Freitag, 11. Juni 2010

40 Jahre "VCR"
40 Jahre "Weltpremiere der Bildplatte"

Am 22. Juni 1970 veranstaltete Philips einen Pressetermin, bei der der interessierten Fachöffentlichkeit erstmals ein funktionierender Prototyp eines VCR, eine Videocassettenrecorders nach dem VCR-System mit 1/2-Zoll-Magnetband in Koaxialkassette vorgestellt wurde. Damit begann im Eigentlichen die Ära des Videocassettenrecorders, kurz des Videorecorders, als Konsumentenartikel. Sony hatte zwar bereits 1969 einen Videocassettenrecorder mit 3/4-Zoll-Magnetband vorgestellt, doch bis zur Markteinführung und bis zum Finden eines (dann erfolgreichen) Marktes mit dem später "u-matic" genannten Videosystem war noch ein weiter Weg, erst recht, um schließlich auch die PAL-Bandbreite betriebssicher verarbeiten zu können.

Nur zwei Tage nach Philips fand am 24. Juni 1970 im Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz in Berlin die "Weltpremiere der Bildplatte" statt: AEG-Telefunken, Teldec und Decca stellten ihren funktionierenden Prototypen eines Bildplattenspielers mit mechanischer Signalspeicherung vor. Es war in der Tat das erste industrielle Bildplattensystem weltweit (für 'Motion Pictures'), das hier in Deutschland entwickelt und erstmals präsentiert wurde. Mit Pleiten, Pech und Pannen führte die TED-Bildplatte schließlich nach sechs Jahren ins technisch wie geschäftliche Abseits, wie auch VCR-Derivate schließlich gegen Ende der Dekade keine Chance gegen die japanischen Video-Systeme VHS und Betamax mehr haben sollten. Mit "Video 2000" sinnigerweise ging die europäische Unterhaltungselektronik-Industrieproduktion schließlich mehr oder weniger ihrem Ende entgegen. Asien siegte, nachdem man sich in Deutschland zunächst über auf Messen fotografierende Japaner lustig gemacht hatte.

In diesem Juni 2010 darf man zumindest nostalgisch auf 40 Jahre VCR und TED-Bildplatte zurückblicken.

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Samstag, 5. Juni 2010

Wiliam A. Fraker, Irwin Rosten

Variety meldet den Tod von William A. Fraker, der als D.P. so bedeutenden Filmen wie Paint Your Wagon, Rosemary’s Baby, Bullitt, Gator, Looking for Mr. Goodbar, Heaven Can Wait und 1941 ihren cinematischen wie charismatischen Zeit-Look gab. Ein bedeutender Verlust für das US-Kinos von "New Hollywood" am Ende der ausgehenden 1960er bis in die späten 1970er-Jahre.

Die NYT bringt einen Nachruf auf den US-Natur-Doku-Filmer Irwin Rosten.

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Rüdiger Suchsland

Gestern veröffentlichte der Film- und Kulturkritiker Rüdiger Suchsland bei Telepolis eine Rezension zu Franny Armstrongs Dokumenarfilm "The Age of the Stupid". Auch hieran zeigt sich nach Suchslands Kritik an Carl-A. Fechners 'in der Form unsympathischem' Dokumentarfilm "Die 4. Revolution - Energy Autonomy" (Telepolis vom 19.03.2010) eine aufkommende Tendenz zu geschmacklich schlecht gestalteten und künstlerisch minderwertigen Dokumentarfilmwerken zu den allerwichtigsten Themen der Zeit. Dieser Trend ist bemerkenswert, weil wir beim Globians Doc Fest Projekt im Auswahlprozess sehen, dass es dokumentarfilmisch auch anders und künstlerisch besser geht, neue Ansätze zu den allerwichtigsten Fragen der Zeit aufzuzeigen.

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Dienstag, 1. Juni 2010

Guckgemeinschaften

Im Tagesspiegel heute ein Beitrag von Sebastian Leber über die "Guckgemeinschaften" des Public Viewing.

Wenn das einst klassische Erzähl- und Spielfilm-Kino den Erwachsenen und den nunmehr Kino-Entwöhnten programmlich und in der Form nichts mehr zu bieten hat, dann scheint sich der Kinobedarf eben neue Produkte und Formen der cinegrafischen Geselligkeit zu suchen: "Public Viewing" boomt.

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Donnerstag, 27. Mai 2010

Daniel Pinchbeck

Ausgehend von den Schwierigkeiten, für seinen Dokfilm "2012 Time for Change" eine zeitgemäßge Vertriebsstruktur zu benutzen, hat Daniel Pinchbeck bei Alternet einen wichtigen Text zur Frage der Pluralität und der Nicht-Homogenität des Internets als einer funktionsfährigen Alternative und eines Modells der Gesellschaftlichen geschrieben. Mehr dazu bei Sharing Spirit.

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Montag, 10. Mai 2010

William Lubtchansky

Der "New Yorker" wenigstens bringt im Blog von Richard Brody einen Nachruf zum Tod des bedeutenden Kameramanns und DOP William Lubtchansky.

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Langzeiterhalt von Daten und Datenträger-Geräten

Bei Telepolis heute ein Beitrag von Ralf Heß über das kuratorische Projekt der Professoren Uwe Borghoff und John Zabolitzky von der Bundeswehr Universität München mit 2.000 obsoleten Computern und ihrer Peripherie zum weiteren Auslesen und Zugänglichhalten von Daten auf obsoleten Datenträgern -- bis hin zur Lochkarte. Neben dem ZKM in Karlsruhe und seinem Video-Magnetbandgeräte-Studio obsoleter Standards hat man hier nun also eine weitere Option geschaffen, um auf frühere Inhalte auf obsoleten Medienträgern zurückgreifen zu können. Eigentlich wäre dies die Domäne der diversen Technischen Museum und aufgrund der Relevanz des Themas wird man von solchen Projekten im Verbund sicherlich noch Einiges hören; zu schnell dreht sich das Entwicklungsrad der Medienträger. Das eigentlich dicke Ende kommt erst noch, wenn allenthalben bald festgestellt werden kann, dass die Einengung der Speichermethoden von der Vielzahl optischer und magnetischer Medien auf lediglich nur nach der elektrisch funktionierenden Flash-Methode speichernden Medien zu einem riesigen Daten-Verlust in langer Sicht führen dürfte. Dagegen dürften Lochkarten, Floppies und Magnetplatten wohl noch in Jahrhunderten lesbar sein.

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Sonntag, 9. Mai 2010

Die Geschichte des Videorecorders

Der Klassiker der deutschen Medienwissenschafts-Literatur, Siegfried Zielinskis "Zur Geschichte des Videorecorders" von 1985, ist ab sofort wieder in einer Buch-Neuausgabe erhältlich. Sie erschien Anfang Mai als Band 10.2010 der "Weltwunder der Kinematographie". Mehr Infos hier und hier.

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Magnetton- und Magnetband-Geschichte, zweite Ausgabe

Die zweite Buch-Ausgabe der "ZEITSCHICHTEN – Chronologie der Magnetbandtechnik" von Engel, Kuper & Bell ist Anfang Mai neu erschienen und zwar als Band 9/2.2010 der "Weltwunder der Kinematographie". Darin: neben vielen neu aufgetauchten Infos auch ein komplett neu-geschriebenes Kapitel über 'Videotechnik'. Mehr Infos hier und hier.

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"Why I Hate 3-D (and You Should Too)"

Roger Ebert äußert sich mit dieser Überschrift in der am Montag erscheinenden (und bereits online gestellten) Newsweek-Ausgabe zum Thema 3D im Kino. Interessant dabei, dass Ebert bei seiner Vorliebe für Filmverfahren wie 'MaxiVision48' und 'Showscan' bleibt und darauf insistiert, dass episch-hochauflösende 2D-Filmverfahren mit höherer Bildfequenz wesentlich bessere Räumlichkeit vermitteln als das bloß simulierende 3D: das Fenster zu Welt, das wir filmgeschichtlich bereits mal hatten bei den Todd-AO-70mm-Verfahren der 1950er und 1960er. A.O. Scott legt zum Thema 3D heute unter der Überschrift "Adding a Dimension to the Frenzy" in New York Times nach.

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Donnerstag, 29. April 2010

Die Simulation von Raumhaftigkeit ist nicht die Sache selbst

Unter der Überschrift "Wie gefährlich ist 3D?" verdeutlicht ein Beitrag des Nachrichtentickers aus dem Heise-Verlag vom 24.04.2010, dass die Simulation von "3-D" zu einem Krankheitsbild ähnlichen Symptom namens "binokulare Dysphorie" führen kann, weil die Entkopplung von Schärfe und Akkomodation letztlich den Zusammenhang zwischen Detailschärfe und Objektentfernung auslöst und zu räumlichen Delokalisierungs-Wahrnehmungen in der wirklichen Welt führen kann.

Ergo: 3-D ist gefährlich, weil es zu konditionalen Fehlwahrnehmungen führen kann.

Besser man lässt die Finger davon und hält sein Sehen zurück.

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Freitag, 23. April 2010

Dede Allen, Arnold Spohr, Werner Schroeter

Dass im US-Kino der ausgehenden 1960er-Jahre visuell sich aufregende, prickelnde Entwicklungen ereignet haben, ist sicherlich auch dem damals neu aufkommenden, künstlerischen Mut der Film-Editoren zu verdanken. Eine aus dieser Topliga neben Thelma Schoonmaker und Allen Coates hat uns am 17. April 86-jährig verlassen: Dede Allen. Hier der Link zum Nachruf bei der L.A. Times. Von "Odds Against Tomorrow" (1959) als spätem US-Noir von Robert Wise über den konstruktivistischen Schnittessay bei "Bonnie and Clyde" (1967), menschliche Abgründe bei "Alice's Restaurant" (1969) und "Little Big Man" (1970), implodierende Farce bei "Dog Day Afternoon" (1975), bei "Slaughterhouse-Five" (1972) und bei "Slap Shot" (1977) sowie einem Epos nach langer Unterbrechung und mit dramaturgischer Unterbrechung – also Pause – bei "Reds" (1981) bis hin zu den "Wonder Boys" (2000). Final Cut war "The Final Cut" von 2004 (und doch nicht ganz).

Arnold Spohr, der Impressario der Royal Winnipeg Ballet Co. starb am 12. April ebenfalls 86-jährig. Er war der Star des Dokumentarfilms "40 Years of One Night Stands", den wir beim Globians Doc Fest Berlin 2009 zeigen konnten. Traurig für die Tanzwelt, aber gut für den Dokfilm, der es immerhin namentlich in den Nachruf der NYT geschafft hatte.

Und dann hat Dave Kehr in der NYT vom 21. April einen Nachruf auf Werner Schroeter veröffentlicht, auch wenn der offene Liebesbrief von Holger Mischwitzky zugegebenermaßen sich interessanter las.

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Freitag, 9. April 2010

Neue Super-8-Filme braucht das Land!

Der 6. April 2010 war nicht nur für ARRI ein wichtiger Tag (siehe ALEXA), sondern auch für Kodak: Eastman stellte einen neuen Ektachrome Farbumkehrfilm (100D, 100 ASA, 21 DIN, Tageslicht) in Super-8-Konfektionierung vor und bekennt sich deutlich zu weiteren Innovationen auf diesem Gebiet. Zwar wurde der Plux-X SW-Umehrfilm ebenso aus dem Programm genommen wie der Ektachrome 64, nachdem es den Kodachrome 64 nicht mehr gab, aber immhin: TRI-X, Ekta100D und zwei Vision Farbnegativfilme bleiben im Sortiment für die beiden Hauptprotagonisten: Pro8mm in Burbank und Wittner in Norddeutschland. Super8 hat sogar ein eigenes, unabhängiges Blog zu bieten: http://onsuper8.blogspot.com/

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ARRI im Kringel: ALEXA

Die ALEXA wurde am 6. April im Auditorium der "Directors Guild of America" von ARRI erstmals der US-Kameramann-Öffentlichkeit vorgestellt. ARRI reagiert drei Jahre nach dem Verkaufsstart der RED-Kameras nun mit einer anscheinend verkaufsfertigen Mischung aus Videokamera, versprochenen 13,5 Blendenstufen und PL-Fassung für Kine-Optiken. Einen Coup landete ARRI ein paar Tage zuvor mit der Meldung, dass man jetzt auch Apples PRORES Edit-Codec auf die Kamera portiert habe, um ohne Vorbereitungsarbeiten das Material direkt im NLE bearbeiten zu können. ARRIRAW-Daten gibt es zudem im anderen Workflow ohne Wavelet-Datenreduktion (im Gegensatz also zu REDCODE). Der Kamerabody soll schlappe 50.000 EURO kosten, als durchschnittliche Rental-Fee werden 750 US$ pro Tag angegeben (für die Kalkulatoren). Nur was außer LTO-Bändern zur Datensicherung für ein paar Wochen lang den Langzeiterhalt der Werke sicherstellen soll, weiß keiner, gerade bei den ambitionierten Projekten, die sich keine Analog-Sicherung auf Film oder "Separation-Master" leisten können.

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Donnerstag, 8. April 2010

Charlie Rose

Was man bei unseren TV-Dampfplauderern hierzulande – Will, Beckmann, Maischberger, Plasberg und Illner – leicht vergisst, dürfte die Tatsache sein, dass ein Talk-Titan wie Charlie Rose uns hier in Deutschland mehr als fehlt.
Um so erstaunter darf man sein, wie sich ein Mathias Döpfner bei Charlie Rose darstellt und zeigt. Die Statements sprechen für sich selbst, gerade wenn man genau zuhört. Wenn jemand sich und etwas darstellt, dann zeigt sich eben auch etwas, was nicht notwendigerweise sich auf die intendierte Darstellung beschränkt.
Auch nicht schlecht bei Rose in der Sendung war das Duo Mossberg & Carr in Charlie Rose' Sendung zum iPad-Start und nur einige Wochen vorher Joseph Stieglitz über den weiteren freien Fall der Ökonomie. Na, was das als Überraschung wohl noch alles bringen wird...
WENN|DANN: Wenn das PIIGS-Schuldenproblem den EURO als Währung gegenüber dem US$ stark abwerten sollte, dann hat der US$ das größte Problem mit seiner überschnellen, über Schulden und Handelsdefizite finanzierten Aufwertung, was den Derivate-Luftblasen ein erneut rasches Ende bereiten dürfte. Wenn es dazu kommen sollte, wird das Währungsverhältnis zwischen EURO und US$ bald nachrangig, weil die Währungsratio dann nicht mehr aussagekräftig ist. Kurz: WENN|DANN sind beide Währungen hinüber; das kann ganz schnell gehen... Surprise, surprise.

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Sonntag, 4. April 2010

Neue Zylinder für den Edinson-Phonographen

Das beste Kontrastprogramm für den iPad dürften in England neu produzierte Zylinderaufnahmen für den Edinson-Phonographen sein. Man darf also auf das Wiederauflebenlassen einer Schellack-Schallplattenfabrik wieder hoffen. Die Meldung passt übrigens zur Weiterführung bzw. Weiterentwicklung von Polaroid-Sofortbildfilmpacks. Wie gut, dass es paar Freaks gibt, die in der Nische die Analogtechnik des 20. Jahrhunderts anschaulich weiterführen, um weiterhin anschaubar zu bleiben.

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Das Cupertino-Politbüro gibt bekannt...

Die beste Fundamentalkritik zum iPad-Start gibt es von Cory Doctorow bei BoingBoing. Aber auch John Markoffs Beitrag für die FAZ (bereits vom 2. Februar 2010) liest sich ganz hervorragend. Jörg Kantel versteht – ebenfalls in der FAZ vom 2.2.10 – den iPad als noch nicht mal bessere "Fernbedienung".

Apples Vorzüglichkeit stammte stets aus der Position des Underdog, also von etwas, was Microsoft nie erfahren durfte. Dass nunmehr Apple sich aus der Position des Underdog in die eines "Bully" herausgearbeitet hat, bekommt weder deren Firmenphilosophie noch einer kulturgeschichtlichen Wertschätzung, die man deren Aktivitäten und Produkten zuschreiben kann. Aus einem kulturellen "Input" ist solchermaßen ein "Impact" geworden, also etwas Zerstörerisches.

Aufgefallen ist mir das bereits, als Mr. Jobs schon in 2004 das "Jahr von HD" ausgerufen hatte, doch – nach sechs Jahren in 2010 – gibt es noch immer keinen Computer von diesem Unternehmen mit BluRay-Disc-Ausstattung zu kaufen; ja dass es überhaupt noch Computer von Apple zu kaufen gibt, grenzt mittlerweile an ein Wunder. Suspekt bleibt mir allemal, dass ausgerechnet diejenigen Leute, die früher ständig über "Apple" die Nase rümpften, nun seit einiger Zeit gleich mit einem Dutzend iPhones in der Hand zu sehen sind. Arme Irre.

ATRIUM

Freitag, 2. April 2010

Aprilscherze

Auf den platten Aprilscherz von ARD-Aktuell via tagesschau.de, wonach die Rootserver des Internet wegen ausgegangener IP4-Adressen nunmehr abgeschaltet würden, bin ich nicht reingefallen, auch wenn ein guter Freund mich mit einem entsprechenden Panikanruf aus dem noch guten Schlaf weckte. Dem Herrn konnte geholfen werden...

Dafür bin ich für mindestens eine Stunde der ct-Redaktion und deren Aprilscherz mit dem von der Industrie verheimlichten und epedemischen Bakterienfrass bei vom Glasmaster replizierten Neu-DVDs (samt gelblicher Pustel-Beweisfotos aus DVD-Laufwerken) komplett auf dem Leim gegangen. Die Geschichte war einfach zu gut, um sie (und die dahinter leicht vermutbare Verschwörung der Industrien) nicht glauben zu können. "Und das verstecken die auf Seite 90!".

Letztlich brachte mich nicht etwa Googeln davon ab, sondern die Kontradiktion, dass es im Scherz-Artikel einerseits hieß, auch alte DVDs wären kontaminierbar, an anderer Stelle aber, dass nur frische DVDs (aus den letzten 6 Monaten) davon betroffen seien. Gut gemacht, CT!

Das Bedauerliche an dieser Geschichte ist nun, dass DIES der Aprilscherz war und nicht etwa der für eine Computerzeitschrift aus der Graswurzelzeit euphorisch klingende Beitrag über militärische Kampfmittel- und "Aufklärungs"-Drohnen, dem in der nächsten Ausgabe auch noch ein Follow-up folgen soll. Nicht nur wurde aus der IT das Medium, sondern IT wird auch anscheinend zum Fluidum, in dem zwischen Kriegsmitteln sowie Kriegstechnik einerseits und Hobbyismus andererseits nicht mehr so genau unterschieden werden kann.

ATRIUM

Samstag, 27. März 2010

TechniScope: 35-mm, 2-perf — Scope ohne Anamorphot

Allein vier Beiträge über die sich seit rund zwei Jahren anbahnende Revitalisierung des 2-Perf. 35-mm-Formats zur sphärischen Bildaufnahme im Bildseitenverhältnis 1 : 2,41 (war mal 1: 2,35 bei Scope) in der Ausgabe 1/2010 des "InCamera"-Kundenmagazins von Eastman Kodak. Panavision ist handlungsbezogener Wortführer; bestimmt wird ARRI auch noch nachziehen. In der selben Ausgabe auch ein Beitrag zu Hanekes "Das weiße Band" und ein Interview mit Ken Burns, der wieder Briefe von eigener Hand mit eigener Handschrift schreibt, weil (außer Filmstreifen, wie seinem jüngsten 12-Stunden-Epos über die US-Nationalparks) von Festplatten in extrem kurzer Zeit nichts übrig bleiben wird.

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Montag, 22. März 2010

Die versensorte Welt

Einen weiteren Durchbruch in der Sensortechnik, also der Wandlung von optischer Information in elektrisch-digitale Signale, verspricht dieser Beitrag vom 21. März 2010 in der New York Times, bei dem in Kamera-Scannern statt Silizium-Chips nunmehr ein "Quantum-Dot"-Film eingesetzt werden soll. Dieser verspricht wesentlich mehr Sensibilität (und das heißt reduziertes Rauschverhalten) bei geringen Lichtverhältnissen und eine Vervierfachung der Auflösung bei vergleichbarer Baugröße. Die Plage einer "versensorten Welt" wird damit bestimmt noch größer, weil tendenziell immer unscheinbarere (und gemeinhin unsichtbare) Scaneinrichtungen Vorgänge der realen Welt in immer besseren Parametern transformieren können. Welcher Algorhitmus schaut sich welche Welt wie an?

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Donnerstag, 18. März 2010

"Community-based art house cinemas"

Auf der "Independent Lens" Website-Sektion von pbs.org ein Beitrag von Elizabeth Meyer über "Community-based art house cinemas" und das "Art House Project" vom Sundance Institute. Eine Überlebensstrategie für unabhängige, einzeln betriebene und kleinere Kinos dürfte tatsächlich das sein, was man auf Deutsch vielleicht ein "Kulturzentrum mit Kinobetrieb" nennen könnte. Im Beitrag von Elizabeth Meyer auch ein Link auf die Website "Cinema Treasures" von Ross Melnick; Grund genug diese Website mit in die hiesige Linkliste aufzunehmen.

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Sonntag, 14. März 2010

Kanadische 70mm-Kurzfilme im EXPO-Kontext
"A Place to Stand" & "Where the North Begins"



Angesichts der in den letzten Jahren zahlreich aufkeimenden 70-mm-Retrofestivals (ob in Bradford, Krnov, Oslo, Kopenhagen, Mailand, L.A. oder Karlsruhe) schien sich eigentlich langsam die Möglichkeit zu erschöpfen, bedeutenden Wiederentdeckungen von wirklich künstlerisch interessanten Filmwerken aus der 70-mm-Epoche des Kinos zu begegnen. Jetzt ist für September 2010 das "Lost Dominion 70mm Film Festival" in Quebec (Kanada) angekündigt, wo man kanadische EXPO-Kurzfilme in 70mm sowie frühe Kurzfilm-Produktionen für das erste IMAX-Kino anscheinend in historischen Kopien besichtigen kann.

Das Festival läuft vom 24. - 26. September 2010 im Museum of Civilization, Gatineau, Quebec, Kanada.
Die Kurzfilm-Show ist angesetzt für 26. September 2010 um 11 Uhr Vormittags.

Besonders interessant scheint mir dabei zu sein:
"A Place to Stand",
Kanada 1967, 18mins, Directed by Christopher Chapman, 70mm 5 perf, 6-track mag.

Aus der Ankündigung vom Mitveranstalter Paul Gordon auf der Website "in70mm.com":

"A Place to Stand" was produced and directed by Christopher Chapman for the Ontario Pavilion at Expo 67 in Montreal. The film premiered on April 28, 1967 in a 70mm print by Technicolor, on a screen 66 feet wide by 30 feet high, with six-channel stereo surround sound. Using images, music and sound effects without spoken narration or titles, the film tells about life in Ontario, presenting about an hour-and-a-half of footage in its 18-minute running time. This is accomplished by what Chapman calls his multi-dynamic image technique, a groundbreaking multiple screen, variable picture presentation that allows viewers to see many images within different panels, up to 15 scenes simultaneously on one screen.

"At Expo, "A Place to Stand" was an instant hit. It played continually before packed audiences; as many as 6000 people daily, 2 million in total," until the end of the six-month long exposition on October 27. "A Place to Stand" - closed on 29 October 1967; originally scheduled to close on the 27th (which was a Friday) but when it was so successful they decided to stretch it to the Sunday. "The title song from the film became so popular a record was produced and has sold over 50,000 copies to date. Since Expo, "A Place to Stand" has been distributed to movie houses throughout Ontario and Canada and is soon to tour theatres in the U.S.A. and Europe. It is expected that over 100 million people will see the film."

Nearly every major Hollywood studio purchased prints of Chapman's film to screen for executives, producers and directors. Columbia Pictures distributed the film to movie theatres throughout the United States and Canada. "A Place to Stand" clearly influenced the composition of subsequent film images. An early prominent example of this influence was Norman Jewison's 1968 film "The Thomas Crown Affair", which featured Chapman's multi-dynamic image process in key scenes of the story. Jewison publicly acknowledged Chapman as creator of the technique.


Da bekommt die Innovationsbedeutung von "Thomas Crown Affair", was Splitscreen-Storytelling angeht, plötzlich eine ganz andere Note, bis hin zu acht Jahren "24".

Auch die anderen vier Kurzfilme würden mich brennend interessieren:

"Multiple Man/L’Homme Multiplie",
Kanada 1968, 16mins, directed by Georges Dufaux
"Where the North Begins"
Kanada 1971, 22mins, Directed by David MacKay, 70mm- 5 perf, 6-track mag.
"Festival"
Kanada 1971, 24mins, Directed by Chris Chapman, 70mm- 5 perf, 6-track mag.
"Seasons in the Mind"
Kanada 1971, 22 min, Directed by Peter Pearson, 70mm- 5 perf, 6-track mag

Paul Gordon dabei mit Details zu "Where the North Begins":

“Where the North Begins” was one of the 4 original regional portrait films commissioned for the first season of Ontario Place (the others being "North of Superior" (IMAX), "Seasons in the Mind" (70mm), and "Home By The Waters" (35mm anamorphic). The film was directed by David MacKay who was the producer for "A Place to Stand" and then directed "Ontario-oh!". The Ontario Place Cinesphere in Toronto was the first permanent IMAX screen in the world with a screen 80ft by 60ft that still projects IMAX and 70mm-5perf films.

Man kann nur hoffen, dass man diese kostbaren und seltenen Artefakte bald auch einmal in der deutschen Hauptstadt zu sehen bekommen kann! CINERAMA, übernehmen Sie!

ATRIUM

[Picture linked from in70mm.com]

Freitag, 12. März 2010

"Zwischenruf" zu 3-D im Kino

Als kleiner Programmhinweis: Von mir gibt es diesen Sonntag im Filmmagazin des "Deutschlandradio Kultur" einen kurzen Zwischenruf zu den Veränderungen durch 3-D im Kino. Das Filmmagazin läuft zwischen 9 und 10 Uhr am Sonntagmorgen (14.3.) auf den Wellen des DLR-Kultur.

ATRIUM

Dienstag, 9. März 2010

Der "New Yorker" über den Aufstieg von 3-D

Anthony Lane hat im "New Yorker" Magazine unter dem Titel THIRD WAY. THE RISE OF 3-D einen interessanten Beitrag zur Geschichte und absehbaren Zukunft von 3-D bei den Bewegtbildern veröffentlicht. Auch er befürchtet eine "Generalkonversion" des relevanten Filmkanons aus dem 20. Jahrhundert nach 3-D. Man sollte die Vergangenheit lieber in Ruhe lassen, meint er. Danke an David für den Hinweis auf diesen Artikel.

ATRIUM

Sonntag, 7. März 2010

Schwesterblog: The Sharing Spirit.

Die "Berliner Kino-Perspektiven" haben jetzt ein Schwesterblog:

The Sharing Spirit.
http://sharingspirit-de.blogspot.com/

Während wir hier weiter die Medientechnik und Medienpolitik der bewegten Bilder im öffentlichen Raum verhandeln werden, sollten die großen gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, die jetzt ihr Wirken angekündigt haben, nicht unbeobachtet bleiben.

ATRIUM

Montag, 1. März 2010

Hymnus auf die kolorierte Schnitterzählung des 2. Weltkriegs
Konferenzschaltung mit Rückkopplung

Kann man sich an das derzeit aufkeimende "Bellen" der Politiker noch immer nicht gewöhnen, so ist größte Vorsicht geboten, wenn Filmrezensenten beim Thema "Zweiter-Weltkrieg-Dokus" plötzlich das "Jodeln" anfangen. Nachdem man zunächst beim "Zweiten Weltkrieg in Farbe" die Klammerteil-Komplilationen aus überliefertem Kodachrome/Agfachrome-Materialien von Amateurfilmern in den Fernsehdokus als Novität notierte und sich daraufhin zur besseren Gewöhnung das "Reenactment" in Farbe breit gemacht hat, ist die nächste Eskalationsstufe bei Aktualisierungen der Fernseh-Dokus an den Zeitgeschmack nun die "Heranholung der Geschichte im Präsentismus" mittels Hand-Kolorierung von in Grautonmodulation vorliegendem Wochenschau-Material im Digital Intermediate. Die farbliche Verwesung als Dye-Decay wird gleich mit simuliert. Es gab gute Gründe, warum man "Laurel & Hardy" Kolorationen vor knapp dreißig Jahren einst abgelehnte, -- hat doch die jetzt in Affirmation umgekippte Haltung, "Laurel & Hardy" mit dem Abbild des Grauens des Zweiten Weltkriegs technologisch auf eine Stufe zu stellen, die gleiche Wurzel: Mangel an Gewöhnung. Wahrscheinlich kehrt sich jetzt der letzte Respekt gegenüber historisch vorliegendem Material in Grautonmodulation gegen das als Resultat der audiovisuellen Geschichtserzählung überlieferte Autentizitätsverständnis. Schwarz-Weiß geht nun gar nicht mehr. Der Eingriff ins Material wird zur imprägnierten Geschichtskittung; flotte Schnittdramaturgie im Breitwandbeschnitt macht aus dem sich einst langsam entfaltenden Grauen eine leicht konsumierbare Dramulette nach vorher festgelegtem Drehbuch. Da hätte sich der D-Day aber nicht verspäten dürfen. Den Hymnus, den Jochen Hieber für die FAZ auf „Apocalypse“ geschrieben hat (online bei faz.net), sollte man besser nochmals überdenken. Es dröhnt einem bei diesem Lobgesang über eine "Konferenzschaltung in die Geschichte" nämlich die Rückkopplung im Ohr.

ATRIUM

Freitag, 26. Februar 2010

Ein Jahr "Kinoperspektiven"

Die ersten Einträge in diesem Blog datieren auf den 26. Februar 2009; minhin hat dieses Blog heute seinen ersten Jahrestag: Gegelegenheit für eine kursorische Zwischenbilanz zur "Zukunft des Kinos".

3-D ist in Rekordzeit von einem Randphänomen zu einer realen Option des Kinos geworden. Einer Boomzeit gleicht die "Goldgräberstimmung" in der Unterhaltungsgeräteindustrie jener der "New Economy" vor rund 15 Jahren doch sehr. Binnen weniger Monate soll eine gesamte Wertschöpfungskette der dreidimensional bewegten Bilder stehen und ökonomisch rollen.
Die ersten bikularen Camcorder von Panasonic für $21.000 dürfen als fertiges Produkt bereits vorbestellt werden. Inwieweit diese Erweiterung der Möglichkeiten des Kinos zu einem neuen Zwangsstandard sich entwickeln wird, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.

Das Einjährige dieses Blogs fällt zufälligerweise auch auf den Erstveröffentlichungstermin von "Heavy Rain" (SZ-Rezension hier) aus der Computerspielschmide von Sony, ein "Computerspiel" mit figurenbetonter Spielfilmdramaturgie. Es löst nach rund 10 Jahren jene Versprechungen ein, die in der Buchveröffentichung "Aufstieg und Untergang des Tonfilms" als sechster Ausgabe des Priodikums "Weltwunder der Kinematographie" sich bereits gedanklich abzeichneten: die Synthese aus bislang handlungsgeilem "action driven" Computerspiel mit narrativen Elementen der Tiefendramaturgie von Handlungsfiguren, "character driven". Die Annahme und Übernahme einer narrativen Spielfilmdramaturgie wie es sie das Jahrhundert des Kinos mit seiner Menschen-Empathie hervorgebracht hatte und die Umwandlung zu etwas Neuem: die Werkunterbrechung und Werkeinflussnahme im zeitlichen Ablauf als das eigentliche Zeitkunstwerk.

Als kleine Randnotiz hat sich der interaktive Spielfilm damit auf recht hohem Niveau bereits herausgebildet; der eben nicht mehr mit dem Abbild von Realem, sondern mit Animationstechniken und seinen Stragien der Synthetisierung begrenzt unendliche Handlungsvariationen mittels Algorithmen möglich macht. Das Primat der Digitalisierung hat sich die Realität Untertan gemacht -- das ist das neue Wirklichkeitsparadigma des Kinos. Es läuft nicht nur zur Arbeitserleichterung nunmehr alles via Computationstechnik: Dies merkt man ganz banal und einfach schon dann, wenn im "Fernsehen" (auch das ein Anachronismus aus der Analogzeit) ein alter Buñuel-Film gezeigt wird, der sein farbliches Erscheinen auf manuell ausbalanciertes Eastmancolor baut und noch nicht auf dem von Algorithmen getriebenen Coloristen im Digital Intermediate. Bald wird man sich die alten Filme in Eastmancolor nicht mehr anschauen wollen, wegen ihrer "chemischen Rohheit" bei der Farbwiedergabe. Je einfacher und preiswerter die algorithmen-getriebene "Bearbeitung nach Zahlen" sich auch kaufmännisch "darstellt", desto eher dürfte jener Punkt erwartbar sein, bis man die Filmklassiker aus der Farbfilmzeit auch einem "DI" unterstellen möchte, damit es den Augen angenehmer wird, von wegen Schwarzpunkt, Gradation und Eingriffnahme in die farbliche Dramaturgie. Was hätte Anonioni wohl dazu gesagt?

Zurück zum interaktiven Spielfilm: Sicherlich wird sich dieses oder bald auch andere, aufwendig programmierte Interaktions-Produkte des Kinos, nicht nur autistisch alleine gegen die Box spielen lassen, sondern - online - auch mit mehreren simultanen "Mitspielern" zu bedienen sein, sich bedienen lassen -- und es ist auch vorstellbar, dass das Ergebnis einer solchen "Spiel-Sesssion" aus "Multi-Playern" öffentlich vor Publikum sich in einer Kinovorführung darstellen darf. Die Netzwelt entgrenzt den Raum, der interaktive Eingriff entgrenzt die Zeitfessel und das künstlerische Produkt entgrenzt mit seinen Algorithmen die Wirklichkeit zur Simulation. Das kann man auch als Bewußtwerdungsprozess verstehen und verschiebt das Problem von der Technik auf das ethische Handeln der Hervorbringer solcher Produkte. Angesichts des Ökonomieprimats darf man dabei allerdings spektisch bleiben.

Bei der Antizipation von "Fortschritt" bleiben die weiteren Entwicklungsschritte von der brillen-erzwungenen 3-D-Kinodarstellung über die brillenfreie Autostereoskopie bis hin zur Holographie jedoch genauso fraglich, wie der Interaktive Spielfilm mit einem passiven und in seiner Homogenität inhomogenen Publikum ohne aktive, individuelle Stellvertreter der Spielführung. Denn auch "Regie" unterzieht sich im Totalrückzug ihrer Sinnstiftung, wenn "Regie" sich auf die Selektion von Optionen aus einer Algorithmen-Bibliothek in ihrer eigentlichen Funktionsaufhebung übt.

Die Konvention des Sitzens im Kinos wirkt konditionell, wie auch die gewünschte und aufgesuchte Passivität in der Publikumsmasse. Inwieweit also die Bewegtbild-Holographie eine Körperbefreiung des Kinopublikums (vom Sitzzwang) hervorbringen wird, steht ebenso in den Sternen, wie auch die Verhandlung von Masse und Individuum beim interaktiven Spielfilm-Game mit lediglich einer Publikumsmasse und ohne Spielstellvertreter. Demokratisches Abstimmen über Tastenpanel oder Gamestick am Sitz wirken schon als Vorstellung unfreiwillig komisch. Wahrscheinlich wird, von wegen Sterne, das Planetarium wohl jene Transparenz bieten, die das Kino damit verliert.

Zu guter Letzt lassen sich die beiden derzeit sichtbar gewordenen Stränge auch synthetisieren: warum also nicht Holographie und Interaktion als die Zielform des öffentlichen Lichtspiels im 21. Jahrhundert. Es scheint, als ob unsere restaurative Bewahrerzeit der letzten 20 Jahre sich nach den grundlegenden politischen Veränderungen mit dem Ende des Kalten Kriegs nunmehr ihrem Ende zuneigt. Die starken Veränderungen in der technischen Kultur des Kinos sind dafür zumindest ein Indiz.

Es bleibt die Frage offen, wie das grundsätzliche Problem der Digitalen Kultur gelöst werden soll: Vorübergehender Totalitätspopanz bei gleichzeitig nur kurzfristig gesicherter Erhaltungszeit. Das Problem des migrationsfreien Langzeiterhalts von Daten (meint: ohne Energie erneut für einen Überlieferungserhalt zuführen zu müssen) ist im kulturell-gesellschaftlich-politischen Prozess bislang ohne ausreiende Resonanz. Ebenso wie man unter "Zinkpest"-Bedingungen eine technische Zivilisation ohne Großstrukturen der Industrie in der Massenproduktion von elektronischen Bauteilen (vor allem bei Chips) aufrecht erhalten können wird. Und dafür reicht es schon, wenn der inter-asiatische Handel während einer schwelenden Weltökonomiekrise vielleicht lieber für sich bleiben möchte und wir als Transatlantiker wieder in die "Röhre" schauen dürfen.

ATRIUM

Donnerstag, 18. Februar 2010

Berliner Kinolabor im HHI

Wie Heise-News berichtet, gibt es eine "Zukunft des Kinos" als "TiME Lab" im Berliner Heinrich-Hertz-Institut als Teil des Fraunhofer-Forschungsverbundes zu sehen -- mit 180-Grad-Leinwand und 128 Lautsprechern: Sound nach "Wellenfeldsynthese" statt Trackaufnahmen. Hochgerüstet gibts von 7 HD-Projektoren eine 7000×2000 Pixel Auflösung im Saalrund zu sehen. Und Alfred Behrens (der mit den "Stadtbahnbildern" von 1981) hat mit der HFF-KW bereits einen filmischen Versuch für diese neue Kinoplattform geschaffen.

Das Ganze erinnert vom ganzen Sentiment her an die EXPO-Kinos der 1960er-Jahre, die ja dann schließlich IMAX auf den kommerziellen Weg gebracht haben (ein langer, dornenreicher Weg zu Kino-Sonderformen bei der Konversion von musealen Vortragssälen zu Museum-Spezialkinos; wohl so auch nicht mehr wiederholbar) -- plus als Synthese ein hochgerüstetes, hochgezüchtetes D-Cinerama (statt 3 Teilpanels nun 7).

Irgendwie auch ein interessantes Kontrastprogramm zu dem allgegenwärtigen 3-D-Hype, dem zu Viele derzeit verfallen sind.

Anscheinend tut sich derzeit einiges bezüglich Experimenten für die technische Grundlage eines künftigen Kinos.
Kann nur gut tun, auch wenn mir inzwischen die beschränkte Filmprojektion nostalgisch einfach lieber ist, wenn man schon das eigene D-Homecinema für ein öffentliches Kinoerlebnis verlässt.

ATRIUM

Montag, 15. Februar 2010

Der Verlust des Wissens durch die Digitale Kultur

The New Scientist bringt einen Artikel von Tom Simonite und Michael Le Page mit dem Titel "Digital doomsday: the end of knowledge"; der Text verweist darauf, dass das Problem des Langzeiterhalts von digitalen Daten bislang ungelöst bleibt -- als Folge des Fehlens entsprechender Medienträger und inhärent als ein kulturelles Problem der Überredundanz mit (von der Zukunft aus betrachtet) unwichtigen Informationen.

Die neu am Markt befindliche Service-to-burn DVD unter dem Markennamen "Cranberry DiamonDisc" ist zwar ein interessanter Ansatz aber keine Lösung, vor allem mit der Geschwindigkeit, in der Mr. Jobs von Apple die Laufwerke für optische (und magnetische) Speichermedien in Computern und sonstigen zu verkaufenden Proprietätsmaschinen wieder loswerden möchte.

ATRIUM

Donnerstag, 4. Februar 2010

Zukunft des Lokaljournalismus:
THE BAY AREA NEWS PROJECT

Wo ja auch in Berlin der Lokaljournalismus neu erfunden werden darf, bringt das neue BAY AREA NEWS PROJECT für die Bucht von San Francisco gerade erfrischende Impulse. Die Pressemitteilung der Kooperation zwischen NYT und dem BAY AREA NEWS PROJECT findet sich hier. Statt sich Pfauenautoren für "Berliner Seiten" überregionaler Tageszeitungen zu leisten, wäre die damalige Investition in eine Non-Profit-Struktur, die mehr sein will als Pfauenautoren aufzubauen und durchzufüttern, sicherlich für die damalige Zeit zu kühn gewesen. Denn damals galt ja noch das anzeigenbasierte Finanzierungsmodell für Tageszeitungen und eine gewisse Fehl-Einschätzung der Gravitationswirkung Berliner Verhältnisse. Innovativ in der Branchenkrise zu bleiben, bedeutet in diesem Falle also einer gut mit Risikokapital ausgestatteten Non-Profit-Gründung Instant-Reputation zu verschaffen, die eigene Lokalausgabe für die Bright People an der Westküste mit ihrer Hilfe auszubauen, zudem die Kosten für das eigene Vor-Ort-Büro loszuwerden und das lokal nunmehr assoziierte "Nachrichtenbureau" in Form eines neuen lokalen Leitmediums zum Syndikatdienst für Nachrichten anderer Medien zu positionieren, inklusive einer Website (mit Sublokalnachrichten der Nachbarschaften und Cities). -- So eine Strategiedichte und Zupackkraft bei der eigenen Neuerfindung bekommt man hierzulande nicht oft zu Gesicht. Danke an Katrina für den erhellenden FB-Fingerzeig!

ATRIUM

Antonioni und Technicolor

Bei Senses of Cinema, Ausgabe 53, ein interessanter Beitrag von Murray Pomerance über Antonioni und seine Anwendung von Technicolor bei "Rote Wüste" sowie über dessen Mangel (an Anwendung) bei Antonionis späterer USA-Trilogie (wegen Metrocolor und der produktionstechnischen Abschaffung von IB-Prints im Hause TC). Nebenbei ein kleiner Rückblick auf die Geschichte dieses Farbverfahrens unter Zuhilfenahme von Haines. Dass man bei Senses of Cinema nicht nur Antonioni verehrt, sondern auch Straub-Huillet Gegenstand der Analyse ist, in dieser Ausgabe 53 zum Abschluss des 10. Erscheinungsjahres, macht einem Senses of Cinema von "downunder" immer sympathischer.

ATRIUM

Innovationsferne Unternehmenskulturen

In der NYT heute ein sehr lesenswerter Insider-Kommentarbeitrag von Dick Brass, der von 1997 bis 2004 als einer der "vice presidents" bei Microsoft arbeite. Nachvollziehbar, wie sich eine von Anfang an geprägte Unternehmenskultur der "Innovationsferne" bei entsprechend skalierter Größe immer destruktiver auf die Zukunftsfähigkeit von ökonomischen Entitäten auswirkt. "Bullish" Märkte zusammenzutreiben hat nach dem "Abgrasungsvorgang" sofort die jeweilige Wachstumsgrenze erreicht; eine Lektion und Grenze, die auch Apple in nicht allzu ferner Zukunft zu spüren bekommen dürfte.

ATRIUM

Mittwoch, 3. Februar 2010

CINE-FILS

Das Cinephile Interview Magazine "CINE-FILS" ist neu in der Linkliste, mit Dank an den EXBERLINER für den Hinweis. 'Cine-Söhne' wie Felix von Gero. Aktuell darin derzeit ein Video-Interview mit Andres Veiel über das Dokumentarische (plus Text-Essay).

ATRIUM

Montag, 1. Februar 2010

Geschlossene Anstalt der Restaurationszeit:
Schirrmacher über das "iPad"

Frank Schirrmacher hat sich heute bei faz.net ausführlich und kritisch zu Apples "iPad" geäußert. Lesenswert.

ATRIUM

Donnerstag, 28. Januar 2010

Gebundene Binden

Während der weibliche Teil der US-IT-Welt verwundert ist über die Wortschöpfung einer "iBinde", protestierten am Rande der gestrigen Apple-Versammlungsfeier in San Francisco einige wenige der "Free Software Foundation", die darüber entsetzt sind, dass das entsprechende Gerät der mobilsten Firma der Branche ('bloss weg von PC und Notebook') eine weitere Zurückdrängung freier Software mit freien und das heißt offenen Vertriebswegen bedeutet.

Im Klartext:
No free software
No installing apps from the Web
No sharing music or books
We can remotely disable your apps & media

Der nächste konsequente Schritt wäre dann, dass das "goldene Kalb des DRM" schließlich demnächst auch noch auf die UNIX-Oberflächen der PCs und Notebooks "aufgesetzt" würde. Na vielen Dank auch!

ATRIUM

Dienstag, 19. Januar 2010

3-D: Die normative Kraft des Faktischen – oder:
Wie man einen neuen 'Default' setzt

Gerhard Midding berichtet in der Januar-Ausgabe 1.10 des schweizer Filmbulletin auf Seite 5 unter dem Titel "Die Ästhetik des Projektils" von einer Pariser Tagung zum 3-D-Kino, an der als "Chief-Evangelist" Lenny Lipton teilnahm. Das Bemerkenswerte an der von Midding berichteten Argumentation war die rhetorische Frage, ob denn Woody-Allen-Filme wie "Whatever Works" nicht besser nur als Tonfilm ohne Farbe in Schwarz-Weiß funktionieren würden -- und warum zum Beispiel dieser eben in Farbe sei: "Das Publikum gehe eben nicht mehr in Schwarzweißfilme". Und so dann auch die konsequente Schlussfolgerung: "In einer kapitalistischen Demokratie werde sich alles durchsetzen, was Profit bringt". So setzt man neue Defaults. Die Frage, ob mit der 3-D-Technik eher eine "epischere" Darstellungsweise (wie in Videospielen oder Breitwand-Tableaus) sich wieder oder neu als dramaturgisches Paradigma einstellen wird -- oder aber, ob nicht im Gegenteil eine Beschleunigung des filmischen Raums mach- und umsetzbar sei, bleibt offen.

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hauptstadtkulturfondspositionenwechsel

Die Berliner Zeitung berichtete gestern online mit einer dpa-Meldung die Neubesetzung der Kuratorenposition des "Hauptstadtkulturfonds" mit Hans-Helmut Prinzler per April 2010. Es ist wirklich beruhigend zu wissen, dass sich in Berlin bestimmte Dinge auch durch anstrengende Zeitläufe hindurch strukturell nicht ändern, dass man also nicht nur Einflussmacht in Akademien als 'Stellvertretender Direktor', Aufsichtsratpositionen in Ö-R-RFAs und öffentliche Verteilungspositionen als Kulturentscheider im Multitasking-Modus mit problemloser Leichtigkeit und vor allem wirklich ohne Interessenkonflikt verwalten kann -- und vor allem, dass das Berliner "old boys"-Network immer noch ganz hervorragend funktioniert.

ATRIUM

Samstag, 9. Januar 2010

Dave Kehr über 3-D im Kino

Auch Dave Kehr hat sich gerade unter dem Titel "3-D’s Quest to Move Beyond Gimmicks" zum 3-D-Boom und "Avatar"-Durchbruch in der NYT geäußert, wesentlich 'softer' und oberflächlicher als Thomas Elsaesser, aber immerhin sehr skeptisch, ob es dramaturgisch gelingen wird, diese 'Technik der kleinen Schritte' im Erzählkino ohne Spezialeffekte – also etwa in Historiendramen, Komödien und anspruchsvollen Autorenfilmen – beim Publikum akkulturierbar zu machen.

Kehr hatte eine Woche zuvor bereits, ebenfalls in der NYT, seine Bedenken zum Verlust von weiten Teilen des Repertoirs durch den Technikwechsel von der DVD zur Blu-Ray (auch ganz ohne 3-D-Erweiterungen) niedergeschrieben. —— Unter dem Titel: "The Ballad of Blu-ray and Scratchy Old Film" befürchtet er eine erneute Einengung des überlieferbaren Werk-Kanons, wie es sie bereits beim Technikwechsel von VHS zur DVD gegeben hat. Kehr sieht allerdings Lösungsansätze im medienträgerfreien Onlinevertrieb, wenn alte TV-Sendebänder und -Filmabtastungen (als Vorlage zur einstigen VHS-Duplizierung) für Streamingformate einer neuen Nutzung zugeführt werden, und somit die Vielzahl der Vertriebsmöglichkeiten den Repertoire-Verlust durch die BluRay-Technik wieder wett machen können. Was natürlich auch ein Treppenwitz ist: Die Verbesserung der direkten Nachfolgetechnik führt zur Verschlechterung des Programmangebots.

Hinzu tritt die Vermutung, dass mehr als fünf Jahre nach der Vorstellung der HD-Silberscheibentechnik wohl keine 10 Jahre mehr (wie einst bei der DVD) zur "Akkulturation" der Technik im Heimmarkt zur Verfügung stehen werden, wenn SONY etwa binnen kurzer Zeit seine neuesten proprietären Scheibenergüsse in inkompatibler Mehrschichten-Speicherungstechnik baldigst vorstellen dürfte –– sofern dann überhaupt noch 'Scheiben' statt 'Chips' zur Anwendung kommen. Siehe dazu auch die gerade erfolgte Ankündung von HDCAM-SR-Speicherchips.

Kehr argumentiert allerdings in eine ähnliche Richtung, wie ich bei meiner Anmerkung zum Thema "Die Fallstricke des Offensichtlichen": Die höheren Auflösungsparameter der digitalen Medien lassen Film nicht nur sprichwörtlich "alt" aussehen; die Frage der Auflösung oder Artefaktfreiheit wurde beim 35-mm-Kinofilm im Jahrhundert seiner Anwendung jedoch nie gestellt, weil die 'Analogen Klassenverhältnisse" einst klar und unanfechtbar waren -- und die 35/70-mm-Kinoprojektion eben unanfechtbar die Königs- und Kaiserliga im damaligen, analogen Medienfeld waren. "Weiße Blitzer" vom Staub auf dem Negativ und sichtbar geworden beim Kopieren auf Positivfilm adelten den Medienträger ein zusätzliches Mal (statt billigem Bewegtbild vom Videomaterial). Dem 35-mm-Kinofilm etwa einen 'Mangel an digitaler Matrix-Auflösungskapazität' zu unterstellen, zeugt von besonders fortgeschrittener, geschichtlicher Umnachtung.

Digitale Unkultur ist gerade beim Präsentieren, Referieren und Referenzieren von Geschichtlichem vor allem eines nicht: hermeneutisch.

ATRIUM

Donnerstag, 7. Januar 2010

Alexander Kluge kennt Auswege aus der Gegenwart

Wo wir gerade bei "beeindruckenden Essays" zur Digitalen Kultur und den daraus drohenden Gefahren sind: hier die Text-Transkription eines beeindruckendes Gesprächs der "Freitag"-Redaktion mit Alexander Kluge via Skype-Videophon (online gestellt Weihnachten 2009, geführt wohl Mitte (18.?) Dezember 2009) und auch als Videostream via dctp.tv.

ATRIUM

Warnung vor dem Schwanz, der mit dem Hund wedelt

Thomas Elsaesser hat in epd-Film, Ausgabe 01/10, ein beeindruckendes Essay zum Digitalen 3-D-Kino veröffentlicht. Er argumentiert, dass hier mit aller Gewalt der erweiterte "military-surveilance-entertainment complex" eine neue Standard-Voreinstellung unserer technologischen Wahrnehmung setzen will, als Teil eines neues Paradigmas für die Kontroll- und Überwachungsgesellschaft. Auf der Strecke bleiben dabei humanistische Werte wie "Introspektion, individuelles Bewußtsein und persönliche Verantwortlichkeit".

Dieses Essay belegt mir implizit den langen Weg von der ersten Euphorie gegenüber der Digitalen Kultur am Anfang der Jahrhunderts, wie ich sie bei ihm an der Universität Amsterdam anlässlich einiger Besuche bei Kolloquien erlebt habe, hin zu einer tiefgreifend kritischen Sicht auf die technologischen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, denen nicht nur das Kino sondern immer weitere Bereiche der bisherigen Kultur und des Humanismus seit einigen Jahren ausgesetzt sind.

3D im Kino und als neue Bildoberfläche in den anderen visuellen Darstellungsformen ist damit alles andere als harmlos.
Was setzt man also dagegen außer Ignoranz?
Digitale Unkultur wird zu einer Angelegenheit des Widerstands.

ATRIUM

Walter Jonigkeit und Günter Peter Straschek gestorben

Rüdiger Suchsland hat bei "artechock" einen Nachruf auf Walter Jonigkeit veröffentlicht. Zum Tod von Günter Peter Staschek hier ein Nachruf von Jean-Pierre Gutzeit:

Günter Peter Straschek ist - neben den Nachrufen auf die Filmtheaterpatriarchen der Frontstadt Westberlin - auf der ganz anderen Seite der Skala ebenso für zeithistorische Einschnitte der Stadtgeschichte und unter den "Charakter"-Persönlichkeiten erinnerungswürdig.

Er war einer der "religierten" Studenten der frühen dffb (Deutsche Film und Fernsehakademie): 19 angehende Regisseure wurden bei einer Besetzung des Direktorenbüros zwecks Herausgabe ihrer Filmmaterialien aus der Akademie "rausgeworfen" und erhielten vom Direktor Heinz Rathsack, späterhin Direktor der Deutschen Kinemathek und als "sozialdemokratisch-intolerant" verrufen, Hausverbote. Ausgenommen davon waren Wolfgang Peterson und Michael Ballhaus (Dozent für Kamera), die ja später in USA Karriere machten. Neben Straschek gehörten Hartmut Bitomsky (ein vorzüglicher Filmtheoretiker) und Harun Farocki (bekannt für seine den "militärisch-industriellen Komplex" entlarvenden Dokumentarfilme) zu den Religierten.

Mit Farocki bediente sich Straschek der Dienste des Kameramanns Holger Meins, dessen eigene Regiearbeit BAU EINES MOLOTOW-COCTAILS einen Tag nach einer Aufführung für zerberstende Schaufenster in den Büros der "Berliner Morgenpost" (Springer-Konzern) animierte.

Straschek, eigentlich Österreicher, war ein Filmkommunist der sanften Sorte, der die Integration der "Filmavantgardisten" in die "proletarischen Betriebe" dem Aufruf zu direkten Revolte vorzug [für die es in Westdeutschland auch nie einen Rückhalt gegeben hätte].

Seinen Film EIN WESTERN FÜR DEN SDS [Sozialistischer Deutscher Studentenbund], den er beim "Go-in" in das dffb-Direktorat aus den dortigen Tresoren zurückverlangte (die dffb-Studentenfilme galten als Eigentum der Institution) konnte später nur noch aus Schnittresten textuell annähernd rekonstruiert werden.

Straschek schilderte seine dffb-Erinnerungen in der berühmten August-Ausgabe der von Enno Patalas gegründeten Zeitschrift "Filmkritik" von 1974, in der er die "opportunistischen" Zustände der westberliner Filmererziehungsbehörden geißelte und auch den Wankelmut solcher Dozenten wie Ulrich Gregor (Filmtheoriedozent und späterer Mitbegründer des "Kino Arsenal") mitsamt seinem "Sozialdemokratismus" als Unterwerfung unter das "Establishment" beschrieb.

Das Schlagwort "Charaktermaske" war in dieser Zeit noch sehr geläufig, und die Erfahrungen aus dem Vietnam-Krieg, des Schah-Besuchs in Westberlin wie auch der unbelehrbaren Elterngeneration radikalisierten ab 1967 die berliner Filmstudenten - sie mündeten in der "Außerparlamentarischen Opposition" (APO), und führten bei Holger Meins und Ulrike Meinhof in den militanten Untergrund.

Straschek drehte später für den NDR eine Serie zur deutschen Exilantenforschung und betrieb seine Recherchen - weit über dem Niveau der heutigen Deutschen Kinemathek und deren Wiedergutmachungsprojekt 2011, dem sog. "Boulevard der Stars" - bis zu seinem Tod im September 2009 [der erst jetzt bekannt wurde].
Trotz der Politisierungen war er weniger ein Bewunderer des Essay-Films als des "synthetischen Spielfilms" [sprich: professionell gemachter Genre-Filme].

Bekannt geworden ist auch seine Monographie "Handbuch wider das Kino". Eine größere Publikation zu den Exilanten war über viele Dezennien geplant gewesen. Straschek war zuletzt Einzelkämpfer, der durch seine Neigung zu leicht rigoros-distanziertem Gestus jedwedem Establishment widerstrebte und mit seiner Exilantenforschung ein unvollendetes Werk hinterläßt.

CINERAMA

Freitag, 1. Januar 2010

Bewußtseinssprung: Tierische Pflanzen

Zu meinem Blogeintrag "Mein Schimpanse ist von Beruf ein Logistiker" vom 14.03.2009 über menschliches Bewußtsein bei Tieren und tierisches Bewußtsein bei Pflanzen wäre nachzutragen, dass der Deutschlandfunk sich in drei Sendungen einem erweiterten Verständnis des Bewußtseinsprungs in unserem Verständnis eines "pflanzlichen Bewußtseins" widmete. Zu finden: hier, hier und hier.

ATRIUM

Unumkehrbarkeit der Digitalen Kultur ?

Während die Digitale Kultur seit einigen Jahren wie eine Dampfwalze über analoge Lebenszusammenhänge hinweg schredderte, erzeugt sie selbst den Eindruck unumkehrbar und ohne Alternative zu sein. Der digitale Zeitpfeil geht schnurstracks immer weiter, geradeaus. Kritik und Einspruch sind nicht erlaubt, weil Evidenzerfahrung allenthalben. Dabei sind die beiden kardinalen und technischen Eckpfeiler der Digitalen Kultur bislang ohne jegliches Fundament: Weder ist der Langzeiterhalt von digitalen Daten auf Medienträgern gelöst, noch eine Lösung in Sicht, wie man unter Zinkpest-Bedingungen eine digitale Infrastruktur aufrecht erhält, wenn Hardware-Industrien in Ermangelung an Nachschub knapper Metall-Rohstoffe keine Massenware mehr produzieren können. Herstellung von Computer-Chips als Einzelstücke in Manufakturen? Wohl eher kaum. Auf so etwas eine Zivilisation ohne analoges Fallback aufzubauen, ist mehr als tollkühn.

ATRIUM

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Abgesang auf die Dekade:
Kino als "Zwischenraum"

Den Abgesang auf die Dekade der Nuller Jahre des Kinos bringt heute MANOHLA DARGIS auf der NYT-Website (der Print-Artikel erscheint am 3.1.), der bei ihr zugleich ein Abgesang auf "Film" als Medium und Medienträger ist. Mit dem Sensationserfolg von "Avatar" scheint ihr die Zukunft des Kinos im Zwischenreich zwischen der Leinwand und dem Zuschauer zu liegen. "Avatar" belegt zugleich erneut die "Dolby-Allen-These", wonach ein grundlegend neues Kinoverfahren im Sinne von Technik einen durchschlagenden Erfolgsfilm mit Evidenzerfahrung zur Durchsetzung nach Anfangsversuchen benötigt. Das scheint hier, wie vor über 30 Jahren bei "Star Wars" mit "Dolby Stereo", erneut gelungen zu sein.

ATRIUM

Dienstag, 8. Dezember 2009

Bestgesehene Irrwege in allen Dimensionen

Das derzeitige Gezetere um die 3-D-Technik im Kino hat etwas durchaus putziges, weil aus der Geschichte des Kinos nur all zu bekannt; geradezu ironisch, wenn man an die Einführung der ersten 3-D-Welle in den 1950ern denkt und komisch, weil ja auch die klassischen Kino-Breitwandverfahren wie beispielsweise CinemaScope, VistaVision oder 70-mm in dieser 'auf-die-füsse-treterischen Weise' gegeneinander einst antraten, um das Kino mit Optionen zu bereichern.

Insofern ist die Einführung von 3-D im Kino sowohl weitsichtig als auch stark kurzsichtig: Der weite Blick stammt aus dem gerade stattfindenen Aufbau einer kompletten Verwertungskette über das Kino hinaus bis zu Home-Distribution, Internet und 3D-TV.

Die heutige Einführung von 3-D im Kino steht mit dieser Kompatibilitäts-Kette den Breitwandverfahren sogar näher, die ja einst für Plastizität im Kino mittels 2D (ohne 3D-Technik) sorgten, als dem in den 1950ern für kurze Zeit vor der Einführung der breiten Kinoleinwand abgebrannten und isolierten 3-D-Boom.

Kurzsichtig ist der derzeitige Hype um 3D im Kino deshalb, weil auch er - trotz umfassender Verwertungskette - eine kurzzeitige Episode bleiben wird, bis zur Invention des holographischen Bewegtbildes ohne Seh-Prothese.

Diese "Perspektive" verbindet den derzeitigen 3D-Hype im Kino - samt ungewollten Nebeneffekt der 'zirkularen Kopfschmerzen' - mit der so genannten Energiesparlampe: Quecksilber-haltig, giftig, gepulst, mit scharfen Spektrallinien, damit schlechte Lichtqualität erzeugend, in ihrer Spareigenschaft an Lebensqualität eben nur vorübergehend, transitiv, aber mit Gewalt in den Markt gesetzt zur Abdrängung der über 100 Jahre alten, bewährten, beliebten Glühlampen-Technik mit analogem Lichtspektrum.

Nicht umsonst hat Walter Murch für die Zeit des digital-analogen "Sandwiches" die Gas-Elektro-Kandelaber-Metapher gewählt. Am Horizont steht bereits die Nachfolgetechnik der so genannten "Energiesparlampe", das LED-Licht. Wahrscheinlich werden sogar das holographische Bewegtbild und die LED-Lichterzeugung später Hand-in-Hand gehen und zur Synthese gelangen.

Was bleibt ist derzeit das Gerangel um Technik, die einen sowohl im Falle der bebrillten Abstandshaltung wie auch als Nicht-Licht aus dunklen Räumen in die Sonne, zur Sonne, ins Sonnenlicht drängt.

ATRIUM

Montag, 23. November 2009

Der Schrankenwärter und seine Moral

Paul Graham hat in seinem Blog einen höchst interessanten Text über "Apple's Mistake" geschrieben. Die Firma Apple begeht zur Zeit, laut Grahams Analyse, einen ziemlichen Kardinalfehler, der das Ende ihres exponentiellen Erfolgs- und Wachstumskurses antizipieren lässt: Im Kappen einer notwendigerweise direkten Beziehung zwischen Software-Entwicklern und Endnutzern durch einen zwischengeschalteten "Schrankenwärter", den "Application-Store" statt freiem Web-Zugang und -Vertrieb, ziehen sich nun die Begabtesten der Software-Entwickler für das iPhone demonstrativ und enttäuscht zurück. Ob die Durchsetzung des Geschäftsmodells von "Software-Verlegern" damit noch klappen kann... ?

ATRIUM

Die Fallstricke des Offensichtlichen

CT berichtet in ihrer neuen Ausgabe 25/2009 von einem "Praxisvergleich" beim Filmpodium Zurück zwischen Film, Blu-Ray und 2K via DCP nach DCI-Norm. Dieser Beitrag ist dankenswerterweise auch online verfügbar:

http://www.heise.de/ct/artikel/Scheibe-statt-Rolle-862196.html

CINERMA schrieb mir dazu heute:
"Hier werden olle Duplikatkopien von 1993 mit frischen 4k Scans vom Original verglichen (Fall "Blade Runner") und damit Güten von Film vs. Digital/Blu ray beurteilt. Also sowas von haarsträubend, dass man sich nur wundern kann, aber typisch für die C'T. ..."

Dass die elektronischen Systeme ständig ausfallen, wie in dem Beitrag berichtet wird, ist zur Zeit nichts Ungewöhnliches: War es nicht auch so, dass in Ermangelung von technischen Fall-Backs bei der letzten Berlinale rund 2.000 Zuschauer samt Catherine Deneuve kurz nach Beginn der Vorstellung ausbezahlt und wieder nach Hause geschickt werden mussten, weil der HiTech-Digital-Beamer während der Vorstellung ausgefallen ist? — Man mag das noch als "Kinderkrankheiten" im Umfeld eines Technologiewechsels abtun.

Schwerwiegender scheint mir aber auch in diesem CT-Beitrag die Tendenz zu sein, dass Abbildungsparameter von Bild (um den Ton geht es zur Zeit weniger) geschichtlich rückwirkend appliziert werden und der technische Rückschritt der Quantifizierung und Matrifizierung mit seiner Datenbanklogik als kultureller Fortschritt gegenüber vermeintlich antiquierten Traditionen verkauft wird, so als würde man das Ende der Weimarer Republik mit den technischen Segnungen der ersten Mondflugs vergleichen. "Bordfunk und Radio" als sich ergänzendes Gegensatzpaar erklärt aber weder das eine Phänomen noch das andere. Ich bezeichne das mit der Sprachformel: Die Fallstricke des Offensichtlichen.

In einem hat der CT-Beitrag von Jan-Keno Janssen allerdings mehr als recht: Die Investitionen von 70.000 bis 100.000 Euro in 2K-Anlagen nach DCI-Norm sind verschwendetes Geld, weil man damit gerade die unabhängigen Kinos in kurzzyklige Investionsschleifen und damit aus dem Markt zu drängen versucht. Geradezu tollkühn ist dabei der wiederholt gescheiterte Versuch, Kinos mit vergünstigten Darlehen aus dem Topf der Filmförderung in den digitalen Sattel helfen zu wollen, damit sie endlich als Teil der neuen Investitionsschleife auch sogleich vom ökonomischen Pferd fallen können: Ein Kredit will erwirtschaftet sein. Ob die Subventionierung von überteuerter Technik, derzeit in der Südschiene der deutschen Regional-Filmförderung präferiert, nicht letztlich den gleichen Effekt hat, bleibt abzuwarten.

Denn es sind Kino-Anlagen bestehend aus Blu-ray Spielern + HD-Beamer inzwischen für rund 3.000 bis 3.500 Euro erhältlich, die zumindest für kleine und mittlere Kinos gegenüber den proprietären Kinonormen qualitativ mithalten können. Die nächstfolgenden HD-Beamer-Generationen dürften ihre Lichtstärke von derzeit 1.500/2.000 ANSI-Lumen bestimmt verdoppeln können; die Diskussionen um Auflösungsunterschiede zwischen HD und 2K sind genauso akademisch wie die im Artikel vorgetragenen Farbraum-Vergleiche. Angesichts des derzeit erzielten technischen Niveaus scheint der Versuch — mit 4K ein neues noch höheres Auflösungsraster für Kinos erneut als proprietäres Inselformat einführen und durchsetzen zu wollen — lediglich als Steigerungsform in einer Wiederholung des bereits Bekannten. Abzuwarten bliebe hier nur die bevorstehende Einführung von 4K für den Heimgebrauch, spätestens im Zuge von 3D=2x2K. Will man dann im Kino auf 8K oder 16K Auflösung hinauf gehen?

Angesichts des mehr als zehnjährigen Gezeteres um die Einführung von Digital Cinema ist nunmehr schlicht die Heimkinotechnik in ihrem Preis-Leistungsverhältnis an der Kino-Profitechnik vorbeigezogen - und zwar rasant. Selbst mit Duo-Projektion in HD ist man erst bei 10 % der Kosten für Profi-Kinotechnik angekommen. Dieser Vorbeizug der "Kino-Amateure" an den "Kino-Profis" wäre allerdings zu reflektieren, wenn man ihn produktiv umstülpen möchte.

Schlussfolgerung müßte also im Zuge des derzeit stattfindenden Rollouts des DigitalCinema gerade für die unabhängigen Kinobetreiber gegenüber lizenzgebenden "Filmverleihern" doch sein, auf Blu-Ray-Distribution alternativ gegenüber DCP/DCI fürs Kino zu bestehen, wenn einzelne Verleiher schon derzeit anfangen, lieber DVDs statt Filmkopien an Kinos bei gleich hoher prozentualer Lizenzforderung auszuliefern. Denn die überreife Entwicklung ist — wie oft bei "verspäteten Prozessen" — inzwischen hektisch geworden, wenn "Filmverleiher" dazu übergehen, sich statt einer Mindestgarantie lieber das Ziehen von Filmkopien von noch eine Filmkopie anfordernden Kinobetreibern lieber gleich komplett vorab bezahlen zu lassen, oder statt dessen anzubieten, lediglich eine DVD auszuliefern. Angesichts dieses neuen Umstands waren auch die Diskussionen vor wenigen Jahren um "e-Cinema" und "D-Cinema" noch nicht einmal akademisch.

Gerade die Applizierung von Heimkino-tauglichen Standards in einen Öffentlichkeit schaffenden Kinoraum würde es ermöglichen, komplett neue Kino-Geschäftsmodelle wie "Cinema on demand" webbasiert in Vernetzung mit Social Websites angehen zu können. Diese Option zur Einbeziehung einer vernetzten Community bei der Schaffung von Publikum ist das wirkliche Innovative gegenüber meinen Vorschlägen von vor 12 Jahren zu einem "Cinema on demand", damals noch ohne Internet gedacht.

In der Umkehrung würde dies auf Lizenzgeber-Seite allerdings bedeuten, dass es auch "Lizenz-Websites" geben müßte, die das historische Repertoire rechtlich einfach verfügbar halten. Nicht wenige in der Branche mit noch frischem Blick halten daher das etablierte System der Filmverleiher für "mittelalterlich". DCI führt hier als technische Norm letztlich zur Verstärkung einer Verknechtung der Kinobetreiber durch die Lizenzgeber. Dies wäre technologisch aufbrechbar; die bestehenden Kinos müßten allerdings zu diesem Zweck ihre passive Haltung gegenüber dem Status Quo aufgeben, was zugegebener Weise unbequem ist. Inwiefern eine auf einer Social Website gefundene und damit geschlossene Besuchergruppe ohne öffentliche Werbung ein "Heimkino" extern für ihre Zwecke anmieten kann, verschiebt das neue Phänomen auf das Terrain des Rechtlichen, wie wir es derzeit auch auf anderen Gebieten der Digitalisierung kennen. Allerdings scheint erst der Druck durch neue Verhältnisse in verknöcherten Strukturen Denkprozesse auszulösen.

Denkt man diesen Strang der Auslagerung der kuratorischen Funktion des Kinobetreibers an die Besucher weiter, bleibt natürlich das Problem der Vermittlung von Filmgeschichte. Derzeitige Modelle, ein solches "Cinema on demand" anzubieten, bleiben programmlich in der heutigen Kino-Hauptzielgruppe im ständig bereits Bekannten stecken. Das passiert allerdings auch aus Lizenzgründen. Aber vielleicht kann sich die Aufgabe der kuratorischen Verantwortung bei der Kinoprogrammmierung ja durch den "Kino-Seminarraum", vielleicht auch virtuell unterstützt, kompensieren. Die Frage ist freilich, wie dumm oder gescheit man sein zahlendes Publikum in spe hält.

All dies tangiert die Frage einer Historischen Aufführungspraxis des Kinos nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nach einer Zeit der Aufregung eine solche Welle aus den USA zu uns herüberschwappen wird. — In welche Richtung die Entwicklung des Kinos nach dem Zusammenbruch der heutigen Aufführungszeitfenster von 1 - 2 Wochen weiter gehen wird, bleibt offen. Ob das Kino als öffentlicher Ort überhaupt noch eine Zukunft auch als Geschäftsmodell haben kann, wird der kreative Umgang mit neuen Möglichkeiten erweisen. Den technischen Wettlauf hat das Kino jedenfalls auf absehbare Zeit verloren. Es kann nur mit neuen Sozialformen bei der Etablierung von Publikum wieder punkten lernen. Und dieser Lernweg wird sehr mühsam sein.


ATRIUM

Samstag, 21. November 2009

Stuttgart: Zur laufenden Debatte um das "Kommunale Kino"

Im Stuttgart ist wieder eine öffentliche Debatte um die Zukunft des dortigen "Kommunalen Kinos" entbrannt.

***

Dass ich mich vom weit entfernten Berlin aus nunmehr erneut zur laufenden Dabatte um das Wiederaufleben eines "Kommunalen Kinos" in Stuttgart melde, hat zum einen damit zu tun, dass ich als gebürtiger Stuttgarter frühe und prägende Kinoerlebnisse verbinde mit dem Mitte der 1970er-Jahre noch im "Studio der Landesgirokasse" spielenden Kommunalen Kino; auch im Kepplersaal des Planetarium konnte man, vor dem Umzug ins "Filmhaus", in einem weiteren "Provisorium", einst ein engagiertes Programm erleben.

Andererseits schaue ich als Filmpublizist und Festivalmacher des "Globians Doc Fest Berlin" mehr als interessiert auf die Kinoszene meiner Geburtsstadt: Für unseren ersten eigenständigen Festivalableger habe ich mir meine alte Heimatstadt ausgesucht; das erste "Globians Doc Fest Stuttgart" wird im November 2010 als Testlauf nun im Linden-Museum stattfinden. Unsere meist ethnographisch fokussierten "Welt- und Kultur"-Dokfilme passen ganz gut in dessen Kontext. Nach der weltweiten Ausschreibung lagen in vier Tagen bereits 60 Einreichungen von Filmemachern vor.

Dabei erscheint mir die laufende Debatte um's "Koki" derzeit sehr bizarr. In der bislang stets erfolgsverwöhnten und prosperierenden Landeshauptstadt wird im Gegensatz zu anderen Großstädten zwar - noch - nicht die Schließung der kommunalisierten Theater angekündigt. Derweil wird dem gesamten kulturellen Mittelfeld der Subventions-Saft abgedreht, weil die dünne Schicht der freien Projektmittel durch Subventionskürzungen nicht mehr zur Verfügung steht.

Will die Debatte ums Wiederauflebenlassen des Stuttgarter "Koki" also mehr sein als nur irrelevant, hat sie verschiedene Fakten und Erfahrungswerte zur Kenntnis zu nehmen:

1. Ein Mischbetrieb aus subventioniertem Kommerzialismus mit Spielwiese für die Festivallandschaft bewährt sich in der Regel nicht. Es kommt dabei meist zu Verwerfungen zwischen Subventionsbetrieb und kommerziellem Ableger; die Häufung von Festival-Engagements führt letztlich zur Profillosigkeit für beide Seiten.

2. Die Entleerung einer Immobilie dient in der Regel dem Zweck der Wertsteigerung bei einer Weiterveräußerung oder durch "Entwicklung". Das schien mir aus der Ferne damals der eigentliche Zweck der "Entlassung in den Konkurs" gewesen zu sein. Ein insolvent gewordener Mieter hat in der Regel keine "Restlaufzeit" seines Mietvertrags zu beanspruchen.

3. Cafe ist Cafe und Theater ist Theater, weil Kino eben Kino ist. Mischformen aus den drei Grundformen der kulturellen Geselligkeit funktionieren in den allerwenigsten Fällen.

4. In einer Zeit, in der weite Teile des Kinorepertoirs auf Silberscheibe oder als Download zur privaten Verfügung im Heimkino zur Verfügung stehen, haben Kommunale wie Programm-Kinos größte Schwierigkeiten, für historisch angelegte Filmreihen ein Publikum zu finden. Das Vermittlungsproblem, eine Form zu finden, wie man für Filmgeschichte ein Kinopublikum findet, ist die ungelöste Aufgabe für das Weiterbestehen von engagiertem Kino, das über Auswertungsfenster von aktueller Ware über 1 - 2 Wochen hinausreicht.

5. Das alte Filmstreifenkino ist schon Museum; das neue Digitalkino ist kein Kino mehr im traditionellen Sinne, weil es nicht mehr exklusiv Kinofilme zeigen muss, sondern "Programmware". Will man die Historie des Kinos bewahren, steht man vor der Herkulesaufgabe sich zwischen historischer Aufführungspraxis und digitalem Allerlei zu entscheiden. Wie bei jeder historischen Aufführungspraxis treten "Fallstricke des Offensichtlichen" auf.

6. Ich bezweifle, dass meine alte Heimatstadt das Format und noch das dazu notwendige Vermögen hat, sich ein lebendiges "Filmmuseum" an einem Schau-Platz leisten zu können oder auch nur zu wollen. Ein Kino an einer Auto-Schnellstraße ist verkehrt am Platz, weil Kinos als soziale Räume sich über den topologisch vorgelagerten öffentlichen Raum definieren. Ein "Filmmuseum" ist so lebendig wie ein "Theatermuseum" oder ein "Opernmuseum" mit Spielbetrieb auch lebendig ist. Ein Stuttgarter Filmmuseum gehört in den Schloßgarten.

7. Man darf die Aufgabe nicht unterschätzen, heute einen Kinospielbetrieb mit historischem Kinorepertoire - also mit Filmwerken, die älter als 1 - 2 Wochen/Monate/Jahre sind – aufrecht zu erhalten.

8. Wenn sich Bürger in Potsdam ganze Schlösser und Universitätsinstitute aus ihrer Portokasse der Bilanzkapitalisierung leisten wollen und können, dann verstehe ich nicht, wieso das in Stuttgart nicht auch gehen sollte, gerade dort. In gefährdeten Zeiten sollte man das Tollkühne wagen. Die Zeiten eines Lothar Späth mit seinen Visionen über die Bedeutung der Kultur als Zukunftsfaktor und Standortsicherungsmaßme scheinen zudem sehr weit weg, wie aus dem vorigen Jahrhundert.

Mittwoch, 18. November 2009

Nur das Digitale und Onlinene ist das Wirkliche
am Beispiel des Todes eines Erfinders von Analogtechnik

Es ist mir vom 09.11. bis heute nicht gelungen, die Information über den Tod von Carsten Diercks († 02.11.2009) bei der deutschen Wipidedia einzutragen. Mein Eintrag des Sterbedatums wurde dort zwei Mal mit dem Hinweis, dass es keine Referenz im Web gäbe, wieder gelöscht. Eine gedruckte Todesanzeige in einer großen deutschen Tageszeitung ohne Online-Repräsentanz ist heutzutage eben nicht mehr ein ausreichender Grund, dass ein Mensch gestorben sein soll. Ich habe es heute nochmals ein drittes Mal probiert, den Biographie-Eintrag von Carsten Diercks bei de.wikipedia.org zu aktualisieren, sozusagen in Selbstreferenz auf die eigene Meldung.

Der ganze Vorgang erinnert mich stark an die Prophezeiung von Rick Prelinger vom Anfang der Dekade, dass alles, was künftig nicht digital und online sei, gar nicht mehr in der Wirklichkeit vorkomme und als solches überhaupt wahrgenommen, beachtet werden kann. Prelinger war dafür, eben alles online zu stellen, vor allem seine Filmsammlung an ephemeren Filmtiteln.

Das ist ein bedenklicher Vorgang.

Zum einen beispielsweise beim Kulturdruck, mittels Google Books die gedruckte Kultur der Buchwelt in die digital-onlinene Sphäre zu konvertieren, bei dem jetzt (nach dem aktuellen rechtlichen "Vergleich") der deutsche Kulturraum anscheinend nicht mehr grundsätzlich repräsentiert werden wird. Sozusagen eine weitere Marginalisierung deutscher Gedanken in der vierten industriellen Revolution.

Zum anderen zeigt eine solche Marginalie den zunehmenden Repressionsdruck durch die Technik, bei der das Kreativ-Anarchische und "Augmentative" des Anfangs sich wie in einer Drehtür zunehmend in ein repressives Herrschaftsinstrument verwandelt. Die Zeit scheint nicht mehr weit für eine Überlegung, die ganzen digitalen "Gadgets" aus Freiheitsgründen lieber dem Elektroschrott zuzuführen, statt sich ihrer noch aktiv zu bedienen. Die Wandlungen der Firma Apple in den letzten Jahren sprechen dafür Bände.

Geradezu ein Treppenwitz ist in diesem Zusammenhang die Entscheidung der freiheitsliebenden Niederländer, sich im Zuge der Einführung einer zusätzlichen, verbrauchsorientierten Energiesteuer sich unbedingt einer Technologie der permanenten Verortung der gesamten mobilen Bevölkerung bedienen zu wollen. Hieran zeigt sich, dass eben doch das Reale das Wirkliche ist und die eingesetzte Kulturtechnik nur das Mittel zum Zweck.

Die nationalstaatliche Ordnung der Gesellschaften ist in keinster Weise auf das Hereinbrechen dieser technischen Kulturrevolution vorbereitet gewesen und ist es weiterhin nicht. In gewisser Weise schließen sich staatliche Großstrukturen und die feinstoffliche Welt des Digitalen einander aus. Anders herum formuliert: Wir haben das Wesentliche dieser Neu-Technik noch nicht kapiert und tasten uns in den alten Strukturen regressiv (also mehr zurück als nach Vorne) vor. Was wir in der nächsten Dekade erleben dürften, wird ein Ausdeklinieren eben (nicht nur) dieses Konfliktes sein, dass eine digitale Welt im Korsett des Nationalstaats nicht progressiv sondern nur regressiv funktioniert. Wenn man aber den Totalitätscharakter steigert, implodiert dieser am expansivsten Punkt. Das dürften wir doch im 20. Jahrhundert vom 20. Jahrhundert ansatzweise gelernt haben.

Ob das Digitale nun also der Treibsand oder der Transmissionsriemen gesellschaftlicher Veränderungen hin zu einem höheren, mehr entwickelten Status sein wird, haben wir in unserer "Pionierzeit" noch nicht entscheiden können. Zu sehr waren wir von kaufbaren "Gadgets" und dem durch sie entfesselten Marketing-Budenzauber entzückt, wenn nicht gar entrückt.

Demgegenüber haben die analogen Erfinder und Forscher, wie eben Carsten Diercks, vor rund 50 Jahren unter dem damals erlittenen Materialwiderstand doch recht genau gewusst, für was und wen sie welche Dinge mit welchem Zweck und mit welchen Folgen neu entstehen lassen.

ATRIUM

Montag, 16. November 2009

Digitale Präsentation für filmhistorische Kino-Programme

Die neue Ausgabe 7.09 des schweizer "Filmbulletin" berichtet in der Rubrik "kurz belichtet" auf Seite 3 vom Einbau einer "state-of-the-art" Digital Cinema Anlage beim "Filmpodium Zürich". Interessant der angegebene und berichtete Grund. Zitat: "Dieser Schritt in die digitale Zukunft wurde vor dem Hintergrund gemacht, dass es immer schwieriger wird, 35-mm-Kopien von Filmklassikern in wenn möglich bester Vorführqualität von Verleihern und Filmarchiven zu erhalten. Sei es, dass die Kopien durch Abnutzung und chemische Zersetzung gefährdet sind und deshalb zur Vorführung nur beschränkt oder gar nicht freigegeben werden, sei es dass restaurierte neue Kopien jenseits des Massenmarkts so kostspielig sind, dass sie sich Institutionen wie das Filmpodium nicht mehr leisten können." -- Zitat-Ende -- Dieser Umstand, dass Filmkopien als Gebrauchsgegenstände, dem Verschleiß unterworfen, mit dem Wandel zu einer digitalen Kultur immer mehr kulturgeschichtlichen Original-Artefakt-Charakter erhalten und damit restriktiv nurmehr 'hinter musealen Vitrinen' zu sehen sein werden, war mit dem Aufkommen der DVD vor rund 12 Jahren und der zunehmenden Qualitätsverbesserung von Videoprojektoren zur elektronischen Projektion mehr als absehbar und ich habe in den von mir herausgegebenen Buchtiteln seit diesem Zeitpunkt immer wieder darauf hingewiesen.

Meine Frage wäre nun, warum man als an der Kinogeschichte Interessierter ausgerechnet in Filmkunsttheater noch gehen soll, wenn man sich filmhistorische Schätze qualitativ besser zu Hause ansehen kann (ohne Störung durch die Anwesenheit anderer Zuschauer), weil man inzwischen auf das gleiche Repertoire auf Disk oder online Zugriff hat -- und sich bei den kleinen Zuschauerscharen im Kino mit historischem Programm auch ein kollektiver "Publikumsmassen-Effekt" nicht mehr einstellen will, gerade weil eine digitale Präsentation eben nichts Außergewöhnliches und Besonderes mehr ist.

Meiner Ansicht nach leisten sich die Kinematheks-Kinos und historischen Filmkunst-Theater mit der Umstellung auf Digitale Projektion keinen Gefallen, sie unterminieren ihre eigene Existenzberechtigung. Meine nächste Frage wäre: Wie breit kann man "historische Aufführungspraxis" in die Fläche und die Tiefe bringen, mit der neuen Arbeitshypothese, dass ein freier Zugang zu Filmkopien als Gebrauchsgegenstand und Mittel zum Zweck einer Kinoaufführung absehbar nicht mehr gewährleistet sein wird -- und die Archivbestände von Kinematheken zu in der Regel 'geschlossenen Anstalten' werden dürften.

Die Lebendigkeit des filmstreifenbasierten Kinos dürfte zur Grabesstille vergleichbar bei den ehrwürdigen Bildtafel-Ausstellungen in Staatsmuseen werden: rar, teuer und extrem aufwendig.

Die andere Variante für eine Zukunft des Kinos könnte natürlich der "Seminarraum" sein, wenn digitale Projektion als Zugangs- und Eintrittsmedium zum historischen Verständnis der Sache werden kann. Dabei erinnere ich mich gerne an Robert Kudielkas manchmal vier Stunden lange Vorlesungen in der Berliner 'Hochschule der Künste' zur Kunstgeschichte, damals in den 1980er Jahren, etwa bei "Einbildungskraft – Diagnose eines Defizits", in denen er immer darauf hinwies, dass die Dias, die er uns als Reproduktionen begleitend zeigte, nie die Sache selbst seien. Er forderte uns immer dazu auf, sich die Tafelbilder im Original vor Ort anzuschauen. Im Theorieunterricht an der Lette-Schule hatte ich zuvor vom Unterschied zwischen Körperfarben und Lichtfarben auch schon gehört.

Ich befürchte, dass die Glitzerbilder bei digitaler Projektion etwa von "Criterion" Blu-Ray-Titeln nicht mehr als Repräsentation und Verweis auf etwas Originales, sondern als "bessere Sache an sich" angesehen werden. "Noch nie sahen Filmklassiker so gut aus, wie jetzt" - wenn in hoher Qualität nahe am Kameraoriginal abgetastet und verlustfrei verbreitet wird.

Hier liegt also ein grundlegendes Missverständnis vor, bei dem es nicht darum gehen soll, in ein "Lob des qualitativen Mangels" einzustimmen, weil "Film war eben immer ein perfektes Medium" (Detlev Mähl, siehe unten). Es liegt an uns, dies auch in der nahen Zukunft vermitteln zu können. Eine schwierige Aufgabe mit vielen Fallstricken des Offensichtlichen.

ATRIUM