 2009

Saarland im Film.

Es freut natürlich, dass unsere Tagungsberichterstattung ein wenig zum Umdenken im Hause der SDK bezüglich einer Aufnahme des Saarländischen Filmarchivs in den erlauchten Kreis der film- und av-archivarischen Standes-Arbeitsgruppen bewirkt hat. Jedenfalls darf natürlich auch unser diesjähriges Festival-Highlight "Papa Bilong Chimbu" durch den zentralen Bezug zum Saarland als Abstammungsort von Johannes Nilles keinesfalls in der Sammlung des dortigen Filmarchivs fehlen...

Zuschrift aus dem Saarland.

Hallo Herr Polzer,

danke für den Hinweis auf den Tagungsbericht zur Stuttgarter Konferenz in Ihren Blog. Ich komme erst jetzt im Sommerloch dazu, mich dafür zu bedanken, daß Sie meine Wortmeldung als Vertreterin des Saarländischen Filmarchivs e. V. (SFA) als "Glanzpunkt dieser Diskussionsrunde" bezeichnet haben. Im Interesse des SFA will ich noch etwas im Blog-Text richtig stellen bzw. ergänzen; eigentlich sollte dies eine sehr kurze Mail werden, aber es gibt viel zu berichten:

Manchmal tut sich für das SFA überraschend etwas Positives. Unter dem jetzigen Künstlerischen Direktor der Deutschen Kinemathek, Dr. Rainer Rother, hat das SFA dankenswerterweise von dort bereits mehrfach wichtige Informationen und ideelle Unterstützung erhalten, vor allem durch Prof. Martin Koerber. Im Frühjahr 2009 wandte ich mich an das Netzwerk der deutschen Mediatheken mit der Bitte um Aufnahme des SFA, und dazu signalisierte mir kürzlich der Verwaltungsdirektor der Kinemathek, Dr. Paul Klimpel, man sei gerne bereit, das SFA aufzunehmen. Ich kann es beim nächsten Rundgespräch den Netzwerkmitgliedern vorstellen, was mich wirklich sehr freut!!! Das ist natürlich noch nicht die ersehnte Aufnahme des SFA in das Netzwerk der deutschen Kinematheken, aber doch ein wichtiger Anfang.

Natürlich ist es das medienpolitische Ziel meiner Arbeit, dem Saarland ein öffentlich-rechtliches Filmarchiv und medientechnisches Museum zu geben, aber dieses kulturpolitische Ziel sollte nicht verwechselt werden mit der bisherigen Realität, und dabei ist der korrekte Archivname wichtig. Das Archiv, das ich vertrete, für das ich forsche und publiziere, heißt leider noch nicht "Filmarchiv für das Saarland", sondern weiterhin Saarländisches Filmarchiv e. V. (SFA).

Der Bezug zu Honecker als VIP saarländischer Herkunft ist im Blog-Text nicht sinnvoll, denn Honecker verbindet rein gar nichts mit meiner kuratorischen Sorge um das regionale AV-Erbe, zumal er seit 1935 mit seiner Herkunftsregion nur noch selten zu tun hatte. Heutzutage ist der bekannteste Saarländer wohl eher Oskar Lafontaine, und er hat starken Bezug zur regionalen Filmkultur, denn als Saarbrücker OB zeichnete er kulturpolitisch verantwortlich für die hiesige Max Ophüls-Retrospektive (1980), und unterstützte auch als Ministerpräsident immer das aus der Retrospektive entstandene Filmfestival Max Ophüls-Preis, das 2009 sein 30. Jubiläum feiern konnte.

Es wurden im Blog versehentlich "1.000 Filmrollen" angegeben, tatsächlich hat das SFA aber schon ca. 1.000 Filme auf ca. 1.200-1.300 Film- und Tonspulen, in den Filmformaten 8mm bis 35mm sowie in mehreren analogen und digitalen Videoformaten. Die ältesten Filme der Sammlung stammen aus 1911 und sind internationale Raritäten. Die überwiegende Mehrheit der Filme ist professionelles Dokumentarmaterial, der geringere Teil Amateurfilme, ein sehr kleiner Teil Spielfilme. Hinzu kommen Fotos, Poster, Autogrammkarten, Kinowerbefiguren, Filmrequisiten, sowie Schriftgut (Programmzettel, TV-Produktionsverträge, Kinoakten, Filmzeitschriften...), außerdem 250 Kameras und Projektoren, 175 Tonträger, einige Partituren für Stummfilme, etc. Zusätzlich gibt es eine filmhistorische Handbibliothek von rund 750 Bänden.

Das SFA wurde bereits 1998 gegründet; es ist insofern kein "Neuarchiv". Weil es aber seit seiner Gründung keinerlei Budget hat, hat die SFA-Sammlung noch immer kein Zuhause, sondern wird provisiorisch auf ca. 100qm unklimatisierter Fläche in mehreren Magazinräumen des Landesarchivs des Saarlandes (LAS) gelagert. Dankenswert und kollegial anerkennenswert ist, daß die Direktoren des LAS seit 1999, Dr. Wolfgang Laufer bzw. inzwischen Dr. Ludwig Linsmayer, dies jeweils kostenneutral gestattet haben, weil beide die landeshistorische Bedeutung einer solchen Initiative kennen. Wegen des extrem knappen Lagerplatzes im LAS lagert nur der kleinste Teil der SFA-Sammlung in Regalen. Der größte Teil der Bestände muß verpackt bleiben, in rund 250 gestapelten Umzugskisten, Stapelhöhe bis 3,50m, Stapeltiefe bis 4m. Doch selbst dieses Provisorium wird künftig nicht mehr möglich sein, da die Platzreserven des LAS inzwischen völlig erschöpft sind. Die SFA-Bestände müßten eigentlich längst weg, man will uns aber auch nicht einfach hinauswerfen. Das Nitro-Filmmaterial des SFA lagert nicht im LAS, sondern an einem anderen Ort. Trotzdem ist die Situation im LAS sicherheitstechnisch inzwischen grenzwertig: Die SFA-Bestände lagern teilweise dicht an der Heizungsanlage, teilweise in einem Notausgang. Das sollte uns alle an die Archiv-Katastrophe von Köln gemahnen, die mit rechtzeitigem Geldeinsatz vermeidbar gewesen wäre.

- Der Double-Bind, an dem das SFA leidet, ist ein ausgewachsener Teufelskreis mit mehreren Ebenen:
Politisch verantwortlich für regionale Archivfragen, Forschung und historisches Kulturgut sind neben dem Landtag und der Regierung natürlich das Kultusministerium, teilweise auch das Umweltministerium. SFA-Anträge an alle Landtagsabgeordneten, an die Regierung sowie an das Kultusministerium wurden gestellt. Ich konnte Anfang 2008 ein Gespräch mit Europaminister und Staatskanzleichef Karl Rauber führen, anschließend auch Gespräche mit den drei Landtagsfraktionen (CDU, SPD, FDP). Die Bitte um ein zweites Gespräch mit Herrn Rauber hat er selbst im September 2008 gewährt, doch wurde von seinem Sekretariat bis heute kein Termin anberaumt; auch wird wohl vor Ablauf der Legislaturperiode keine schriftliche Nachricht mehr kommen. Der Landtag half dem SFA ebenfalls nicht. Im Sommer 2008 erhielt das SFA überdies zum wiederholten Mal negative Signale vom Kultusminsterium (Ministerin: Annegret Kramp-Karrenbauer). Diesmal grenzte die Absage an Zynismus: Man könne dem SFA leider weiterhin weder Räume noch institutionelle Förderung gewähren; falls ich aber Lagerräume aus Landesbesitz mieten wolle, könne ich das gerne tun; zu Preisen von 6,-Euro/qm aufwärts könne man mir mehrere Objekte anbieten. Ähnlich hilfreich verhielt sich im gleichen Zeitraum die dortige für Filmkultur verantwortliche Mitarbeiterin Frau Ruffing, die auf mein Angebot an das KuMi verzichtete, sich im persönlichen Gespräch erstmals über das SFA zu informieren; Juristin Ruffing muss eine autodidaktische Filmexpertin von besonders hoher Qualität sein, denn diese Wunschkandidatin der Ministerin wurde im Sommer 2008 weg von der hausinternen KuMi-Abteilung für Controlling direkt auf ihre neue Stelle befördert, wobei sie mindestens einem/r filmfachkundigen saarländischen BewerberIn vorgezogen wurde.

Weil das SFA keinen Status als öffentlich-rechtliche Landesinstitution hat, wird uns nicht nur im eigenen Bundesland ein Budget, fachgerechte Unterbringung und Amtshilfe der staatlichen Ebenen verwehrt. Auf Bundes- und EU-Ebene sind wir nicht einmal antragsfähig, wie es scheint: Das BKM jedenfalls hat nie reagiert auf ein von mir überreichtes Schreiben an die damalige Kulturstaatsministerin Christina Weiß (gebürtige Saarländerin!), die sich vor Jahren zu einem kurzen Tagesbesuch in Saarbrücken aufhielt. EU-Anträge kann das SFA ebenfalls noch bis auf Weiteres vergessen: Für EU-Kooperationen im Kulturbereich braucht man nämlich heutzutage ein gutes Dutzend Partnerorganisationen aus allen möglichen EU-Ländern. Es fehlt uns also der Zugang zu einigen nationalen und wie zu allen internationalen Kommunikations- und Kooperationsnetzwerken für Filmarchive. Beispielsweise kann das SFA nicht einmal beobachtendes Mitglied in der FIAF werden, weil selbst dieser mindere Status für uns viel unerschwinglich ist. Bei der FIAF gibt es schon Probleme mit den Formalien, denn das FIAF-Aufnahmeformular kennt gar keine Archive ohne Budget und ohne bezahltes Personal. Weil das SFA kein FIAF-Mitglied ist, verweigerte uns in 2000 der lokale Organisator des jährlichen FIAF-Kongresses in London, Clyde Jeavons, eine Ermäßigung bzw. den Erlaß der 200,- Pfund Anmeldegebühr zur jährlichen FIAF-Konferenz. Damals waren das rund 600 DM, hinzu kamen noch Anreise und Hotel. Seither tagte die FIAF auf ganz anderen Kontinenten. Ob das SFA in 2010 an der FIAFKonferenz in Oslo teilnehmen können wird, steht noch in den Sternen.

Weil uns Status, Geld und Mitgliedschaft in Netzwerken bislang fehlen, erfahren wir zu spät von Kooperationen, die in Netzwerken besprochen werden, also kann das SFA sich auch nicht daran beteiligen, selbst wenn wir so spannende Bilder zu bieten haben wie einen saarländischen Urlaubsfilm aus dem Spanien von ca. 1939-1940, das sichtlich vom Bürgerkrieg gezeichnet war, oder solche Raritäten wie die Kopie eines schablonenkolorierten Pathé-Films von 1911, von dem es weltweit nur drei fragmentarische Kopien gibt, davon eine im SFA. Ohne Kooperationsmöglichkeiten kann ich keine Projekt-Gelder für die Sicherung der wertvollsten Teile unserer Bestände beantragen, und weil ich immer nur sehr wenig aus den Beständen zeigen kann, kann ich keine effektive Lobbyarbeit machen, also keine Medien und keine Öffentlichkeit für unsere Arbeit interessieren. Weil ich keine Öffentlichkeit herstellen kann, ändert sich wiederum politisch nichts - nicht einmal Geld für das Design unsererer Webdomain ist vorhanden. Da das SFA ohne Budget auskommen muss, habe ich persönlich außerdem weitere Nachteile im Vergleich mit anderen LeiterInnen "offizieller" Filmarchive: Sie erhalten Gehalt, bekommen Dienstreisen bezahlt und haben einen Mitarbeiterstab. Oft werden sie von Veranstaltern von Filmkonferenzen und -festivals eingeladen, damit sie überhaupt hinkommen, während ich meistens vergeblich um Ermäßigung oder Erlaß der Akkreditierungen bitte, von Hilfe zu den Reisekosten ganz zu schweigen.

- Trotz alledem ist das SFA nicht aufzuhalten, denn ich hebe immer mehr filmhistorische Schätze:
Zur frühen Mediengeschichte Saarbrückens werde ich erstmals Ende September 2009 öffentlich in der Landeshauptstadt vortragen können; bereits seit 2000 arbeite ich für das SFA an einem Buch über das Frühe Kino im Saarland, dazu erforschte ich z. B. die komplette Produktionsgeschichte des ältesten erhaltenen regionalen Films, der Aufnahmen aus Saarbrücken zeigt. Ich konnte ihn eindeutig als Werk eines regionalen Wanderkinobesitzers identifizieren, und exakt neu datieren auf Ende Oktober 1904. Diesen Film, der beim diesjährigen Festival Il Cinema Ritrovato (Bologna) gezeigt wurde, halten namhafte Kollegen aus großen Archiven und von wichtigen Lehrstühlen in London, Bologna, Trier und Luxemburg noch immer irrtümlich für ein Werk einer Freiburger Kinokette aus 1909, denn so verkündete es der dortige Katalog; hätte man die europaweit verschickte SFA-Pressemitteilung vom 21. Dezember 12007 gelesen, wäre die peinliche Falschmeldung vermeidbar gewesen.

Vor wenigen Wochen ist es mir im Rahmen einer SFA-Auftragsarbeit für eine regionalhistorische Wanderausstellung der Stiftung Demokratie Saarland gelungen, zwei sehr wertvolle Minuten Filmmaterial wieder zu finden, die am 26. August 1934 in Sulzbach/Saar gedreht wurden. Es sind Wochenschauberichte, die man 75 Jahre lang verschollen glaubte, mit Aufnahmen von der größten antifaschistischen Zusammenkunft auf deutschem Boden, die im damaligen Saargebiet unter dem Motto "Nie zu Hitler" stattfand; dabei trafen 75.000 Menschen zum "Schwur von Sulzbach" zusammen. Diese beiden kleinen Juwelen von Wochenschaufilmen werden am 26. August 2009, exakt 75 Jahre nach dem Ereignis, erstmals wieder öffentlich in Deutschland zu sehen sein, anläßlich der Eröffnung der Ausstellung im Salzbrunnenhaus in Sulzbach, die am Jahrestag der Versammlung eröffnet wird.

Mit freundlichen Grüßen,
Gerhild Krebs

*** *** ***
SAARLAENDISCHES FILMARCHIV e. V. (SFA)
Geschaeftsstelle, Vors. Gerhild Krebs M.A., Assess'dL
Johannisstr. 25, 66111 Saarbruecken
tel +49 - (0) 681 - 580 61 91
tel mobil +49 - (0) 170 - 95 28 786
e-mail gerhild@handshake.de
netz: www.filmarchiv-saarland.de [Stand 07/2009: SFA-Domain ist noch nicht aktiv]

Freitag, 31. Juli 2009

Festival-Katalog soeben erschienen.

Der Festival-Katalog des 5. Globians Doc Fest Berlin ist soeben erschienen. Die 64-seitige Druckausgabe im Format DIN-A-4 ist aller-demnächst an der Kinokasse des Kino Toni in Berlin gegen eine Schutzgebühr von € 1,00 erhältlich. Die elektronische Ausgabe mit reduzierter Bildauflösung (zur Bildschirmdarstellung) ist kostenlos auf der Portal-Seite des Globians Doc Fest Berlin erhältlich und kann unter dem Direktlink

http://globians.com/Globians2009_KatalogSCREEN.pdf

als pdf-Datei bezogen werden.


GLOBIANS DOC FEST BERLIN
August 12 - 17, 2009
Kino Toni Antonplatz

Trauer um Christian Bauer.

Die derzeitige Chiron-Jupiter-Neptun-Konjunktion hat's wirklich in sich: Am Montag verstarb der Münchener Dokumentarfilmer Christian Bauer (* 09.09.1947 † 27.07.2009), wie Peter Krieg im Alter von 61 Jahren. Tangram-Film hat ein Kondolenz-Blog eingerichtet. Da sowohl Peter Krieg wie auch Christian Bauer im Dokfilmbereich den Technologie-Wechsel von Film- auf NLE-Schnitt maßgeblich in seiner Frühphase mitverfolgt, reflektiert und beeinflusst haben, versuchen wir hier, für den Herbst einen Beitrag über diese Entwicklung einstellen zu können. Beiträge sind willkommen.

ATRIUM
Bildnachweis|photo credit: Tangram Film, Website, Pressebereich

Sonntag, 26. Juli 2009

Zwei Texte zu Peter Krieg.

Wie sehr uns Peter Krieg fehlen wird, zeigen zwei Texte (ein Feature und ein Interview), die ich heute im Netz gefunden habe:

• ein Feature aus Brand Eins (2005)
und
• ein Interview zum DVD-Release von "Septemberweizen" von Florian Widegger im DVD-Forum (2007)

Beim Interview-Text kann man fast jeden Satz nur ganz dick unterstreichen.

ATRIUM

Mittwoch, 22. Juli 2009

Jahrhundert-Sonnenfinsternis:
ab jetzt tickt die Uhr...

Wie man hört, hat die Jahrhundert-Sonnenfinsternis letzte Nacht tatsächlich stattgefunden.

Ab jetzt tickt die Uhr, siehe:
http://kinoberlin.blogspot.com/2009/05/totale-sonnenfinsternis-am-22072009-mit.html

ATRIUM

Dienstag, 21. Juli 2009

Endspurt für den Festival-Katalog

Der Festivalkatalog für das 5. Globians Doc Fest Berlin ist derzeit in der Endredaktion. Wir erwarten die Druckfreigabe für kommenden Montag und den Ausdruck für Ende nächster Woche. Dann werden die Druck-Daten des Katalogs auch beim Festival-Portal unter www.globians.com online zum Download verfügbar sein.

GLOBIANS DOC FEST BERLIN
August 12 - 17, 2009
Kino Toni Antonplatz

"Moment mal, nochmal zurück: Haben Sie das gerade gesehen?":
wiedergefundene, verschollene Filmschätze aus dem Filmarchiven

Die derzeit auf ARTE/TV-Deutschland laufende, 10-teilige Sendereihe "'Verschollene Filmschätze" ist – was man nach den bislang drei in Erstausstrahlung der 2007/2008 produzierten und nunmehr gesendeten Teile sagen kann – sensationell gut. Selten hat man eine film- und medienkundliche Sendereihe im Fernsehen gesehen, die im Ansatz mit einem derart intensiven Materialbezug argumentiert, andererseits das behandelte, vorgezeigte, vorgestellte, dokumentarische Material dermaßen in seinem zeithistorischen Rahmen kontextualisiert. Oder anders herum formuliert, ganz nach der Devise: "Moment mal, nochmal zurück; haben Sie das gerade gesehen?": Vorgeführt wird, wie sehr die Medieninszenierung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeiten schon in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eben eine Kamerainszenierung bereits gewesen war.
Dass man dort 4:3 nicht auf 16:9 beschneidet, sondern die ganze Variationsbreite des schwarzen Raums für Clips in niedrigeren Auflösungen durchspielt, versteht sich von selbst. Man darf also sehr auf die restlichen sieben Folgen gespannt sein (Freitags um 17.45 h); das Ganze gibts bei ARTE/TV-Frankreich im Übirgen auch schon als DVD-Edition. Gerd Andresen habe ich zudem als Off-Sprecher (und damit als auditives "Gesicht" von Dokumentarfilmen und Dokumentationen) bereits in seinen frühen Jahren beim SWF immer sehr gerne zugehört. Er war auch hier die richtige Wahl, um dem emphatischen Original des Französischen genau die richtige Dosis deutscher Kultureinfassung zu geben. Diese Kabinetts-Stückchen des Fernsehens sind wirklich ganz Großes Kino, ein Glücksfall der filmhistorischen Didaktik!

ATRIUM

Mittwoch, 15. Juli 2009

Zwischenruf:
Boulevard der Dämmerung

Trotz des Vorbereitungsdrucks für das bevorstehende 5. Globians Doc Fest Berlin sei mir als Publizist ein kurzer Zwischenruf in Sachen des Berliner Projektes "Boulevard der Stars" gestattet. Als ich im Frühjahr zum ersten Mal von diesem Projekt am Po-Platz hörte, dachte ich wirklich zunächst an einen schlechten Witz und verspäteten Aprilscherz. Da sich dieses Projekt nun aber anscheinend einer ersten Realisierungsphase nähert, bleibt mir als Publizist nur zu konstatieren, dass ich dieses Projekt als Markstein für den Übergang einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte und Kinokultur seitens der am Potsdamer Platz damit beschäftigten und beheimateten Institutionen hin zum Populismus mit einer großen Portion Grobem Unfug einschätze. Eine Loriot-Ausstellung mag im Fachbereich Fernsehgeschichte noch nachvollziehbar sein, auch wenn man sich fragen musste, warum man einen solch' absehbaren Kassenknüller in einer hoch-subventionierten Kultur-Trutzburg durchführen muss. Die Loriot-Ausstellung wäre privatwirtschaftlich ein Profitcenter gewesen. Nun gut, dann kann man immer mit "Mischkalkulation" argumentieren: man macht den Poplulismus, um sich die "hehre Kultur" für die Wenigen und Elitären noch leisten zu können. Aber gegen welche "hehre Kultur" wird hier nun gegengerechnet?

Sich einer US-amerikanischen Formensprache des Öffentlichkeits-Kultes zu bedienen, um deutsche Film- und Kinogeschichte als Sache des Kultus öffentlich nachvollziehbar zu machen, darauf wären unsere französischen Kollegen in Paris wohl niemals gekommen, weil dort der Zusammenhang zwischen Form und Inhalt verstanden wird, der in Berlin anscheinend eine Fremdsprache ist, die man hierzulande weder versteht noch spricht.

Letztlich kann ich den Drang zur Open-Air-Extension des Filmhauses im Po-Platz nur geomantisch als Unzufriedenheit und Ausbruchsversuch aus dem energetischen Panzerglas-Gehäuse des Gebäudes und seiner spezifischen, energetsichen Geomantie-Topologie werten. Freilich: wenn man mit Geschichte und an der Geschichtsschreibung bzw. -darstellung arbeitet, hat man diesen "Aquariums-Effekt" immer. Damit — in dieser Verstärkerschleife durch die Gebäude-Topologie — umgehen zu können, würde "Herkules-Kräfte" verlangen (wenn mir die begriffliche Repllik gestattet ist). Allerdings verbleibt auch diese Problemzone im gemeinten Projekt von den Handlungsakteuren unreflektiert.

Es ist Mr. CINERAMA sehr für seinen Vernisagenbericht von der Ausstellung der Realisationskonzepte zu danken. Auch ohne Foucault zu zitieren bleibt die Erkenntnis, dass die Arbeit an der Film- und Kinokultur in Berlin in wirklich falschen Händen liegt. Zunächst ist daher dem im Aufbau und in der Planung befindlichen Kinomuseum in Berlin und seinen Vereinsmitgliedern alles erdenklich Gute bei der Realisierung und dem Aufbau zu wünschen, andererseits sollte man wirklich überlegen, ob man die personelle Führungsetage im Hause der "Stiftung Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen" nicht besser schnellstmöglich durch französische Kuratoren ersetzt, die für eine dem Gegenstand adäquate Darstellung unserer europäischen Film- und Kinogeschichte in der Gegenwart bestimmt bessere Dienste leisten dürften, als es derzeit der Fall ist.

ATRIUM

Hohe Beteiligung der Filmemacher beim Globians Doc Fest 2009 erwartet

Beim Vorbereitungsstand von rund vier Wochen bis zum Start des 5. Globians Doc Fest Berlin zeigt sich derzeit eine außergewöhnlich hohe Bereitschaft von Filmemachern, Regisseuren und Produzenten der ausgewählten Dokumentarfilme zur persönlichen Teilnahme am Festivalverlauf. Wir erwarten daher begleitenden Besuch zu mehr als 30 Werken nicht nur aus Deutschland, Österreich, England, Frankreich und Schweden, sondern auch aus den USA, aus Kanada und sogar aus Japan. Das Besondere daran ist nun, dass die Reise- und Unterbringungskosten zur Festivalteilnahme – wie es sich für ein wahrhaftig unabhängiges Begegnungsprojekt gehört – von den unabhängigen Filmemachern selbst getragen werden. Wir freuen uns jedenfalls sehr über diesen regen Zuspruch; eine deutliche Steigerung übrigens nochmals zu den bisherigen vier Festivaldurchgängen (von 2005 - 2008) in Potsdam.

GLOBIANS DOC FEST BERLIN
August 12 - 17, 2009
www.globians.com

Dienstag, 14. Juli 2009

Ausstellungseröffnung "Boulevard der Stars" am 6.7.2009 um 19 Uhr im "Filmhaus" am Potsdamer Platz, Berlin

Ein Empfang der neudeutschen Medienschickeria präsentierte am 6.7.09 im „Filmhaus“ an der Potsdamer Strasse Architekturentwürfe für einen „Boulevard der Stars“. Eine sicherlich gut gemeintes Projekt aus dem Freundesverein des Museums für Film und Fernsehen in Berlin, der anregte, den Mittelstreifen der Potsdamer Strasse zwischen dem Tower der Deutschen Bahn und der Staatsbibliothek mit Ikonen der Künstlerprominenz zu beseelen, die dem versandeten Niemandsland zwischen Sony- und Daimler-Areal den Nimbus auf Weltgeltung verschaffen sollen.

Initiator dieses Monuments der Narretei ist einer der Gründer des ‚Arsenal’-Kinos noch von Anfang der 1970er Jahre und fraglos herausragender Museumskurator der Deutschen Kinemathek, Gero Gandert, der ausdrücklich den während der NS-Zeit verfolgten oder umgebrachten Filmkünstlern ein Gedenken setzen möchte – allein, er sprach auf jener Versammlung kein Wort, was selbst wohlwollendsten Kritikern vielleicht hätte zu denken geben sollen. Auch darf angenommen werden, daß ‚Arsenal’-Verantwortliche einer Eröffnung 2011 fernbleiben werden, zumal die Diskrepanz zur Kulturavantgarde zum Experiment unübersehbar ist, womit aber Jahrzehnte Brennpunkt der ‚Arsenal’-Programmethik geschaffen wurden, kurzum: wo ein Star vorrangig derjenige ist, der neue Ideen und Erkenntnisse der Filmsprache zu artikulieren imstande ist.

Was sich aber in den eben so sterilen wie konventionellen Architekturentwürfen der Ausstellungseröffnuug entblätterte, visionierte einen virtuellen Friedhof der Kultureliten und modischen Interaktiv-Konsolen - anstelle lebendiger, auch ungeschminkter Auseinandersetzung mit den filmischen oder künstlerischenOeuvres. Vorrangige Aufgabe dieses Monuments scheint zu sein, daß es volkstümlich begehbar ist und in ihm jede noch so belanglose Devotionalie (die Architekturentwürfe präsentierten Imitate überdimensionierter Filmbüchsen, über denen ein Konterfei des Wim Wenders schwebte) von separaten Scheinwerfern umzäunt wird, die aus monströser Höhe manchmal an Storyboards der „Alien-Netze“ aus Spielbergs WAR OF THE WORLDS erinnern.

Für so unergiebigen Medienzirkus tut man sich dann mit Politikern und Business-Leuten zusammen, welche die Prestigekultur schon immer als Kitt für ein politisch paralysiertes System aufzubauschen suchten. Die als Helfershelfer aus dem Medienbusiness vielleicht auf einen der fünfzackigen Goldsterne (ein Direktplagiat aus Hollywood) hoffen dürfen, nachdem grundlagenorientierte Film- und Museumsarbeit seit längerem zu langweilen scheint und auch keine wirklich "Margen" vorzuweisen hat.

Die Umwertung tradierter Kinematheks-Dogmen seitens der Funktionäre zur elektronisierten Mediathek und Eventmaschine eröffnet m.E. keine intensiveren Zugänge zur Filmforschung, sie riskiert eher eine Legitimationskrise: hier wird nicht museal entstaubt, was lange ruhte, sondern postmodern der Star zum auteur reauratisiert: und aus einem loyalen Museumskurator wird der öffentlichkeitswirksame »Celebrity Dressing Manager«.

An die Stelle filmhistorischer Artefakte und Originale, die seit Jahren als schwer vermittelbar gelten, rücken Visionen, Derivate und „Inszenierungen“ der Event-Künstler: solche Banalitäten wie „Flügelschlag – Engel im Film“, „Fußball“, „Traumfrauen“ oder „City Girls“, die ein Zauberreich der Imagination erschaffen, zu denen der Fundus der Filmgeschichte wie vorgefunden anscheinend nicht imstande ist oder mit den zeitgenössischen Ausdrucksmitteln heute nicht mehr vermittelbar wäre.
All das liegt nicht zu fern vom Ökonomisierungs-Gag „Deutschland – Land der Ideen“, zum „Deutschland sucht den Superstar“, "Germanys next top model" oder „Gute Zeiten schlechte Zeiten“.

Glamour, Celebrities und Prominentenkult gelten übrigens seit der Jahrtausendwende als Erscheinungen einer neuen Erlösungsreligion, schreibt 2008 in "Die Zeit" sehr erhellend Thomas Assheuer über die „Verwandlung des Gemeinwesens in einen Laufsteg“. Städtebaulich bisher sinnloses und seeloses Terrain soll, nicht unähnlich der Modeindustrie, mit Show gefüllt werden: fortan auch ein Rummel toter Star-Emblematik wie auch der Eitelkeit von Standortpolitikern, die ehemalige Filmzentren wie Charlottenburg zur Provinz haben abgleiten lassen – und das artikuliert wieder einmal einen Schein der Verdinglichung, wenn künftig an einschlägigen Konsolen morphiert oder sogar ge-chattet werden darf.
Daß die Wahl des Boulevards ausgerechnet auf den Mittelstreifen einer achtspurigen Hauptverkehrsstrasse fiel, wurde bereits vom Leiter der Kinematheks-Sammlungen, Werner Sudendorf, mit den Ansprüchen der Wall AG auf naheliegendes Territorium vor den Eingängen des Film- und Fernsehmuseums begründet, die dort Werbung plazieren wollte. Nur braucht sich keiner zu wundern, sobald die gleichfalls über den Roten Teppich flanierende Strassenbahn (so in den Bauplänen vorgesehen) so manch unschuldigen Passanten noch "auf die Hörner nimmt": wohl bekomm's...

In dieser Verbeugung vor der leichten Muse fungiert die Kunst und der Star nur zum Platzhalter dessen, was wirklich gezeigt wird: und das sind nach Herbert Marshall McLuhan die „magischen Kanäle“: das Medium, das sich selbst ausstellt. Nach McLuhan sorgen neue Medien auch für „Organersatz“, und so verkürzt die Zuwendung zur Monitorkultur innerhalb einer Kinemathek auch den Schritt zur Amazonisierung ihrer Bestände. Eingereiht im globalen Dorf der Scheinboulevards und vor den Eingängen eines Fernsehmuseums, sozusagen in eine „Guckguck-Welt“ [vgl. Postman: Wir amüsieren uns zu Tode. 1985. S. 83], in der "unsere Kommunikation durch Medien gewährleistet wird, die nichts als Kriegsabfall sind" [vgl. Kümmel 1997, S. 226], greifen sich die Kanäle ihre "Energieträger", den verblendeten Konsumenten - würde es die Kritische Theorie wohl anprangern wollen. Dem allenfalls Villém Flusser ein „Lob der Oberflächlichkeit“ (1993) entgegenzusetzen glaubt, das man sogar Lob des Boulevards verstehen könnte. Postman resummiert:

„Während die Menschen früher nach Informationen suchten, um den realen Kontext ihres Daseins zu erhellen, mußten sie jetzt Kontexte erfinden, in denen sich nutzlose Informationen scheinbar nutzbringend gebrauchen ließen"[vgl. Postman: Wir amüsieren uns zu Tode. 1985. S. 96]

Erfreut man sich an Texten Baudrillards, der den Fetisch genauer umschreibt, so ergeben sich Simulakren an Realität, auf die sich eingeimpfte Wünsche richten und auf diese Weise einen “Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis” produzieren, “in dem" - wie er das Entertainment als politischen Faktor umschreibt - "die Einheit des Systems immer deutlicher zusammenschießt”.
Und auch bei Lukács findet sich 1923 die Warnung vor der Erstarrung des Menschen zu purer Gegenständlichkeit – und nicht Unähnliches geschieht ja mit dem medialisierten Star - der zeitlebens auf dem Bildschirm unerreichbar zum Schema entrückt – posthum sich zur Plakette verschmilzet und über Monitore sich rematerialisiesiert, die laut den Projektbetreibern mit interaktiven Kameras verkoppelt würden, vor denen man zum Gruppen-Foto für einsame Herzen posiert.

Vom Ding und Narzißmus zum Hedonismus ist es in der Event-Gesellschaft nicht weit: und aus dem berliner sozialdemokratischen Mythos „Wohlstand für alle“, den die Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer am Potsdamer Platz exemplifiziert, wird kaum mehr als ein Surrurogat von Prominenz für alle und den kleinen Mann zu erwarten sein.

Solch Narretei wird man kritisieren dürfen - konkret auch auf die Aufgaben eines Filmmuseums eingehend: denn die Vakanz fehlender filmhistorischer Schulbildung in unserer Gesellschaft wird in dieser Sichtweise noch deutlicher durch den Fokus auf den kollektiv vernetzten „Narzißten“, und dieser gliche vermutlich auch dem anvisierten Besuchertyp auf dem Boulevard - "vom Star bis zum Narr", möchte man schmunzeln. Bei Adorno nennt sich der Narziß allerdings Paranoiker und bezeichnet doch dasselbe – so dieser

“die Außenwelt nur perzipiert, wie es seinen blinden Zwecken entspricht, vermag er immer nur sein zur abstrakten Sucht entäußertes Selbst zu wiederholen ... Sein Wille durchdringt das All, nichts darf der Beziehung zu ihm entbehren. Seine Systeme sind lückenlos. Als Astrologe stattet er die Sterne mit Kräften aus, die das Verderben des Sorglosen herbeiführen, sei es im vorklinischen Stadium des fremden, sei es im klinischen Stadium des eigenen Ichs.“ [GS 3, 215 ff.]

Worin entäußert sich nun das Paradoxe am Boulevards der Stars, oder andersherum gefragt: worin besteht überhaupt eine Ergänzung zum real-existierenden Hollywood, dem ein verbürgter Starkult weit eher als dem Nachkriegsberlin zugeschrieben werden kann?

Es fehlt für einen Star-Boulevard in Berlin schlichtweg das Auratische: etwa der Reiz des Schlenderns am Sunset Boulevard, um dort etwa in die Fußstapfen von John Wayne zu treten, sofern man Patriot ist. Als Boulevard topographisch jedoch auffällig dissoziierter Events ist Berlin in etwa so real wie das Varus-Museum in Kalkriese, wo die Varus-Schlacht nie stattfand.
Welche Weltstars hat Berlin als Filmstadt nach dem 2. Weltkrieg eigentlich hervorgebracht (von Romy Schneider und Horst Buchholz einmal abgesehen)?

Man hätte am Potsdamer Platz sinnfälligererweise ein Museum eröffnen sollen, welches ohne Scheuklappen die Kinogeschichte so darstellt, wie sie kritisch verantwortbar ist, anstatt sich „virtuell“ mit interaktiver Nabelschau zu befriedigen.

Immer wieder auch macht sich Ironie stark, sobald es im Kulturbetrieb nach Schildbürgerstreich riecht: amtsmüde Film-Gralshüter und Museumsfunktionäre scheinen bisweilen einem merkwürdigen Todestrieb zu frönen - und nicht zufällig daran mitzubewirken, daß das „vorgefundene“ Erbgut als lästig gewordenes, fragiles Restgut eines Museums weggeschlossen wird, damit man es - neu formiert und digital aufbereitet („gesichert“, nennt man es neuerdings) „back-uppen“ kann – was so manchen Kurator in seiner Legitimation beglückt, zum Schöpfer der Unsterblichkeit geworden zu sein.

Ein Wahn unter vielen scheint mithin derjenige zu sein, online (und zunehmend weniger materiell) auf die deutsche Filmgeschichte zurückgreifen und sie verstehen zu können. Allerdings dürfte solche Praxis weder das Interesse noch die Besucherzahlen eines Museums mehren. Mehr noch manifestiert sich darin eine mediale Mobilisierung, die die Amazonisierung der filmischen Werke mit sich herträgt und auf einen Boulevard der Stars zum Schein das zurückholt, was einem Museum verloren zu gehen scheint: Besucher und öffentliche Zuwendung.

Wollte man in einer deutschen Kinemathek nun Hollywood imitieren? Dann hätte Gottschalk (er wurde vorgeschlagen) dort nichts verloren. Würde man hingegen den Entertainmentbegriff noch weiter fassen, so müßten auch Fernsehköche und „tagesschau“-Sprecher, aber auch Boris Becker und Verona Poth oder Heino gewürdigt werden. Diese singen dann einmal, wenn ihnen der Mittelstreifen zu eng geworden ist, noch aus der Hölle heraus: “Holt mich raus aus dem Boulevard der Stars!“. An solchen Orten dürfen dann staubtrockene Kinematheksleiter endlich einmal Filmszenen nachsingen wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingesellt“ – maßgebend zur Gründung einer Selbsttherapiegruppe.

Die Star-Plaketten könnten viel besser verteilt über die gesamte Stadt gebracht werden: etwa an die Stelle, wo das erste Atelier von Messter stand.

Von Thomas Gottschalk bis Hannah Schygulla zentriert sich alsbald wohl das ganze Mittelmaß der wieder dominant westdeutschen Nachkriegszeit. Sind diese Stars wirklich auch Berliner? Vielleicht überzeugt hier besser ein Hamsterrad, wo „Lola rennt“ nachgespielt wird, und der Tourist kriegt angezeigt, wie schnell er ist. Oder eine gentechnisch reduplizierte Hitlerlocke, mit der man sich fotografieren und clonen lassen kann und unweit ders "Führerbunkers" die topologische Einheit am Potsdamer Platz vollendet.

Wie, das ist enhtusiastisch anzuregen, könnten Karl Spiess, Wolf Gremm, Richard Eichberg, Wim Wenders, oder die Softfilme von Frau Ziegler als Tiefstpunkte des Werdens Deutscher Filmkunst gewürdigt werden? Ein Busenabdruck von Barbara Valentin und Heidi Klum, natürlich die 5 Operationsphasen von Hilde, ein Fußabdruck von Dieter Bohlen?

Beim Hollywood-Fame in U.S. and America wird immerhin geehrt, wer tatsächlich einst Star war, - am Boulevard der Stars ist vor dem berliner Fernsehmuseum ein Schrottplatz der deutschen Mediengeschichte zu erwarten, den wir nicht unbedingt brauchen.

Passanten, die sich ohnehin nicht für Film interessierten, dürften gelangweit sein. Und wer sich auskennt mit dem Film, dem könnte vor Peinlichkeit die Schamesröte ins Gesicht getrieben werden.

Diese unerzwungene Selbstreferentialität unterscheidet hier einen Gandert als Initiator von einem Patalas als Konservator, der so etwas nicht kreiert hätte.

Ehrt man bald „endlich“ auch Riefenstahl, Harlan oder Heinrich George neben den Exilanten oder handelt es sich um keine Filmschaffenden?

Im interaktiven Trakt des kommenden Boulevards wird dann auf RTL-Niveau alles Mögliche angeklickt. Populistisches Anbiedern gegenüber einem für naiv gehaltenen Publikum (von dem man annimmt, daß es sich bisher kaum für die Lieblingsfilme der Kinemathek interessierte) oder auch Andocken an breitsstreuende „Online-Netze“ (aber zunehmend weniger an Film als Exklusivmerkmal des Kinos, wie er im materiellen Sinne „vorgefunden“ wurde), nicht zuletzt auch ein Ankoppeln an den Tourismus und an die Senatskanzlei schafft m.E. weder innovativen Inhalt noch geistige Bewegung in dieser Stadt.


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Zur Gegendarstellung dieses Pamphlets sollen aber die Festredner nicht verschwiegen werden, sofern meine Mitschrift und das „Gedächtnisprotokoll“ die wörtliche Rede näherungsweise zu rekonstruieren imstande ist:

Kinematheks-Direktor Rother resümiert die Odyssee der Planungen folgendermaßen: „Eine Geschichte, die einen bedenklichen Hang zum Unendlichen hegte, ist nun abgeschlossen dank der Initiative des Senats, inbesondere Frau Junge-Reyer. […] Zusammen gekommen ist, was zueinander passt“. Ein Happy Ende insbesondere mit Blick auf eine Person: es ist typisch für ihn, verknüpft mit den vertriebenen Künstlern des Nationalsozialismus, er hat an die Exilanten gedacht und wollte ihnen ein Denkmal setzen. Seine Hartnäckigkeit war notwendig. Ein Tribut auf die Filmgeschichte. Und Fernsehstars gerade auf der belebten Potsdamer Strasse? Er [Gero Gandert] hat viele mitgerissen, inbesondere Georgia Tornow. Manchmal greift ein Deus ex machina ein, der doch noch eine Chance für das Projekt bescherte und Frau Junge-Reyer begeisterte. Vor den Büros der Berlinale, auf dem Mittelstreifen, eroberte sich der Film ein neues Terrain. Damit wird die Potsdamer Strasse Flair erhalten. Für uns hat es noch eine andere Bedeutung: es hat unser Zuhause neu und mitreißend inszeniert“.

Daraufhin die Architektin/Projektbetreuerin:

„Wir haben uns in ein gemachtes Bett gesetzt. Wir mussten Frau Junge-Reyer einen anderen Weg vermitteln. Gero Gandert sagt immer: passt auf, macht kein Plagiat. 2004 war der Anfang der Geschichte, der Wettbewerb wurde vom Verein der Freunde und Förderer des Museums ausgelobt. Wir mussten erkennen, dass das Projekt nicht anpassbar ist an die Niedrungen des Lebens, sodass wird das Projekt abschlossen und neu begannen. Die Senatsverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt und der gemeinnützigen GmbH Boulevard der Stars ein neues Projekt in Kooperation begonnen. Wir wurden immer wieder zurückgeworfen durch die Vermutungen, ‚wann kommt vielleicht eine Strassenbahn?’. Es haben sich 60 Teams beworben und wir haben dann 7 Teams am 25.2.2009. Fachpreisrichter und Richterinnen hatten im konstruktiver Atmosphäre juriert. Und ich Regula Wischer, Senatsbaudirektoren. Sachpreisrichterin war Tornow (Chefin der gemeinnützigen GmbH), Prof. Breinersdorfer u.a. Es handelt sich um ein Baukulturprojekt. Kriterien waren: ein gutes Raumerlebnis, endlich ein Ort, ein Bezug zu Berlinale. Eine Alltäglichkeit in der Benutzbarkeit, und das Funktionieren der Strassenbahn musste sichergestellt werden. Eine Funktion nicht nur in der Nacht, wo Kino stattfindet, sondern auch am Tag. Eine Identifikation musste mit der Stadt und der Kultur gesucht werden. Die Gewinner sind 4 Menschen, die das Wunder zustande gebracht haben. Wir waren einfach hingerissen von der direkten Umstzung des Insignien aus dem Filmschaffen: der rote Teppich, das Thema Scheinwerferlicht, und wir wollen hier natürlich auch Stars präsentieren und die Sterne stehen für die Auszeichnung. Im Umgang mit Farbe. Farbe bleibt oft gar nicht als Farbe übrig, sondern als Stimmung. Es ist anders als an anderen Orten. Hitzige Diskussionen gab es über eine interaktive Kamera, mit der der Besucher sich zusammen mit dieser Kamera vereinen lassen kann. Mit dem roten Teppich wurde auch geschafft, sogar noch eine Haltestelle und eine Strassenbahn zu integrieren.“


GeorgiaTornow:

„Wie geht es weiter? Wir wollen versuchen als gemeinützige GmbH die Grosszügigleit der Stadt einzuwerben und als lebendiges Denkmal zu präsentieren. In einem ordentlichen Zustand halten, und hier hoffen wir auf die BSR, die ‚Jungs in Orange’. Wie wird dieses Denkmal aussehen? Lebende Stars, aber auch verstorbene Größen des Films und Fernsehschaffens werden geehrt. Nicht die Anmutung eines Friedhos, sondern die Begeisterung des Bewegtbildes als einer 7. Kunst, im Kino, auf dem Fernsehen oder auf dem Handy, diese Möglichkeit zu begeistern, auf Dauer von uns gewollt wird: dies soll ein wachsendes Denkmal werden, in Erstinstallation 40 Stars aufnehmen, damit man erst einmal die Qualität „Star“ versteht, auch von Drehbuchautoren und Schminkmeister ausstellen. Das sind Zugpferde, die auch ein kleines Bildungserlebnis darstellen: was für tolle Leute es in dieser Industrie und diesem Wirtschaftszweig gibt, die jedes Jahr um weitere 7 ergänzt wird, wofür wir Sponsorengelder einsammeln.

Es soll eine Grundsteinlegung zur nächsten Berlinale geben, und im nächsten Sommer das erste, richtige Zeremonial. Wir hoffen, dass auch einige Lebende dazu kommen, die sagen: ‚ist aber schön, dass es so was gibt’. Es wird eine unabhängige Jury geben, die darüber entscheidet. Jetzt gehen wir aber runter in die Ausstellung, es ist ein so heisser Tag.“



CINERAMA

Samstag, 4. Juli 2009

Dokumentation der jüngsten Presseinformation

Dokumentation der jüngsten
PRESSEINFORMATION
(zur Veröffentlichung ohne Sperrfrist freigegeben)


Programm-Ankündigung
GLOBIANS DOC FEST BERLIN 2009


5. GLOBIANS welt & kultur Dokumentarfilm Festival Berlin
12. - 17. August 2009
Kino Toni, Antonplatz
Berlin-Weißensee

http://www.globians.com



EIN FILM-FESTIVAL ZIEHT UM
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Das Globians Doc Fest Berlin stellt heute den Presse- und Medienvertretern sein Festivalprogramm für den nunmehr fünften Festivaldurchgang vor. Nach vier jährlichen Festivaldurchläufen in Potsdam-Stadt von 2005 bis 2008 zieht das Globians Doc Fest 2009 komplett nach Berlin um und wird im Kino Toni am Berliner Antonplatz sein Hauptquartier aufschlagen. Das Kino Toni in Berlin-Weißensee wird vom Münchener Filmregisseur und Filmproduzenten Michael Verhoeven und seiner Ehefrau Senta Berger betrieben.

Das Globians Doc Fest Berlin ist kein Industrie-Festival, sondern ein Projekt-Modell für die kommunikative Vernetzung von unabhängigen Dokumentarfilmern; es versteht sich als ein "Filmfestival von Filmemachern für Filmemacher" und freut sich insbesondere darüber, dass mit dem bereits 1920 als Stummfilmtheater eröffneten Festivalhaus Toni (als "Filmemacher-betriebenes" Kino) ein weiterer Brückenschlag zwischen der Herstellung und Distribution von Filmwerken gezogen werden konnte.
Projektträger des Globians Doc Fest Berlin ist seit September 2008 die Mentor des Wandels gGmbH mit Sitz in Potsdam.

Aus insgesamt 423 Einreichungen für das 5. Globians Doc Fest Berlin
wurden 58 aktuelle Produktionen ausgewählt.

Davon sind 47 Filme Erstaufführungen.

Die Erstaufführungen schlüsseln sich nach Angaben der Produktionsfirmen wie folgt auf:

5 Weltpremieren
6 Internationale Premieren
1 Internationale Festival-Premiere
17 Europäische Erstaufführungen
13 Deutsche Erstaufführungen
1 Deutsche Festival-Premiere
4 Berliner Erstaufführungen
2 "Work in Progress" Previews


Die Haupt-Themenbereiche des Globians Doc Fest Berlin 2009 sind:

• Yes we can! — Obamas Amerika
• Die Frische der kanadischen Provinz
• Neues Denken aus Brasilien
• Afrikanische Lebenswelten
• Unglaubliche Geschichten aus Russland
• Australischer Kulturraum
• MusikMusik!


Weitere Themenbereiche der gezeigten Dokumentarfilme umfassen:

• Der Kampf um's letzte Paradies: Seychellen
• Heilung als kultureller und sozialer Prozess
• Japan-USA
• Papier als Kunst, Papier als Kriegswaffe
• Astronomie, Mythologie & Astrologie
• Und wer ist Ihr Landwirt? — Local Food Movement
• Gay Stories
• Die Zerstörungswut der Freizeitindustrie
• Archäologie - Anthropologie - Ethnologie
• Andenkulturen in Peru und Ecuador
• Essayfilme
• Kinderseelen
• Vom Überleben lokaler Kulturen
• KinoÜberKino: Kinorettung als Bürgerbewegung
• Der "Large Hadron Collider" als Maschine des Weltuntergangs?
• Weltreisen-Langzeitreisende
• Filme über Fotografen
• Langzeit-Traumata
• Deutsche im Ausland
• Tierschutz


Alle Festival-Beiträge werden in der jeweiligen Originalfassung bzw. mit englischen Untertiteln als Videoprojektion von digitalen Medienträgern präsentiert.

Das Globians Doc Fest Berlin erwartet wieder zahlreiche Besucher und Gäste aus dem In- und Ausland.

Im Rahmen des 5. Globians Doc Fest Berlin finden zusätzlich drei Sonderveranstaltungen, u.a. in Kooperation mit dem Kinomuseum Berlin e.V. sowie der CouchSurfing-Community von Berlin und Potsdam statt.


WICHTIGE LINKS ZUM GLOBIANS DOC FEST:

Homepage des Festivals (Hauptportal):
http://www.globians.com/

Das Festivalprogramm wurde soeben fertiggestellt und ist ab sofort online als Programmübersicht verfügbar unter:
http://www.globians.com/GlobiansProgramm2009.pdf

Das Festival-Blog mit Beschreibungen, Bildern und Links zu den einzelnen Festival-Filmen:
http://kinoberlin.blogspot.com/

Das diesjährige Plakatmotiv steht hier zum Download bereit:
http://www.globians.com/Globians2009_poster.pdf

Bildmaterial zu den gezeigten Filmwerken in Druckauflösung steht in unserer flickr.com-Gallerie zur Verfügung:
http://www.flickr.com/photos/globians
(auf "Show All Sizes" im Einzelbild-Modus klicken)

Das Globians Doc Fest hat bei youtube.com einen eigenen Trailerkanal eingerichtet:
http://www.youtube.com/user/GlobiansFilmFestival

Eine Playlist mit allen derzeit verfügbaren Filmtrailern des diesjährigen Globians Doc Festes gibt er hier:
http://www.youtube.com/user/GlobiansFilmFestival#play/user/4B4FE5E49176D406


GLOBIANS DOC FEST BERLIN
August 12 - 17, 2009
Kino Toni, Antonplatz

10 Jahre Polzer Media Group GmbH
5 Jahre Globians Doc Fest

Die Polzer Media Group GmbH mit ihren beiden Geschäftsbereichen Fachbuchverlag (zur Kulturgeschichte der Medientechnik) sowie Digitale Kulturdienste (Digitalisierungs-Dienstleistungen und -Consulting für Archive; Gerätevermietung und Dienstleistungen für Kino-Sonderveranstaltungen, Cinematic Events und Filmfestivals) feierte Ende Juni 2009 ihr 10-jähriges Betriebsjubiläum. Die vor 10 Jahren in Potsdam gegründete Polzer Media Group GmbH ist somit ebenfalls ein Produkt des Schwellenjahrs 1999. Das 10-jährige Betriebsjubiläum konnte mit den Mitgliedern des Kinomuseums Berlin e.V. auf der zufälligerweise am gleichen Tag stattfindenden Mitgliederversammlung des Kinomusuems Berlin e.V. ausgiebig gefeiert werden.

Aus Anlass ihres 10-jährigen Betriebsjubiläums gab die Polzer Media Group GmbH den Eintritt in die Planungsphase zur Etablierung eines dritten Geschäftsbereichs bekannt: Für die erste Jahreshälfte 2010 plant die Polzer Media Group GmbH den Aufbau eines Filmverlags für Dokumentarfilme als Kino-Filmverleih.

Zum bevorstehend 5. Festivaldurchgang des Globians Doc Fest gab der neue Projektträger des Dokumentarfilmfestivals, die Mentor des Wandels gGmbH, nicht nur den Umzug des Festivals von Potsdam nach Berlin ins Kino Toni bekannt, sondern auch Programmwiederholungen einzelner Festivalfilme aus dem Programm des 5. Globians Doc Fest Berlin ab September in zwei Berliner Kinos. Neben dem von Karlheinz Opitz betriebenen Eva-Lichtspielen in der Wilmersdorfer Blissestraße wird auch der Kinosaal des Centre Français de Berlin in der Weddinger Müllerstraße mit Dokumentarfilmen aus dem Globians-Wiederholungsprogramm bespielt. Die einzelnen Mittwochs-Termine der Festival-Wiederholungen sind den Filmbeschreibungen in der Dokumentation zu entnehmen. Eine übersichtliche Gesamtliste der Termine und Filme wird rechtzeitig vor Aufnahme des Wiederholungsprogramms noch bekannt gegeben. Der Kinosaal des Centre Français de Berlin erhält zur Wiederaufnahme des Kino-Spielbetriebs durch das Globians Doc Fest einen neuen Namen und zwar: EIFFELTURM-KINO des Centre Français de Berlin.

ATRIUM
Berliner Kino-Perspektiven

Freitag, 3. Juli 2009

"Globians Attack" mit dem EXBERLINER!

Das englischsprachige Berlin-Magazin EXBERLINER druckt in seiner neuesten Ausgabe #74 (Sommerausgabe Juli/August 2009) einen längeren Beitrag als Vorabberichterstattung zum 5. Globians Doc Fest Berlin. Der Artikel ist online verfügbar.

GLOBIANS DOC FEST BERLIN
August 12 - 17, 2009
Kino Toni, Antonplatz

Die Berliner Kino-Perspektiven begrüßen das neue Blog des Kinomuseums Berlin e.V.

Die Berliner Kinoperspektiven begrüßen die Neueinrichtung des neuen Weblogs Kinomuseum Berlin rund um die Konzipierung, Planung und Realisierung des Projektes eines Kinomuseums in Berlin durch den Verein Kinomuseum Berlin e.V. und wünschen den Mitgliedern sowie dem Vorstand alles nur erdenklich Gute bei der Umsetzung avancierter Ziele.

Glück Auf also!

Joachim Polzer aka ATRIUM
Berliner Kino-Perspektiven