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Donnerstag, 4. Februar 2010

Zukunft des Lokaljournalismus:
THE BAY AREA NEWS PROJECT

Wo ja auch in Berlin der Lokaljournalismus neu erfunden werden darf, bringt das neue BAY AREA NEWS PROJECT für die Bucht von San Francisco gerade erfrischende Impulse. Die Pressemitteilung der Kooperation zwischen NYT und dem BAY AREA NEWS PROJECT findet sich hier. Statt sich Pfauenautoren für "Berliner Seiten" überregionaler Tageszeitungen zu leisten, wäre die damalige Investition in eine Non-Profit-Struktur, die mehr sein will als Pfauenautoren aufzubauen und durchzufüttern, sicherlich für die damalige Zeit zu kühn gewesen. Denn damals galt ja noch das anzeigenbasierte Finanzierungsmodell für Tageszeitungen und eine gewisse Fehl-Einschätzung der Gravitationswirkung Berliner Verhältnisse. Innovativ in der Branchenkrise zu bleiben, bedeutet in diesem Falle also einer gut mit Risikokapital ausgestatteten Non-Profit-Gründung Instant-Reputation zu verschaffen, die eigene Lokalausgabe für die Bright People an der Westküste mit ihrer Hilfe auszubauen, zudem die Kosten für das eigene Vor-Ort-Büro loszuwerden und das lokal nunmehr assoziierte "Nachrichtenbureau" in Form eines neuen lokalen Leitmediums zum Syndikatdienst für Nachrichten anderer Medien zu positionieren, inklusive einer Website (mit Sublokalnachrichten der Nachbarschaften und Cities). -- So eine Strategiedichte und Zupackkraft bei der eigenen Neuerfindung bekommt man hierzulande nicht oft zu Gesicht. Danke an Katrina für den erhellenden FB-Fingerzeig!

ATRIUM

Freitag, 6. März 2009

Crowd Funding: "I’m not Bill and Melinda Gates, but I can give $10"

Der 26-jährige David Cohn aus San Francisco war bereits seit 2005 in der amerikanischen Bürgerjournalismus-Bewegung aktiv. So brauchte es mit dieser Vorsensibilisierung nur noch eines Mentors und Aggregators wie Jay Rosen (Prof. an der NYU), bis das Konzept von "Crowd Funding" im Nachrichtenbereich aufgesetzt und als Website "up and running" war. Das Ergebnis ist "Spot.us": community-funded journalism.
Was man vor ein paar Monaten vielleicht noch als schlechten Witz oder kühne Idee angesehen hatte, bekommt jetzt durch beschleunigtes Zeitungssterben das, was man im Amerikanischen "momentum" nennt: Schub, Schwung und Dynamik. Die Bürger der Bay Area ermöglichen investigativen Journalismus der Region durch "pledge" und "donation", ohne sich dabei "Nachrichten kaufen zu können" und es scheint zu funktionieren.

Dass bei der Anschubfinanzierung eine US-amerikanischen Stiftung, wie die Knight Foundation -- ("We make grants to help transform journalism and communities.") -- weitsichtig genug war, hier in die Infrastruktur zu investieren, kann man wiederum als amerikanischen Glücksfall bezeichnen; die Weitsichtigkeit in der Bay Area dürfte auch an der guten Pazifik-Luft und den klimatischen Bedingungen liegen. Wo gibt es eigentlich in Deutschland eine "Rudolf Mosse Stiftung" ?

Die New York Times hat über diesen Fall von Transformation in ihrer Ausgabe vom 24.08.2008 berichtet. Die Welt brachte heute online einen Bericht mit Einschätzungen auf deutsch.

ATRIUM

Bildquelle: spot.us

Montag, 2. März 2009

A Dispatch from Reuters

Es lohnt sich neuerdings seit ein paar Monaten, seinen Lebensrhythmus komplett umzustellen: denn Nachts zwischen 2 und 4 Uhr kommen alte Filme im Ersten Deutschen Fernsehen, jene Spielfilme, die nicht nur den an Filmgeschichte interessierten Zuschauern seit ungefähr 25 Jahren nicht nur tagsüber im Fernsehprogramm vorenthalten werden, sondern die zudem bislang nicht auf Silberscheibe käuflich zu erwerben sind.

Heute Nacht zwischen 2 und 4 Uhr gab es "A Dispatch from Reuters" aus dem Jahre 1940 zu sehen -- und dieses "Biopic" von William Dieterle (*1893 - †1972) über den Nachrichtenpionier Paul Julius Reuter mit Edward G. Robinson in der Hauptrolle hat es wirklich in sich. Es dürfte nämlich äußerst selten sein, dass ein 69 Jahre alter Spielfilm über die Anfänge der elektrischen Nachrichtenübermittlung auch heute noch Relevanz hat: Denn noch vor der Meinungsfreiheit, dem höchsten Gut einer freien Gesellschaft, stand für Julius Reuter der Grundsatz von Freiheit und Gleichheit des Zugangs zu immer schneller werdenden Nachrichten. Zentrale Aussage von Reuter: "Nachrichten gehören allen!" - Internet-Nachtigall ick hör Dir twittern! Gerade bei verschiedenen Meldungen des heutigen Tages wie diesen HIER und HIER und HIER zeigt "A Dispatch from Reuters" auch heute noch eine vor 69 Jahren nicht vorhersehbare Brisanz. Reuter war wirklich "Ein Mann mit Phantasie", so der dt. Fernsehtitel von 1963. Was die Filmerzählung verschweigt, ist der Grund für Reuters Haltung: seine erzwungene Emigration aus dem Berlin seiner Reuter-Stargardter Buchhandlung nach Paris/Brüssel aufgrund der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848.

1940 war für Warner Bros. immer noch die Zeit, als dass man einem US-amerikanischen Publikum "gute Deutsche", wie den 1816 in Kassel geborenen Israel Beer Josaphat unter späteren Baron Freiherr von Reuter, zumuten konnte, gegen das immer stärker herannahende Bellen und Beißen der Inbrünstigen. MIt dem Wechsel Reuters zur britischen Staatsbürgerschaft 1857 fiel dies natürlich leichter. Dabei ist "A Dispatch from Reuter" neben "Dr. Ehrlich's Magic Bullet" (dt. Titel von 1965: "Paul Ehrlich – Ein Leben für die Forschung") die zweite Produktion des Triumvirats von Warner, Dieterle und Robinson aus dem Kriegsjahr 1940, nachdem Dieterle 1939 "The Hunchback of Notre Dame" fertig gestellt hatte.

"A Dispatch from Reuters" liest sich in heutiger Perspektive trotz Papierraschelns des Drehbuchs aus der frühen Dramaturgieepoche des Tonfims wie eine "Betriebsanleitung" für das Entstehen des Internets: Von der "Taubenpost" eines Douglas Carl Engelbart im Jahre 1969 bis zur Verdrahtung der digitalen Welt als Hardware und den dann benötigten Visionären, Waghalsigen, Risikokapitalgebern und Hasardeuren, diese Drähte auch mit sinnvollen Inhalten zu füllen.

Ein Geniestreich von einem Filmwerk.

Den Original-Trailer von "A Dispatch from Reuters" kann man sich als Flahvideo bei TCM-USA anschauen.

Schreiben Sie eine Petition an Herrn Herres von der ARD, er möge das Fernsehprogramm vom Kopf auf die Beine stellen!
Und schreiben Sie eine Petition an TCM/Warner, sie mögen uns hier in Deutschland auch mit jenen Filmen bei "TCM Deutschland" beglücken, die sie in den USA auf der Pfanne haben.


ATRIUM


(Foto-Credit: Warner Bros/TCM, Quellen: en.wiki, de.wiki, imdb.com, ARD)