Es ist nun bereits elf Jahre her, als die sechste Ausgabe der Publikationsreihe "Weltwunder der Kinematographie - Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Filmtechnik" den Aufstieg und Niedergang des Tonfilms antizipierte und beschrieb.
Insofern erfreuen so deutliche Feststellungen zur gegenwärtig vorherrschenden "Pixelwolke im engagierten Kino" mit dem Abstand zum Jahr 2002 sehr, wie dieser Beitrag von Lukas Foerster vom 13.03.2013 bei "critic.de":
http://www.critic.de/special/die-pixelwolke-und-der-wert-der-bilder-3656/
Dank an JPG für den Hinweis auf diese Veröffentlichung.
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Freitag, 5. April 2013
Sonntag, 4. März 2012
Das Wiener Modell: "Digital ist ein anderes Medium"
Bereits das Gesprächsbuch "Film Curatorship" hatte vor einigen Jahren gezeigt, dass man sich in Wien, im Österreichischen Filmmuseum, den Kinodingen, die sich derzeit – um nicht zu sagen: heuer – sehr in Veränderung befinden, grundsätzlich widmen möchte. In einem am 28.02.2012 in der Wiener Zeitung veröffentlichen Gespräch von Matthias Greuling mit Alexander Horwath und Alejandro Bachmann – zufällig auf den Tag genau dem 50. Jahrestag des Oberhausener Manifests, als man im deutschen Feuilleton mit der eigenen Filmkultur diesbezüglich beschäftigt war – gehen die drei Wiener Herren dem Wechsel von analog zu digital im Kino für die kulturelle Erhaltung als medienspezifischer Erfahrung in Museen und Kinematheken als großer Herausforderung erneut auf den Grund.
Dieser Text ist hier online erhältlich:
http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/film/440069_Digital-ist-ein-an...
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Dienstag, 24. August 2010
So dunkel die Leinwand
Fritz Göttler gestern in der SZ zu Lichtfunzelspielen im Kino dank 3-D und den weiteren Marktbereinigungsversuchen, Kinobesitzer in neue Technik-Investitionsschleifen zu pressen. Wie lange noch gibt es Kinos, wie wir sie kennen?
ATRIUM
ATRIUM
Donnerstag, 7. Januar 2010
Warnung vor dem Schwanz, der mit dem Hund wedelt
Thomas Elsaesser hat in epd-Film, Ausgabe 01/10, ein beeindruckendes Essay zum Digitalen 3-D-Kino veröffentlicht. Er argumentiert, dass hier mit aller Gewalt der erweiterte "military-surveilance-entertainment complex" eine neue Standard-Voreinstellung unserer technologischen Wahrnehmung setzen will, als Teil eines neues Paradigmas für die Kontroll- und Überwachungsgesellschaft. Auf der Strecke bleiben dabei humanistische Werte wie "Introspektion, individuelles Bewußtsein und persönliche Verantwortlichkeit".
Dieses Essay belegt mir implizit den langen Weg von der ersten Euphorie gegenüber der Digitalen Kultur am Anfang der Jahrhunderts, wie ich sie bei ihm an der Universität Amsterdam anlässlich einiger Besuche bei Kolloquien erlebt habe, hin zu einer tiefgreifend kritischen Sicht auf die technologischen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, denen nicht nur das Kino sondern immer weitere Bereiche der bisherigen Kultur und des Humanismus seit einigen Jahren ausgesetzt sind.
3D im Kino und als neue Bildoberfläche in den anderen visuellen Darstellungsformen ist damit alles andere als harmlos.
Was setzt man also dagegen außer Ignoranz?
Digitale Unkultur wird zu einer Angelegenheit des Widerstands.
ATRIUM
Dieses Essay belegt mir implizit den langen Weg von der ersten Euphorie gegenüber der Digitalen Kultur am Anfang der Jahrhunderts, wie ich sie bei ihm an der Universität Amsterdam anlässlich einiger Besuche bei Kolloquien erlebt habe, hin zu einer tiefgreifend kritischen Sicht auf die technologischen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, denen nicht nur das Kino sondern immer weitere Bereiche der bisherigen Kultur und des Humanismus seit einigen Jahren ausgesetzt sind.
3D im Kino und als neue Bildoberfläche in den anderen visuellen Darstellungsformen ist damit alles andere als harmlos.
Was setzt man also dagegen außer Ignoranz?
Digitale Unkultur wird zu einer Angelegenheit des Widerstands.
ATRIUM
Tags:
3-D,
DigitalCinema,
Digitale Kultur,
Digitalisierung,
Elsaesser
Montag, 23. November 2009
Die Fallstricke des Offensichtlichen
CT berichtet in ihrer neuen Ausgabe 25/2009 von einem "Praxisvergleich" beim Filmpodium Zurück zwischen Film, Blu-Ray und 2K via DCP nach DCI-Norm. Dieser Beitrag ist dankenswerterweise auch online verfügbar:
http://www.heise.de/ct/artikel/Scheibe-statt-Rolle-862196.html
CINERMA schrieb mir dazu heute:
"Hier werden olle Duplikatkopien von 1993 mit frischen 4k Scans vom Original verglichen (Fall "Blade Runner") und damit Güten von Film vs. Digital/Blu ray beurteilt. Also sowas von haarsträubend, dass man sich nur wundern kann, aber typisch für die C'T. ..."
Dass die elektronischen Systeme ständig ausfallen, wie in dem Beitrag berichtet wird, ist zur Zeit nichts Ungewöhnliches: War es nicht auch so, dass in Ermangelung von technischen Fall-Backs bei der letzten Berlinale rund 2.000 Zuschauer samt Catherine Deneuve kurz nach Beginn der Vorstellung ausbezahlt und wieder nach Hause geschickt werden mussten, weil der HiTech-Digital-Beamer während der Vorstellung ausgefallen ist? — Man mag das noch als "Kinderkrankheiten" im Umfeld eines Technologiewechsels abtun.
Schwerwiegender scheint mir aber auch in diesem CT-Beitrag die Tendenz zu sein, dass Abbildungsparameter von Bild (um den Ton geht es zur Zeit weniger) geschichtlich rückwirkend appliziert werden und der technische Rückschritt der Quantifizierung und Matrifizierung mit seiner Datenbanklogik als kultureller Fortschritt gegenüber vermeintlich antiquierten Traditionen verkauft wird, so als würde man das Ende der Weimarer Republik mit den technischen Segnungen der ersten Mondflugs vergleichen. "Bordfunk und Radio" als sich ergänzendes Gegensatzpaar erklärt aber weder das eine Phänomen noch das andere. Ich bezeichne das mit der Sprachformel: Die Fallstricke des Offensichtlichen.
In einem hat der CT-Beitrag von Jan-Keno Janssen allerdings mehr als recht: Die Investitionen von 70.000 bis 100.000 Euro in 2K-Anlagen nach DCI-Norm sind verschwendetes Geld, weil man damit gerade die unabhängigen Kinos in kurzzyklige Investionsschleifen und damit aus dem Markt zu drängen versucht. Geradezu tollkühn ist dabei der wiederholt gescheiterte Versuch, Kinos mit vergünstigten Darlehen aus dem Topf der Filmförderung in den digitalen Sattel helfen zu wollen, damit sie endlich als Teil der neuen Investitionsschleife auch sogleich vom ökonomischen Pferd fallen können: Ein Kredit will erwirtschaftet sein. Ob die Subventionierung von überteuerter Technik, derzeit in der Südschiene der deutschen Regional-Filmförderung präferiert, nicht letztlich den gleichen Effekt hat, bleibt abzuwarten.
Denn es sind Kino-Anlagen bestehend aus Blu-ray Spielern + HD-Beamer inzwischen für rund 3.000 bis 3.500 Euro erhältlich, die zumindest für kleine und mittlere Kinos gegenüber den proprietären Kinonormen qualitativ mithalten können. Die nächstfolgenden HD-Beamer-Generationen dürften ihre Lichtstärke von derzeit 1.500/2.000 ANSI-Lumen bestimmt verdoppeln können; die Diskussionen um Auflösungsunterschiede zwischen HD und 2K sind genauso akademisch wie die im Artikel vorgetragenen Farbraum-Vergleiche. Angesichts des derzeit erzielten technischen Niveaus scheint der Versuch — mit 4K ein neues noch höheres Auflösungsraster für Kinos erneut als proprietäres Inselformat einführen und durchsetzen zu wollen — lediglich als Steigerungsform in einer Wiederholung des bereits Bekannten. Abzuwarten bliebe hier nur die bevorstehende Einführung von 4K für den Heimgebrauch, spätestens im Zuge von 3D=2x2K. Will man dann im Kino auf 8K oder 16K Auflösung hinauf gehen?
Angesichts des mehr als zehnjährigen Gezeteres um die Einführung von Digital Cinema ist nunmehr schlicht die Heimkinotechnik in ihrem Preis-Leistungsverhältnis an der Kino-Profitechnik vorbeigezogen - und zwar rasant. Selbst mit Duo-Projektion in HD ist man erst bei 10 % der Kosten für Profi-Kinotechnik angekommen. Dieser Vorbeizug der "Kino-Amateure" an den "Kino-Profis" wäre allerdings zu reflektieren, wenn man ihn produktiv umstülpen möchte.
Schlussfolgerung müßte also im Zuge des derzeit stattfindenden Rollouts des DigitalCinema gerade für die unabhängigen Kinobetreiber gegenüber lizenzgebenden "Filmverleihern" doch sein, auf Blu-Ray-Distribution alternativ gegenüber DCP/DCI fürs Kino zu bestehen, wenn einzelne Verleiher schon derzeit anfangen, lieber DVDs statt Filmkopien an Kinos bei gleich hoher prozentualer Lizenzforderung auszuliefern. Denn die überreife Entwicklung ist — wie oft bei "verspäteten Prozessen" — inzwischen hektisch geworden, wenn "Filmverleiher" dazu übergehen, sich statt einer Mindestgarantie lieber das Ziehen von Filmkopien von noch eine Filmkopie anfordernden Kinobetreibern lieber gleich komplett vorab bezahlen zu lassen, oder statt dessen anzubieten, lediglich eine DVD auszuliefern. Angesichts dieses neuen Umstands waren auch die Diskussionen vor wenigen Jahren um "e-Cinema" und "D-Cinema" noch nicht einmal akademisch.
Gerade die Applizierung von Heimkino-tauglichen Standards in einen Öffentlichkeit schaffenden Kinoraum würde es ermöglichen, komplett neue Kino-Geschäftsmodelle wie "Cinema on demand" webbasiert in Vernetzung mit Social Websites angehen zu können. Diese Option zur Einbeziehung einer vernetzten Community bei der Schaffung von Publikum ist das wirkliche Innovative gegenüber meinen Vorschlägen von vor 12 Jahren zu einem "Cinema on demand", damals noch ohne Internet gedacht.
In der Umkehrung würde dies auf Lizenzgeber-Seite allerdings bedeuten, dass es auch "Lizenz-Websites" geben müßte, die das historische Repertoire rechtlich einfach verfügbar halten. Nicht wenige in der Branche mit noch frischem Blick halten daher das etablierte System der Filmverleiher für "mittelalterlich". DCI führt hier als technische Norm letztlich zur Verstärkung einer Verknechtung der Kinobetreiber durch die Lizenzgeber. Dies wäre technologisch aufbrechbar; die bestehenden Kinos müßten allerdings zu diesem Zweck ihre passive Haltung gegenüber dem Status Quo aufgeben, was zugegebener Weise unbequem ist. Inwiefern eine auf einer Social Website gefundene und damit geschlossene Besuchergruppe ohne öffentliche Werbung ein "Heimkino" extern für ihre Zwecke anmieten kann, verschiebt das neue Phänomen auf das Terrain des Rechtlichen, wie wir es derzeit auch auf anderen Gebieten der Digitalisierung kennen. Allerdings scheint erst der Druck durch neue Verhältnisse in verknöcherten Strukturen Denkprozesse auszulösen.
Denkt man diesen Strang der Auslagerung der kuratorischen Funktion des Kinobetreibers an die Besucher weiter, bleibt natürlich das Problem der Vermittlung von Filmgeschichte. Derzeitige Modelle, ein solches "Cinema on demand" anzubieten, bleiben programmlich in der heutigen Kino-Hauptzielgruppe im ständig bereits Bekannten stecken. Das passiert allerdings auch aus Lizenzgründen. Aber vielleicht kann sich die Aufgabe der kuratorischen Verantwortung bei der Kinoprogrammmierung ja durch den "Kino-Seminarraum", vielleicht auch virtuell unterstützt, kompensieren. Die Frage ist freilich, wie dumm oder gescheit man sein zahlendes Publikum in spe hält.
All dies tangiert die Frage einer Historischen Aufführungspraxis des Kinos nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nach einer Zeit der Aufregung eine solche Welle aus den USA zu uns herüberschwappen wird. — In welche Richtung die Entwicklung des Kinos nach dem Zusammenbruch der heutigen Aufführungszeitfenster von 1 - 2 Wochen weiter gehen wird, bleibt offen. Ob das Kino als öffentlicher Ort überhaupt noch eine Zukunft auch als Geschäftsmodell haben kann, wird der kreative Umgang mit neuen Möglichkeiten erweisen. Den technischen Wettlauf hat das Kino jedenfalls auf absehbare Zeit verloren. Es kann nur mit neuen Sozialformen bei der Etablierung von Publikum wieder punkten lernen. Und dieser Lernweg wird sehr mühsam sein.
ATRIUM
http://www.heise.de/ct/artikel/Scheibe-statt-Rolle-862196.html
CINERMA schrieb mir dazu heute:
"Hier werden olle Duplikatkopien von 1993 mit frischen 4k Scans vom Original verglichen (Fall "Blade Runner") und damit Güten von Film vs. Digital/Blu ray beurteilt. Also sowas von haarsträubend, dass man sich nur wundern kann, aber typisch für die C'T. ..."
Dass die elektronischen Systeme ständig ausfallen, wie in dem Beitrag berichtet wird, ist zur Zeit nichts Ungewöhnliches: War es nicht auch so, dass in Ermangelung von technischen Fall-Backs bei der letzten Berlinale rund 2.000 Zuschauer samt Catherine Deneuve kurz nach Beginn der Vorstellung ausbezahlt und wieder nach Hause geschickt werden mussten, weil der HiTech-Digital-Beamer während der Vorstellung ausgefallen ist? — Man mag das noch als "Kinderkrankheiten" im Umfeld eines Technologiewechsels abtun.
Schwerwiegender scheint mir aber auch in diesem CT-Beitrag die Tendenz zu sein, dass Abbildungsparameter von Bild (um den Ton geht es zur Zeit weniger) geschichtlich rückwirkend appliziert werden und der technische Rückschritt der Quantifizierung und Matrifizierung mit seiner Datenbanklogik als kultureller Fortschritt gegenüber vermeintlich antiquierten Traditionen verkauft wird, so als würde man das Ende der Weimarer Republik mit den technischen Segnungen der ersten Mondflugs vergleichen. "Bordfunk und Radio" als sich ergänzendes Gegensatzpaar erklärt aber weder das eine Phänomen noch das andere. Ich bezeichne das mit der Sprachformel: Die Fallstricke des Offensichtlichen.
In einem hat der CT-Beitrag von Jan-Keno Janssen allerdings mehr als recht: Die Investitionen von 70.000 bis 100.000 Euro in 2K-Anlagen nach DCI-Norm sind verschwendetes Geld, weil man damit gerade die unabhängigen Kinos in kurzzyklige Investionsschleifen und damit aus dem Markt zu drängen versucht. Geradezu tollkühn ist dabei der wiederholt gescheiterte Versuch, Kinos mit vergünstigten Darlehen aus dem Topf der Filmförderung in den digitalen Sattel helfen zu wollen, damit sie endlich als Teil der neuen Investitionsschleife auch sogleich vom ökonomischen Pferd fallen können: Ein Kredit will erwirtschaftet sein. Ob die Subventionierung von überteuerter Technik, derzeit in der Südschiene der deutschen Regional-Filmförderung präferiert, nicht letztlich den gleichen Effekt hat, bleibt abzuwarten.
Denn es sind Kino-Anlagen bestehend aus Blu-ray Spielern + HD-Beamer inzwischen für rund 3.000 bis 3.500 Euro erhältlich, die zumindest für kleine und mittlere Kinos gegenüber den proprietären Kinonormen qualitativ mithalten können. Die nächstfolgenden HD-Beamer-Generationen dürften ihre Lichtstärke von derzeit 1.500/2.000 ANSI-Lumen bestimmt verdoppeln können; die Diskussionen um Auflösungsunterschiede zwischen HD und 2K sind genauso akademisch wie die im Artikel vorgetragenen Farbraum-Vergleiche. Angesichts des derzeit erzielten technischen Niveaus scheint der Versuch — mit 4K ein neues noch höheres Auflösungsraster für Kinos erneut als proprietäres Inselformat einführen und durchsetzen zu wollen — lediglich als Steigerungsform in einer Wiederholung des bereits Bekannten. Abzuwarten bliebe hier nur die bevorstehende Einführung von 4K für den Heimgebrauch, spätestens im Zuge von 3D=2x2K. Will man dann im Kino auf 8K oder 16K Auflösung hinauf gehen?
Angesichts des mehr als zehnjährigen Gezeteres um die Einführung von Digital Cinema ist nunmehr schlicht die Heimkinotechnik in ihrem Preis-Leistungsverhältnis an der Kino-Profitechnik vorbeigezogen - und zwar rasant. Selbst mit Duo-Projektion in HD ist man erst bei 10 % der Kosten für Profi-Kinotechnik angekommen. Dieser Vorbeizug der "Kino-Amateure" an den "Kino-Profis" wäre allerdings zu reflektieren, wenn man ihn produktiv umstülpen möchte.
Schlussfolgerung müßte also im Zuge des derzeit stattfindenden Rollouts des DigitalCinema gerade für die unabhängigen Kinobetreiber gegenüber lizenzgebenden "Filmverleihern" doch sein, auf Blu-Ray-Distribution alternativ gegenüber DCP/DCI fürs Kino zu bestehen, wenn einzelne Verleiher schon derzeit anfangen, lieber DVDs statt Filmkopien an Kinos bei gleich hoher prozentualer Lizenzforderung auszuliefern. Denn die überreife Entwicklung ist — wie oft bei "verspäteten Prozessen" — inzwischen hektisch geworden, wenn "Filmverleiher" dazu übergehen, sich statt einer Mindestgarantie lieber das Ziehen von Filmkopien von noch eine Filmkopie anfordernden Kinobetreibern lieber gleich komplett vorab bezahlen zu lassen, oder statt dessen anzubieten, lediglich eine DVD auszuliefern. Angesichts dieses neuen Umstands waren auch die Diskussionen vor wenigen Jahren um "e-Cinema" und "D-Cinema" noch nicht einmal akademisch.
Gerade die Applizierung von Heimkino-tauglichen Standards in einen Öffentlichkeit schaffenden Kinoraum würde es ermöglichen, komplett neue Kino-Geschäftsmodelle wie "Cinema on demand" webbasiert in Vernetzung mit Social Websites angehen zu können. Diese Option zur Einbeziehung einer vernetzten Community bei der Schaffung von Publikum ist das wirkliche Innovative gegenüber meinen Vorschlägen von vor 12 Jahren zu einem "Cinema on demand", damals noch ohne Internet gedacht.
In der Umkehrung würde dies auf Lizenzgeber-Seite allerdings bedeuten, dass es auch "Lizenz-Websites" geben müßte, die das historische Repertoire rechtlich einfach verfügbar halten. Nicht wenige in der Branche mit noch frischem Blick halten daher das etablierte System der Filmverleiher für "mittelalterlich". DCI führt hier als technische Norm letztlich zur Verstärkung einer Verknechtung der Kinobetreiber durch die Lizenzgeber. Dies wäre technologisch aufbrechbar; die bestehenden Kinos müßten allerdings zu diesem Zweck ihre passive Haltung gegenüber dem Status Quo aufgeben, was zugegebener Weise unbequem ist. Inwiefern eine auf einer Social Website gefundene und damit geschlossene Besuchergruppe ohne öffentliche Werbung ein "Heimkino" extern für ihre Zwecke anmieten kann, verschiebt das neue Phänomen auf das Terrain des Rechtlichen, wie wir es derzeit auch auf anderen Gebieten der Digitalisierung kennen. Allerdings scheint erst der Druck durch neue Verhältnisse in verknöcherten Strukturen Denkprozesse auszulösen.
Denkt man diesen Strang der Auslagerung der kuratorischen Funktion des Kinobetreibers an die Besucher weiter, bleibt natürlich das Problem der Vermittlung von Filmgeschichte. Derzeitige Modelle, ein solches "Cinema on demand" anzubieten, bleiben programmlich in der heutigen Kino-Hauptzielgruppe im ständig bereits Bekannten stecken. Das passiert allerdings auch aus Lizenzgründen. Aber vielleicht kann sich die Aufgabe der kuratorischen Verantwortung bei der Kinoprogrammmierung ja durch den "Kino-Seminarraum", vielleicht auch virtuell unterstützt, kompensieren. Die Frage ist freilich, wie dumm oder gescheit man sein zahlendes Publikum in spe hält.
All dies tangiert die Frage einer Historischen Aufführungspraxis des Kinos nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nach einer Zeit der Aufregung eine solche Welle aus den USA zu uns herüberschwappen wird. — In welche Richtung die Entwicklung des Kinos nach dem Zusammenbruch der heutigen Aufführungszeitfenster von 1 - 2 Wochen weiter gehen wird, bleibt offen. Ob das Kino als öffentlicher Ort überhaupt noch eine Zukunft auch als Geschäftsmodell haben kann, wird der kreative Umgang mit neuen Möglichkeiten erweisen. Den technischen Wettlauf hat das Kino jedenfalls auf absehbare Zeit verloren. Es kann nur mit neuen Sozialformen bei der Etablierung von Publikum wieder punkten lernen. Und dieser Lernweg wird sehr mühsam sein.
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Heise-Verlag,
Zürich
Samstag, 21. November 2009
Stuttgart: Zur laufenden Debatte um das "Kommunale Kino"
Im Stuttgart ist wieder eine öffentliche Debatte um die Zukunft des dortigen "Kommunalen Kinos" entbrannt.
***
Dass ich mich vom weit entfernten Berlin aus nunmehr erneut zur laufenden Dabatte um das Wiederaufleben eines "Kommunalen Kinos" in Stuttgart melde, hat zum einen damit zu tun, dass ich als gebürtiger Stuttgarter frühe und prägende Kinoerlebnisse verbinde mit dem Mitte der 1970er-Jahre noch im "Studio der Landesgirokasse" spielenden Kommunalen Kino; auch im Kepplersaal des Planetarium konnte man, vor dem Umzug ins "Filmhaus", in einem weiteren "Provisorium", einst ein engagiertes Programm erleben.
Andererseits schaue ich als Filmpublizist und Festivalmacher des "Globians Doc Fest Berlin" mehr als interessiert auf die Kinoszene meiner Geburtsstadt: Für unseren ersten eigenständigen Festivalableger habe ich mir meine alte Heimatstadt ausgesucht; das erste "Globians Doc Fest Stuttgart" wird im November 2010 als Testlauf nun im Linden-Museum stattfinden. Unsere meist ethnographisch fokussierten "Welt- und Kultur"-Dokfilme passen ganz gut in dessen Kontext. Nach der weltweiten Ausschreibung lagen in vier Tagen bereits 60 Einreichungen von Filmemachern vor.
Dabei erscheint mir die laufende Debatte um's "Koki" derzeit sehr bizarr. In der bislang stets erfolgsverwöhnten und prosperierenden Landeshauptstadt wird im Gegensatz zu anderen Großstädten zwar - noch - nicht die Schließung der kommunalisierten Theater angekündigt. Derweil wird dem gesamten kulturellen Mittelfeld der Subventions-Saft abgedreht, weil die dünne Schicht der freien Projektmittel durch Subventionskürzungen nicht mehr zur Verfügung steht.
Will die Debatte ums Wiederauflebenlassen des Stuttgarter "Koki" also mehr sein als nur irrelevant, hat sie verschiedene Fakten und Erfahrungswerte zur Kenntnis zu nehmen:
1. Ein Mischbetrieb aus subventioniertem Kommerzialismus mit Spielwiese für die Festivallandschaft bewährt sich in der Regel nicht. Es kommt dabei meist zu Verwerfungen zwischen Subventionsbetrieb und kommerziellem Ableger; die Häufung von Festival-Engagements führt letztlich zur Profillosigkeit für beide Seiten.
2. Die Entleerung einer Immobilie dient in der Regel dem Zweck der Wertsteigerung bei einer Weiterveräußerung oder durch "Entwicklung". Das schien mir aus der Ferne damals der eigentliche Zweck der "Entlassung in den Konkurs" gewesen zu sein. Ein insolvent gewordener Mieter hat in der Regel keine "Restlaufzeit" seines Mietvertrags zu beanspruchen.
3. Cafe ist Cafe und Theater ist Theater, weil Kino eben Kino ist. Mischformen aus den drei Grundformen der kulturellen Geselligkeit funktionieren in den allerwenigsten Fällen.
4. In einer Zeit, in der weite Teile des Kinorepertoirs auf Silberscheibe oder als Download zur privaten Verfügung im Heimkino zur Verfügung stehen, haben Kommunale wie Programm-Kinos größte Schwierigkeiten, für historisch angelegte Filmreihen ein Publikum zu finden. Das Vermittlungsproblem, eine Form zu finden, wie man für Filmgeschichte ein Kinopublikum findet, ist die ungelöste Aufgabe für das Weiterbestehen von engagiertem Kino, das über Auswertungsfenster von aktueller Ware über 1 - 2 Wochen hinausreicht.
5. Das alte Filmstreifenkino ist schon Museum; das neue Digitalkino ist kein Kino mehr im traditionellen Sinne, weil es nicht mehr exklusiv Kinofilme zeigen muss, sondern "Programmware". Will man die Historie des Kinos bewahren, steht man vor der Herkulesaufgabe sich zwischen historischer Aufführungspraxis und digitalem Allerlei zu entscheiden. Wie bei jeder historischen Aufführungspraxis treten "Fallstricke des Offensichtlichen" auf.
6. Ich bezweifle, dass meine alte Heimatstadt das Format und noch das dazu notwendige Vermögen hat, sich ein lebendiges "Filmmuseum" an einem Schau-Platz leisten zu können oder auch nur zu wollen. Ein Kino an einer Auto-Schnellstraße ist verkehrt am Platz, weil Kinos als soziale Räume sich über den topologisch vorgelagerten öffentlichen Raum definieren. Ein "Filmmuseum" ist so lebendig wie ein "Theatermuseum" oder ein "Opernmuseum" mit Spielbetrieb auch lebendig ist. Ein Stuttgarter Filmmuseum gehört in den Schloßgarten.
7. Man darf die Aufgabe nicht unterschätzen, heute einen Kinospielbetrieb mit historischem Kinorepertoire - also mit Filmwerken, die älter als 1 - 2 Wochen/Monate/Jahre sind – aufrecht zu erhalten.
8. Wenn sich Bürger in Potsdam ganze Schlösser und Universitätsinstitute aus ihrer Portokasse der Bilanzkapitalisierung leisten wollen und können, dann verstehe ich nicht, wieso das in Stuttgart nicht auch gehen sollte, gerade dort. In gefährdeten Zeiten sollte man das Tollkühne wagen. Die Zeiten eines Lothar Späth mit seinen Visionen über die Bedeutung der Kultur als Zukunftsfaktor und Standortsicherungsmaßme scheinen zudem sehr weit weg, wie aus dem vorigen Jahrhundert.
***
Dass ich mich vom weit entfernten Berlin aus nunmehr erneut zur laufenden Dabatte um das Wiederaufleben eines "Kommunalen Kinos" in Stuttgart melde, hat zum einen damit zu tun, dass ich als gebürtiger Stuttgarter frühe und prägende Kinoerlebnisse verbinde mit dem Mitte der 1970er-Jahre noch im "Studio der Landesgirokasse" spielenden Kommunalen Kino; auch im Kepplersaal des Planetarium konnte man, vor dem Umzug ins "Filmhaus", in einem weiteren "Provisorium", einst ein engagiertes Programm erleben.
Andererseits schaue ich als Filmpublizist und Festivalmacher des "Globians Doc Fest Berlin" mehr als interessiert auf die Kinoszene meiner Geburtsstadt: Für unseren ersten eigenständigen Festivalableger habe ich mir meine alte Heimatstadt ausgesucht; das erste "Globians Doc Fest Stuttgart" wird im November 2010 als Testlauf nun im Linden-Museum stattfinden. Unsere meist ethnographisch fokussierten "Welt- und Kultur"-Dokfilme passen ganz gut in dessen Kontext. Nach der weltweiten Ausschreibung lagen in vier Tagen bereits 60 Einreichungen von Filmemachern vor.
Dabei erscheint mir die laufende Debatte um's "Koki" derzeit sehr bizarr. In der bislang stets erfolgsverwöhnten und prosperierenden Landeshauptstadt wird im Gegensatz zu anderen Großstädten zwar - noch - nicht die Schließung der kommunalisierten Theater angekündigt. Derweil wird dem gesamten kulturellen Mittelfeld der Subventions-Saft abgedreht, weil die dünne Schicht der freien Projektmittel durch Subventionskürzungen nicht mehr zur Verfügung steht.
Will die Debatte ums Wiederauflebenlassen des Stuttgarter "Koki" also mehr sein als nur irrelevant, hat sie verschiedene Fakten und Erfahrungswerte zur Kenntnis zu nehmen:
1. Ein Mischbetrieb aus subventioniertem Kommerzialismus mit Spielwiese für die Festivallandschaft bewährt sich in der Regel nicht. Es kommt dabei meist zu Verwerfungen zwischen Subventionsbetrieb und kommerziellem Ableger; die Häufung von Festival-Engagements führt letztlich zur Profillosigkeit für beide Seiten.
2. Die Entleerung einer Immobilie dient in der Regel dem Zweck der Wertsteigerung bei einer Weiterveräußerung oder durch "Entwicklung". Das schien mir aus der Ferne damals der eigentliche Zweck der "Entlassung in den Konkurs" gewesen zu sein. Ein insolvent gewordener Mieter hat in der Regel keine "Restlaufzeit" seines Mietvertrags zu beanspruchen.
3. Cafe ist Cafe und Theater ist Theater, weil Kino eben Kino ist. Mischformen aus den drei Grundformen der kulturellen Geselligkeit funktionieren in den allerwenigsten Fällen.
4. In einer Zeit, in der weite Teile des Kinorepertoirs auf Silberscheibe oder als Download zur privaten Verfügung im Heimkino zur Verfügung stehen, haben Kommunale wie Programm-Kinos größte Schwierigkeiten, für historisch angelegte Filmreihen ein Publikum zu finden. Das Vermittlungsproblem, eine Form zu finden, wie man für Filmgeschichte ein Kinopublikum findet, ist die ungelöste Aufgabe für das Weiterbestehen von engagiertem Kino, das über Auswertungsfenster von aktueller Ware über 1 - 2 Wochen hinausreicht.
5. Das alte Filmstreifenkino ist schon Museum; das neue Digitalkino ist kein Kino mehr im traditionellen Sinne, weil es nicht mehr exklusiv Kinofilme zeigen muss, sondern "Programmware". Will man die Historie des Kinos bewahren, steht man vor der Herkulesaufgabe sich zwischen historischer Aufführungspraxis und digitalem Allerlei zu entscheiden. Wie bei jeder historischen Aufführungspraxis treten "Fallstricke des Offensichtlichen" auf.
6. Ich bezweifle, dass meine alte Heimatstadt das Format und noch das dazu notwendige Vermögen hat, sich ein lebendiges "Filmmuseum" an einem Schau-Platz leisten zu können oder auch nur zu wollen. Ein Kino an einer Auto-Schnellstraße ist verkehrt am Platz, weil Kinos als soziale Räume sich über den topologisch vorgelagerten öffentlichen Raum definieren. Ein "Filmmuseum" ist so lebendig wie ein "Theatermuseum" oder ein "Opernmuseum" mit Spielbetrieb auch lebendig ist. Ein Stuttgarter Filmmuseum gehört in den Schloßgarten.
7. Man darf die Aufgabe nicht unterschätzen, heute einen Kinospielbetrieb mit historischem Kinorepertoire - also mit Filmwerken, die älter als 1 - 2 Wochen/Monate/Jahre sind – aufrecht zu erhalten.
8. Wenn sich Bürger in Potsdam ganze Schlösser und Universitätsinstitute aus ihrer Portokasse der Bilanzkapitalisierung leisten wollen und können, dann verstehe ich nicht, wieso das in Stuttgart nicht auch gehen sollte, gerade dort. In gefährdeten Zeiten sollte man das Tollkühne wagen. Die Zeiten eines Lothar Späth mit seinen Visionen über die Bedeutung der Kultur als Zukunftsfaktor und Standortsicherungsmaßme scheinen zudem sehr weit weg, wie aus dem vorigen Jahrhundert.
Montag, 16. November 2009
Digitale Präsentation für filmhistorische Kino-Programme
Die neue Ausgabe 7.09 des schweizer "Filmbulletin" berichtet in der Rubrik "kurz belichtet" auf Seite 3 vom Einbau einer "state-of-the-art" Digital Cinema Anlage beim "Filmpodium Zürich". Interessant der angegebene und berichtete Grund. Zitat: "Dieser Schritt in die digitale Zukunft wurde vor dem Hintergrund gemacht, dass es immer schwieriger wird, 35-mm-Kopien von Filmklassikern in wenn möglich bester Vorführqualität von Verleihern und Filmarchiven zu erhalten. Sei es, dass die Kopien durch Abnutzung und chemische Zersetzung gefährdet sind und deshalb zur Vorführung nur beschränkt oder gar nicht freigegeben werden, sei es dass restaurierte neue Kopien jenseits des Massenmarkts so kostspielig sind, dass sie sich Institutionen wie das Filmpodium nicht mehr leisten können." -- Zitat-Ende -- Dieser Umstand, dass Filmkopien als Gebrauchsgegenstände, dem Verschleiß unterworfen, mit dem Wandel zu einer digitalen Kultur immer mehr kulturgeschichtlichen Original-Artefakt-Charakter erhalten und damit restriktiv nurmehr 'hinter musealen Vitrinen' zu sehen sein werden, war mit dem Aufkommen der DVD vor rund 12 Jahren und der zunehmenden Qualitätsverbesserung von Videoprojektoren zur elektronischen Projektion mehr als absehbar und ich habe in den von mir herausgegebenen Buchtiteln seit diesem Zeitpunkt immer wieder darauf hingewiesen.
Meine Frage wäre nun, warum man als an der Kinogeschichte Interessierter ausgerechnet in Filmkunsttheater noch gehen soll, wenn man sich filmhistorische Schätze qualitativ besser zu Hause ansehen kann (ohne Störung durch die Anwesenheit anderer Zuschauer), weil man inzwischen auf das gleiche Repertoire auf Disk oder online Zugriff hat -- und sich bei den kleinen Zuschauerscharen im Kino mit historischem Programm auch ein kollektiver "Publikumsmassen-Effekt" nicht mehr einstellen will, gerade weil eine digitale Präsentation eben nichts Außergewöhnliches und Besonderes mehr ist.
Meiner Ansicht nach leisten sich die Kinematheks-Kinos und historischen Filmkunst-Theater mit der Umstellung auf Digitale Projektion keinen Gefallen, sie unterminieren ihre eigene Existenzberechtigung. Meine nächste Frage wäre: Wie breit kann man "historische Aufführungspraxis" in die Fläche und die Tiefe bringen, mit der neuen Arbeitshypothese, dass ein freier Zugang zu Filmkopien als Gebrauchsgegenstand und Mittel zum Zweck einer Kinoaufführung absehbar nicht mehr gewährleistet sein wird -- und die Archivbestände von Kinematheken zu in der Regel 'geschlossenen Anstalten' werden dürften.
Die Lebendigkeit des filmstreifenbasierten Kinos dürfte zur Grabesstille vergleichbar bei den ehrwürdigen Bildtafel-Ausstellungen in Staatsmuseen werden: rar, teuer und extrem aufwendig.
Die andere Variante für eine Zukunft des Kinos könnte natürlich der "Seminarraum" sein, wenn digitale Projektion als Zugangs- und Eintrittsmedium zum historischen Verständnis der Sache werden kann. Dabei erinnere ich mich gerne an Robert Kudielkas manchmal vier Stunden lange Vorlesungen in der Berliner 'Hochschule der Künste' zur Kunstgeschichte, damals in den 1980er Jahren, etwa bei "Einbildungskraft – Diagnose eines Defizits", in denen er immer darauf hinwies, dass die Dias, die er uns als Reproduktionen begleitend zeigte, nie die Sache selbst seien. Er forderte uns immer dazu auf, sich die Tafelbilder im Original vor Ort anzuschauen. Im Theorieunterricht an der Lette-Schule hatte ich zuvor vom Unterschied zwischen Körperfarben und Lichtfarben auch schon gehört.
Ich befürchte, dass die Glitzerbilder bei digitaler Projektion etwa von "Criterion" Blu-Ray-Titeln nicht mehr als Repräsentation und Verweis auf etwas Originales, sondern als "bessere Sache an sich" angesehen werden. "Noch nie sahen Filmklassiker so gut aus, wie jetzt" - wenn in hoher Qualität nahe am Kameraoriginal abgetastet und verlustfrei verbreitet wird.
Hier liegt also ein grundlegendes Missverständnis vor, bei dem es nicht darum gehen soll, in ein "Lob des qualitativen Mangels" einzustimmen, weil "Film war eben immer ein perfektes Medium" (Detlev Mähl, siehe unten). Es liegt an uns, dies auch in der nahen Zukunft vermitteln zu können. Eine schwierige Aufgabe mit vielen Fallstricken des Offensichtlichen.
ATRIUM
Meine Frage wäre nun, warum man als an der Kinogeschichte Interessierter ausgerechnet in Filmkunsttheater noch gehen soll, wenn man sich filmhistorische Schätze qualitativ besser zu Hause ansehen kann (ohne Störung durch die Anwesenheit anderer Zuschauer), weil man inzwischen auf das gleiche Repertoire auf Disk oder online Zugriff hat -- und sich bei den kleinen Zuschauerscharen im Kino mit historischem Programm auch ein kollektiver "Publikumsmassen-Effekt" nicht mehr einstellen will, gerade weil eine digitale Präsentation eben nichts Außergewöhnliches und Besonderes mehr ist.
Meiner Ansicht nach leisten sich die Kinematheks-Kinos und historischen Filmkunst-Theater mit der Umstellung auf Digitale Projektion keinen Gefallen, sie unterminieren ihre eigene Existenzberechtigung. Meine nächste Frage wäre: Wie breit kann man "historische Aufführungspraxis" in die Fläche und die Tiefe bringen, mit der neuen Arbeitshypothese, dass ein freier Zugang zu Filmkopien als Gebrauchsgegenstand und Mittel zum Zweck einer Kinoaufführung absehbar nicht mehr gewährleistet sein wird -- und die Archivbestände von Kinematheken zu in der Regel 'geschlossenen Anstalten' werden dürften.
Die Lebendigkeit des filmstreifenbasierten Kinos dürfte zur Grabesstille vergleichbar bei den ehrwürdigen Bildtafel-Ausstellungen in Staatsmuseen werden: rar, teuer und extrem aufwendig.
Die andere Variante für eine Zukunft des Kinos könnte natürlich der "Seminarraum" sein, wenn digitale Projektion als Zugangs- und Eintrittsmedium zum historischen Verständnis der Sache werden kann. Dabei erinnere ich mich gerne an Robert Kudielkas manchmal vier Stunden lange Vorlesungen in der Berliner 'Hochschule der Künste' zur Kunstgeschichte, damals in den 1980er Jahren, etwa bei "Einbildungskraft – Diagnose eines Defizits", in denen er immer darauf hinwies, dass die Dias, die er uns als Reproduktionen begleitend zeigte, nie die Sache selbst seien. Er forderte uns immer dazu auf, sich die Tafelbilder im Original vor Ort anzuschauen. Im Theorieunterricht an der Lette-Schule hatte ich zuvor vom Unterschied zwischen Körperfarben und Lichtfarben auch schon gehört.
Ich befürchte, dass die Glitzerbilder bei digitaler Projektion etwa von "Criterion" Blu-Ray-Titeln nicht mehr als Repräsentation und Verweis auf etwas Originales, sondern als "bessere Sache an sich" angesehen werden. "Noch nie sahen Filmklassiker so gut aus, wie jetzt" - wenn in hoher Qualität nahe am Kameraoriginal abgetastet und verlustfrei verbreitet wird.
Hier liegt also ein grundlegendes Missverständnis vor, bei dem es nicht darum gehen soll, in ein "Lob des qualitativen Mangels" einzustimmen, weil "Film war eben immer ein perfektes Medium" (Detlev Mähl, siehe unten). Es liegt an uns, dies auch in der nahen Zukunft vermitteln zu können. Eine schwierige Aufgabe mit vielen Fallstricken des Offensichtlichen.
ATRIUM
Freitag, 2. Oktober 2009
Eine "Zukunft des Kinos" mit Straub-Huillet
Am Berliner Zoofenster wird gebaut; das Schimmelpfennig-Haus ist fast weg und am Zoobogen (einschließlich Zoo-Palast) steht die neue architektonische Planung (und wird nächste Woche wohl veröffentlicht). Inwieweit die öffentliche Bauplanung von Charlottenburg den Zoo-Palast mehr als nur in seiner architektonischen Hülle retten kann, sondern auch funktional, als Kinobetrieb, wird die Zukunft erst zeigen können.
Die Pressestelle der Berliner "Akademie der Künste" (AdK) informierte mich heute über die am 16. und 17. Oktober bevorstehende Tagung "Zukunft Kino II - Digitale Kinematographien" im Akademie-Haus am Hanseatenweg in Tiergarten.
Eine Tagung "Zukunft Kino" zu nennen, in der es vor allem eben nicht um die gegenwärtig tobenden Kämpfe in den Kinos um ihre eigene Zukunft geht (mit Distributoren, die keine Filmstreifenkopien mehr ziehen wollen und die die Kinos damit zur Zwangsdigitaliserung nach US-amerikansicher DCI-Norm zwingen wollen -- Kämpfe aber auch mit öffentlichen Förderinstanzen, die meinen, durch Abhängigmachung mittels Darlehen etwas Gutes zur Bewahrung der Zukunft von Kinos anzustellen, wenn Kinos damit in 24-Monats-Erneuerungszyklen gezwungen werden sollen), das halte ich - gelinde gesagt - für recht zynisch -- oder zumindest für sehr unbedarft und an der Realität vorbei, die sich eben auch nur zu gerne in zerebralen Reflektionen digital vaporisiert.
Gehen soll es bei der AdK-Tagung um feuilletonistische Allgemeinfragen rund um Filmvermittlung, Filmfinanzierung und Werkdistribution in Online-Medien, um die Digitale Kinematographie, die im Werkbeispiel "Waltz With Bashir" keine mehr ist (sondern Animation) und um den gegenwärtigen Turbo der Kinodigitalisierung, 3-D, der in einem Beitrag von Seeßlen/Metz diskutiert werden soll unter dem Titel: "Die erweiterte Kinematografie – 3D-Kino oder die Auflösung der Bilder? - Das Bild bezahlt seine universale Marktgängigkeit mit dem hohen Preis seiner Auflösung. Auch das stereoskope (3D) Bild wird das Kino nicht retten."
Helfen kann hier wohl nur die Rückbesinnung auf das kinematographische Sehen und Hören, wie "Höhlenmenschen und Kinder" es im und am Werk von Straub-Huillet lernen können. Eine umfassende Einführung in das Werk von Sraub-Huillet gibt Daniel Fairfax aus Sydney in seinem aktuellen und sehr lesenswerten Beitrag für "Senses of Cinema", Ausgabe 52. [Stand: FIRST PUBLISHED 6 September 2009 - LAST CHANGES 29 September 2009]
Das Werk von Straub-Huillet öffnet sich und wird zugänglich, wie Fairfax schildert, vor allem auch durch die im Entstehen begriffene, französischen Gesamtausgabe auf DVD. Inwieweit die Vergangenheit des Kinos die Basis für eine Zukunft des Kinos sein könnte, wenn die historischen Werke einem individualisierten Konsum zur Verfügung stehen, steht dahin.
Dem Verlust des Monopols der hochqualitativen und großen Bilder, der seit den ersten CRT-Röhren-Videobeamern langsam eingetreten ist und nunmehr durch überall eingesetzte Großdisplays (vom Wohnzimmer bis zu Häuserwänden und Bankfilialen) zur wahren Inflation, Entwertung der Bilder und Töne geworden ist, kann letztlich nur durch zwei Modi gelenkt werden. Der eine Modus verweist auf das Museum und die historische Aufführungspraxis und der andere Modus zeigt in die diametral andere Richtung: auf die Wieder-Lebendigmachung des als wertig Erkannten durch soziale Prozesse.
Dem Werk von Straub-Huillet würdig wäre ein Bayreuth, dass auch in Überlingen, Romanshorn und Lindau zu Hause sein könnte. Ein Ort der Auseinandersetzung abseits der kulturellen Hyperkonkurrenz des Kulturmarktes und passend zum konzisen aber auch landschaftlichen Blick, gezogen ohne Kinobild-Monopol aber getragen von einem Publikum, dass sich sammelt, um ein Werk und eine Idee. Das Kino wird nach dem Zusammenbruch des Mainstream nur als Alternative in jeder Hinsicht und jeder Form mit eben auch alternativen Form-Inhalten sich seine Zukunft selbst erarbeiten können, und zwar in Ausnahmefällen und als Randzone. Festival in diesem Sinne.
ATRIUM
Die Pressestelle der Berliner "Akademie der Künste" (AdK) informierte mich heute über die am 16. und 17. Oktober bevorstehende Tagung "Zukunft Kino II - Digitale Kinematographien" im Akademie-Haus am Hanseatenweg in Tiergarten.
Eine Tagung "Zukunft Kino" zu nennen, in der es vor allem eben nicht um die gegenwärtig tobenden Kämpfe in den Kinos um ihre eigene Zukunft geht (mit Distributoren, die keine Filmstreifenkopien mehr ziehen wollen und die die Kinos damit zur Zwangsdigitaliserung nach US-amerikansicher DCI-Norm zwingen wollen -- Kämpfe aber auch mit öffentlichen Förderinstanzen, die meinen, durch Abhängigmachung mittels Darlehen etwas Gutes zur Bewahrung der Zukunft von Kinos anzustellen, wenn Kinos damit in 24-Monats-Erneuerungszyklen gezwungen werden sollen), das halte ich - gelinde gesagt - für recht zynisch -- oder zumindest für sehr unbedarft und an der Realität vorbei, die sich eben auch nur zu gerne in zerebralen Reflektionen digital vaporisiert.
Gehen soll es bei der AdK-Tagung um feuilletonistische Allgemeinfragen rund um Filmvermittlung, Filmfinanzierung und Werkdistribution in Online-Medien, um die Digitale Kinematographie, die im Werkbeispiel "Waltz With Bashir" keine mehr ist (sondern Animation) und um den gegenwärtigen Turbo der Kinodigitalisierung, 3-D, der in einem Beitrag von Seeßlen/Metz diskutiert werden soll unter dem Titel: "Die erweiterte Kinematografie – 3D-Kino oder die Auflösung der Bilder? - Das Bild bezahlt seine universale Marktgängigkeit mit dem hohen Preis seiner Auflösung. Auch das stereoskope (3D) Bild wird das Kino nicht retten."
Helfen kann hier wohl nur die Rückbesinnung auf das kinematographische Sehen und Hören, wie "Höhlenmenschen und Kinder" es im und am Werk von Straub-Huillet lernen können. Eine umfassende Einführung in das Werk von Sraub-Huillet gibt Daniel Fairfax aus Sydney in seinem aktuellen und sehr lesenswerten Beitrag für "Senses of Cinema", Ausgabe 52. [Stand: FIRST PUBLISHED 6 September 2009 - LAST CHANGES 29 September 2009]
Das Werk von Straub-Huillet öffnet sich und wird zugänglich, wie Fairfax schildert, vor allem auch durch die im Entstehen begriffene, französischen Gesamtausgabe auf DVD. Inwieweit die Vergangenheit des Kinos die Basis für eine Zukunft des Kinos sein könnte, wenn die historischen Werke einem individualisierten Konsum zur Verfügung stehen, steht dahin.
Dem Verlust des Monopols der hochqualitativen und großen Bilder, der seit den ersten CRT-Röhren-Videobeamern langsam eingetreten ist und nunmehr durch überall eingesetzte Großdisplays (vom Wohnzimmer bis zu Häuserwänden und Bankfilialen) zur wahren Inflation, Entwertung der Bilder und Töne geworden ist, kann letztlich nur durch zwei Modi gelenkt werden. Der eine Modus verweist auf das Museum und die historische Aufführungspraxis und der andere Modus zeigt in die diametral andere Richtung: auf die Wieder-Lebendigmachung des als wertig Erkannten durch soziale Prozesse.
Dem Werk von Straub-Huillet würdig wäre ein Bayreuth, dass auch in Überlingen, Romanshorn und Lindau zu Hause sein könnte. Ein Ort der Auseinandersetzung abseits der kulturellen Hyperkonkurrenz des Kulturmarktes und passend zum konzisen aber auch landschaftlichen Blick, gezogen ohne Kinobild-Monopol aber getragen von einem Publikum, dass sich sammelt, um ein Werk und eine Idee. Das Kino wird nach dem Zusammenbruch des Mainstream nur als Alternative in jeder Hinsicht und jeder Form mit eben auch alternativen Form-Inhalten sich seine Zukunft selbst erarbeiten können, und zwar in Ausnahmefällen und als Randzone. Festival in diesem Sinne.
ATRIUM
Dienstag, 2. Juni 2009
New Imax
In der New York Times vom 1. Juni ein längerer Beitrag von Brooks Barnes über den Zickzack-Kurs der Imax-Corporation, nach gut 40 Jahren den eingeschlagenen Erfolgsweg zu halten, ohne die Marke durch neue, zu kleine Imax-Bildwände als An- und Einbauten in Multiplex-Anlagen zu vergraulen, zumal dort die Tage des horizontal durch den Projektor laufenden 70-mm-Filmstreifens zugunsten von Ceap-Digital bald endgültig vorbei sein dürften (und dies auch der tiefere Grund für die kleineren Bildwände wohl ist). Robert Ebert wird in dem Beitrag ebenfalls zitiert, der ja schon mit seinen kritischen Kommentaren zu 3-D gepunktet hatte.
ATRIUM
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Freitag, 29. Mai 2009
Nastätten (Taunus)
Die Nachrichtenredaktion des Heise-Verlags bringt einen Bericht von der Eröffnung des eines Drei-Saal-Kinocenters in dem 4.000 Einwohner zählenden Taunus-Städtchen Nastätten, bei dem die inzwischen abgebauten 35-mm-Filmprojektoren nicht mehr Bestandteil des BWR sind.
ATRIUM
ATRIUM
Dienstag, 21. April 2009
Subventionen eines flügellahmen Roll-outs?
Ein zukunftseuphorischer Feuilleton-Artikel, diesmal von André Weikard im "Tagesspiegel" vom 17.4.2009 verfaßt, sinniert wieder einmal über eine "Nachrüstung" in der Film- und Kinotechnik, die diesmal aber eine fundamentale Umrüstung beschreibt: den sog. "Roll-out" digitaler Projektion, die das arteigene, bisherige Filmbandformat auf 3,5 cm breitem Transparentfilm ersetzt. "Roll-out" ist übrigens ein Begriff der Kriegsführung aus dem Zweiten Weltkrieg, obgleich erst Mitte der 1980er-Jahre im Zuge einer Nach-Nachrüstung schon einmal die Rede von "zutodegerüstet" war und das Ende einer alten Supermacht im Osten umschrieb, die sich dem Turbo-Kapitalismus verschlossen hatte. Eine "Globalisierung" der neuen Märkte und Digitalitäten (Multimedia-Manien und virtuelle Realitäten unendlichen Konsums) der verbleibenden Supermacht konnte sich hernach ohne Gegenentwehr verbreiten.
Schließlich wurden die "Marken" des Home Entertainment (Motto: "Kino war gestern") so stark, dass eine Reihe an Marketingstrategien und Produktzyklen der Home Cinema Technologie eine solche Rasanz erfuhr, dass die Theaterwirtschaft kaum noch Schritt mit ihr halten konnte und im Lancieren immer neuer Digitaltonverfahren schon als "Testlabor" für die lukrativere Heimkinogeschäfte umgemodelt wurde, wie etwa der Filmhistoriker John Belton anmerke.
Das neue Wunderwerk der DLP-Spiegeltechnik in der Marktdurchdringung von HDTV-Beamer-Wiedergabe (aber auch die neuen HD-"Kinokameras" seit Anfang dieses Jahrhunderts) können kaum mehr als eine ureigene Entwicklung der Filmindustrie, d.h. zur Etablierung arteigener und exklusiver Kinoformate angesehen werden, sondern als Vorposten des Home Cinemas und der Broadcast-Verwerter. Sodenn die DLP-Technologie bereits als Spin-off-Entwicklung der Strategic Defense Initiative der seinerzeit vorrüstenden US-Regierung der 1980er-Jahre gelten mußte, erschrickt jetzt das Ausmaß der Unterwerfung des Kinomarktes unter die Gesetzlichkeiten der materialosen Informationsübertragung nach Broadcast-Standards (welche geringfügig vom Interessenverband der Hersteller zur sog. DCI-Norm für die Kinowirtschaft modifiziert wurde, um das HDTV-Bild durch höhere Bitraten auch auf grösseren Leinwänden ohne die berüchtigten "Artefakte" übertragen zu können). Wie immer die Zukunft des Kinos nun aussehen mag — von dem einem Traum darf man getrost Abschied nehmen: von einer Vorreiterrolle der Kinos im Mahlstrom der Multimedia-Schwemme. Und das böse Wort des amerikanischen Kinofilmvorführers Paul Raython vom "Trojanischen Pferd", das mit dem Roll-out Einzug in die Kinos gehalten habe, ist es durchaus wert, aus der Interessenperspektive der einst dominanten Unterhaltungsform des 20. Jahrhunderts aus, d.h. der der kommerziellen Lichtspielhauskulturen, untersucht zu werden.
Zurück zur Subventionspolitik Berlins, in der der "Tagespiegel" eine Errettung der Kinos vor dem Abwandern des digitalen Contents in andere Vertriebskanäle zu sehen glaubt: Hier überbieten sich SPD und CDU derzeit gegenseitig, den darbenden und notleidenden Kinos eine digitale Spritze als Verjüngungskur zu verpassen, um deren "Wettbewerbsfähigkeit" zu sichern.
Vergessen ist, dass erst gestern noch durch die Bezirksregierungen ein gegenseitiges Überbieten in der Verhökerung hochwertiger Standorte an Kinokonzerne und Multiplexbetriebe stattgefunden hatte, denen fast ausnahmslos Bau- und Betriebsgenehmigungen erteilt wurden, gleichwohl schon Anfang der 1990er-Jahre klar war, dass sich mit der Verdopplung der Sitzplatzkapazitäten bis zur Jahrtausendwende auch ein Rückgang der Auslastung verbinden ließe. Insbesondere die Teilsubventionierung von einigen Sälen der Multiplexkinos am Potsdamer Platz, die im Interesse der Nebennutzung durch die Filmfestspiele ("Filmmesse") vom Steurzahler fertiggestellt wurden, richteten massiven Schaden sowohl in der traditionellen kommerziellen Kinomeile in der City-West und am Kufürstendamm (mit dem größten Kinofriedhof der Welt) als auch in den Bezirken und unter den Programm- und Szenekinos an.
Nach der Wende galt die neue City um den Potsdamer Platz allerdings als Prestigeprojekt der Vereinigungspolitiker Dr. Kohl und Dr. Hassemer, die somit ein ökonomisches und kulturelles Aushängeschild einer mitteileuropäischen Großmacht zu etablieren suchten: mit gravierenden Flurschäden in den Bezirken.
Somit verwundert, dass nach alledem 2009 der Glaube aufkommt, man könnte die wirtschaftlichen Eckdaten der gebeutelten Berliner Kinohäuser durch naives Wachstum verbessern, diesmal durch Umrüstungen zum Electronic Cinema frisieren.
Anstatt einer möglichen "Subvention zur Selbstabschafffung" also hätten deutsche Politiker rechtzeitig (die konservativ-schwarzen ebenso wie die sozialreformerischen) in ihrern Kinopolitik nach französischem oder norwegischem Vorbild verfahren sollen. Dies meint u.a. eine staatliche Begrenzung der US-Ware im Mainstream-Verleih Frankreichs eben so wie auf der anderen Seite die gesetzliche Verankerung des Wirtschaftsstatus der Kinos als "öffentliche Betriebe" unter Staatskontrolle wie in Norwegen an der Tagesordnung.
Es klingt sehr human, im einigen Kommunen Deutschlands weiterhin das Lied ungezügelt kleinst-privatwirtschaftlicher und künstlerischer Freiheit für die kleinen Ladenbetreiber zu trällern, während man schon zu Beginn der Kohl'schen "Spaßgesellschaft" den privaten TV-Gründungswahn von RTL bis SAT1 freie Hand ließ und eben so die öffentlichen Grundstücke (sie sollte eigentlich Volkseigentum sein) an "vereinigte" International-Cinema-Kinoketten (etwa zur erhofften "Belebung der Infrastruktur") freigab.
So groß der Schaden auch ist, so konnten sich immerhin in dieser Abwärtsspirale der Verscherbelung öffentlichen Tafelsilbers einige am Rande des Existenzminimums vegetierende Kintop-Stätten z.B. durch Kompensation der Verleihgarantieren sowie durch nachhaltige programmatische Grundversorung oder auch Gegenkulturen am Leben erhalten. Viele Vorortkinos wären ohne die künstlich geförderten 35mm-Zusatzkopien wirtschaftlich nicht aufrechtzuerhalten, hätte man nicht versucht, die Entartungen des freien Marktes durch Almosen der FFA-Einnahmen abzupolstern.
Jetzt steht die Wahlkampforderung der Agenda-2010-Partei SPD aus Berlin im Raume, die nach dem Einknicken vor Kino-Großketten, Großsendern und Potsdamer-Platz-Kinematheken den bezirklichen Niedergang durch wenig nachhaltigen Austausch der Bildwerfer abzuwenden hoffen, in dem den "Independents" ein vermeintlich freier Zugang zum Kuchen der DCI-Konzerne verschafft werde — obwohl das Interesse großer Major Companies und die in ihrer Vertriebspolitik Ausdruck findenden DCI-Welle ja gerade die Abschaffung angeblich zu träger Spielstätten und zu langer Auswertungszeiträume ist!
Die Subventionswerbung der SPDCDU folgt der Begründung, Programmkinos kämen damit an einen Programm-Content, der ihnen in der (derzeit noch funktionierenden analogen Filmbelieferung im immerhin "kino-arteigenem" 35mm-Format) in Kürze verwehrt würde, denn längst habe ein Roll-out stattgefunden, der die Berliner Kleinkinos überrollen könnte.
Weder aber existiert im Moment eine Verleiherdrohung der Filmkopienverweigerung, noch ist der erhoffte Content durch Anbindung an ein Satellitenkino ("Opern-Übertragungen", Computerspiele, TV-Übertragungen, Interneteinwahl) imstande, durch Langzeitauswertungen oder sich seit jeher traditionell "entwickelnde" Kinoerfolge eine Standortsicherung oder eine im Kern kompetente Corporate Identity der Kinostätten auzubauen, zumal Kinostandorte immerhin Betriebs- und Mietkosten unterworfen sind — noch hat der neue Content bewiesen, durch Alternativen zum Multimedia- und Internetcontent eine exponierte Eigenständigkeit der Kinos aus der Taufe zu heben, die sich signifikant abhebt oder auf Autonomie resp. technologische und inhaltliche Vorreiterrollen zum Multimedia-Content pocht.
Zumindest bleibt dem Nicht-Multiplex-gebundenen Kinomarkt in Berlin, so lange er nicht digitalisiert ist, noch "Luft" genug, dass sich Filme auch entwickeln können — und voraussetzungsbedingt auch eine längere Auswertung mit dem Filmbestellvertrag über eine 35mm-Kopie anvisiert wird.
Mit der Digitialisierung — so beschreibt etwa Georg Kloster von der Yorck-Kino GmbH das unkaklkulierbare Szenario — begänne, sofern ich ihn zutreffend auslege, auch der Wettlauf um immer schneller wechselnde Contents, der sich gerade in Einzelhäusern, so etwa im"International", verhehrend auswirken könnte, da man dort auf Langzeiterfolge angewiesen ist.
Dem füge ich hinzu: es drohen durch Anschluß an Beamer- und Satelliten-Contents auch verkürzte Auswertungsfenster im Kinospiel wie auch eine ökonmisch nivellierende Gleichschaltung mit Videomedien oder dem Ondemand-Verleih über die Datenautobahn des Internets.
Kloster befürchtet vielleicht auch ein weiteres: daß ein zu rascher Programmwechsel und eine Vermehrung des Programmangebots vom Publikum auch immer weniger wahrgenommen wird. Somit sinkt der Warenwert, die Wareneinsatzquote, und letzlich die Marge für Verleih und Betreiber - egal, wer von beiden den Wettlauf nun zuerst anheizte.
Einige befürchten seit längerem ein Kinosterben als Folge der Digitalisierung. Dem wäre jedoch Widerspruch in der Darstellung noch ganz anderer Gründe entgegenzusetzten: denn nicht etwa die nicht-digitalisierten Kinos sterben zuerst (denn Verleiher wie Fox haben soeben eine 35mm-Zusage an Kinos abgegeben, welche, aus welchen Gründen auch immer, 35mm zu spielen wünschen), sondern vorrangig könnte die flächendeckende Digitalisierung eine Todrüstung der Content-Anbieter zur Folge haben und zur Marktbereinigung führen.
Ließe sich noch über eine Bereinigung von Orten schlechter Projektion oder bisweilen eintönigen Mainstream-Contents durchaus im produktiven und avantgardistischen Sinne diskutieren, so erweisen sich im Verständnis des klassischen Dilemmas die technologischen Umbrüche (bei andererseits durchaus freierem, qualitativ gleichmässigerem und konstengünstigerem Bezug von Content) möglicherweise als Bumerang für die filmproduzierende Industrie: jene wird den flächendeckenden Verlust der meisten ihrer einstmals ortsfesten und werbewirksamen Filmtheater kaum aufhalten können.
CINERAMA
Vorstandsmitglied des Kinomuseum Berlin e.V.
Schließlich wurden die "Marken" des Home Entertainment (Motto: "Kino war gestern") so stark, dass eine Reihe an Marketingstrategien und Produktzyklen der Home Cinema Technologie eine solche Rasanz erfuhr, dass die Theaterwirtschaft kaum noch Schritt mit ihr halten konnte und im Lancieren immer neuer Digitaltonverfahren schon als "Testlabor" für die lukrativere Heimkinogeschäfte umgemodelt wurde, wie etwa der Filmhistoriker John Belton anmerke.
Das neue Wunderwerk der DLP-Spiegeltechnik in der Marktdurchdringung von HDTV-Beamer-Wiedergabe (aber auch die neuen HD-"Kinokameras" seit Anfang dieses Jahrhunderts) können kaum mehr als eine ureigene Entwicklung der Filmindustrie, d.h. zur Etablierung arteigener und exklusiver Kinoformate angesehen werden, sondern als Vorposten des Home Cinemas und der Broadcast-Verwerter. Sodenn die DLP-Technologie bereits als Spin-off-Entwicklung der Strategic Defense Initiative der seinerzeit vorrüstenden US-Regierung der 1980er-Jahre gelten mußte, erschrickt jetzt das Ausmaß der Unterwerfung des Kinomarktes unter die Gesetzlichkeiten der materialosen Informationsübertragung nach Broadcast-Standards (welche geringfügig vom Interessenverband der Hersteller zur sog. DCI-Norm für die Kinowirtschaft modifiziert wurde, um das HDTV-Bild durch höhere Bitraten auch auf grösseren Leinwänden ohne die berüchtigten "Artefakte" übertragen zu können). Wie immer die Zukunft des Kinos nun aussehen mag — von dem einem Traum darf man getrost Abschied nehmen: von einer Vorreiterrolle der Kinos im Mahlstrom der Multimedia-Schwemme. Und das böse Wort des amerikanischen Kinofilmvorführers Paul Raython vom "Trojanischen Pferd", das mit dem Roll-out Einzug in die Kinos gehalten habe, ist es durchaus wert, aus der Interessenperspektive der einst dominanten Unterhaltungsform des 20. Jahrhunderts aus, d.h. der der kommerziellen Lichtspielhauskulturen, untersucht zu werden.
Zurück zur Subventionspolitik Berlins, in der der "Tagespiegel" eine Errettung der Kinos vor dem Abwandern des digitalen Contents in andere Vertriebskanäle zu sehen glaubt: Hier überbieten sich SPD und CDU derzeit gegenseitig, den darbenden und notleidenden Kinos eine digitale Spritze als Verjüngungskur zu verpassen, um deren "Wettbewerbsfähigkeit" zu sichern.
Vergessen ist, dass erst gestern noch durch die Bezirksregierungen ein gegenseitiges Überbieten in der Verhökerung hochwertiger Standorte an Kinokonzerne und Multiplexbetriebe stattgefunden hatte, denen fast ausnahmslos Bau- und Betriebsgenehmigungen erteilt wurden, gleichwohl schon Anfang der 1990er-Jahre klar war, dass sich mit der Verdopplung der Sitzplatzkapazitäten bis zur Jahrtausendwende auch ein Rückgang der Auslastung verbinden ließe. Insbesondere die Teilsubventionierung von einigen Sälen der Multiplexkinos am Potsdamer Platz, die im Interesse der Nebennutzung durch die Filmfestspiele ("Filmmesse") vom Steurzahler fertiggestellt wurden, richteten massiven Schaden sowohl in der traditionellen kommerziellen Kinomeile in der City-West und am Kufürstendamm (mit dem größten Kinofriedhof der Welt) als auch in den Bezirken und unter den Programm- und Szenekinos an.
Nach der Wende galt die neue City um den Potsdamer Platz allerdings als Prestigeprojekt der Vereinigungspolitiker Dr. Kohl und Dr. Hassemer, die somit ein ökonomisches und kulturelles Aushängeschild einer mitteileuropäischen Großmacht zu etablieren suchten: mit gravierenden Flurschäden in den Bezirken.
Somit verwundert, dass nach alledem 2009 der Glaube aufkommt, man könnte die wirtschaftlichen Eckdaten der gebeutelten Berliner Kinohäuser durch naives Wachstum verbessern, diesmal durch Umrüstungen zum Electronic Cinema frisieren.
Anstatt einer möglichen "Subvention zur Selbstabschafffung" also hätten deutsche Politiker rechtzeitig (die konservativ-schwarzen ebenso wie die sozialreformerischen) in ihrern Kinopolitik nach französischem oder norwegischem Vorbild verfahren sollen. Dies meint u.a. eine staatliche Begrenzung der US-Ware im Mainstream-Verleih Frankreichs eben so wie auf der anderen Seite die gesetzliche Verankerung des Wirtschaftsstatus der Kinos als "öffentliche Betriebe" unter Staatskontrolle wie in Norwegen an der Tagesordnung.
Es klingt sehr human, im einigen Kommunen Deutschlands weiterhin das Lied ungezügelt kleinst-privatwirtschaftlicher und künstlerischer Freiheit für die kleinen Ladenbetreiber zu trällern, während man schon zu Beginn der Kohl'schen "Spaßgesellschaft" den privaten TV-Gründungswahn von RTL bis SAT1 freie Hand ließ und eben so die öffentlichen Grundstücke (sie sollte eigentlich Volkseigentum sein) an "vereinigte" International-Cinema-Kinoketten (etwa zur erhofften "Belebung der Infrastruktur") freigab.
So groß der Schaden auch ist, so konnten sich immerhin in dieser Abwärtsspirale der Verscherbelung öffentlichen Tafelsilbers einige am Rande des Existenzminimums vegetierende Kintop-Stätten z.B. durch Kompensation der Verleihgarantieren sowie durch nachhaltige programmatische Grundversorung oder auch Gegenkulturen am Leben erhalten. Viele Vorortkinos wären ohne die künstlich geförderten 35mm-Zusatzkopien wirtschaftlich nicht aufrechtzuerhalten, hätte man nicht versucht, die Entartungen des freien Marktes durch Almosen der FFA-Einnahmen abzupolstern.
Jetzt steht die Wahlkampforderung der Agenda-2010-Partei SPD aus Berlin im Raume, die nach dem Einknicken vor Kino-Großketten, Großsendern und Potsdamer-Platz-Kinematheken den bezirklichen Niedergang durch wenig nachhaltigen Austausch der Bildwerfer abzuwenden hoffen, in dem den "Independents" ein vermeintlich freier Zugang zum Kuchen der DCI-Konzerne verschafft werde — obwohl das Interesse großer Major Companies und die in ihrer Vertriebspolitik Ausdruck findenden DCI-Welle ja gerade die Abschaffung angeblich zu träger Spielstätten und zu langer Auswertungszeiträume ist!
Die Subventionswerbung der SPDCDU folgt der Begründung, Programmkinos kämen damit an einen Programm-Content, der ihnen in der (derzeit noch funktionierenden analogen Filmbelieferung im immerhin "kino-arteigenem" 35mm-Format) in Kürze verwehrt würde, denn längst habe ein Roll-out stattgefunden, der die Berliner Kleinkinos überrollen könnte.
Weder aber existiert im Moment eine Verleiherdrohung der Filmkopienverweigerung, noch ist der erhoffte Content durch Anbindung an ein Satellitenkino ("Opern-Übertragungen", Computerspiele, TV-Übertragungen, Interneteinwahl) imstande, durch Langzeitauswertungen oder sich seit jeher traditionell "entwickelnde" Kinoerfolge eine Standortsicherung oder eine im Kern kompetente Corporate Identity der Kinostätten auzubauen, zumal Kinostandorte immerhin Betriebs- und Mietkosten unterworfen sind — noch hat der neue Content bewiesen, durch Alternativen zum Multimedia- und Internetcontent eine exponierte Eigenständigkeit der Kinos aus der Taufe zu heben, die sich signifikant abhebt oder auf Autonomie resp. technologische und inhaltliche Vorreiterrollen zum Multimedia-Content pocht.
Zumindest bleibt dem Nicht-Multiplex-gebundenen Kinomarkt in Berlin, so lange er nicht digitalisiert ist, noch "Luft" genug, dass sich Filme auch entwickeln können — und voraussetzungsbedingt auch eine längere Auswertung mit dem Filmbestellvertrag über eine 35mm-Kopie anvisiert wird.
Mit der Digitialisierung — so beschreibt etwa Georg Kloster von der Yorck-Kino GmbH das unkaklkulierbare Szenario — begänne, sofern ich ihn zutreffend auslege, auch der Wettlauf um immer schneller wechselnde Contents, der sich gerade in Einzelhäusern, so etwa im"International", verhehrend auswirken könnte, da man dort auf Langzeiterfolge angewiesen ist.
Dem füge ich hinzu: es drohen durch Anschluß an Beamer- und Satelliten-Contents auch verkürzte Auswertungsfenster im Kinospiel wie auch eine ökonmisch nivellierende Gleichschaltung mit Videomedien oder dem Ondemand-Verleih über die Datenautobahn des Internets.
Kloster befürchtet vielleicht auch ein weiteres: daß ein zu rascher Programmwechsel und eine Vermehrung des Programmangebots vom Publikum auch immer weniger wahrgenommen wird. Somit sinkt der Warenwert, die Wareneinsatzquote, und letzlich die Marge für Verleih und Betreiber - egal, wer von beiden den Wettlauf nun zuerst anheizte.
Einige befürchten seit längerem ein Kinosterben als Folge der Digitalisierung. Dem wäre jedoch Widerspruch in der Darstellung noch ganz anderer Gründe entgegenzusetzten: denn nicht etwa die nicht-digitalisierten Kinos sterben zuerst (denn Verleiher wie Fox haben soeben eine 35mm-Zusage an Kinos abgegeben, welche, aus welchen Gründen auch immer, 35mm zu spielen wünschen), sondern vorrangig könnte die flächendeckende Digitalisierung eine Todrüstung der Content-Anbieter zur Folge haben und zur Marktbereinigung führen.
Ließe sich noch über eine Bereinigung von Orten schlechter Projektion oder bisweilen eintönigen Mainstream-Contents durchaus im produktiven und avantgardistischen Sinne diskutieren, so erweisen sich im Verständnis des klassischen Dilemmas die technologischen Umbrüche (bei andererseits durchaus freierem, qualitativ gleichmässigerem und konstengünstigerem Bezug von Content) möglicherweise als Bumerang für die filmproduzierende Industrie: jene wird den flächendeckenden Verlust der meisten ihrer einstmals ortsfesten und werbewirksamen Filmtheater kaum aufhalten können.
CINERAMA
Vorstandsmitglied des Kinomuseum Berlin e.V.
Tags:
Berlin,
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Kinotechnik,
Subventionen,
Tagesspiegel
Sonntag, 8. März 2009
1929 - 1949 - 1969 - 1989 - 2009: 80 Jahre Tonfilm in 20-Jahres-Schritten
Obwohl die Premiere von "The Jazz Singer" bekanntlich am 6. Oktober 1927 in New York City statt fand, und damit 1927 eigentlich als das "Durchbruchjahr des Tonfilms" (zumindest in den USA) gilt, wurde "Der Jazzsänger" nach enormem rechtlichen Hickhack inklusive diverser Einstweiliger Verfügungen im weltweiten "Tonfilmkrieg" schließlich erst am 26.11.1929 im Berliner Gloria-Palast erstmals in Deutschland aufgeführt. Zuvor hatte bereits das Nachfolgevehikel für Al Jolson "The Singing Fool" (US-Premiere am 19.09.1928) am 3. Juni 1929 und ebenfalls nach reichlichem Einsatz von verzögernden Rechtsmitteln im Berlin Gloria-Palast seine Deutschland-Premiere. Am 09.09.1929 wurde Hitchcocks "Blackmail" im Berliner Kino "Universum" (nach dem 2. Weltkrieg dann "Capitol" genannt, heute Schaubühne am Lehniner Platz) auch in Tonfilmfassung gezeigt, zuvor lief am 12.06.1929 im Ufa-Palast am Zoo Frank Capras "Submarine" an. 1929 gilt als das Durchbruchjahr des Tonfilms in Deutschland, das am 09.01.1929 bereits mit dem "Paukenschlag" von "Wings" begann.Wir dürfen uns hierzulande also im 80. Jahr des Durchbruchs des Tonfilms wähnen.
Herzlichen Glückwunsch an alle Tonfilm-Freunde!
Die Tageschronologie der Ereignisse des "Deutschen Tonfilm-Jahres 1929" hat Jeanpaul Goergen als Timeline in "Weltwunder der Kinematographpie 6.2002" detailliert zusammengefasst. Wer sich in die extrem verstrickten und komplizierten Markt-Verstrickungen, Rechts-Verwicklungen und Technik-Entwicklungen in Sachen technischer Erfinder, internationalem Patent-Recht und bereits damals globalisiert denkenden Elektrokonzernen vertiefen will, sei auf die drei maßgeblichen deutschen Buchveröffentlichungen zum Thema verwiesen: Einmal - sehr verkürzt formuliert - der mediale Abdruck des sich bereits durchgesetzt habenden Radios ins Kino hinein bei "Das Ringen um den Tonfilm" von Wolfgang Mühl-Benninghaus (zur Zeit vergriffen); dann der Überbbau des Patentrechts gegenüber vor sich hin tüftelnden Erfindern bei "Die Entstehung des Tonfilms" von Harald Jossé (lieferbar) und schließlich der Versuch, den Wandel vom Stummfilm zum Tonfilm mit dem derzeitigen Umstieg des Filmkinos in Richtung Digitalisierung des Kinos seit etwa 1995 zu parallelisieren in "Aufstieg und Untergang des Tonfilms" als Sammelband diverser Autoren der Publikationsreihe "Weltwunder der Kinematographpie" in Band 6.2002 (siehe Cover-Abb. in der linken Spalte). Dort finden sich auch zwei Einzeldarstellungen zu Lichtton und Magnetton in ihrer Bedeutung für das Kino.
Mein tschechischer Forscherkollege Petr Szczepanik, Professor an der Universität Brno, hat mir in diversen Gesprächen zu der in WdK6 behaupteten These eines parallelisierbaren Wandels in einer Gleichung: "Wandel Stummfilm/Tonfilm wie Wandel Filmkino/DigitalCinema" deutlich widersprochen: Es sieht die Parallele des Medienübergangs eher bei "Wandel Filmkino/DigitalCinema wie Wandel Grautonmodulation/Farbfilm": graduell-langsamer Verlauf statt plötzlicher, kolossaler Implosion.
Dass schließlich nicht nur die einstige Einführung des Tonfilms ein unglaubliches Hickhack war, sondern es sich bei der Einführung der Digitalen Projektion ins Kino auch jetzt, hier und heute -- seit dem Zeitpunkt, als ich die ersten 2K-Projektoren aus den Forschungslaboren im November 1996 zum Shootout in die Karlsruher Stadthalle einladen durfte -- erneut um retardierende Fragen zu Patenten, inkompatiblen Technologien und Geschacher um Lizenzerlöse handelt, da sich nunmehr verspätet und in 2002 noch gänzlich unvermutet die 3-D-Verfahren als eigentlicher Motor der Umstellungsdynamik offenbaren...
...dieser unverhoffte Zustand erfüllt mich mit meiner damaligen These doch mit gewisser Freude. Es mag sich viel verzögert haben, aber einiges ist 8 Jahre nach der Veröffentlichung des Buchbandes (= 1/10 Tonfilmzeit!) doch sehr gleich geblieben, allem DCI zum Trotz:
Die Umstellung mag fast so lange gedauert haben, wie die Umstellung von s/w zu Farbe; die Komplexität dieses Mediensystemwechsels ähnelt sich jetzt jedoch frappant jener vor etwa 80 Jahren, zumal sich die bisher hemmende Grundfrage "Wer zahlt's obwohl man's nicht unbedingt braucht" jetzt eindeutig in die Richtung verschiebt: "Der zahlt, der's braucht."
Auch beim Tonfilm gab es einen langen zeitlichen Vorlauf der technischen Entwicklung: seit 1894 durch das erste Tonfilmexperiment überhaupt (Dickson Experimental Sound Film), 1903 bei Messters Tonbildern, 1906 durch die Elektronenröhre (Verstärkerröhre/Triode durch von Lieben und de Forrest) und schließlich 1922 durch den in Deutschland nicht aus den Köpfen zu bekommenden Mythos von Triergon, wonach dieses Tüftler-Trio aus vom Markt verkannten Genies bestünde und die Geburtsstunde des Tonfilms in Deutschland angeblich auf 1922 zu datieren sei. Maßgeblich einer in der Realwelt verankerten Technik ist immer die Marktdurchsetzung -- und die fand in Deutschland im Jahre 1929 statt und dann auch noch überwiegend in dem später als Sackgasse erkannten Verfahrenszweig des Nadeltons.
Es spricht daher also einiges dafür, dass der rasche Wechsel von Filmkino zu DigitalCinema demnächst doch noch von statten geht, so wie auch der damalige Wandel binnen zwei Jahren von stumm auf tönend; dem Gedrön des Radios dürfte nunmehr das Geblitzer der heimischen Großdisplays und Beamer entsprechen. Wieweit damit dieser neue Technologiewandel des Kinos allerdings noch eine "raumschaffende Maßnahme" zum Erhalt der öffentlichen Institution Kino sein wird (bei rasch dahinschmelzender Technikführerschaft in Sachen 3-D) steht dahin. Krisenzeiten galten als Boomjahre des Kinos; eine Vergnügungsform, die damals im Gegensatz zu heute jedoch verhältnismäßig (gemessen an der Kaufkraft) geringe Eintrittsgelder verlangen konnte, verlangt hat.
Wenn ich persönlich also eine perspektivische Prognose auf dem Rücken dieser langen, 80 Jahre umfassenden Geschichte des "Tonfilmkinos" wagen würde, dann eher die, dass ein Kino-Eintritt bald künftig wohl eher 50 Kreuzer als 50.000 Schillinge kosten sollte, kosten wird. Bitte dabei bedenken: Amerika kennt geschichtlich noch keine Hyperinflation! Das Kino von morgen wird also ein "Armes Kino" sein müssen im Sinne von Jerzy Grotowski und ein "Leerer Raum" im Sinne von Peter Brook: offen für vieles und nicht weit entfernt vom Konzept der "Black Box". Das ist das Gegenteil jener "Sahnetorten-Reminenszenz", die derzeit virulent geworden ist (70-mm-Revivals in jeder größeren Provinzstadt; gestern Nacht zwischen 3 und 5 h der Rozsa-Soundtrack von "El Cid" im DLF etc.), damals wie heute ein Vorbote für drastische Veränderungen.
Wer sich in die Nadeltonepoche gerne einhören und einfühlen möchte, dem sei Warners DVD-Edition von "The Jazz Singer" in den USA auf drei Silberscheiben inkl. der Dokumentation "The Dawn of Sound: How the Movies learned to Talk" sowie zusätzlich 3,5-Stunden an Vitaphone-Kurzfilmen sehr ans Herz gelegt. Eine reduzierte 2-Disc-DVD-Version des DVD-Titels gibt es bei amazon.de
One last thing: Die Reihung der 20-Jahres-Intervalle:
1909 (erster Farbfilm) - 1929 (Tonfilm) - 1949 (BRD-DM) - 1969 (Mondlandung) - 1989 (Mauerfall) - 2009 (jetzt!)
finde ich übrigens bedeutend angenehmer als die 20-Jahres-Reihung:
1919 - 1939 - 1959 - 1979 - 1999 - 2019.
Ein Treppenwitz der Geschichte wäre es zumindest, wenn im Abstand von genau 80 Jahren die beiden ökonomischen Zäsur-Jahre 1929 und 2009 nun nicht nur als die "Positionslichter" des Kinowandels in die Geschichte eingingen, sondern gleichsam auch als "Wetterfahne" auf politischen Windwechsel hindeuteten. Ängstlichen Naturen sei hingegen versichert, dass sich Geschichte stets nur als Farce wiederholt, wie man es beim Wandel des Filmstreifenkino zum DigitalCinema eben jetzt gerade hautnah erleben kann.
ATRIUM
Bildquelle: Warner Bros.
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Freitag, 27. Februar 2009
DigitalCinema-Projektoren von SONY, JVC und Canon ?
Den DigitalCinema-Projektoren von SONY, JVC und Canon dürfte gemein sein, dass sie auf JVCs Lichtventil-Technik bauen, mit dem Unterschied, dass SONY irgendwie gerne ins Kino damit möchte, JVC immer schon Schwierigkeiten hatte, überhaupt in einen Markt damit zu kommen und CANON wohl keine Ambitionen für das DigitalCinema zeigt.
Kann mir jemend erklären, wie SONY, JVC und Canon mit ihrer Lichtventil-Technik in den Kinomarkt kommen wollen, ohne starken und bereits verankerten Kino-Installationspartner in den lokalen Märkten?
Das ist mir noch nicht klar, denn die englischsprachigen Websites können einem das für den deutschen Markt natürlich nicht erklären. Ich freue mich über diesbezügliche Kommentare. Man kann posten auch ohne Registrierung (ich muß dann freigeben).
Danke.
ATRIUM
Kann mir jemend erklären, wie SONY, JVC und Canon mit ihrer Lichtventil-Technik in den Kinomarkt kommen wollen, ohne starken und bereits verankerten Kino-Installationspartner in den lokalen Märkten?
Das ist mir noch nicht klar, denn die englischsprachigen Websites können einem das für den deutschen Markt natürlich nicht erklären. Ich freue mich über diesbezügliche Kommentare. Man kann posten auch ohne Registrierung (ich muß dann freigeben).
Danke.
ATRIUM
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Donnerstag, 26. Februar 2009
NEC Starus DigitalCinema-Projektoren in Deutschland
Aufgrund der Frage, warum NEC (neben SONY) eigentlich trotz bester Qualität bei der Umstellung in Sachen DigitalCinema in Deutschland so relativ wenig Marktanteil hat, bin ich der Sache mal bei NEC im Hause München nachgegangen. "NEC Starus" (mit einem "R") Kino-Projektoren werden in Deutschland von CineProject/Ernemann vertrieben und gewartet. Im Hause NEC wird das Argument "Support in Europa so gut wie nicht vorhanden" als gezielt gestreutes Gerücht der beiden Marktführer in Düsseldorf und München gehandelt. In Deutschland ist selbstverständlich flächendeckender Support gewährleistet. Es bleibt zu hoffen, dass der 3D-Boom plus die Bundes-Förderung zur Umstellung auf DigitalCinema hier die etwas verzerrten Marktverhältnisse bereinigen mögen. Die Aussage im Hause NEC war zudem, dass die Lieferzeit für deren DigitalCinema-Projektoren derzeit bei rund 3 Monaten liegt und dies aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage in Sachen 3-D, natürlich gezielt auf den Dreamworks-Start im Frühjahr, aber auch "Up" von Pixar verspricht ja einiges. Die gute Nachricht ist also, dass die Kinobetreiber sich wohl nicht mehr irgendwelche schwindsüchtigen Leasingverträge fragwürdiger Hardwareherkunft aufschwatzen lassen, sondern sich die Systeme lieber gleich selbst kaufen. Die großen, internationalen Ketten kaufen übrigens mit ihrer Marktmacht direkt beim Hersteller für die ganze Welt ein. Die lokalen "Marktführer" dürfen dann "Kabelträger" spielen...
ATRIUM
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